Tradius
Ich möchte dieses Thema nutzen um Wittgensteins Werk zu diskutieren. Der Schwerpunkt sollte dabei auf Sprachphilosophie und Probleme der Philosophie im Sinne der Spätphilosophie Wittgensteins liegen.
Der zugrunde liegende Text ist die Spätausgabe (Wienerausgabe) bzw das große Typoskript.
Vorab würde ich mich freuen, wenn sich ein Kenner des Spätwerks finden ließe, der mir erklären kann wie sich Textstellen der Philosophischen Untersuchungen auf die werktreue Ausgabe abbilden lassen.
Bei genügend Resonanz werde ich die Diskussion mit dem Begriff des Sprachspiels und dem augustinischen Sprachmodell einleiten.
Zanderdan
Welche Art von Resonanz erwartest du jetzt? Zur Paginierung o.ä.? Ist die Ausgabe überhaupt entscheidend, ist doch alles numeriert (wenn mich meine Erinnerung nicht völlig im Stich läßt)? Mich interessiert das Thema jedenfalls.
Wir können ja mal hiermit anfangen: macht der Begriff Sprachspiel so wie du ihn gebrauchst -im Singular- überhaupt Sinn? Ich sage mal: nein.
Tradius
Ich weiß nicht ganz worauf Du hinaus willst, aber gut: Ich verstehe unter dem, unter einem Sprachspiel ein Exempel der Verwendung der Sprache in Lebenskontexten. Spricht etwas gegen diese Definition?
Zu den verschiedenen Ausgaben: Ich denke es macht einen ganz erheblichen Unterschied welche man verwendet. Die ursprüngliche Ausgabe, die Philosophischen Untersuchungen (PU), ist nach heutigem Wissensstand nicht mehr vertretbar. Die Wiener Ausgabe verdeutlicht das prozesshafte dieses Werks. Die PU stellt hingegen ein fertiggestelltes Buch dar, da es nie gegeben hat. Wittgenstein hat sich nie durchringen können, ein Buch (außer dem einzigen - dem Tractactus natürlich, abgesehen von einem philosophisch unbedeutenden Werk über Volksschulen) zu verfassen.
Das spannende an der Begegnung mit Wittgensteins Spätwerk auf dieser Art und Weise ist, dass man für sich Pfade erkunden kann durch (s)ein Netz von Gedanken.
Zanderdan
Naja, eine der Erkenntnisse der PU ist doch, dass die Bedeutung von Begriffen auf einen Bezugsrahmen begrenzt ist, nämlich auf die Sprachspiele, in denen er sinnvoll verwendet wird. Also eine andere Vorstellung von Begriffen als zB bei Kant. Das Ganze ergibt aber nur Sinn, wenn es mehrere verschiedene Sprachspiele gibt, die sich zwar zu einer Familie gruppieren lassen, aber weder aufeinander reduziert, noch unter eine übergeordnete Tätigkeit "sprechen" subsumiert werden können (wie im tractatus). Insofern, frei nach Lyotard: Sprachspiele gibt es nur im Plural.
Der Hinweis auf den Lebenskontext, oder Lebensform, wie LW gesagt hat, ist sicher berechtigt. Man darf nur nicht herauslesen, dass es eine vollständige Entität "Sprache" gäbe, inkl. Semantik und Regeln, die in unterschiedlichen Situationen nur anders verwendet wird, so wie man den Toaster mal zum toasten, mal als Zigarettenanzünder verwendet.
Aber gut, eigentlich wollte ich primär die Diskussion in Gang setzen. Oder soll es eine in erster Linie philologische Debatte werden?
Tradius
"Wenn ich bestimmte einfache Spiele beschreibe, so geschieht es nicht, um mit ihnen nach und nach die wirklichen Vorgänge der Sprache - oder des Denkens - aufzuabuen, was nur zu Ungerechtigkeiten führt, - sondern ich stelle die Spiele als solche hin, und lasse sie ihre aufklärende Wirkung auf die besonderen Probleme ausstrahlen."
Gemäß diesem Abschnitt, verstehe ich die Spiele nicht als konstitutive Beschreibung, sondern als Analogie, also mehr als eine Art Gedankenexperiment.
Es soll nicht in erster Linie eine philologische Debatte werden, Ausflüge in die Entstehungsgeschichte/Ergonomie des gesamten Werkes sind jedoch erlaubt.
Zanderdan
65. "...man könnte mir einwenden: Du machtst dir's leicht! Du redest von allen möglichen Sprachspielen, hast aber nirgends gesagt, was denn das Wesentliche des Sprachspiels ist, und also der Sprache, ist...Du schenkst dir also gerade den Teil der Untersuchung, der dir selbst seinerzeit [Z: im tractatus] das meiste Kopfzerbrechen gemacht hat, nämlich den, die allgemeine Form...der Sprache betreffend.
Und das ist wahr.-Statt etwas anzugeben, was allem, was wir Sprache nennen, gemeinsam ist, sage ich, es ist diesen Erscheinungen garnicht Eines gemeinsam..."
Und deshalb halte ich den Plural "Sprachspiele" für wichtig.Sonst könnte man ja denken, was im tractatus Sprache hiess, soll jetzt Sprachspiel heissen, aber im Grunde gehe es noch immer um dasselbe, nur jetzt mit einer zusätzlichen, spielerischen Qualität. Dem ist aber nicht so: der Grundgedanke des tractatus wird verabschiedet, wenn man eben sich die Sprachspiele immer im Plural denkt (s.o.).
Ich weiss nicht genau, was du mit "konstitutive Beschreibung" sagen willst. Außerdem geht es in deinem Zitat um Spiele, nicht um Sprachspiele. Insofern verstehe ich deinen Einwand nicht. Hast du denn grundsätzlich ein Problem mit der Aussage: Sprachspiele -im Sinne der PU- sollte man sich immer im Plural vorstellen?
Nylen
Sprachspiel ist sowohl ein Wittgensteinscher Begriff (geworden) als auch wie gesagt wurde eine blose Analogie.
weiss nicht ob jemand Brettspiele wie "Siedler von Catan" hier spielt.
Dieses Spiel hat zum einen aufgeschriebene feste REGELN. Es hat aber auch eine Sprache welche im Spiel benutzt wird, welche erst im Gebrauch der Regeln entsteht: "Tausche drei Holz, gegen 3 Lehm".
Desweiteren neigen solche Brettspiele dazu "ungeschriebene" Regeln zu besitzen, und jede Spielgruppe hat ihre eigene Sprache "Tausche 3 Wald gegen 3 Schlick" (Beide Wörter sind erfindungen der Spieler über gewisse Zeit hinweg und nicht im Regelwerk)
Was ich an diesem Siedler von Catan Beispiel aufzeigen will, ist was Wittgensteins Feststellung war. Sprache ist Regelgeleitet, aber wenn wir versuchen alle Regeln aufzustellen und zu erfassen, kommen wir zu dem Punkt wo eine pragmatische Ebene ins Spiel kommt. Der GEBRAUCH von Regeln vermehren und beeinflussen die Regeln. Die Bedeutung der benutzten Wörter wird durch den Gebrauch im Sprachspiel bestimmt. Züge im Spiel entsprechen in der Analogie Sätzen in Gesprächen. Wenn wir uns äussern machen wir einen Zug im Sprachspiel.
Im übertragenen Sinne befinden wir uns jederzeit in Sprachspielen, deren Regeln wir wohl verinnerlicht haben, welche wir aber nicht nennen können. Es zeigt sich eben im Gebrauch.
Beispiel Zeit. Jeder weiss was Zeit ist. Doch fragt man jemand "Was ist Zeit" so kann er es nicht beantworten. Sage ich ihm aber wir treffen uns in 6 Stunden, du hast also noch ZEIT" weiss er was gemeint ist. Er versteht den Gebrauch.
Alles gesagte ist nicht unbedingt originär Wittgenstein. Ich empfand Wittgenstein als grosse Erhellung bestimmte Fragen zu stellen, und dann amüsiert festzustellen, was übrigbleibt vom einstigen Essentialismus.
Ich finde auch bei weitem nicht alle Erkenntnisse Wittgensteins im Spätwerk erheöllend oder hilfreich.
Aber die Analogie des Sprachspiels, als Erläuterung gewisser Aspekte von Sprache, welche die Sprachlogik (wie im Tractatus) nicht einfangen kann, ist eine grosse Bereicherung der modernen Sprachphilosophie.
Zanderdan
Mir wird nicht klar, was ihr mit "Analogie" bzw. "blose Analogie", "im übertragenen Sinne" sagen wollt. Natürlich stellt LW eine Analogie her zwischen sprechen und spielen. Um darauf hinzuweisen nennt er den Gebrauch der Sprache "Sprachspiel". Aber es besteht doch keine Analogie zwischen den Sprachspielen und irgendeinem eigentlichen Sprechen. Okay, vielleicht Haarspalterei.
| Zitat: |
| Aber die Analogie des Sprachspiels, als Erläuterung gewisser Aspekte von Sprache, welche die Sprachlogik (wie im Tractatus) nicht einfangen kann |
Andererseits: hier klingt es wieder so, als sei das Spätwerk nur eine Ergänzung zum tractatus, quasi für Sonderfälle. Halte ich für grundfalsch. Imo wird der tractatus komplett über Bord geworfen (s.o. §65).
Was ich in dem "Siedler" Beispiel vermisse, sind andere Spiele. Ein Zug, wie "Tausche drei Holz" wird beim Siedlerspielen verstanden, aber nicht beim Schach. Anders gesagt: "Tausche drei Holz" hat in einem Spiel eine Bedeutung, in anderen Spielen deshalb noch nicht unbedingt. Bedeutung ist also von einer Umgebung abhängig. Aber eins nach dem anderen:
"Zug im Sprachspiel" - man darf hier nicht verstehen, dass LW hier nur irgendwelche Ähnlichkeiten konstatiert. Hier geht es um eine grundsätzlich andere Vorstellung von Bedeutung. Die enthält im Keim die Sprechakttheorie. Heute kennen wir natürlich Austin, Searle und Habermas und haben vielleicht mal von perlokutionären etc. Sprechakten gehört. Aber die Bedeutungslehre von Frege, Russel und dem tractatus war eine ganz andere. Auch der Vergleich mit Augustinus ist erhellend: dort lernt der Junge, was Wörter bedeuten, indem die Erwachsenen auf den Gegenstand deuten und dazu das Wort sprechen. Es geht also um die Verbindung von Wörtern und Gegenständen (oder, im tractatus, von Sätzen und Sachverhalten). Mit einem Zug aber will man etwas erreichen.
Um einen Zug verstehen zu können, muss man dasselbe Spiel spielen. Dazu muss man in vielen Dingen mit dem Gegenüber übereinstimmen: beide müssen der gleichen Lebensform angehören ("Wenn der Löwe sprechen könnte, könnten wir ihn nicht verstehen"). Ein grobes Beispiel: wenn einer der Spieler gewinnen will, und der anderer hält das Ziel von Spielen generell für verlieren, werden sie die Züge des Anderen rätselhaft finden.
Eine Regel beim Schach könnte lauten: Schütze deinen König. Wer diese Regel beim Skat anwenden will, wird seltsame Resultate beobachten. Ähnlich verhält es sich in dem Beispiel mit der Zeit: "...du hast also noch Zeit" ist in dem beschriebenen Zusammenhang völlig verständlich und gar nicht rätselhaft. Aber wenn der Begriff in ein anderes Sprachspiel übertragen wird ("Was ist Zeit?"), wird es plötzlich schwierig. Man sieht sofort, dass alle Sprachmodelle à la Augustinus solche Begriffsübertragungen akzeptieren müssten: dem Wort muss ein Etwas entsprechen, das die Bedeutung des Wortes ist. Bei Wittgenstein muss der Zug verstehbar sein, dazu muss aber den Bestandteilen des Zugs nichts entsprechen, ebensowenig, wie dem Läufer beim Schach irgendein Gegenstand entsprechen müsste.
Eine letzte Anmerkung: man könnte jetzt den Eindruck gewinnen, Sprache basiert einfach auf lauter verschiedenen Regelwerken und es ginge jetzt darum, diese Regeln ans Licht zu zerren. Das ist aber nicht so. Mit dem Privatsprachenargument und dem sog hyperskeptischen Argument zeigt LW, dass die Sprache am Ende überhaupt kein Fundament unter ihrem Gebrauch hat. Aber da kommen wir vielleicht später noch hin...
Nylen
Sehe das gesagte als Klarstellung und ergänzung.
Das Siedlerbeispiel ist natürlich auch Beispiel für einen Kontext, der das dortige Sprachspiel konstituiert. Nahm nur dieses Beispiel das es eine eigene Spielsprache besitzt, zusätzlich zu dem Sprachspiel was es an sich schon ist.
Auch wollte ich nicht sagen das alles auf regeln beruht die wir nur ans Licht zerren müssen. Im gegenteil ging es mir darum, das sogar ein Spiel wie Siedler, explizite und implizite Regeln hat. Aber eben auch nicht geregeltes Sprachverhalten bzw. Spielverhalten.
Dies zeigt wie mächtig Wittgensteins Einsichtist. Auf die Vorwegnahme einiger Erkenntnisse der Sprechaktheorien hast du ja schon hingewiesen.
Tradius
Ich bin noch auf der auf Suche nach einem Index für die Wienerausgabe, sodass ich die Stellen zum Sprachspiel nachlesen kann. Hat jemand eine Idee, wie ich so etwas finden kann?
fockd
| Zitat: |
| Auch wollte ich nicht sagen das alles auf regeln beruht die wir nur ans Licht zerren müssen. Im gegenteil ging es mir darum, das sogar ein Spiel wie Siedler, explizite und implizite Regeln hat. Aber eben auch nicht geregeltes Sprachverhalten bzw. Spielverhalten. |
Nehmen wir mal an, dass Kinder auf der Straße miteinander mit einem Ball spielen. Müssen sie dann unbedingt Regeln haben? Also, ich meine nicht.
Oder wenn ich früher meine Freunde gefragt habe, "Spielen wir miteinander?", dann ging es da nicht um ein regelgeleitetes Spiel.
Nun gut, Spiele haben wohl oft Regeln - müssen sie aber nicht. Und wenn man das Wort "Spiel" definieren würde, käme darin womöglich auch das Wort "Regel" vor.
Deshalb verstehe ich nicht ganz, was Du mit "explizite(n) und implizite(n) Regeln" sagen willst. Ersteres wären vielleicht festgehaltene Regeln, letzteres bloße Konventionen. Aber ich würde nicht sagen, dass man bei Letzterem noch von Regeln spricht.
Wolf
Schöne Beispiel, das mit den auf der Straße (unkorrigiert von den Regeln des "Systems" der Erwachsenen) Ball-spielenden Kinder; ich glaube auch nicht, daß dies von vornherein im Bewußtsein des Daseins von (eigenen) Regln beginnt. Allerdings halte ich es für logisch, daß sie während des Spiels Verhaltensmuster wie z.B. jemand durch zu kräftige Balltritte Schmerzen zufügen entdecken , die der Gruppe den Spaß am Spiel verderben, was dann sehr wohl auch für Kinder, die kein Erwachsener belehrt, zu einer ihnen bewußten Regel wird, gegen deren Verstoße sie protestieren. Wittgensteins (und aller Gesellschaftsphilosophen) Problem stellt allerdings m. A. nach dar, daß sie zwar die Spiele unserer kranken Gesellschaft mit oft grandiösem intellektuellen Rafinesse untersuchen, hoffend, eine Lösung für sie zu entdecken, dabei aber die Spielregeln der Natur, ihre Gesetzte, entweder nicht kennen oder aber ignorieren; so wird ihr Streben nach der Erkenntnis gesunder Spiele aussichtslos. Aber wer weiß: Vielleicht steckt ja in Wittgensteins Einfall, vieles vom Treiben der Erwachsenen unserer Gesellschaft als "Spiel" zu bezeichnen, die vorbewußte Erkenntnis ihres "Infantil"-Seins...
Zanderdan
Ich will mal das hypersketische Argument (so nennt es Stegmüller) so skizzieren, wie es mir in Erinnerung geblieben ist. Wahrscheinlich grob und unvollständig, aber ich hoffe der Grundgedanke und die Folgen kommen heraus.
Ich habe noch niemand getroffen, der das Argument nicht sofort als vollkommenen Unsinn und obendrein trivial von sich gewiesen hätte
Also: Stell dir vor, du sitzt bei Wittgenstein im Seminar. Er redet vorne an der Tafel irgendwas von "E-Spiel" und von einem Käfer in der Schachtel. Plötzlich: Hefte raus, Aufgabe! Du sollst, angefangen bei der Zahl 2, immer +2 rechnen und die Ergebnisse aufschreiben. Nichts leichter als das, denkst du und fängst gleich an zu schreiben: 2,4,6,8,10,12.... Wittgenstein schreitet durch die Klasse und sieht sich die Ergebnisse an. Bei dir bleibt er stehen, kratzt sich am Kinn...und schüttelt den Kopf. "Du machst es ganz falsch", sagt er, "du folgst ja nicht der Regel: addiere immer plus 2, sondern der Regel: addiere immer plus 2 bis zur Zahl 100000000 und dann rechne plus 4."
Beweise ihm das Gegenteil.
Tarvoc
| Zitat: |
Original von Zanderdan
Beweise ihm das Gegenteil. |
Das Gegenteil? Wieso sollte ich? Ich gebe mich vielmehr sehr erstaunt darüber, dass er meinen Täuschungsversuch entdecken konnte, spreche ihm meine persönliche Hochachtung aus und frage ihn danach, wie er es herausgefunden hat.
Zanderdan
....du alter Schummler
Nylen
Die Regel die zur Anwendung kommt ist eben was ich implizit nannte. Ihre explizite Ausformulierung kann mannigfach sein, da unterschiedliche regeln das selbe Ergebnis zeitigen können.
Die Antwort des Schülers müsste sein: "Oh Nein Wittgenstein. du magst meinen aus meinem Ergebniss abgeleitet ich hätte diese krude Handlungsvorschrift befolgt. Tatsächlich habe ich aber immer 2 zum vorherigen ergebnis addirt."
Aus dem ergebniss können wir nicht auf den internen Vorgang schliessen.
fockd
Was meinst Du genau mit expliziter/impliziter Regel? Erkläre mal ausführlicher, damit wir an der Verwndung der Worte sehen können, was sich in der Sprache zeigt.
Nylen
Explizite sind sprachlich ausformulierte Regeln oder algorithmische Handlungsanweisungen.
Implizite Regeln sind die Regeln welche ein Subjekt verwendet. Ebenso wie du den Schmerz ein anderen nicht sehen kannst, aber auch nicht spüren, kannst du die von ihm verwendeten Regeln nicht explizit machen.
Das gilt für die Regeln der sprache ebenfalls. Sprache hat klare explizite Regeln.
z.b. die Vergangeheitsform von haben ist ich hatte. Bei Besitzzuschreibung in der Vergangenheit benutzt man diese Vergangenheitsform.
Das ist trivial.
Andere explizite Regeln sind tieferer oder psychologischer Natur. Austins Sprechakte z.B. wo er zeigt das einem Akt wie einem Versprechen implizit Erwartungen auf Erfüllung zugrundeiegen etc.
Wittgenstein sagt nun u.a. das es Regelgeleitetes sprechen gibt. Das das EXPLIZIT machen dieser Regeln aber zu Absurditäten führt und zu der Erkenntnis das unterschiedliche oder diffuse flexible Regeln zu den expliziten führen, bzw das manche Regeln nicht explizit gemacht werden kann, oder sogar implizit keine Regel vorliegt.
Eine Regel ist eine Handlungsanweisung wie Worte und Sprache zu verwenden sind.
Wittgenstein antwortet auf die Niederlage des Wiener Kreises, welcher alle Regeln explizit machen wollte und logisch abbilden. Dies ist unmöglich, so Wittgenstein.
Zanderdan
Hm...ich weiss nicht, ob wir desselbe meinen, aber ich würde es so ausdrücken: im Augustinusbeispiel lernt der Junge was ein Wort be-deutet indem die Erwachsenen eben zB auf das Haus deuten. Und er lernt eine Regel, wie "Gegenstände die soundso aussehen heissen 'Haus'". Wenn der Junge das gelernt hat, ist er in dieser Hinsicht ein autonomes Subjekt: er kann den Begriff "Haus" mit einer klaren Bedeutung gebrauchen. Um die Bedeutung zu sichern, kann der Junge sich auf die Regel berufen.
Nicht so bei Wittgenstein. Da kann der Junge eben nicht angeben, welcher Regel er eigentlich folgt, weil er kein Kriterium hat, an dem sich feststellen ließe, ob er der Regel des Lehrers oder der Anderen folgt (bzw ob er Blau oder Glau oder Blot meint). Wenn sich Bedeutung nicht mittels Regeln festnageln lässt, dann wird Sprache zu einem immerwärenden Kallibrationsprozess. Der bedarf notwendig einer intersubjektiven Umgebung (da wir 'privatim' ja keiner Regel folgen können).
Bin jetzt zu müde, um das weiter auszuführen. Vielleicht wirds klarer, wenn man sieht wo Wittgenstein am Ende landet:
LW, Über Gewißheit, seriatim §§ 94,95,96,105
Aber mein Weltbild habe ich nicht, weil ich mich von seiner Richtigkeit überzeugt habe; auch nicht, weil ich von seiner Richtigkeit überzeugt bin. Sondern es ist der überkommene Hintergrund, auf welchem ich zwischen wahr und falsch unterscheide.
[...] das Spiel kann man auch rein praktisch, ohne ausgesprochene Regeln lernen.
Man könnte sich vorstellen, dass gewisse Sätze von der Form der Erfahrungssätze erstarrt wären und als Leitung für die nicht erstarrten, flüssigen Erfahrungssätze funktionierten; und daß sich dies Verhältnis mit der Zeit änderte, indem flüssige Sätze erstarrten und fest flüssig würden.
Alle Prüfung, alles Bekräften und Entkräften einer Annahme geschiet schon innerhalb eines Systems. Und zwar ist dies System nicht ein mehr oder weniger willkürlicher und zweifelhafter Anfangspunkt aller unserer Argumente, sondern es gehört zum Wesen dessen, was wir Argument nennen. Das System ist nicht so sehr der Ausgangspunkt, als das Lebenselement der Argumente.
PS @Nylen: ich glaube, hier haben Kuhns inkommensurable Paradigmen ihren Anfang
Nylen
| Zitat: |
Original von Zanderdan
Hm...ich weiss nicht, ob wir desselbe meinen, aber ich würde es so ausdrücken: im Augustinusbeispiel lernt der Junge was ein Wort be-deutet indem die Erwachsenen eben zB auf das Haus deuten. Und er lernt eine Regel, wie "Gegenstände die soundso aussehen heissen 'Haus'". Wenn der Junge das gelernt hat, ist er in dieser Hinsicht ein autonomes Subjekt: er kann den Begriff "Haus" mit einer klaren Bedeutung gebrauchen. Um die Bedeutung zu sichern, kann der Junge sich auf die Regel berufen.
Nicht so bei Wittgenstein. Da kann der Junge eben nicht angeben, welcher Regel er eigentlich folgt, weil er kein Kriterium hat, an dem sich feststellen ließe, ob er der Regel des Lehrers oder der Anderen folgt (bzw ob er Blau oder Glau oder Blot meint). Wenn sich Bedeutung nicht mittels Regeln festnageln lässt, dann wird Sprache zu einem immerwärenden Kallibrationsprozess. Der bedarf notwendig einer intersubjektiven Umgebung (da wir 'privatim' ja keiner Regel folgen können).
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Das Augustinus Beispiel zeigt die naive Idee auf, die hinter der Etikettierungsvirstellung steckt. Also das die Gegenstände von uns mit Namensplaketten behaftet werden.
Bezogen auf regel zeigt es aber wie du sagst (nicht Wittgenstein) das Augustinus eine implizite Regel aufstellt, ausgehend von dem was er als Regelgerechten Gebrauch auffasst. Formuliert er sie, spricht er sie also aus, ist dies eine explizite Regel oder Handlungsanweisung.
Unsere impliziten Regeln sind eben nicht sprachlich...d.i. explizit ausformuliert.
| Zitat: |
Aber mein Weltbild habe ich nicht, weil ich mich von seiner Richtigkeit überzeugt habe; auch nicht, weil ich von seiner Richtigkeit überzeugt bin. Sondern es ist der überkommene Hintergrund, auf welchem ich zwischen wahr und falsch unterscheide.
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Zum Hintergrund gehört möglicherwiese auch eine implizite angeborene Grammatik...aber das ist umstritten. Aber eine Disposition zum erlernen des gebrauchs der Sprache.
| Zitat: |
[...] das Spiel kann man auch rein praktisch, ohne ausgesprochene Regeln lernen.
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ausgesprochen ist identisch mit dem was ich mit explizit meine. Das Spiel kann man rein praktisch, ohne explizite Regeln lernen. Ich schaffe mir eigene implizite Regeln durch Versuch und Irrtum.
| Zitat: |
Man könnte sich vorstellen, dass gewisse Sätze von der Form der Erfahrungssätze erstarrt wären und als Leitung für die nicht erstarrten, flüssigen Erfahrungssätze funktionierten; und daß sich dies Verhältnis mit der Zeit änderte, indem flüssige Sätze erstarrten und fest flüssig würden
[quote]
Flüsige Sätze LoL...liebe Wittgenstein
Ok es gibt was ich mal explizite dogmatische Sätze nennen möchte. Gutes Beispiel sind allen bekannte redewendungen. "Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert"
Dies sind unveränderliche feste Bestandteile der Sprache, die aber wie flüssig werden könnten. z.b "Wer den Cent nicht ehrt ist des Euro nicht wert"
Implizit ist in diesem Satz der Vorsatz enthalten. Er hat dieselbe Logik und Aussage.
Aber was Wittgenstein meint ist wohl eher so etwas wie Quine vorschwebt. Ein Begrifflichkeitennetz. Ein Netz aus akzepzierten (festen) und variablen Sätzen (flüssig). An der Peripherie sind die Sätze flüssig. es kann aber passieren das ein Kernsatz unseres Weltbildes umgeworfen wird, was Auswirkung auf viele andere Sätze hat.
Ich denke aber Wittgenstein hätte mir zugestimmt, das Quine dies zu absolut sieht, in dem er naiv glaubt das Logik ein automatismus ist, und sich die anderen Sätze aufgrund logischer Notwenidkeit ändern was sie aber oft erst tun, wenn sie explizit gemacht wurden.
[quote]
Alle Prüfung, alles Bekräften und Entkräften einer Annahme geschiet schon innerhalb eines Systems. Und zwar ist dies System nicht ein mehr oder weniger willkürlicher und zweifelhafter Anfangspunkt aller unserer Argumente, sondern es gehört zum Wesen dessen, was wir Argument nennen. Das System ist nicht so sehr der Ausgangspunkt, als das Lebenselement der Argumente.
PS @Nylen: ich glaube, hier haben Kuhns inkommensurable Paradigmen ihren Anfang |
Möglich.....aber Kuhn hat Konsequenzen kaum aus Wittgenstein gezogen da er seine schriften ausser dem Traktakt kaum gekannt haben dürfte.
Zu dem letzten Witgensteinzitat verweise ich auf das zuvor gesagte.
Habe schon gesagt das es Sinn machen würde, von impliziten und expliziten Systemen etc zu sprechen. Evt. würde mir da Wittgenstein zustimmen.
Denn ein System wie sagen wir die axiomatische Beschreibung der Physik ist explizit. Meine weltbild als Individuum kann auch als grosses System mit Kernsätzen etc betrachtet werden. Aber vieles davon ist nie explizit ausgesprochen sondern implizit. Und wie ich schon bei regeln angedeutet habe, kann ein impliziter Kernsatz, mannigfaltige explizite Formen annehmen.
Angenommen Quine als Erbe des Wiener Kreises hat Recht, ich könnte mein Weltbild systematisch explizit aufschreiben und gezielt an meinem Überzeugunggerüst arbeiten. Wäre es nicht so, das es verschieene gleichgültige exüplizite Beschreibungen meines impliziten Weltbildes geben könnte. Also dem Hintergrund auf dem ich Sprache und sprechen praktiziere.
Poper spricht davon dass wir Theorien haben. Diese sind nicht explizit. Theorie ist für Popper viel mehr als gemeinhin geglaubt.
Auf Wittgenstein angewendet sagt Popper, wir stützen uns überhaupt nicht auf ein bestimmtes Geflecht von Sätzen und diversen festen Kernsätzen, sondern auf Pakete von impliziten Sätzen.
Eine Theorie ist also ein Paket von impliziten oder expliziten Annahmen, welche überhaupt nicht bereits Bestandteil der Sprache sein müssen.
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