Nietzsche´s Ecce Homo

Roter Mohn
ich lese gerade Nietzsches Ecce Homo.......Nietzsche.....hat eine ausgesprochen negative Haltung z.B. zum Christentum, das dieses z.B. alles negiert, was ästhetisch ist. Weil es Keuschheit propagiert, und damit sich gegen das eigentliche Leben an sich stellt.

Ich bin begeistert, wie er alles für sich genau definiert und wie sezierend auseinandernimmt bzw. im alltäglichen Leben auseinander zu nehmen scheint.

Was denkt ihr, z.B. über seine Haltung zum Christentum? Ich meine es ist etwas dran, wenn er schreibt, das Christentum ist ein Ja zum Leiden und ein Ja zum Schuld auf sich laden.....im Gegensatz zum Budhismus, dass eher eine seelische Hygiene darstellt...und viel physologischer....ich meine dem zustimmen zu können, aber da ich im Christentum aufgewachsen bin, fällt es mir schwer, mich von diesem abzuwenden und mich z.B. ausschließlich dem auch von mir viel feinsinnigeren Budhismus zuzuwenden....

Mir würde etwas sehr Vertrautes fehlen....was denkt ihr?
Tarvoc
Hinter Nietzsches Gegnerschaft zum Christentum steht eine gewisse uneingestandene Nähe, aber das würde hier etwas sehr weit führen. Im Übrigen lehnt Nietzsche natürlich auch den Buddhismus als Dekadenzphänomen ab. Der Unterschied ist, dass Nietzsche im Buddhismus das Phänomen sieht, dass der eigene Dekadenzcharakter nicht verleugnet wird: Während sich im Christentum (wie im Platonismus) der Wille zum Nichts als ein Wille zu einem nicht existierenden Jenseits konstituiert, taucht er im Buddhismus als solcher auf, indem der Buddhismus die Auslöschung des eigenen Bewusstseins direkt propagiert. Nietzsches eigene Position ist, in buddhistischen Begriffen ausgedrückt, eher die eines Menschen, der das Versprechen einer Auflösung im Nirvana (ebenso wie jenseitige Heilsversprechen) zurückweist und stattdessen ein aktives Engagement im "Kreislauf des Samsara" vorschlägt. Genau diese Geste ist allerdings in gewisser Weise wieder christlich (siehe u.A. Slavoj Zizek, "Die Puppe und der Zwerg").

Die nächste nicht uninteressante Frage wäre, was "das eigentliche Leben an sich" sein soll.
Roter Mohn
Hallo Tarvoc,

das eigentliche Leben an sich, meint wohl Körperbezogenes, Sinnliches, Genuss...
wohl auch das was z.B. Goethe bezüglich seiner Italien-Aufenthalte meinte :"Hier bin ich Mensch, hier kann ich es sein"

und danke für deinen Buch-Tipp Zwinker

Grüsse Roter Mohn
Daedron
Wenn du dich mit dem Antichristen auseinander setzen magst, wirst du im mittleren Teil des Buches merken, dass Nietzsche alles andere als ein purer Nein-sager zum Christentum war.

Wichtig, um dies zu merken, ist ein sehr genaues - zeitgemäßes lesen.
Z.b. heißt es an einer Stelle, Jesus sei ein Idiot. Aber das sollte man nicht modern verstehen. Es ist eine Anspielung auf Dostojewkiijs Roman "Der Idiot" (sehr empfehlenswert für Psychologen).
Es wird hier also nicht negativ bewertet, sondern auf Dostos beschreibung des Charakters verwiesen.

Man muss bei ihm unterscheiden: Jesus selbst ist eigentlich positiv konnotiert. Das, was seine Jünger aus der Lehre machten, ist ganz anderer Natur. Als Sohn eines Pfarrers, der sich zudem mit der Bibel hervorragend auskannte, dürfte man ihm zutrauen, vergleichsweise "objektiv" an das Thema herangegangen zu sein.
Aber man muss eben etwas Geduld haben. Man muss erst lernen, das richtig zu lesen, was meist ca ein Jahr dauert.
Die Theologie, wie auch die Kirche selbst hat von diesem Buch jedenfalls sehr profitiert und betrachtet es eher weniger als feindlichen Angriff. Eher als lehrreich.

Übrigens haben christen meist sehr viel vergnügen mit "Also sprach Zarathustra".
Ecce Homo ist eigentlich ein Werk für diejenigen, die von Nietzsche bereits das Meiste gelesen haben. Ich bin (positiv) überrascht, dass du es nicht gleich wieder weggelegt hast, weil es auf den ersten Blick doch sehr arrogant wirkt. Zumindest ist das die typische erstinterpretation ^^.

"Die nächste nicht uninteressante Frage wäre, was "das eigentliche Leben an sich" sein soll." -> gemeint ist hier sicherlich Nietzsches Lebens-Perspektive

Keuschheit - wenn sie nicht der eigenen natur entspricht, kann krank machen, muss aber nicht.
Aber das warauch nicht nietzsches kernproblem am Christentum. Er hat Pascal und Spinoza gelesen, Pascal, der statt sich um seine Gesundheit zu sorgen, seinen körper zu Gunsten des Seelenheils verschandelte... . Der seine Fähigkeiten zugunsten der Selbstlosigkeit brach liegen ließ. Diese Zerstörung eines genialen Geistes durch die Erbsünde und den Schuld-Aberglauben .. ist ...(zumindest für einen nicht christen) sehr grausam mit anzusehen. Man muss sich hüten, nicht in Mitleid zu verfallen.
Und Spinoza war mit seiner nicht-mehr-lachen, nicht-mehr-weinen-Philosophie ein Decadent schlechthin.
Tarvoc
Zitat:
Original von Daedron
Und Spinoza war mit seiner nicht-mehr-lachen, nicht-mehr-weinen-Philosophie ein Decadent schlechthin.

Ich mag Paulus auch lieber. Zwinker
Daedron
Zitat:
Original von Tarvoc
Ich mag Paulus auch lieber. Zwinker

Die Sau!^^
Tarvoc
oink. fröhlich