Frage nach der Staatsordnung

Icephoenix
Hallo liebe (neue) Gemeinde,

ch bin in der 13. Klasse und habe zwar kein Philosophie als Fach, aber Ethik, was bei unserem Lehrer meist auf´s Selbe hinaus läuft Zwinker
ich habe ein kleineres Problem, bei dem ihr mir sicherlich helfen könnt. Und zwar haben wir jetzt angefangen, uns mit Texten über verschiedene Staatsformen und den Unterschied von politischer/moralischer Beurteilung zu beschäftigen.

Ich habe nun 2 Aufgaben gehabt, die ich so gut es ging gelöst habe. Vielleicht findet ihr ja Denkfehler oder habt Ergänzungen?

1) "Unglücklich das Land, das keine Helden hat" - "Nein, unglücklich ist das Land, das Helden nötig hat." Verdeutlichen Sie an diesem Beispiel den Unterschied zwischen politischer und moralischer Beurteilung

-> Moralische Beurteilung = bezogen auf eine einzelne Person. Nimmt man z.B. den "Helden", der ja meist eine Person ist, die anderen (unterdrückten oder bedrohten, unzufrieden) Menschen hilft. Somit setzt ja auch das Vorhandensein eines Helden schon eine gewisse Ungerechtigkeit in der Gesellschaft bzw im Staat voraus.
-> Politische Beurteilung = Betrachtung der Verhältnisse und Strukturen, in der die Menschen leben. Bei gerechter Staatsordnung sind keine Helden von nöten, da alle Menschen schon zufrieden sind.

2. Thema fass ich euch kurz zusammen: Futurum 2 (Führungsaufgaben haben "Manager", Spezialisten jeder auf seinem Gebiet, inne. Über ihnen steht ein Stab von 6 Planern, die NICHT von den "einfachen Staatsmitgliedern" gewählt werden.) In einem Dialog diskutieren ein Verfechter der westlichen Demokratie und der Gründer des Futurum 2. Letzterer ist der Ansicht, dass Wahlen sinnlos sind, weil letztlich doch nicht jede Stimme Gehör findet und "nicht der Wille des Volkes, sondern der Wille der Majorität" zählt, "die Minderheit kann ihnen gestohlen bleiben". Das Futurum 2 hat "die Vorteile einer Demokratie, denn "der wille des volkes wird gewissenhaft ermittelt (...) jedes mitglied verfügt über eine direkte verbindung, durch die er einen protest oder wunsch an manager oder planer (-> führung des staats) gelangen lassen kann. Und diese Proteste werden so ernst genommen, wie ein Pilot eine spuckende Maschine ernst nimmt"
Mit diesem letzten Zitat / Vergleich soll ich nun erörtern, ob politische Entscheidungsprozesse damit zutreffend beschrieben werden.

SO! Das Problem: Ist dieses Zitat ernst gemeint oder sarkastisch?! Ich dachte im ersten Moment an Sarkasmus: "Es rattert zwar im Getriebe, aber wir werden schon nicht abstürzen" (Zwar sind einige Menschen unzufrieden, aber der Großteil ist zufrieden - solang ist alles ok)
Oder ist es ernst gemeint?! "Die Maschine stottert! Auch wenn wir noch fliegen können, so ist es doch ein ernstes Problem!" In der momentanen Politik würde ich eher zu ersterem Tendieren. Leider habe ich auch nicht mehr Informationen, WELCHE polit. Entscheidungsprozesse und aus welcher STaatsform ich als Vergleich nehmen soll (ist das überhaupt wichtig)?

So, ich hoffe, ich habe euch mit meinem Roman nicht erschlagen und meinem Halbwissen nicht zum Schaudern gebracht gruebel

Freundliche Grüße
Ice
Tarvoc
Mit der Betonung einer der politischen Perspektive äußerlichen "moralischen" Perspektive ist das Futurum-2-Problem m.E. unzureichend thematisiert. Futurum 2, so wie du es beschreibst, ist ein unpolitisches Gemeinwesen - in präzise dem Sinne, in dem z.B. Hannah Arendt "totalitäre" Systeme als unpolitisch bezeichnete. Der Vergleich mit dem Flugzeug ist hier bezeichnend: die Menschen in Futurum 2 sind keine politisch handelnden, also sich als Gemeinschaft frei selbst produzierenden Individuen, sondern gewissermaßen auf Maschinenteile einer Gesellschaftsmaschine reduziert. Insofern diese symbolische Ordnung (wie jede) auf einem Mangel gründet, produziert sie zwangsläufig einen Exzess an nicht den Funktionskriterien entsprechendem "nacktem Leben" (Agamben). Überhaupt können sich die Kriterien, nach denen evaluiert wird, nur dadurch konstituieren, dass etwas aus ihnen herausfällt. Ein von der Elite als "nicht funktionsfähig" eingestuftes Leben wird schlicht aussortiert und gegebenenfalls ersetzt. Die große Gefahr liegt nicht darin, dass die Elite das Volk ignoriert, weil sie in seinen Beschwerden "noch" keine Gefahr für sich selbst sieht, sondern sie liegt in der (in dieser Konstellation unvermeidbaren) Herausbildung eines technokratischen Zynismus, der Menschen als beliebig verfügbare, ersetzbare und verschiebbare Biomasse betrachtet und somit die Gesellschaft nicht einfach in "einfaches" Volk einerseits und Planer andererseits, sondern auch das Volk selbst in (funktionsfähige) Bevölkerung einerseits und (nicht-funktionsfähigen) Überschuss bzw. Ausschuss andererseits spaltet. Mit Letzterem muss in einer solchen Konstellation in jedem Falle irgendwie verfahren werden, und die Konsequenzen können vom "bloßen" Ausschluss "minderwertigen Materials" aus der Gesellschaft bis zu seiner physischen Vernichtung reichen.