karlchen
Und schon die nächste Themenankündigung: Möchte mit Euch Kap. 1 des ersten Teils des Buches "Making it explicit": Toward a Normative Pragmatics von Robert B. Brandom (Harvard University Press, Cambridge, Massachusetts, 1994) lesen und diskutieren. Über Euer Interesse würde ich mich freuen ! Teile des Originaltextes wie immer bei mir über pN. Viele Grüße !
Nylen
Und wie immer dabei ^^ habe das Original kopiert bei mir liegen....falls ich mal jemand erschlagen muss die Waffe der Wahl....3 Kilo Papier ^^
karlchen
Hallo Nylen, freue mich auf die Diskussionen ... eine Diskussionsvorlage in Form einer Zusammenfassung oder eines Statements kommt dann demnächst. Klar natürlich, dass solche von jeder/m Diskussionsteilnehmer/in eingebracht werden können.
Verena
| Zitat: |
Original von Jörn
Ich werd mir mal die deutsche Kurzfassung zulegen und dann später mal hier rein schnuppern. |
Der link produziert eine Fehlermeldung.
[EDIT => ISBN-10: 3518292897 bzw ISBN-13: 978-3518292891
(Links zu Versandfirmen sind in diesem Forum standardmäßig deaktiviert) JR]
Jörn
ja, weil im Forum gewisse Begriffe automatisch durch andere ersetzt werden ...
carsten aus bochum
Hi karlchen,
ambitioniertes Unterfangen.
Hast Du das Ding schon gelesen?
Mein Eindruck war, dass Brandom zwar von Beginn an mit offenen Karten spielt und erklärt worum es am Ende geht, aber ich habe glaube ich erst nach 300 Seiten einen ersten Schimmer davon bekommen, was der Mann überhaupt will. Kapitel 6 ist natürlich noch mal ein Zuckerle, wer mir das erklären kann ... . Zugegeben, bisher war mir die Thematik auch neu und inzwischen werde ich es vermutlich leichter lesen, wobei Brandom und leicht, aber ich bin bis 2015 dabei. Inschallah.
Gruß,
Carsten
Philippos
Gute Idee. Bin dabei.
karlchen
Hallo carsten und Philippos, wegen Computerproblemen muss ich erst mal pausieren und auch noch nichts verschicken. Melde mich, wenns losgehen kann. Bis dann !!
karlchen
Hallo Carsten, bin jetzt mit dem Lesen fertig ... fand´s durchaus lohnend, aber ingesamt doch nicht überzeugend. Bald geht´s also los mit Kommentaren zum 1.Kapitel ! Grüße !
carsten aus bochum
Hi karlchen,
fein, das ist ja dann doch mal wieder ein Lichtblick!
einer wie keiner
Hallo,
ich würde mich gerne an den kommenden Prozess der Auseinandersetzung mit dem hier erwähnten Buch beteildigen. Kann mir jemand verraten wo es die Deutsche Fassung des besagten Buches im Internet kostenlos zu lesen gibt?
Würde mich freuen auf baldige Antworten.
karlchen
Hallo, freut mich, dass Du mitmachen willst. Habe bislang leider keine solche Quellen gefunden, was ja nicht heißen muss, es gäbe sie nicht ... Viel Glück beim Suchen !
karlchen
Bin bis Ende der nächsten Woche nicht zu Hause und kann meine ersten Beiträge erst danach einstellen. Herzliche Grüße und bis dann !
karlchen
Mit Entschuldigung für die Verspätung, aber immerhin doch noch, möchte ich diesen Faden wieder aufnehmen, auch wenn ich z.Zt. nur mit größeren Unterbrechungen hier aktiv sein kann.
Zum Vorwort - S. 17, 1.Abschnitt (dt. Originalausgabe):
1. (S.11, 1.Abs.): Thema des Buches sei die Sprache und deren soziale Praktiken.
2. (S.12, Ende 1.Abs.): Die Idee sei, die Art und Weise des Verstehens und der Erklärungskraft aus der Art und Weise des Sprechens heraus zu erklären, und nicht über deren (logische, grammatikalische oder repräsentative) Voraussetzungen.
3. (S.12 unten): Die Autorität von Behauptungen und deren Rolle in der Kommunikation hinge von einer damit verbundenen Verantwortung und diese von einer Berechtigung zur Rechtfertigung zu solchen Festlegungen (in diesen Behauptungen) ab.
4. (S.13, Mitte): Das unter 3. gesagte soll in Kap. 1+2 im Rahmen der philosophischen Tradition gezeigt werden.
5. (Zur Methodik, S.13 unten): Es soll versucht werden, Bedeutungen sprachlicher Ausdrücke durch ihren Gebrauch zu erklären (in Weiterentwicklung des Wittgenstein´schen Pragmatismus).
6. (S.14, oben): Die grundlegende Abkoppelung der semantischen von der pragmatischen Theoriebildung soll wieder aufgehoben werden, indem 6.1.: Die sozialen Sprachpraktiken dargestellt, 6.2.: die Spezifik deren Genuinität besprochen, und 6.3.: Die Auswirkungen dieser Praktiken auf die semantischen Gehalte der darin vorkommenden Zustände, Akte und Ausdrücke dargestellt werden.
7. (ab S.14, unten): Die unter 5. angekündigte Erläuterung des Sprachgebrauches soll anhand eines normativen Vokabulars erfolgen und die impliziten Normen der Vermittlung eines Informationsgehaltes gezeigt werden. Diese enthielten, wie Ausdrücke correct und unter welchen Umständen angemessen verwendet würden, sowie die daraus resultierenden angemessenen Folgen (bzw. Schlüsse ?) der betreffenden Sprechakte. Daraus folgte eine "nicht eliminierbare normative pragmatische Signifikanz" von Sprechzuständen, Akten und Ausdrücken.
Diese normative Pragmatik wird in Kap. 1 des Buches eingeführt.
8. (S.15 unten): Diese sprachlichen Normen liesen sich 8.1. durch sozial-praktische Aktivitäten instituiert verstehen. Die pragmatische Signifikanz würde in Begriffen interpretiert, wie die Sprechakte von Festlegungen und Berechtigungen beeinflusst werden, die von den Sprechern anerkannt oder erworben würden. Somit würden die sprachimpliziten Normen spezifisch deontisch präsentiert.
9. (ebd.): Dieser deontische Status würde als referentieller, sozialer Status von den Sprechern verstanden.
10. (S.16, 1.Abschnitt, Zentrale These1 [Z 1]): "Eine solche normen-institutionierende soziale Praxis zu beherrschen heißt, ein gewisses praktisches Know-how zu besitzen - in der Lage zu sein, eine Art deontisches Punktekonto zu führen ... Die Normen, die den Gebrauch sprachlicher Ausdrücke leiten, sind in diesen deontischen Kontoführungspraktiken implizit enthalten."
11. (S.17, oben): Um sich als genuin diskursive gegenüber anderen sozialen Praktiken zu qualifizieren, müsste deren Struktur untersucht werden. Deren definierende Eigenschaft sei das Hervorbringen und Anwenden spezifisch propositionaler Gehalte.
12. (S.17 oben, Zentrale These [Z 2]): Wie in Kap.2 gezeigt, sollte der informelle Gehalt der Propositionen in Begriffen einer inferentiellen Gliederung verstanden werden, d.h. die Propositionen fungierten in Inferenzen (inferentiellen Abläufen der Kommunikation) als Prämissen und Konklusionen, d.h. als Gründe und somit Wirkungsfaktoren, die auf Zustände, Einstellungen, Akte und Ausdrücke übertragen würden.
carsten aus bochum
Hi karlchen.
Oben sprachst Du davon, dass Dich der Ansatz insgesamt nicht überzeugt hat.
Kannst Du Deine Kritik schon an einer der zentralen Thesen festmachen?
Gruß,
Carsten
karlchen
Hallo carsten, dies war erst einmal eine Zusammenfassung des 1.Teils des Vorwortes. Eine kritische Stellungnahme dazu ist ausdrücklich erwünscht, werde auch selber später noch ein paar Kommentare hier einstellen. Viele Grüße !
carsten aus bochum
Der Haupttext beginnt mit der simplen Frage, was wir eigentlich tun, wenn wir „Wir“ sagen.
Wen genau meinen wir, wenn wir von uns reden? Soziozentrischen Definitionen erteilt Brandom eine klare Absage („eine eher schäbige Variante“) , möchte die Frage grundsätzlich und philosophisch beantwortet wissen.
Mit welchem Recht, fragt er, kann man von „uns“ reden und was gilt dann, wenn wir es tun?
Welche Fähigkeiten muss jemand oder etwas besitzen, was gilt im Zweifel „auch von Schimpansen, Delphinen, gasförmigen Außerirdischen oder digitalen Rechnern“?
Sein Ansatz jenseits „eines kuscheligen Wir-sind-alle-Säugetiere-Gemeinschaftsgefühls“ möchte explizit machen, welche Regeln hier gelten.
Das ist auch der Ansatz des Buches, implizite Spielregeln, jene, die wir bereits (manchmal) praktisch beherrschen, explizit zu machen, zu verstehen, nach welchen Regeln wir eigentlich tun, was wir tun.
Und was macht uns nun besonders?
Wir schreiben dem, was wir tun, einen Sinn zu. Das ist es, was klassischerweise „vernünftige Wesen“ ausmacht.
„Für die Tiere des Waldes gibt es keine Vernunft. Wir sind diejenigen, für die Gründe bindend sind, die der eigentümlichen Kraft des besseren Grundes unterliegen.“
So weit, so naja, aber nun kommt bereits die erste Hürde.
Brandom versucht in seinem Buch Kant, Wittgenstein und einen aus einer eher ungewöhnlichen Perspektive betrachteten Frege philosophisch zu vereinen und knüpft dabei noch ein die inferentielle Tradition eines Leibniz an.
Die erste Hürde errichtet Kant, wenn Brandom direkt im Anschluss zum obigen Zitat schreibt:
„Diese Kraft ist eine normative, ein rationales „Sollen“.
Wir selbst stellen uns implizit in einen Raum von Gründen, was bedeutet, „uns selbst als Subjekte von Erkennen und Handeln zu betrachten, oder zu behandeln.“
Nun folgt ein bei Brandom zentraler Begriff, der eher im Vorbeigehen eingeführt wird:
„Unsere Einstellungen und Handlungen zeigen eine verstehbaren Inhalt, der erfasst oder begriffen werden kann, indem er in ein Netz von Gründen eingefügt, indem er inferentiell gegliedert wird. Verstehen, in diesem ausgezeichneten Sinne ist das Begreifen von Gründen, das Beherrschen von Richtigkeiten des theoretischen und praktischen Folgerns (der Inferenz). Wenn wir uns selbst als vernünftig auszeichnen – als diejenigen, die im Raum der Gründe leben und sich bewegen und daher für uns Dinge verstehbar sein können –, dann ziehen wir zur Abgrenzung eine Fähigkeit heran, über die durchaus auch Wesen ganz anderer Herkunft und Verhaltensweise verfügen könnten.“ (S.37)
Damit ist der Rahmen gesetzt, in dem beantwortet wird, was wir tun, wenn wir „wir“ sagen, nun gilt es, die Leinwand zu bemalen.
Reinhard
| Zitat: |
Und was macht uns nun besonders?
Wir schreiben dem, was wir tun, einen Sinn zu. Das ist es, was klassischerweise „vernünftige Wesen“ ausmacht.
„Für die Tiere des Waldes gibt es keine Vernunft. Wir sind diejenigen, für die Gründe bindend sind, die der eigentümlichen Kraft des besseren Grundes unterliegen.“ |
Hallo, das ist ja nun wahrlich nicht neu, die Vernunft als Fundament menschlichen Handelns allein darzustellen. Wie kann man aber aus der Vernunft, als Unterscheidungsmerkmal, überhaupt auf den Irrtum verfallen, sie sei für sich genommen auch gleich das allein Wesenhafte am Menschen. Ein Sollen aus dieser Vernunft zu zaubern, kann einfach nicht gelingen, wie Kant das ja mit seinem Imperativ deutlich gemacht hat. Das Sollen und damit die Pflicht etwas zu tun, kommt doch immer von außen auf jeden Einzelnen zu. Entweder endet jeder weitere Gedanke in der abstrusen Annahme eines absoluten Geistes oder in der philosophischen Sackgasse der Religion.
Wir sind was Besonderes, weil wir unserem Handeln einen Sinn zuschreiben können? Hä, hä? Das ist verbrämte Scholastik und sonst nichts. Lohnt das Umschlagen der ersten Seite nicht. Wenn ich mir dann noch anhöre, dass der Herr Scholastiker sich als nächstes den Hegel mit seiner " Phänomenologie des Geistes " vornehmen will, dann man gute Nacht Marie.
Mit freundlichen Grüßen
Reinhard
carsten aus bochum
Hi Reinhard.
Es geht ja an dieser Stelle um die Unterscheidung.
Sich in einen Raum von Gründen gestellt zu erleben – bei hinreichend reflexiver Fähigkeit – impliziert ja schon Begründungen im Zweifel mitliefern zu können.
Das ist nichts anderes als die Bereitschaft sich und anderen Rechenschaft bezüglich des Tuns abzulegen (und sie anderen zuzuschreiben) und das scheint mir wiederum nichts anderes als ein normatives Sollen zu sein.
Gerade Kant macht ja darauf aufmerksam, dass das Denken primär ein Urteilen ist.
Der angesprochene Imperativ appelliert an diese prinzipielle Urteilsfähigkeit.
Gruß,
Carsten
© Philo-Welt.de 2005-2008