Hi Neo,
| Zitat: |
Original von Neo
Hm. ich bin Dir dankbar für diese Beispiele. Du mrkst vlt selbst, dass all diese Beispiele für eine bestimmte Erlebenskategorie sind, die Fromm - wenn ich ihn richtig verstanden habe - als jene des Seins bezeichnen würde? Dass gerade an solchen Beispielen der Unterschied zwischen Erfreuen und Besitzen klar erkennbar wird? |
Dein Einverständnis voraussetzend (

thx ), schreibe ich hier weiter, da ich passend zu den hier im Thread bereits erwähnten Textstellen noch weitere dazugehörige Aspekte anmerken möchte, die sich mit dem von Dir aufgezeigten ergänzen.
Fromm zeichnet zu Beginn seiner Einführung (S.11) ein Bild der Superlative auf:
„
Die große Verheißung unbegrenzten Fortschritts- die Aussicht auf Unterwerfung der Natur und auf materiellen Überfluß, auf das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl und auf uneingeschränkte persönliche Freiheit- das war es, was die Hoffnung und den Glauben von Generationen seit Beginn des Industriezeitalters aufrecht erhielt.[...] Von der Ersetzung der menschlichen Körperkraft durch mechanische und später nukleare Energie bis zur Ablösung des menschlichen Verstandes durch den Computer bestärkte uns der industrielle Fortschritt in dem Glauben, auf dem Wege zu unbegrenzter Produktion und damit auch zu unbegrenztem Konsum zu sein, durch die Technik allmächtig und durch die Wissenschaft allwissend zu werden.“
(Cool, was er da sagt: Ohne Verstand allwissend und allmächtig zu werden- da habe ich Chancen auf den Nobelpreis! ;-) )
Was will Fromm mit dieser o.g. Überzeichnung sagen? Sie dient als Vorlage bzw. als Rechtfertigung für seine folgende Analyse, die er als
„radikal-humanistische Psychoanalyse“ ausweist, die sich auf die beiden
„grundlegenden Charakterorientierungen Selbstsucht und Altruismus orientieren“.
Im weiteren Verlauf schreibt er:
„Denn das Industriezeitalter ist in der Tat nicht imstande gewesen, seine große Verheißung einzulösen, und immer mehr Menschen werden sich folgender Tatsachen bewusst:
-- dass Glück und größtmöglichstes Vergnügen nicht aus der uneingeschränkten Befriedigung aller Wünsche resultieren und nicht zu Wohlsein führen
-- dass der Traum, unabhängige Herren über unser Leben zu sein, mit unserer Erkenntnis endete, dass wir alle zu Rädern in der bürokratischen Maschine geworden sind
-- dass unsere Gedanken, Gefühle und unser Geschmack durch den Industrie- und Staatsapparat manipuliert werden, der die Massenmedien beherrscht
-- dass der wachsende wirtschaftliche Fortschritt auf die reichen Nationen beschränkt blieb und der Abstand zwischen ihnen und den armen Nationen immer größer geworden ist
-- dass der technische Fortschritt sowohl ökologische Gefahren als auch die Gefahr eines Atomkrieges mit sich brachte,[...]
Hier ist erst einmal festzuhalten, dass Fromm feststellt, dass sich immer mehr Menschen der o.g. Tatsachen bewusst werden. Also kann die Menschheit doch nicht kollektiv erkrankt sein, so wie Fromm sie im weiteren darstellt.
Aber erst zeigt Fromm die beiden wichtigsten
psychologischen Prämissen des Systems selbst auf:
1. Ziel des Lebens sei Glück, d.h. ein Maximum an Lust sei, worunter man die Befriedigung aller Wünsche oder subjektiven Bedürfnisse, die ein Mensch haben kann, versteht (=radikaler Hedonismus)
2. dass Egoismus, Selbstsucht und Habgier- Eigenschaften, die das System fördern muss, um existieren zu können- zu Harmonie und Frieden führen.(S.13)
Nach einer kleinen historisch-philosophischen Hedonismus-Formen-Betrachtung kommt Fromm auf S.15 zum radikalen Hedonismus zurück:
“Dennoch ist unsere heutige Zeit seit Ende des ersten Weltkrieges weitgehend zur Theorie und Praxis eines radikalen Hedonismus zurückgekehrt. Die Vorstellung grenzenlosen Vergnügens steht in merkwürdigem Gegensatz zu dem Ideal disziplinierter Arbeit, ebenso wie die Annahme eines zwanghaften Arbeitsethos dem Ideal völliger Faulheit in den freien Stunden des Tages und im Urlaub widerspricht. Fließband und bürokratische Routine auf der einen Seite, Fernsehen, Auto und Sex auf der anderen ermöglichen diese widerspruchsvolle Kombination. Zwanghaftes Arbeiten allein würde den Menschen ebenso verrückt machen wie absolutes Nichtstun. Erst durch die Kombination beider wird das Leben erträglich. Außerdem entsprechen die beiden widersprüchlichen Haltungen einer ökonomischen Notwendigkeit: Der Kapitalismus des 20. Jh. setzt ebenso den Maximen Konsum der produzierenden Güter und Dienstleistungen wie die zur Routine gewordene Teamarbeit voraus.“
Ist doch irgendwie lustig, Fernsehen, Auto und Sex in den Club des radikalen Hedonismus aufzunehmen. Oder war das 1976 so? Sucht Fromm da nach etwas, um daran rumzumäkeln? Irgendwie passt das alles nicht als radikale Hedonismus Beschreibung zusammen. Oder übersehe ich da was?
Trotzdem folgert Fromm im nächsten Satz:
„
Theoretische Überlegungen ergeben, dass der radikale Hedonismus im Anbetracht der menschlichen Natur nicht der richtige Weg zum guten Leben ist, und sie zeigen, warum er es nicht sein kann. Doch selbst ohne diese theoretische Analyse [Hallo, diese Vermutungen waren schon eine Analsye??] geht aus den verfügbaren Daten ganz klar hervor, dass unsere Jagd nach Glück nicht zu Wohlsein führt. Wir sind eine Gesellschaft notorisch unglücklicher Menschen: einsam, von Ängsten gequält, deprimiert, destruktiv, abhängig- jene Menschen, die froh sind, wenn es ihnen gelingt, jene Zeit totzuschlagen, die sie ständig einzusparen versuchen.
Soviel zur ersten psychologischen Prämisse.
Zur zweiten psychologischen Prämisse stellt Fromm fest:
Habgier und Friede schließen sich einander aus. OK, wäre nie jemand drauf gekommen, gut , dass er das untersucht hat.
Radikaler Hedonismus und schrankenloser Egoismus (wieder die superlative Attributierung) sind also die Leitprinzipien ökonomischen Verhaltens. Achtung hier: Fromm spricht an dieser Stelle nicht mehr nur vom System, sondern übertragt die beiden psychologischen Prämissen auch auf alle Menschen, also auch die Konsumenten, da er allgemein vom ökonomischen Verhalten spricht.
Danach spricht er konkret über das Wirtschaftssystem und macht einen ersten Wandel im 18. jh. aus:
Das wirtschaftliche Verhalten wurde von der Ethik und den menschlichen Werten abgetrennt. Aha, hatte vorher noch niemand getrennt, weder Adel, noch Klerus? Noch nicht mal die ganzen Trasymachos und Machiavellis? Na ja, weiter:
Der Wirtschaftsmechanismus wurde als autonomes Ganzes angesehen, das unabhängig von den menschlichen Bedürfnissen und dem menschlichen Willen ist- ein System, das sich aus eigener Kraft und nach eigenen Gesetzen in Gang hält. Das Elend der Arbeiter sowie der Ruin kleinerer Unternehmen infolge des unaufhaltsamen Wachstums der Konzerne galten als wirtschaftliche Notwendigkeit, die man akzeptieren musste wie die Auswirkungen eines Naturgesetzes.
Die Entwicklung dieses Wirtschaftssystems wurde nicht mehr durch die Frage: Was ist gut für den Menschen? bestimmt, sondern durch die Frage: Was ist gut für das Wachstum des Systems? [Angie lässt an dieser Stelle grüßen...] Die Schärfe dieses Konflikts versuchte man durch die These zu verschleiern, dass alles, was dem Wachstum des Systems (oder auch nur eines einzigen Konzerns) diene, auch das Wohl der Menschen fördere. Diese These wurde durch eine Hilfskonstruktion abgestützt, wonach genau jene menschlichen Qualitäten, die das System benötige- Egoismus, Selbstsucht und Habgier- dem Menschen angeboren seien; sie seien somit nicht dem System, sondern der menschlichen Natur anzulasten. Gesellschaften, in denen E,S und H nicht existierten, werden als primitiv, ihre Mitglieder als naiv abqualifiziert. Man weigerte sich anzuerkennen, dass diese Charakterzüge gerade nicht natürliche Triebe sind, die zur Bildung der Industriegesellschaft führten, sondern das Produkt gesellschaftlicher Bedingungen.[...]
Auch E.F. Schumacher fordert eine tiefgreifende menschliche Veränderung. Seine Forderung basiert auf der Auffassung, dass unsere gegenwärtige Gesellschaftsordnung uns krank mache und dass wir auf eine wirtschaftliche Katastrophe zusteuern, wenn wir unser Gesellschaftssystem nicht grundlegend umgestalten.
Die Notwendigkeit einer radikalen menschlichen Veränderung ist deshalb weder nur eine ethische oder religiöse Forderung, noch ausschließlich ein psychologisches Postulat, das sich aus der pathogenen Natur unseres gegenwärtigen Gesellschafts-Charakter ergibt, sondern sie ist auch eine Voraussetzung für das nackte Überleben der Menschheit. Richtig leben heißt nicht länger, nur ein ethisches oder religiöses Gebot erfüllen. Zum ersten Mal in der Geschichte hängt das physische Überleben der Menschheit von einer radikalen seelischen Veränderung des Menschen ab
Veränderung also vom Haben (=Habgier) zum Sein, was die vielen nächsten Seiten ausfüllt..
Dieser o.g. letzte Abschnitt bildet Fromms Fundament, auf diesem werden die weiteren Etagen seiner Überlegungen aufgebaut, darum erachte ich es als wichtig, diese Gedanken ausführlicher zu würdigen, zumal hier auch seine Sicht des Wirtschaftssystems ersichtlich ist und gerade über diesen Abschnitt lässt sich einiges diskutieren. Wo ist denn z.B. anzusetzen: An jedem einzelnen Menschen oder am System? Kann der Mensch eher ein Gesellschaftssystem ändern oder ändert ein Gesellschaftssystem eher den Menschen? Wo würdest du ansetzen?
Vor allem: Wen aus der A,B,C-Gruppe würde Fromm als habgierig einstufen? (Schuhe, Guppys oder CD´s?) Keinen von denen? Erst D, der Aktien-Milliarden schrottet?