Hallo Loma !
| Zitat: |
| Ich würde das so interpretieren, daß das Paradigma sozusagen das grundlegende "Handwerkszeug" liefert, um Wissenschaft zu betreiben. Inhaltlich muß sicherlich keine Einigung bestehen, aber diese "Mittel" zum Zweck, um es "wissenschaftliches" Arbeiten nennen zu können, müssen für alle Beteiligten der scientific communitiy verständlich bzw. anerkannt sein (es ist vielmehr eine wissenschaftstheoretische als erkenntnistheoretische Angelegenheit) |
Das hattest Du ja schon gut erklärt. Man geht von einer gemeinsamen erkenntnistheoretischen Auffassung aus, und hat ein gemeinsames Wissenschaftsverständnis. Ich irrte mich also, als ich in meiner Nachfrage vermutete, dass es um einen metaphysischen oder mindestens wissenschaftstheoretischen Streit ging. Daraus aber entstehen gerade meine Verständnis-Probleme:
| Zitat: |
| Die Inkommensurabilität besteht hauptsächlich darin, daß durch Wechsel zu Paradigma B Paradigma A ausscheidet/seine Gültigkeit verliert. Wenn man weiß, daß die Erde rund ist, wie kann man das ernsthaft noch mit der nun als irrig erkannten Auffassung, sie sei eine Scheibe, zusammendenken wollen? Es gibt hier keinen allmählichen Übergang zwischen den Paradigmen, den man nachvollziehen könnte. Als z.B. Historiker kann man diese Entwicklung zwar aufschlüsseln, aber wirklich zusammendenken nicht. |
Wenn also mit Paradigmenwechsel "lediglich" der Wechsel einer Grundannahme innerhalb einer Spezial-Wissenschaft gemeint ist ...
(wenn also Einigkeit bzgl. eines allgemeinen Wissenschaftskonzepts besteht)
... dann kann es doch keine Kommensurabilitäts-Probleme geben !?
Was Du ansprichst ist doch "nur" die logische Regel vom "Widerspruch". (Ich sprach ja auch schon den Verdacht an, dass hier letzlich nur sehr elementare metaphisische Probleme aufgegriffen werden). Diese Regel bedeutet aber nur, dass eine Aussage "A" und ihre Negation "nicht-A", nicht beide "wahr" seien können. Das ist aber bei einem entsprechend gemeinsamen Wissenschaftsverständnis dann auch unbestritten.
Wenn dies also mit "nicht zusammen denkbar" gemeint ist, wäre ich verblüfft.
Deswegen nochmal zum Wortstamm:
In=nicht
kom=zusammen
mensurare=messen
abile=fähig
Was nicht gemeinsam gemessen werden kann, kann nicht verglichen werden. Darauf kam es doch an. Da ich es aber schwierig finde, hier in aller Allgemeinheit zu sprechen, will ich Dein Beispiel
vereinfachend aufgreifen:
Wissenschaftler A und B gehen von folgenden Annahmen
gemeinsan aus:
- Die Form der Erde ist konstant.(Ansonsten sind Formaussagen ohne Zeitangabe sinnlos)
- Himmelsrichtungen können sicher bestimmt werden.
- Ergebnisse von überprüfbaren(wiederholbaren) Experimenten, gelten als "wissenschaftlich"
A glaubt an die Scheibenform. B ist der erste Mensch, der die Kugelform vermutet.
Beide können nun aber eine gemeinsame Messung vornehmen. Wichtig ist nur, dass diese Messung durch ein "wissenschaftliches Experiment" vorgenommen wird. Da herrscht ja aber Einigkeit.
Beide gehen (oder scwimmen

) nun gemeinsam in Richtung Westen, kommen am Ausgangspunkt an und ziehen ihre Schlüsse. Wo kann hier also nicht gemessen werden ?
Sehe da eher einen Streit Religion/Wissenschaft, aber Du sprichst ja von der "scientific communitiy".
| Zitat: |
| Am Anfang der Krise steht nicht so sehr das Gefühl, sondern die Erkenntnis, daß sich das bisherige Paradigma als nicht mehr praktikabel erweist, um die betreffende Anomalie "aufzulösen" (diese Erkenntnis kann den Wissenschaftler natürlich auch unglücklich machen, ist aber nebensächlich). |
Wie gesagt, das Gefühl würde für mich nur im metaphysischen Umfeld von Bedeutung sein. (Obwohl ich ja vermute, dass wir mittendrin sind

) Dann aber wäre die Trennung künstlich, denn jede Argumentation ist aus theoretischer Sicht ein Gesamtkunstwerk, dass immer bis zu metaphysischen Grundlagen zurückführen muss. Aus praktischer Sicht natürlich Unsinn, also geht man von nicht mehr zu begründenen Folgerungen aus. Aus diesen lassen sich dann aber nach meiner Auffassung gemeinsame "Mess-Regeln" ableiten.
Es gäbe also bestenfalls die Abkehr von ehemaligen Thesen innerhalb von Spezial-Wissenschaften, aber keine "Revolutionen des Denkens", also keine Änderung, die derartig radikal ist, dass keine gemeinsamen Maßstäbe gefunden werden können..
Gruß Andreas