Konsequenzen Humeschen Philosophierens

flores
Hume verabschiedete sich 1734 philosophierend von der bisherigen
Metaphysik und allen rationalistischen Theorien über menschliches Handeln:

„Ich habe herausgefunden, dass die Philosophie ueber menschliches
Handeln seit der Antike mit derselben Unzulaenglichkeit arbeitet wie die
Naturwissenschaften. Beide gehen m.E. ausschließlich von Hypothesen,
d.h. ueberwiegend von Erfindungen aus, anstatt sich auf Erfahrbares und
Erforschbares zu beziehen…. ich bin sicher, dass man nicht viel mehr tun
muss, um zu verwertbaren Ergebnissen zu kommen, als alle diese alten
Vorurteile zugunsten der eigenen Meinung oder der anderer
wegzuwerfen."
(Der 23 jährige David Hume in einem Brief an einen
Arzt 1734)

Seine Forschungen samt seiner Meinung hat Hume wenige Jahre später in
seinem Werk "Treatise Concerning Human Nature" veröffentlicht. Einige
fundamentalistische Calvinisten haben ihn der Gottlosigkeit angeklagt.
Seine Fachkollegen haben geschwiegen. Hume war davon ausgegangen,
dass er derart neue philosophisch weitreichende Ergebnisse veröffentlicht
habe, die unausbleiblich einen Diskurs in Gang setzen würden.

Kant war ein halbes Jahrhundert später der erste, der eine gründliche
Stellungnahme zu Humes Resümees über Kausalität, Substanz und
Bewusstsein abgab.

Schelling schrieb: Der "…Skeptizismus Humes war nach Kants eigner
Angabe dasjenige, wodurch er den Hauptanstoß zu seiner eignen
Philosophie erhielt." Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1966):
Zur Geschichte der neueren Philosophie. Münchener Vorlesungen.
Herausgegeben von Manfred Buhr, Leipzig. S. 95.


Humes Forschungsergebnisse galten als gefährlich: " Hume, der Skeptiker,
ein Mann, dessen Anschauungen den Materialismus samt dem
Dogmatismus der Religion und Metaphysik gleichzeitig aufheben."
Friedrich Albert Lange (1974) : Geschichte des Materialismus und
Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart. Band 2, Frankfurt/M. S.
314.


Mauthner, der viel später eine Revisitierung Humes forderte, bemerkte: Es
war die schrecklichste Tat Humes, dass er den Kausalitätsbegriff in Frage
stellte. Vgl. Fritz Mauthner (1923): Wörterbuch der Philosophie.
Neue Beiträge zu einer Kritik der Sprache, Bd. 1 Leipzig: S. 516 ff.


Und Hirschberger kommentierte: " Die destruktive Wirkung der Humeschen
Philosophie zeigt sich besonders in seiner Stellung zur alten Metaphysik,
speziell in seiner Kritik des Kausal- und Substanzbegriffes. Das gerade war
es, was Kant aus seinem dogmatischen Schlummer erweckte."
Johannes Hirschberger (1991): Geschichte der Philosophie. Band
2, Freiburg i. Br., Basel, Wien. S.232.


Ich bin im letzten Vierteljahr diesen Zusammenhängen nachgegangen.
Hinsichtlich meines Versprechens im Anschluss an das Lesen in der
ENQUIRY CONCERNING HUMAN UNDERSTANDING (Quellenstudium) einen
weiteren Hume-Thread zu eröffnen, kam ich zu dem Schluss, dass der
Rahmen, den die obigen Zitate abstecken, auch der Rahmen für einen
Thread hier bei PHILOWELT sein könnte, um uns gemeinsam in
Humesches Philosophieren zu vertiefen.

Die einleitende Arbeitsfrage könnte sein:
Welches sind die Folgen für Metaphysik und rationalistische Theorien,
wenn Humes Auffassung über Kausalität zutreffend ist?


Da könnten m.E. alle, die möchten einen Einstieg finden.
    Kausalität bei Hume,
    bei Kant,
    bei anderen Philosophen.
    Vor- und Nachteile von Theorien,
    Theorie- Praxis Probleme,
    pragmatische Philosophie,
    Skeptizismus
    Metaphysik


Dies und mehr könnten Tore zum Diskurs sein.

Wer Interesse hat, kann in meinem Hume-Webblog rumlesen und dort
Einstiege finden. David Hume
Dort finden sich auch Humetexte und meine Meinung.

Auch die ENQUIRY, dort vor allem die Abschnitte IV und V dürfte Zugänge
zum Diskurs ermöglichen.

Let's start!

flores winken
Nylen
Interessantes Thema das wir gerne diskutieren können.

Erstmal finde ich das anfangs zitierte Stück Humes schlecht gewählt.

Er schreibt, statt Hypothesen, sollen wir Beobachtungen vertrauen.

Die Glanztat Humes war aber zu zeigen das die Induktion der gemachten Beobachtung zu allgemeingültigen Regeln nicht zwingend ist, d.i. nicht logisch zwingend.

Da die rationale Wissenschafft aber solche allgemeingültigen Regeln sucht stand sie unter einem Makel. Alle deine Zitate sprechen von diesem Makel. Der Makel das die auf Induktion fussende Wissenschafft nicht rational war, d.h. logisch zwingend.

Wir prüfen Hypothesen an der Beobachtung. Und wir subsumieren Beobachtungen zu Vorstellungen und zu Hypothesen und Theorien.

Humes Frage war: Können wir aufgrund der Erfahrung sagen etwas sei ein allgemeines Gesetz? Nein das können wir nicht.

aber: Können wir aufgrund von Erfahrung sagen, etwas sei kein allgemeines Gesetz? Ja das können wir.

Lassen wir jeden Vorschlag für ein allgemeines Gesetz zu, und eleminieren wir alle jenen für welche wir zeigen können das sie Nicht gültig sind, dann so die Idee sollten wir zu guten und allgemeingültigkeitsähnlichen Theorien kommen über die Zeit und das fortschreiten der Entwiclung.

Ich denke das Humesche Problem ist damit historisch interessant aber gelöst.
In genau in dem Sinne das wir unserer Rationalität und unseren Methoden weiter trauen können.

P.S. Schöner Blog. Hume wäre sicherlich angetan gewesen.
flores
Zitat:
Original von Nylen
Die Glanztat Humes war aber zu zeigen das die Induktion der gemachten
Beobachtung zu allgemeingültigen Regeln nicht zwingend ist, d.i. nicht logisch
zwingend..


Könntest Du mir schreiben auf welchen Text Humes, sich Deine Interpretation
bezieht?

flores smile
Nylen
Nein das kann ich nicht. Ich habe zwar Hume gelesen kann aber kaum errinern wo genau er diese Gedanken ausführt.

aber eine Suche nach Humes Induktionsproblem bei Google sollte abhilfe schaffen.

e voila http://de.wikipedia.org/wiki/Induktionsproblem

Was meine weiteren ausführungen zum Thema angeht, so beziehe ich mich ungenannt auf die Induktionskritik und Problemlösung von Karl Popper. Auch zu ihm wirst du im genannten Artikel genug finden.
flores
Zu den rezeptionsgeschichtlichen Konsequenzen Humeschen
Philosophierens scheint es zu gehören, ihm u.a. zu unterstellen, er habe
erkenntnistheoretische Fragen behandelt und beantwortet. Dazu gehört
auch das Induktionsproblem. Wikipedia bleibt Belegstellen für Hume
schuldig. Für Kant werden Belege genannt, was nahe liegt, denn er war
Metaphysiker, während Hume aus gegebenem Anlass mit dieser Metaphysik
und ihren erkenntnistheoretischen Problemen nichts mehr zu tun haben
wollte. Diese waren voller Vorurteile, die man aus seiner Sicht am besten
hinter sich ließ.

Hume geht es um 'moral philosophy'. Das bedeutet nicht Moralphilosophie,
sondern dies ist die zu seiner Zeit übliche Bezeichnung für die Philosophie,
die sich mit allem befasst, was den Menschen betrifft. 'Put the man in the
middle.' war seine Schlussfolgerung nach der Lektüre historischer und
metaphysischer Schriften seiner Zeit, wo die Theorie, die Hypothesen im
Mittelpunkt der philosophischen Diskussion um den Menschen stand.

Hume hat sich m.E. gemäß seines Vorhabens neue Sichten zu finden, mit
'Wahrnehmen' nicht nach Maßgabe traditioneller metaphysischer Sichten
befasst. Auf Grund von Selbstbeobachtung hat Hume resümiert, dass der
Mensch "impressions" (physische Reize) erlebe und 'ideas' (Vorstellungen,
Gedanken, Theorien, Hypothesen) habe.

Alle 'ideas' lassen sich aus seiner Sicht auf 'impressions' zurückführen.
"Bisher hat sich für mich gezeigt, dass jeder noch so komplexe Gedanke
bzw. jede noch so komplexe Vorstellung [bzw. Theorie], sich auf einfache
Vorstellungen zurückführen lässt, die frühere ‘impressions’ nachahmt."
(Untersuchung über den menschlichen Verstand II)
Wie 'impression' und 'ideas' zusammenhängen, thematisiert er nicht. Dieser
Zusammenhang würde ihn möglicherweise zu erkenntnistheoretischen
Fragen geführt haben.

Er ist an praktischen Fragen menschlichen Denkens und Handelns
interessiert. Im Abschnitt IV seiner UNTERSUCHUNG – wo es um
Fragwürdigkeiten menschlichen Schlussfolgerns und Denkens geht - wird
dies m.E. deutlich. Hume meint einleitend, dass man im alltäglichen Leben
nicht, davon ausgehen könne, vergleichbare Gewissheit wie in der
Mathematik zu erreichen. Wenn es um 'matters of facts' gehe, wären wir
uns zwar oft sehr sicher, aber beweiskräftig sei dies nicht: "The contrary of
every matter of fact is still possible;…" (ebd.2)

Sein philosophisches Interesse gilt an dieser Stelle der Frage: " … zu
untersuchen, wie diese Gewissheit beschaffen ist und herauszufinden, was
uns in dem Moment eigentlich so sicher macht, dass irgendetwas so sei
bzw. ein Sachverhalt (matter of fact) eintreten könne, der weder von
unseren Sinnen noch durch unsere Erinnerungen bestätigt sei." (ebd.3)

Hume erläutert dies u.a. an folgendem Beispiel aus dem alltäglichen Leben:
"Fragt man z.B. einen Mann wieso er den Sachverhalt für zutreffend halte,
dass sein Freund sich gerade auf dem Land oder in Frankreich aufhalte,
obwohl er selber nicht dabei sei, so wird er einen Grund dafür nennen.
Dieser Grund könnte möglicherweise ein Brief sein – eine weitere Tatsache
– oder er weist darauf hin, dass er sich bisher immer darauf habe verlassen
können, dass sein Freund Entscheidungen und Versprechen auch wahr
mache." (ebd.4)

Dieses und weitere Beispiele dienen Hume dazu, behaupten zu können,
dass Zusammenhänge stiften, bzw. von Ursache auf Wirkungen und
umgekehrt zu schließen, eine allgemeinmenschliche Denkweise sei. "Wenn
wir genau hinsehen, werden wir feststellen können, dass alle unsere
Schlussfolgerungen von dieser Art sind. Sie alle basieren auf der Beziehung
zwischen Ursache und Wirkung, die entweder naheliegend oder weit
hergeholt, unmittelbar oder mittelbar sein kann." (ebd.)

In diesem Kontext des Menschlichen beschäftigt sich Hume dann mit dem
Beispiel der Billiardkugeln, um daran zu zeigen, dass Zusammenhänge von
Ursache und Wirkung nicht in den 'matters of facts' zu finden sind – in
diesem Fall an den Kugeln -, sondern ausschließlich im Auge des
Betrachters liegen dürften, d.h. bei Hume 'aus Erfahrung' geschlossen
werden.

Mit diesen Textstellen kann, glaube ich, deutlich werden wie weit entfernt
Hume hier von jeder erkenntnistheoretischen Erörterung ist. Ich meine,
eine derartige taucht auch an keiner anderen Stelle der UNTERSUCHUNG
auf.

Jeder kann eigene Schlussfolgerungen z.B. für erkenntnistheoretische
Fragen – wie das Induktionsproblem - aus diesen Humeschen
Untersuchungen ziehen. Ich behaupte nur: Das ist nicht Humes
Problem, wie dies u.a. bei WIKIPEDIA dargestellt wird.

flores smile
mark
Zitat:
Original von flores
Zu den rezeptionsgeschichtlichen Konsequenzen Humeschen
Philosophierens scheint es zu gehören, ihm u.a. zu unterstellen, er habe
erkenntnistheoretische Fragen behandelt und beantwortet.

...

Mit diesen Textstellen kann, glaube ich, deutlich werden wie weit entfernt
Hume hier von jeder erkenntnistheoretischen Erörterung ist. Ich meine,
eine derartige taucht auch an keiner anderen Stelle der UNTERSUCHUNG
auf.

Jeder kann eigene Schlussfolgerungen z.B. für erkenntnistheoretische
Fragen – wie das Induktionsproblem - aus diesen Humeschen
Untersuchungen ziehen. Ich behaupte nur: Das ist nicht Humes
Problem, wie dies u.a. bei WIKIPEDIA dargestellt wird.


das ist schon richtig. erkenntnistheorie ist sogesehen ja dann auch erst eine erfindung kants. und mit traditioneller metaphysik hat auch hume nicht viel am hut.
aber das induktionsproblem in seiner "logischen" form gilt eben als zumindest eine moderne übersetzung der ausgeführten gedanken. denn selbst wenn die ausführungen humes gar nicht dahingehend beabsichtigt waren, was man sicher so sehen muss, so ist ihre desaströse bedeutung für die überkommene metaphysik, ihre bedeutung als herausforderung an jede künftige metaphysik und, wenn man es so will, im zuge dessen auch die bedeutung für die naturwissenschaften ganz offenkundig.
mindestens seit kant wird hume so verstanden und das ist, selbst wenn man nicht zu unrecht der meinung sein kann, dass das eigentlich nicht humes thema war, ja keineswegs illegitim. manchmal sagt man eben etwas von grosser bedeutung über den aktuellen zusammenhang hinaus.
insofern...
und ist es nicht letztlich auch das, was grosse denker, poeten, künstler, wissenschaftler ... ausmacht, dass ihr werk weit über sie hinausgeht?

gruss
flores
Zitat:
Original von mark... ist ihre desaströse bedeutung für die
überkommene metaphysik, ihre bedeutung als herausforderung an jede
künftige metaphysik ...


Da es mir um die Konsequenzen Humescher Philosophie geht, interessiert
es mich sehr, worin Deiner Meinung nach die Bedeutung für die
überkommene und zukünftige Metaphysik besteht.

flores smile
Amateur
Hallo flores !


Sehr schönes Start-Post !
Angenehmes "Layout", um Verständlichkeit bemühte Sprache, interessante Informationen. Das erste Start-Post dieser Länge, dass ich überhaupt bis zum Ende durchlas Freude ...


Ich bin immer noch sehr unbelesen, aber habe mir über Metaphysik viele Gedanken gemacht. Tatsächlich habe ich auch selbst zunächst die "Quadratur des Kreises" versucht, aber es ist nur verlockend. Nicht sinnvoll.

Habe mittlerweile folgenden Eindruck:
Die Metaphysik ist seit "Ewigkeiten" gelöst. Es liegt schlicht an dem Selbstwidersruch des Wissensbegriffes:

- Wissen ist die Summe aller bewiesenen Aussagen.
- Alles Bewiesene ist logisch gefolgert aus Axiomen.
- Axiome sind GLAUBENS-Sätze.

Wissen ist also nur (logisch gefolgerter) Glauben, mithin ein sinnloser Begriff.

Das kann man dann auf eine witzige(wenn auch nicht ganz wasserfeste) Kurzformel bringen, und z.B. sagen, dass "wir wiisen, nichts zu wissen." aber es bleibt natürlich "vernichtend".


Sokrates war also originell.
Aber dann kamen Viele, die bei Spezialfällen (nach langen Büchern) auf das Selbe kamen. (Zuletzt glaubte ich das beim "Inkommensurabilitäts-Gedanken" Kuhns wieder zu erleben).

Und so scheint es mir auch bei Hume.
Kausalität von Konsequenz "B" aus Ursache "A" ist entweder eine Behauptung oder Wissen. Wissen gibt es nicht, also ist es eine Behauptung.
Finde also, dass die Philosophie seit langem, Zeit verschwendet. (Wenngleich Du ja auch schon die Macht der Kirche als entschuldigenden Faktor nanntest).


Zitat:
Welches sind die Folgen für Metaphysik und rationalistische Theorien, wenn Humes Auffassung über Kausalität zutreffend ist?

Denke also, dass die "Folge für die (absolute) Metaphysik", schlicht ihr Ende ist. Aber ich würde - eben weil das Absolute zweifelsfrei als unerreichbar erkannt wurde - nun auch den nächsten Schritt noch (relativistische) "Metaphysik" nennen. In dieser gelten "entspanntere" Regeln:

- Es darf eine (ausreichend unmißverstöndliche) Sprache als gegeben behauptet werden.
- Es darf ein Logik-Modell gesetz werden.
- Wir dürfen Glaubenssätze setzen

Diie Metaphysik sehe ich dann hier wenigstens im Finden von "Setzungs-Regeln" gefragt.

2 aus der Hüfte geschossene Regeln:
- es sollten möglichst weinge Axiome gesetzt werden.
- die Axiome sollten zu möglichst vielen Folgerungen führen, die (bezüglich des gewählten Logikmodells), als "wahr" oder "falsch" bezeichnet werden können.

Die Folge ist aber dennoch eine gewisse "Belibigkeit" der Startpunkte. "Historisch" könnte man also vermuten, dass der Skeptizismus die Entstehung von Ideologien zur Folge hatte. Es fehlt seitdem, die unkritische Sicherheit im Glauben.


Gruß Andreas
Rhetorix
Ich wüsste gern genauer/konkreter/wörtlicher, wie sich Hume über die Kausalität geäußert hat.
flores
Zitat:
Original von Amateur
Diie Metaphysik sehe ich dann hier wenigstens im Finden von "Setzungs-
Regeln" gefragt.


Hallo Andreas,

die von Dir skizzierten Folgen sowohl als Resümee aus der Geschichte der
Metaphysik, als auch aus Humeschen Beschreibungen dessen wie
Menschen Zusammenhänge stiften – u.a. Kausalitätsbeziehungen – als
auch eigenen Überlegungen sehe ich genauso.

Zu Zeiten Humes waren diese Folgen noch brisanter als heute. Doch auch
heute noch folgen die meisten philosophischen Überlegungen logischen
Prinzipien, die von der notwendigen Gültigkeit von ganz bestimmten
Zusammenhängen im Handeln von Menschen ausgehen. Diese notwendige
Gültigkeit stellte Hume mit seiner Beschreibung, dass Menschen, bzw. die
menschliche Natur im Zuge von Erfahrung und Gewohnheit
Zusammenhänge setzen prinzipiell in Frage. Hume meinte, dass man im
Hinblick auf seine Forschungsergebnisse große Teile der Wissenschaften
umdenken und verändern müsste.

Ich gehe davon aus, dass wir statt von Wissen, - im Sinne von Gewissheit
[ein inhaltsleerer Begriff] -, auch im Alltag – ob wir wollen oder nicht - stets
von Annahmen ausgehen. Unser Wissen könnte man m.E. zutreffender mit
Meinung, Annahme oder Behauptung bezeichnen.

Ich habe mich gefreut, Deine Gedanken dazu zu lesen, weil sie meinen so
ähnlch sind und weil ich denke, dass Menschen mit solchen Gedanken
besser fahren, als mit traditionellen. Ich behaupte immer wieder, dass
Menschen, die von der traditionellen Philosophie noch wenig wissen, einen
leichteren Zugang zu Sachverhalten finden, wie u.a. Hume sie
thematisiert. Dein Beitrag unterstützt mich darin, mit meiner Behauptung
(Annahme) weiter hausieren zu gehen.

Auch ich sehe die Aufgabe professioneller Philosophen darin, zusammen mit
anderen "Kriterien für das Setzen von Annahmen für Annahmen" zu
finden. Beliebigkeit könnte man m.E. durch Hinsehen auf die Sachen
ausschließen. Annahmen müssten jederzeit wieder revidierbar sein, und die
Erfahrung wird uns lehren, wie wir mit Annahmen klar kommen. Ich
behaupte ja, Menschen handeln unbeschwerter, wenn sie diese
Zusammenhänge kennen. Der Mensch – eine weitere Behauptung – ist ein
lernfähiges Wesen. Mit der Verpflichtung auf vermeintliche Gewissheiten
dürfte man Menschen einschränken.

Zu Skeptizismus noch eine Anmerkung: Das altgriechische Stammverb dazu
heißt 'skeptomai' und bedeutete so viel wie: um sich sehen, sich
umsehen, umherblicken.
Jemand der genau hinsah, etwas genau untersuchte und darüber
nachdachte, nannten die alten Griechen einen "skeptikos". Und 'skeptikoi'
nannten sie dann die Sophisten, die von Annahmen ausgingen und nichts
mit Gewissheit behaupteten.
'skeptisch', 'Skeptiker' , oder gar 'Skeptizismus' haben m.E. in unserer
Sprache negative Mitbedeutungen.

gruß flores roll
flores
Zitat:
Original von Rhetorix
Ich wüsste gern genauer/konkreter/wörtlicher, wie sich Hume über die Kausalität geäußert hat.


Danke für Deine Anregung.

Ich denke es ist sinnvoll Texte von Hume für alle Teilnehmer und Mitleser
dieses Threads auf kurzem Wege zugänglich zu machen.
In Verbindung mit meiner Webseite habe ich Texte eingestellt, die über
folgende Links direkt erreichbar sind:

1. Das VII. Kapitel aus Humes "Untersuchungen über den menschlichen
Verstand" von mir transponiert.
Untersuchung VII

2. Ein Auszug aus dem IV. Kapitel, wo Hume den Zusammenhang zwischen
Erfahrung und Kausalität thematisiert.
Untersuchung IV,8 ff

3. Den englischen Text der "Untersuchungen über den menschlichen
Verstand" (Enquiry Concerning Human Understanding) in modernem
Englisch von Jonathan Bennett (neuseeländischer Philosoph)
Enquiry Human Understanding

Alle verlinkten Texte auch die von Bennett sind für non-profit
Verwendungen freigegeben.

4. Ich halte die deutschen Übersetzungen Humes bei zeno.org und textlog
für überholt. M.E. kann man sich mit ihnen nur unter großen
Schwierigkeiten bei Hume einlesen. Die Übersetzungen von Theodor Lipps
und Raoul Richter sind aus meiner Sicht um Klassen besser. Sie sind bisher
nur im Buchhandel zu haben.

gruß flores smile
Amateur
Hallo flores !


Zitat:
Hume meinte, dass man im
Hinblick auf seine Forschungsergebnisse große Teile der Wissenschaften
umdenken und verändern müsste.

Gab er auch konkrete Vorschläge an, in welche Richtung die Wissenschaften zu verändern seien, oder stellte er zunächst "nur" die Notwendigkeit fest ?


Zitat:
Ich habe mich gefreut, Deine Gedanken dazu zu lesen, weil sie meinen so ähnlch sind

Ich muss gestehen, dass es mit genau umgekehrt geht. Ich finde es immer spannend, wenn ich mal Gegenteiliges von dem bisher Angenommenen höre. Allerdings erlebt man dann häufig beim "Nachhaken", dass die definitorische Strenge und die argumentative Schärfe, oft zu wünschen übrig läßt.


Zitat:
'skeptisch', 'Skeptiker' , oder gar 'Skeptizismus' haben m.E. in unserer
Sprache negative Mitbedeutungen.

Das scheint mir eine allgemeine Tendenz von Sprache, die Begriffe gerne "emotionalisiert" (bzw. "bewertet"). So werden manche Begriffe schnell zu Kampfparolen, obwohl sie ursprünglich ganz sachlich gemeint waren.
Dieses "Abschütteln" von unterschwelligen Bedeutungen, fällt aber auch hier im Forum, Vielen schwer. Da der Begriff des "(totalen)Skeptikers", möglicherweise auch als Charakterisierung der ganuen Person verstanden wird, könnte man ihn vielleicht durch den des "(konsequent) Kritischen Denkers" ersetzen, der sicherlich auch von Anhängern des Skeptizismus, nicht als diffamierend empfunden wird.


Gruß Andreas
Fliege
Amateur:
Zitat:
Habe mittlerweile folgenden Eindruck:
Die Metaphysik ist seit "Ewigkeiten" gelöst. Es liegt schlicht an dem Selbstwiderspruch des Wissensbegriffes:

- Wissen ist die Summe aller bewiesenen Aussagen.
- Alles Bewiesene ist logisch gefolgert aus Axiomen.
- Axiome sind GLAUBENS-Sätze.

Wissen ist also nur (logisch gefolgerter) Glauben, mithin ein sinnloser Begriff.

Deine Darlegung spricht weniger dafür, dass so gefasstes Wissen ein "sinnloser Begriff" sei, als dafür, dass diese Wissensauffassung keiner Erkenntnistheorie, sondern einer Glaubenstheorie entspringt.
Kernsatz dieser Glaubenstheorie ist: Was (von einzelnen Leuten oder einer Gemeinschaft) geglaubt wird, das ist die Wahrheit, weshalb es rational ist, etwas zu glauben.

Dagegen wendet sich Hume, indem er meint, dass es rational ist, gerade nicht anzunehmen, dass wahr ist, was geglaubt wird, weil Glaube bloß der Gewohnheit entspringt und nichts mit Wahrheit zu tun hat. Irrational ist demnach, etwas zu glauben und deswegen für wahr zu halten.

Er sagt (An enquiry concerning human understanding):
Zitat:
If I ask why you believe any particular matter of fact, which you relate, you must tell me some reason; and this reason will be some other fact, connected with it. But as you cannot proceed after this manner, in infinitum, you must at last terminate in some fact, which is present to your memory or senses [was aber wegen der logischen Ungültigkeit des induktiven Schließens nicht geht]; or must allow that your belief is entirely without foundation.
Amateur
Hallo Fliege !


Zitat:
Deine Darlegung spricht weniger dafür, dass so gefasstes Wissen ein "sinnloser Begriff" sei, als dafür, dass diese Wissensauffassung keiner Erkenntnistheorie, sondern einer Glaubenstheorie entspringt.

Da für mich Erkenntnis ein Synonym für Wissen darstellt, sehe ich gar keinen Widerspruch. Inhaltlich scheinen wir jedenfalls einer Meinung, und meine Feststellung sollte nur bedeuten:
Hume wärmt uraltes auf und bezieht sich dabei sogar nur auf einen Spezialfall, die Empirie.
Ich weiß nichts. Auch nicht, wenn ich es aus der Zeitung erfuhr, oder aber selbst empirische Beobachtungen vornehme. Die "neuere" Metaphysik ist also nur schwaches Plagiat.
Historisch ist er möglicherweise bedeutsam, aber als Philosoph wäre Hume für mich ein "Totalausfall".


Gruß Andreas
Fliege
Amateur:
Zitat:
Inhaltlich scheinen wir jedenfalls einer Meinung [...].
Historisch ist er möglicherweise bedeutsam, aber als Philosoph wäre Hume für mich ein "Totalausfall".

Allerdings bin ich nicht der Auffassung, Hume sei philosophisch ein Totalausfall.
Viel eher sind Kant und die Folgen ein Totalausfall, weil man meinte, Hume überwinden zu sollen.
Amateur
Hallo Fliege !


Zitat:
weil man meinte, Hume überwinden zu sollen.

Vielleicht weniger eine Frage des "sollens", als des "wollens". Freude


Gruß Andreas
Nylen
Ich denke Popper hat das Humesche Induktionsproblem im Sinne Humes gelöst. anders als Kant der alles einfach nur anders sehen wollte, nahm Popper Humes Skepsis ernst und suchte nach einer möglichen Lösng.

Sie lautet kurz so, daß Hume Recht behält, mit der Einschränkung das es gar nicht um Beweise oder Bestätigung und Induktion bei wissenschaftlichkeit gehe, sondern um Deduktion von Prognosen welche falsifizierbar sein müssen und bei erfolgreicher Falsifikation zu besseren Theorien führen.