Angst vor dem Tod

Archibald
Woher kommt eigentlich die Angst vor dem Tod, und, wie ist es zu erklären, dass in allen Kulturkreisen der Welt der Tod als etwas extrem Schreckliches angesehen wird?

Ist es vielleicht mit dem (unbewussten) Wissen darum zu erklären, dass mit dem Tode doch nicht alles aus ist, die "Seele" also weiterexistiert, und, die Todesangst die Angst vor dem ist, was danach kommt?
Stanley Alvarez
Zitat:
Original von Archibald
Woher kommt eigentlich die Angst vor dem Tod, und, wie ist es zu erklären, dass in allen Kulturkreisen der Welt der Tod als etwas extrem Schreckliches angesehen wird?

Ich muss bei derartigen, recht häufig vorkommenden Aussagen immer erstmal stutzen. Wie kommt man ernsthaft dazu, beurteilen zu können, was "in allen Kulturkreisen" und allen Zeiten der Fall sei?

Dass übrigens eine derartige Einstellung zum Tod auch allein in der abendländischen Kultur schon nicht universal/zeitlos, sondern sogar erst ein recht junges Phänomen ist, hat Philippe Ariès in seiner Studie zur Geschichte des Todes dargestellt. Hier die Buchbeschreibung:

"In zwanzigjähriger Forschungsarbeit hat Ariès eine Fülle archäologischer, literarischer und liturgischer Quellen gesichtet, Sterberiten und Bestattungsbräuche untersucht, die Geschichte der großen städtischen Friedhöfe studiert und zahlreiche Testamente durchforscht. Entstanden ist eine Geschichte der Einstellungen des Menschen zum Tod und zum Sterben. Fast zwei Jahrtausende lang - "von Homer bis Tolstoi" - blieb im Abendland die Grundeinstellung der Menschen zum Tod nahezu unverändert. Der Tod war ein vertrauter Begleiter, ein Bestandteil des Lebens, er wurde akzeptiert und häufig als eine letzte Lebensphase der Erfüllung empfunden. Seit dem 19. Jahrhundert hat sich ein entscheidender Wandel vollzogen. Der Tod ist für den heutigen Menschen angsteinflößend und unfaßbar, und er ist außerdem in der modernen, leistungsorientierten Gesellschaft nicht eingeplant. Der Mensch stirbt nicht mehr umgeben von Familie und Freunden, sondern einsam und der Öffentlichkeit entzogen, um den "eigenen Tod" betrogen."
Ergo
Ein Einwurf, ohne den Anspruch auf Vollzähligkeit:

Die allgemeine Angst vor dem Tod ist eher ein Spezialgebiet der körperlich wirkenden Ängste bei Schmerzen und Unwohlsein durch Verletzung und Krankheit.
Schmerzen und Unwohlsein zu empfinden war ein evolutionärer Vorteil, der lebensverlängernd wirkt, gerade dann wenn im Memory der Person zusätzlich Krankheit und Verletzung, die zum Tod führte erlebt wurde. Der Tod wurde als das gesehen was er ist, das größte Ergebnis der stärksten Krankheiten und Verletzungen. Jedem tierischem Lebewesen ist der Selbsterhaltungstrieb gegeben, wo schon die Androhung oder die Möglichkeit von körperlich negativen Zuständen, körperliche, bewußte oder instinktive Reaktionen aus Angst hervorriefen. (z.B. beim Menschen durch den Adrenalinstoß ins Blut)

Die besonders starke Qual eines Sterbenden, oder sein Todeskampf wirkten extrem abschreckend vor dem Zustand des Todes. Die Leblosigkeit und Starre des Körpers, die Folgen des Zerfalls, sahen am Tod nichts Angenehmes. In der Urgesellschaft, wo noch fast täglich ums Überleben gekämpft wurde, war der Tod alles andere als erstrebenswert.
Stanley Alvarez
Zitat:
Original von Ergo
...

Zweite Methode der impliziten Universalisierung: Die Naturalisierung durch eine quasi-evolutionäre, bis in die menschliche Urgesellschaft zurückgehende Herleitung.

Aber warum von der Urgesellschaft reden? Warum nicht über das Hier und Jetzt?
Andrey
Selbst wenn wir die Angst vor dem Tod evolutionstheoretisch erklären können, bleibt doch die Frage offen, warum das Leben positiver bewertet wird als der Tod, und das geht bspw. dem Selbsterhaltungstrieb voraus.
Ergo
ich wollte damit nur deutlich machen, das es eine gewisse Konstante aus der evolutionären Entwicklung gibt, die eventuell stärker wirkt bei der Betrachtung von Leben und Tod, als die "Unkonstante", dem Grad der gesellschaftlichen Entwicklung zu Grunde gelegt Umgang mit dem Tod und der Angst.

Wie gesagt nur ein Einwurf, keine vollständige Aussage.
Sun Deluge
Zitat:
Original von Andrey
Selbst wenn wir die Angst vor dem Tod evolutionstheoretisch erklären können, bleibt doch die Frage offen, warum das Leben positiver bewertet wird als der Tod, und das geht bspw. dem Selbsterhaltungstrieb voraus.

Interessanter und m. M. n. wichtiger Ansatz!
Ergo
Zitat:
Original von Andrey
Selbst wenn wir die Angst vor dem Tod evolutionstheoretisch erklären können, bleibt doch die Frage offen, warum das Leben positiver bewertet wird als der Tod, und das geht bspw. dem Selbsterhaltungstrieb voraus.


da Sun Deluge drauf eingegangen ist, möchte ich einen möglichen Fehler anmerken:

Im menschlichem Bewußtsein wirken Triebe derart stark, dass sie das Verhalten und Handeln der Menschen entscheidend prägen, vor allen anderen Einflüssen, ... womit ich die obige Aussage, das die Problematik des Lebens und des Todes dem Selbsterhaltungstrieb vorausgeht verneinen möchte!
Neo
@Andreys Ansatz:

Ich finde das ist ein merkwürdiger Ansatz.
In etwa so wie die Frage, warum wir Temperaturen zwischen 10 und 40 Grad C als angenehm oder gerade noch erträglich finden, was darüber hinaus geht, als unangenehm.
Ist eigentlich simpel: ab 42 Grad denaturieren unsre Proteine, was bei länger andauernder Temperatur zum Tod führt.
Dass wir das Leben positiver bewerten als den Tod ist nicht unsere freie Entscheidung sondern wir sind darauf programmiert. Diejenigen die das nicht waren, sind nicht unsere Vorfahren und haben ihre Andersbewertung nicht weiter vererben können.
Andrey
Ganz so einfach ist es nicht: wir können zwar sagen, dass Selbsterhaltung insofern ein notwendiges Prinzip ist, als dass wir uns sonst gar nicht mit der Problematik des Todes befassen würden, da das Leben sich eventuell anders (oder gar nicht) entwickelt hätte (und man könnte damit die Frage nach dem Grund für die Angst vor dem Tod für sinnlos erklären). Aber wir können uns auch fragen, warum das so ist. Das ist doch u.a. der Stoff, mit dem sich die Religionen befassen.
Sun Deluge
Zitat:
Original von Neo
Dass wir das Leben positiver bewerten als den Tod ist nicht unsere freie Entscheidung sondern wir sind darauf programmiert. Diejenigen die das nicht waren, sind nicht unsere Vorfahren und haben ihre Andersbewertung nicht weiter vererben können.

Daran sind nur böse Erzählungen wie Religionen Schuld!!! Allein wie bös' und schrecklich der Tod auf Beerdigungen verkauft wird. Das zieht andere mit emotional herunter, tritt gleich der Gruppeneffekt während des Leichenschmaus ein. (Die Trauer spreche ich jedoch nicht ab, das ist wieder etwas anderes.) Sie alle wissen nicht von dem, was sie später erwarten wird. Die Angst vor dem unbekannten Zustand und dem nicht-wahr-haben-wollen-das-es-so-ist-Effekt.
Gene tragen nicht viel zur Ursache bei bzw. höchstens Teile der überwiegenden soziokulurellen Aspekte eingeprägt und weitervererbt werden d. h. somit verstärkt wird.
Neo
Zitat:
Original von Andrey
Aber wir können uns auch fragen, warum das so ist.

Warum was so ist?
dass das Leben nicht zum Erliegen kam oder dass wir uns die Frage nach der Angst vor dem Tod stellen?

falls Du erstes meinst:
da das Universum von einer evolvierenden Kraft getrieben wird, scheint es nur logisch, dass das Leben, als Teil davon, ebenfalls evolviert und nicht sofort wieder verschwand.
Wir wissen allerdings nicht, wieviel Anläufe es bis z einem solchen Universum brauchte.
Andrey
Die logische Notwendigkeit der Selbsterhaltung sehen wir hoffentlich alle ein.
Aber ich formuliere die Frage etwas um: Selbsterhaltung zu welchem Zweck?
Manche sagen: es ist ein Selbstzweck und nennen es dann Autopoiesis o.ä.
Andere sagen: es ist der Wille Gottes.
Ich bin der Meinung, da kann man sich ausdenken, was man will, alles geht.
Aber ich bin mir nicht sicher.
Neo
Ich glaube die Angst vor dem Tod ist tatsächlich nur ein Trick unseres Bewußtseins und beruht auf einer perspektivischen Verzerrung (und dieser Trick wiederum wurde uns evolutionsbedingt angezüchtet).
Die perspektivische Verzerrung beruht darauf, dass wir nur aus unserer Individualsicht heraus blicken können und da erscheint unsere Existenz begrenzt zwischen Anfang (Geburt) und Ende (Tod). Blickt man sich um, so fällt jedoch auf, dass es keine Anfänge und Enden gibt, sondern nur Zustandsänderungen in einem gigantischen, zusammenhängenden Entwicklungsprozess.

Wir kämen zB nie auf die Idee, die tagtägliche tausendfache Geburt neuer Hautzellen zu feiern, und tausendfaches Sterben eben derselben zu betrauern. Auch betrachen wir das nicht als Anfang oder Ende, sondern als Teil von uns selbst, welches über diese Vorgänge hinweg weiterbesteht.

Die Minute ist und bleibt Teil der Stunde. Ist die Minute vorüber, hat die Stunde nicht etwa 'ein Loch', sondern besteht nach wie vor aus ihren 60 Minuten. Und gäbe es diese eine Minute nicht, könnte keine Stunde existieren, sie würde auseinanderfallen, ihre Kontinuität verlieren.
Die Minute ist ebenso unsterblich wie die Stunde, der Tag, das Jahr. Und ebenso wie wir, und wie jeder Augenblick des Seins.
ewig
Zitat:
Original von Archibald
Woher kommt eigentlich die Angst vor dem Tod, und, wie ist es zu erklären, dass in allen Kulturkreisen der Welt der Tod als etwas extrem Schreckliches angesehen wird?


Das ist mit dem (unbewussten) Wissen zu erklären, dass ja mit dem Tode doch nicht alles aus ist, die "Seele" also weiterexistiert, und die Todesangst die Angst vor dem ist, was danach kommt. Die meisten glauben nämlich, daß es sich schon bei der so genannten irdischen Existenz um ein Dasein in der Vorhölle handelt und haben daher große Angst vor den Zuständen in Hölle und Nachhölle. Man muß nämlich annehmen, daß dort der Klimawandel bereits sehr viel weiter fortgeschritten ist.
Stanley Alvarez
Zitat:
Original von Archibald
Ist es vielleicht mit dem (unbewussten) Wissen darum zu erklären, dass mit dem Tode doch nicht alles aus ist, die "Seele" also weiterexistiert, und, die Todesangst die Angst vor dem ist, was danach kommt?

Zitat:
Original von ewig
Das ist mit dem (unbewussten) Wissen zu erklären, dass ja mit dem Tode doch nicht alles aus ist, die "Seele" also weiterexistiert, und die Todesangst die Angst vor dem ist, was danach kommt...

???

Zitat:
Die meisten glauben nämlich, daß es sich schon bei der so genannten irdischen Existenz um ein Dasein in der Vorhölle handelt...

Wer sind "die meisten"? Ist das ein Witz?
Epic
Die meisten seelischen Probleme verschwinden, wenn die Gedanken aufhören, ihre alten Geschichten zu erzählen.
Angst verschwindet, wenn deine Gedanken aufhören, zukünftige negative Situationen zu erschaffen, auf die dein Körper so reagiert, als wären sie eine gegenwärtige Wirklichkeit.

-Osho-
Neo

Der Tod ist ein unentbehrlicher Bestandteil des Glaubenmüssens.
Ohne das Bewusstsein vom Tode ist alles gewöhnlich, banal. Nur
deshalb, weil der Tod uns umschleicht, ist die Welt ein
unergründliches Mysterium. Auf diese Weise glauben zu müssen ist
Ausdruck der innersten freien Wahl eines Kriegers.

Der Tod ist ewig unser Gefährte. Er ist immer zu unserer Linken, eine
Spanne weit hinter uns. Der Tod ist der einzige weise Ratgeber, den
ein Krieger hat. Immer wenn er glaubt, dass alles schief geht und
seine Vernichtung droht, kann er sich an seinen Tod wenden und
fragen, ob dem so ist. Sein Tod wird ihm sagen, dass er sich irrt, dass
nichts von Bedeutung ist außer der Berührung des Todes. Sein Tod
wird ihm sagen: »Noch habe ich dich nicht berührt. «

In einer Welt, wo der Tod der Jäger ist, gibt es keine Zeit für Reue
oder Zweifel. Es gibt nur Zeit für Entscheidungen. Welche
Entscheidungen, das spielt keine Rolle. Nichts könnte wichtiger oder
weniger wichtig sein als alles andere. In einer Welt, wo der Tod der
Jäger ist, gibt es keine kleinen oder großen Entscheidungen. Es gibt
nur Entscheidungen, die ein Krieger im Angesicht seines
unausweichlichen Todes trifft.

Ein Krieger muss vor allem wissen, dass seine Taten sinnlos sind, und
doch muss er handeln, als wüsste er dies nicht. Das ist die
kontrollierte Torheit des Schamanen.

Ein Krieger hat keine Ehre, keine Würde, keine Familie, keinen
Namen, keine Heimat; er hat nur das Leben, das gelebt werden muss,
und die einzige Verbindung zu seinen Mitmenschen ist unter diesen
Umständen seine kontrollierte Torheit.

Ein Krieger braucht keine persönliche Geschichte. Eines Tages findet
er, dass er sie nicht mehr braucht, und er wirft sie weg.

Der gewöhnliche Mensch ist entweder siegreich oder besiegt und
wird, je nachdem, zum Verfolger oder zum Opfer. Diese zwei
Zustände herrschen vor, solange man nicht sieht. Das Sehen vertreibt
die Illusion des Sieges, der Niederlage oder des Leidens.

Die Welt ist all das, was hier beschlossen liegt: das Leben, der Tod,
die Menschen und alles andere um uns her. Die Welt ist unbegreiflich.
Wir werden sie nie verstehen; wir werden niemals ihre Geheimnisse
ergründen. Darum müssen wir die Welt nehmen, wie sie ist: als reines
Mysterium.


(aus: Carlos Castaneda, Das Rad der Zeit)
Archibald
@ Andrey:

Ich sehe es jetzt mal ganz einfach und sage:

Der Selbsterhaltungstrieb ist nur eine Projektion der Angst vor dem Tod.
Andrey
Zitat:
Der Selbsterhaltungstrieb ist nur eine Projektion der Angst vor dem Tod.

Ich würde dazu sagen: ja und nein, weil es umgekehrt genauso denkbar wäre. Allerdings stelle ich fest, dass man die Frage noch weiter umformen kann in: was ist der Sinn des Lebens? So. Und jetzt?
gruebel