Wer/was sind Kinder?

-Sabine-
Wer/was sind Kinder in unserer Gesellschaft?

Noch nie wurde Kindheit so groß geschrieben und trotzdem scheint es sehr sehr divergierende Auffassungen von Kindeswohl und den Rechten und Pflichten von Kindern zu geben - vielleicht, weil kaum jemand weiß - oder wissen will? - was Kinder brauchen, wer sie sind?

Was ist wichtig(er)? Materielle Versorgung? Bildung? Psychische Gesundheit und Resilienz?

Dürfen Kinder wirklich einfach als Kinder leben und sich ernst genommen fühlen oder werden sie nur auf die Schule/den Beruf/das Erwachsensein vorbereitet?

Sind Kinder ein "Vorstufe" des Menschseins, das sich am Erwachsenen orientiert?

Wie sehr Ihr das - gesamtgesellschaftlich, aber auch individuelll?
Ahorn
Mien Jung ist heute eingezogen worden und ist jetzt bei den Fallschirmspringer. Ich finde mein Nachwuchs ist einwenig heftig geworden, macht Kampfsport, finde ich viel zu brutal dieses Kickboxen.
Neo
Zitat:
Original von -Sabine-
Dürfen Kinder wirklich einfach als Kinder leben und sich ernst genommen fühlen oder werden sie nur auf die Schule/den Beruf/das Erwachsensein vorbereitet?


Siht man mal vom Blick der Eltern ab, wie die ihre Kinder sehen, sind Kinder in einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft, in der es auf Biegen und Brechen darum geht, noch effizienter zu werden, um noch mehr Profit für das Kapital zu erwirtschaften, i.e.L. Verwertungspotential. *)
Es kommt nicht von Ungefähr dass die Schüler heutzutage im Vergleich zu vor 20 Jahren kaum mehr Freizeit haben, weil man - genau wie bei der abeitenden Bevölkerung - versucht, das letzmögliche an Mehrleistung aus ihnen herauszupressen. Ist also in meinen Augen nicht nur konsequent, sondern in unserem System auch unvermeidbar (was natürlich vehement abgestritten wird, was dann wiederum mich einigermaßen ankotzt).
Klüger werden sie dadurch jedenfalls nicht, wenn die Statistiken stimmen. Die natürliche Freude am Experimentieren und spielerischem Lernen muß dabei zwangsläufig auf der Strecke bleiben.

Und dauerhaft zu 100% Vollast zu fahren, ohne die notwendigen Ruhepausen, führt langfristig zu Leistungseinbußen.
Bei Maschinen kapiert das der größte Vollidiot, bei Menschen offenbar nicht.

EDIT:
*) Warum sollten in einer kapitalistischen Gesellschaft Kinder als etwas anderes gesehen werden, wie andere Menschen auch: nämlich als menschliche Betriebsmittel (human resources), bzw. bei den Kindern: als künftige Betriebsmittel; so wie nachwachsende Rohstoffe.
Sun Deluge
Es werden neue Ressourcen gezüchtet. Nicht nur Erwachsene werden herangezogen, sondern auch die Kleinsten optimiert, damit sie bloss das jetzt noch laufende Zahnrad ablösen und im Vorraus Sicherheit bieten (schliesslich gibts noch viele Schuldenlöcher zu stopfen und irgend jemand muss in Zukunft noch die Renten zahlen). Damals war es Kanonenfutter und die Mütter haben ab fünf Kinder einen Orden bekommen, heute dient es als Arbeitsfutter.
Naja, Produktion wandert aus diversen Gründen ins Ausland und in Deutschland ist (neben Dienstleistung und Handwerk) mehr Forschung gefragt, was kluge Köpfe erfordert, schon im frühen Alter.
Warum es immer noch ein Wurf mehr gibt, so unüberlegt, was weiss ich...
JFooo
Hallo Sabine,


Zitat:
Dürfen Kinder wirklich einfach als Kinder leben und sich ernst genommen fühlen oder werden sie nur auf die Schule/den Beruf/das Erwachsensein vorbereitet?

Ich bin der Meinung, das das Kindsein in erheblichem Maße zu kurz kommt und eine systemorientierte Konditionierung immer früher und mit recht hohem Druck erfolgt. Dies ver-/behindert denke ich, das sich subjektive Identitätsmerkmale gar nicht erst entwickeln können, oder dies zumindest nicht ausreichend tun. Ich habe mal vor längerem gelesen, das wohl 70% der Eltern in Deutschland Durchsetzungsfähigkeit als Hauptziel ihrer Erziehung sehen. Vermutlich mit dem Hintergrund, in unserer Leistungsgesellschaft bestehen zu können und in einem immer härter werdenden Berufsleben erfolgreich zu sein. Ich sehe diese Tendenz, falls da was dran ist, sehr kritisch, weil ein freies intuitives entdecken, orientieren und erleben der Umwelt, mit allen ihren Eindrücken nicht mehr ausreichend gegeben ist. Andererseits würde ich aber auch in Erwägung ziehen, das Kinder (und nicht nur die) heute einer enormen Reizüberflutung ausgesetzt sind, welche neben einem zu hohen Erziehungs- und Bildungsdruck seitens der Eltern, bzw. der Schule, eine zusätzliche Überforderung hervor ruft/hervor rufen kann, und darüber hinaus einem recht hohen Grad an Abgrenzung von der ureigenen Subjektivität zuträglich ist.

Zitat:
Sind Kinder ein "Vorstufe" des Menschseins, das sich am Erwachsenen orientiert?

Ich nehme mal an, Du meinst Vorstufe des Erwachsenseins ? Menschen sind sie ja bereits, würde ich sagen. Orientieren tun sie sich sicherlich an den Erwachsenen und der von ihnen gestalteten Welt. Woran auch sonst.

Zitat:
Wie sehr Ihr das - gesamtgesellschaftlich, aber auch individuelll?

Individuell gefallen mir diese Zeilen ganz gut.


freundliche Grüße
Ahorn
Zitat:
Original von JFooo


Zitat:
Wie sehr Ihr das - gesamtgesellschaftlich, aber auch individuelll?

Individuell gefallen mir diese Zeilen ganz gut.


freundliche Grüße


Sun Deluge und Neo,

ich finde eure Beiträge beschreiben es sehr passend und ich empfinde es als schrecklich das es auch wohl so ist. Kinder sind nur noch Zahlen und sie werden mit dem Dollarzeichen im Auge betrachtet ob sie später einen Wirtschaftlichen nutzen bringen in dieser kapitalistischen Leistungsgesellschaft. Sie werden früh konditioniert damit sie möglichst viel arbeiten und konsumieren, und wenn es geht auch früh sterben.

Deswegen halte ich es für gut, wenn Kinder im geiste einer anderen Atmosphäre aufwachsen ohne sich aber auszugrenzen. Hierzu glaube ich das eine gut gewählte fernöstliche spirituelle Umgebung den Kindern und der Gesellschaft gut tut. Kinder werden dann nicht mehr als Ware gesehen und können nicht mehr so leicht verzweckt werden. Die Kinder sind ausgeglichener, kommen mit der Vernunft in berührung und geben dieses schöne Gedankengut an ihre Kinder später weiter.
theophanu
@ sabine

Schön, daß es endlich mal einen Thread über Kinder gibt.
Sie sind - so ganz nebenbei :-) - in jeder Beziehung ein riesiger Erkenntnispool.

@ IFooo

Ich stimme Dir vollkommen zu. Und das trifft es ganz genau:
Zitat:
Individuell gefallen mir diese Zeilen ganz gut.


De facto ist ein elterlicher Spagat zu leisten, den Kindern in ihren ureigenen Anlagen gerecht zu werden und sie gleichzeitig in die Gesellschaft einzureihen, in der sie ja irgendwann alleine zurechtkommen sollen.

Aber:
Bei aller Jammerei, daß Kinder in eine Leistungsgesellschaft hineingepreßt werden sollen, was ich als Mutter zweier Kinder zum Teil nachvollziehen kann, sollten wir bei alledem nicht übertreiben.

Noch nie vorher hat es in unserer Geschichte eine so lange Zeit des Friedens gegeben (der Beitrag Ahorns erinnert mich daran), noch nie war eine Gesellschaft so wohlhabend, daß niemand verhungern muß.
Kinder wurden zu allen früheren Zeiten in eiserne gesellschaftliche Ketten gelegt. Den hochgeborenen wurde Disziplin, Anstand, Bildung bis zum Erbrechen angezüchtet, den niedergeborenen sieben Tage Kinderarbeit statt Kinderfreizeit.

Dem Kind als Individuum gerecht werden und stärken,
ihm innere Werte aufzeigen u n d vorleben, die sich vom oberflächlichen mainstream abheben, ist die eine Seite der Führung.
Die andere ist, dem Kind bewußt zu machen, daß es Teil einer Gesellschaft ist, die nur existieren kann, wenn ein jedes Individuum seinen Teil dazu beiträgt, dieses schützende Gefüge mitzutragen und darin mitarbeitet, es zu verbessern.
JFooo
Hallo theophanu und die anderen,

Zitat:
Schön, daß es endlich mal einen Thread über Kinder gibt. Sie sind - so ganz nebenbei :-) - in jeder Beziehung ein riesiger Erkenntnispool. ...
De facto ist ein elterlicher Spagat zu leisten, den Kindern in ihren ureigenen Anlagen gerecht zu werden und sie gleichzeitig in die Gesellschaft einzureihen, in der sie ja irgendwann alleine zurechtkommen sollen.


Das mit dem elterlichen Spagat ist wohl wahr. Aber es ist wohl immer wieder so, das Eltern sagen, das sie trotz aller Anstrengungen und Entbehrungen, die glücklichsten Menschen der Welt sind. Da scheint wohl was dran zu sein. Kann da allerdings nicht aus Erfahrung sprechen und will das auch nicht verallgemeinern, da es, denke ich, andererseits nicht unbedingt selten ist, das Erwachsene selbst schon mit ihren ganz eigenen Sorgen, Ansprüchen, Aufgaben äußerst gefordert sind... und dann "passieren auch noch Kinder(-wünsche)". ...aber gut, ich will mich mit meinem "Pessimismus" doch eher mal zurückhalten. smile

freundliche Grüße
-Sabine-
Zitat:
Original von theophanu
Sie sind - so ganz nebenbei :-) - in jeder Beziehung ein riesiger Erkenntnispool.


Das erfahre/erlebe ich auch täglich. Wie schön, dass Du es auch so empfindest smile

@ IFooo

Khalil Gibrans Spruch mag ich auch sehr gerne. Er fasst etwas in prägnante Worte, was ich sehgr wichtig finde und das teilweise auch in dem Wort Spagat zum Ausdruck kommt, das hier fiel.

Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen - weg vom marxistischen Wirtschaftsgut - und sagen, unser Staat will leicht händelbare Bürger, quasi Lemminge, die mehr oder minder blind tun, was man ihnen sagt. Dazu dient die kollektive Erziehung in Institutionen, die jegliche Individualität schon früh im Keim erstickt. Nicht umsonst greifen alle totalitären System auf diese Form der Gemeinschaftserziehung zurück.

Zitat:
Dem Kind als Individuum gerecht werden und stärken, ihm innere Werte aufzeigen u n d vorleben, die sich vom oberflächlichen mainstream abheben, ist die eine Seite der Führung. Die andere ist, dem Kind bewußt zu machen, daß es Teil einer Gesellschaft ist, die nur existieren kann, wenn ein jedes Individuum seinen Teil dazu beiträgt, dieses schützende Gefüge mitzutragen und darin mitarbeitet, es zu verbessern.


Die Frage, die sich mir da stellt, ist: Ziehe ich einen Lemming groß oder jemanden, der zwar humanistisch orientiert und gemeinschaftsfähig ist, der aber auch das Rückgrat hat, sich den fatalen "Trends" in unserer Gesellschaft auf eine konstruktive Art und Weise zu widersetzen. Denn das wäre in meinen Augen schon nötig.
Archibald
@ Sabine:

Es gab mal (Mitte der 80-er) ein interessantes Buch des Soziologen "Neil Postman" zu diesem Thema mit dem Titel "Das Verschwinden der Kindheit".
Vom Prinzip argumentiert er so:

Die alten Griechen kannten keine "Kinder", esgab nur "kleine Menschen". Die moderne Zivilisation "erschuf" die "Kindheit" als Kultur, aber, sie ist im Begriff, wieder zu verschwinden.

M.E. ziemlicher Blödsinn, aqber, das Buch war damals sehr bekannt.
JFooo
@Sabine


Zitat:
Dem Kind als Individuum gerecht werden und stärken, ihm innere Werte aufzeigen u n d vorleben, die sich vom oberflächlichen mainstream abheben, ist die eine Seite der Führung. Die andere ist, dem Kind bewußt zu machen, daß es Teil einer Gesellschaft ist, die nur existieren kann, wenn ein jedes Individuum seinen Teil dazu beiträgt, dieses schützende Gefüge mitzutragen und darin mitarbeitet, es zu verbessern.


Das Zitat stammt von theophanu. Nicht das hier was durcheinander kommt. Zwinker
JFooo
Zitat:
Original von -Sabine-
Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen - weg vom marxistischen Wirtschaftsgut - und sagen, unser Staat will leicht händelbare Bürger, quasi Lemminge, die mehr oder minder blind tun, was man ihnen sagt. Dazu dient die kollektive Erziehung in Institutionen, die jegliche Individualität schon früh im Keim erstickt. Nicht umsonst greifen alle totalitären System auf diese Form der Gemeinschaftserziehung zurück.

Ich glaube nicht, das unser Staat das will. Eher im Gegenteil. Als "Übeltäter" sehe ich da eher eine zu große Freiheit der Marktwirtschaft, die zwar bisher vom Staat gefördert, bzw. toleriert wird, aber ich unterstelle da keine Absicht. Die Trends werden heute von den absatz- und gewinnorientierten Wirtschaftsunternehmen gesetzt, die irgendwie ihre Produkte zu Geld machen wollen. Bedarf wird mittels Werbung künstlich erzeugt. Die Werbung züchtet die Lemminge.
Stanley Alvarez
Ehrlich gesagt überfordern mich die Beiträge hier etwas... man weiß gar nicht, was man auf soviel Simplizität noch erwidern soll.

hmmmmm...

Zitat:
Original von Neo
... um noch mehr Profit für das Kapital zu erwirtschaften...

Wer oder was ist "das Kapital"?

Zitat:
... dass die Schüler heutzutage im Vergleich zu vor 20 Jahren kaum mehr Freizeit haben...

Kannst du irgendwelche Quellen nennen - Statistiken, Studien, Artikel -, durch die diese Feststellung bekräftigt wird? Und warum vor 20 Jahren? Was hat sich in der Zwischenzeit geändert? Der Neoliberalismus ist ja schon älter...

Zitat:
Klüger werden sie dadurch jedenfalls nicht, wenn die Statistiken stimmen.

Welche Statistiken meinst du? Sowas wie PISA? Sind diese Art der Studien denn nicht selbst neoliberale Techniken?

Zitat:
Warum sollten in einer kapitalistischen Gesellschaft Kinder als etwas anderes gesehen werden, wie andere Menschen auch: nämlich als menschliche Betriebsmittel (human resources) ...

Beziehst du dich da mit ein? Bist auch du nichts weiter als ein menschliches Betriebsmittel?

Zitat:
Original von SunDeluge
Es werden neue Ressourcen gezüchtet... Damals war es Kanonenfutter ..., heute dient es als Arbeitsfutter.

Auch dir die Frage: Beziehst du dich da mit ein? Bist auch du nichts weiter als eine menschliche Ressource und "Arbeitsfutter"?

Zitat:
schliesslich gibts noch viele Schuldenlöcher zu stopfen und irgend jemand muss in Zukunft noch die Renten zahlen

... ah... also ist der Sozialstaat und das System der sozialen Absicherung das Problem? Sollte man die soziale Hand des Staates daher besser abschaffen?

Zitat:
Original von JFooo
Ich nehme mal an, Du meinst Vorstufe des Erwachsenseins ? Menschen sind sie ja bereits, würde ich sagen.

Das ist historisch durchaus nicht selbstverständlich, Kinder bereits als "Menschen" und nicht als Dinge zu betrachten. Ja, betrachtet man die Versachlichung von Kindern durch Formulieren eines Eigentumsanspruches seitens der Eltern, so war das meines Erachtens auch vor 50 Jahren noch üblich und auch heute nicht aus der Welt geschafft.

Zitat:
Ich glaube nicht, das unser Staat das will. Eher im Gegenteil. Als "Übeltäter" sehe ich da eher eine zu große Freiheit der Marktwirtschaft...

Unabhängig vom Inhalt, aber warum das Wort "Übeltäter"? Du hast es zwar selbst schon in Anführungsstriche gesetzt, aber warum diese unnötige Personifizierung? Hätte es das Wort "Problem" nicht genauso, wenn nicht gar besser getan? Dann klänge es auch nicht so widerlich distanziert und unbeteiligt...
Nichts für ungut...

Zitat:
Original von Ahorn
Deswegen halte ich es für gut, wenn Kinder im geiste einer anderen Atmosphäre aufwachsen ohne sich aber auszugrenzen. Hierzu glaube ich das eine gut gewählte fernöstliche spirituelle Umgebung den Kindern und der Gesellschaft gut tut. Kinder werden dann nicht mehr als Ware gesehen und können nicht mehr so leicht verzweckt werden. Die Kinder sind ausgeglichener, kommen mit der Vernunft in berührung und geben dieses schöne Gedankengut an ihre Kinder später weiter.

Komischerweise sind doch aber gerade die Menschen in den fernöstlichen Gesellschaften (Japan, China, Korea...) noch am ehesten das, was man als "human ressources", "Arbeitsfutter", "menschliche Betriebsmittel" bezeichnen könnte, die als Individuen jederzeit austauschbar zu sein scheinen. Auf jedenfall deutlich mehr als hierzulande. Woran liegt das? Was ist mit der "fernöstlichen spirituellen Umgebung" passiert?

Zitat:
... und wenn es geht auch früh sterben.

Wie kommst du denn darauf?

Zitat:
Original von -Sabine-
Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen - weg vom marxistischen Wirtschaftsgut - und sagen, unser Staat will leicht händelbare Bürger, quasi Lemminge, die mehr oder minder blind tun, was man ihnen sagt.

Es gibt keinen materiell vorhandenen Staat. Also kann der nicht vorhandene Staat auch nicht so gut Dinge wollen. Also wer genau will das, was du sagst? Die Frau Merkel vielleicht?

Zitat:
Dazu dient die kollektive Erziehung in Institutionen, die jegliche Individualität schon früh im Keim erstickt.

Welche Institutionen meinst du denn? Kindertagesstätten? Schulen?

Zitat:
Original von Archibald
Es gab mal (Mitte der 80-er) ein interessantes Buch des Soziologen "Neil Postman" zu diesem Thema mit dem Titel "Das Verschwinden der Kindheit".
Vom Prinzip argumentiert er so:

Die alten Griechen kannten keine "Kinder", esgab nur "kleine Menschen". Die moderne Zivilisation "erschuf" die "Kindheit" als Kultur, aber, sie ist im Begriff, wieder zu verschwinden.

Da ist er nicht der erste. Schon Philippe Ariès, ein Annales-Historiker, hat in den '60ern eine Studie zur "Entdeckung" der Kindheit veröffentlicht, wobei er nicht bis in die Antike zurückgeht, sondern der modernen Konstruktion von Kindheit die Vorstellung des Mittelalters entgegensetzt.

Zitat:
M.E. ziemlicher Blödsinn, aqber, das Buch war damals sehr bekannt.

Was genau ist da "ziemlicher Blödsinn"? Die Feststellung, dass das Gebilde "Kindheit" nicht schon immer existiert hat, oder die Behauptung, dass sie bereits wieder am verschwinden sei? Also erstere Feststellung stammt ja nicht allein von "Neil Postman" (wozu eigentlich die Anführungsstriche?) und ist auch bis heute noch wirksam. Bei zweiterem denke ich: Wir treiben ja nicht wieder auf vormoderne Familienstrukturen zu, sondern eher auf quasi postmoderne. Es findet durchaus ein Wandel statt, auch was den Aspekt "Kindheit" betrifft. "Verschwinden" würde ich dazu aber nicht sagen.


hmmmmmm...
Neo
Zitat:
Original von Stanley Alvarez
Ehrlich gesagt überfordern mich die Beiträge hier etwas... man weiß gar nicht, was man auf soviel Simplizität noch erwidern soll.


traurig


Zitat:
Original von Stanley Alvarez
Zitat:
Original von Neo
... um noch mehr Profit für das Kapital zu erwirtschaften...

Wer oder was ist "das Kapital"?

Was verstehst Du unter 'ist' ('sein') ?

Zitat:
Original von Stanley Alvarez
Zitat:
... dass die Schüler heutzutage im Vergleich zu vor 20 Jahren kaum mehr Freizeit haben...

Kannst du irgendwelche Quellen nennen - Statistiken, Studien, Artikel -, durch die diese Feststellung bekräftigt wird? Und warum vor 20 Jahren? Was hat sich in der Zwischenzeit geändert? Der Neoliberalismus ist ja schon älter...

Schon mal was von G8 gehört? Ich brauche da keine Statistiken, einfache Beobachtung der heutigen armen Schweine und Vergleichen mit meiner eigenen Schulzeit genügt. Und uns wurde damals wahrhaft auch nichts geschenkt, trotz der 9 Jahre Gymmi.

Zitat:
Original von Stanley Alvarez
Zitat:
Klüger werden sie dadurch jedenfalls nicht, wenn die Statistiken stimmen.

Welche Statistiken meinst du?

War nicht erst kürzlich davon die Rede, dass die Gesellschaft immer dümmer wird?

Auch hier brauche ich keine Statistiken. Wenn Unternhemen klagen, sie könnten ihre offenen Lehrstellen nicht besetzen, weil es bereits an den Basics wie Lesen oder einen fehlerfreien Brief zu schreiben mangelt, vom Rechnen wollen wir mal nicht reden, dafür gibts ja Computer, dann spricht das Bände.

Zitat:
Original von Stanley Alvarez
Zitat:
Warum sollten in einer kapitalistischen Gesellschaft Kinder als etwas anderes gesehen werden, wie andere Menschen auch: nämlich als menschliche Betriebsmittel (human resources) ...

Beziehst du dich da mit ein? Bist auch du nichts weiter als ein menschliches Betriebsmittel?

Korrekt. In den Augen unserer kapitalistischen Unternehmensführung bin ich genau das. Und überdies auch noch ein überteuertes, welches den optimalen Reinvestitionszeitpunkt bereits überschritten hat.
JFooo
Zitat:
Original von Stanley Alvarez
Unabhängig vom Inhalt, aber warum das Wort "Übeltäter"? Du hast es zwar selbst schon in Anführungsstriche gesetzt, aber warum diese unnötige Personifizierung? Hätte es das Wort "Problem" nicht genauso, wenn nicht gar besser getan?

Das zeigt mir, wie verschieden doch unsere Geschmäcker sind.
Stanley Alvarez
Zitat:
Original von JFooo
Zitat:
Original von Stanley Alvarez
Unabhängig vom Inhalt, aber warum das Wort "Übeltäter"? Du hast es zwar selbst schon in Anführungsstriche gesetzt, aber warum diese unnötige Personifizierung? Hätte es das Wort "Problem" nicht genauso, wenn nicht gar besser getan?

Das zeigt mir, wie verschieden doch unsere Geschmäcker sind.

Was hat das denn mit Geschmack zu tun? Aber ja, ich find es in dem Sinne schon ziemlich geschmacklos, die "Freiheit der Marktwirtschaft" zu personifizieren. Ich finds ja schon albern, wenn man das bei "dem Staat" oder "dem Kapital" macht. Wie gesagt: ich finde es unnötig und betont distanziert und unbeteiligt...
Gil Gamesh
Zitat:
Original von -Sabine-
Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen - weg vom marxistischen (!) Wirtschaftsgut - und sagen, unser Staat will leicht händelbare Bürger, quasi Lemminge, die mehr oder minder blind tun, was man ihnen sagt. Dazu dient die kollektive Erziehung in Institutionen, die jegliche Individualität schon früh im Keim erstickt. Nicht umsonst greifen alle totalitären System auf diese Form der Gemeinschaftserziehung zurück.


Geh doch einfach noch einen oder zwei Schritte weiter. Der demokratische Staat will Bürger, die sich mitsamt ihrer Individualität nützlich für das Gemeinwesen machen, freiwillig und selbstbewusst allen staatbürgerlichen Pflichten widmen sowie innerhalb von Recht und Gesetz den privaten Erfolg vermuten und ihm frustrationstolerant nachstreben. Und genau für dieses Ziele sind Bildung und Erziehung gut!
-Sabine-
Zitat:
Original von Gil Gamesh
Geh doch einfach noch einen oder zwei Schritte weiter. Der demokratische Staat will Bürger, die sich mitsamt ihrer Individualität nützlich für das Gemeinwesen machen, freiwillig und selbstbewusst allen staatbürgerlichen Pflichten widmen sowie innerhalb von Recht und Gesetz den privaten Erfolg vermuten und ihm frustrationstolerant nachstreben. Und genau für dieses Ziele sind Bildung und Erziehung gut!


Das ist die Theorie eines hypothetischen demokratischen Staates. Sind wir der wirklich noch?

Ich finde nicht. Wir "verheizen", sprich instrumentalisieren unsere Kinder und ziehen sie unter Bedingungen groß, die ihnen definitiv nicht bekommen. Nicht umsonst haben wir ein rasantes Anwachsen von Verhaltensauffälligkeiten und Schulschwierigkeiten (die schon im KiGa beginnen) bis hin zu psychiatrischen Erkrankungen.

Das kann unser Staat irgendwann nicht mehr finanzieren - und hat das wohl auch schon gemerkt. Aber "gedreht werden" soll - und wird - wieder an den Kindern und nicht an ihren Umweltbedingungen. Weil keiner der Erwachsenen wirklich Rücksicht auf sie nehmen will. Also müssen sie ins Erwachsenensystem passen - obs ihnen gut tut oder nicht. Und je mehr KInder von Störungen betroffen sind, umso "normaler" wird es und keiner hinterfragt mehr die Ursachen - siehe AD(H)S.
Stanley Alvarez
Zitat:
Original von -Sabine-
Zitat:
Original von Gil Gamesh
Geh doch einfach noch einen oder zwei Schritte weiter. Der demokratische Staat will Bürger, die sich mitsamt ihrer Individualität nützlich für das Gemeinwesen machen, freiwillig und selbstbewusst allen staatbürgerlichen Pflichten widmen sowie innerhalb von Recht und Gesetz den privaten Erfolg vermuten und ihm frustrationstolerant nachstreben. Und genau für dieses Ziele sind Bildung und Erziehung gut!


Das ist die Theorie eines hypothetischen demokratischen Staates. Sind wir der wirklich noch?

Kannst du das "noch" näher ausführen? Wann existierte denn dieser Staat, den du jetzt nicht mehr existent siehst?

Und so abwegig finde ich das Bild von Gil Gamesh gar nicht. Das ist ja vielmehr nach wie vor das Ziel, das der politischen Logik zugrunde liegt. Es wäre ja auch dumm, wenn nicht. Keine Herrschaft ist stabiler als wenn die Bevölkerung selbst die Stabilität der Herrschaft als ihre eigenen Ziele und Wünsche, als ihre eigene Entscheidung betrachtet. Daher ist es völlig absurd, wenn hier dauernd das Bild eines despotischen Staates gezeichnet wird, der die Bevölkerung für seine eigenen Ziele missbraucht, während diese hilflos gehorchen muss.
Es mag sein, dass "der Staat" die Bevölkerung für seine Ziele "missbraucht". Das perfide aber ist, dass es nicht gegen deren Willen geschieht; dass die Ziele des Staates zu ihren Zielen gemacht werden; dass sie sich sehr wohl freiwillig diesen Zielen widmen.

Es läuft sehr wohl vieles falsch, ich möchte nichts beschönigen und ich begrüße Kritik sehr. Aber diese Art der Sündenbockrhetorik und der Suche nach "Übeltätern" (der man natürlich nie selbst ist), erinnert mich zu sehr an die Kapitalismuskritik in den 20ern und 30ern des letzten Jahrhunderts (und darüber hinaus). Dem kann ich einfach nichts abgewinnen...
-Sabine-
Dann lass das "noch" doch einfach weg Zwinker ?

Davon ab: Ist es freiwillig, wenn Du Dir eine Banane kaufts, nachdem in einen Film nicht bewusst bemerkbare Sequenzen mit Bananen gezeigt wurden? Ich würde sagen, dass ist Manipulation. Ebenso wenig halte ich einen als "Lemming" groß gezogenen Menschen für in der Lage, tatsächlich freiwillige Entscheidungen zu treffen.

Und zum Sündenbock: Zumindest ich bin der Einstellung, dass WIR!!!, also auch ICH!, "die" Gesellschaft sind und soit bei uns mit Änderungen anfangen müssen, respektive in diesen Kontext: Bei unseren Kindern. Indem wir ihnen andere Bedingungen bieten.