Demokratie - Diktatur der Masse?

Nero
Guten Abend ihr,
Ich habe soeben die Foren gesucht und bin nicht auf ein explizites Thema gestoßen was meine Frage einigermaßen beantwortet, deswegen habe ich mich dazu entschlossen ein eigenes Thema auf zu machen.

Ein kleines Vorwort: Ich bin selbst noch Schüler und besuche die 11. Klasse eines Gymnasiums. In unserem Unterricht gab es eine Abstimmung über irgendeinen eher unwichtigen Kram, Resultat war: 60% Für 40% dagegen.

Für uns Schüler war die Sache nun beschlossen, die 60% sind mehr und deswegen wird das Anliegen durchgesetzt. Allerdings meinte unser Lehrer, der natürlich quasi eine Art Souverän bildet, schließlich hängt es von ihm ab was gemacht wird, dass wir tun was die 40% wollen denn Demokratie ist nicht die Diktatur der Masse!

Soweit so gut allerdings stellt sich mir da die Frage, mit welchem Recht handelt er so bzw. warum meint er das tun zu müssen?
Natürlich kann man behaupten der Lehrer war für Anfang an für die 40% und hat sich dementsprechend einfach durchgesetzt, was allerdings den Sinn der Abstimmung liquidiert.
D.h. letzendlich war in meinen Augen die Abstimmung eher 2. rangig wenn unser Souverän, Der Lehrer, allein entscheidet was getan wird.

( Ich möchte noch anmerken das wir im Unterricht nicht darüber diskutiert haben, ganz im Gegenteil der Lehrer hat das nur gesagt und dann mit der nächsten Einheit angefangen. Allerdings schien das nur mich zu verwundern, wie dem auch sei )

Kann man soetwas auch über die schulische Ebene beziehen? Sollte man Minderheiten bevorzugt behandeln, weil sie eben Minderheiten sind und dadurch in einer Demokratie nicht zum Zuge kommen können?

Oder sollte man doch eher dem Großteil der Klasse den Vorrang lassen um so wenigstens viele Zufriedene haben und weniger Unzufriedene ?
Ist es nicht meist besser was die Mehrheit entscheidet? Oder ist das, was die Mehrheit entscheidet nur für die Mehrheit besser? Und diese kann sich dadurch einen Vorsprung erarbeiten?
Ist so eine Gleichberechtigung überhaupt vereinbar? Oder muss ich den Begriff der Gleichberechtigung mir selbst neu definieren? Quasi Gleichberechtigung ist nichtmehr das was die meisten wollen sondern Gleichberechtigung ist das was allen hilft?
Wobei sich mir nun wieder die Frage stellt, was hilft allen? Das was die meisten wollen? Damit dreh ich mich ja nur im Kreise. Oder ist das meine Art der Antwort ? Kann eine Demokratie garkeine Ideal für alle sein?

Hier fällt mir nun auch selbst schon auf, ein Ideal für alle wird nie existieren, deswegen wird man sich wohl an der Mehrheit orientieren müssen, eben zu ungunsten der Minderheiten.

Ist das Demokratie, wenn alle anscheind das Gleicherecht haben, also Quantiät entscheidend ist? Denn es scheint doch so, als wäre die Mehrheit ganz klar an der Macht.

Fragen über Fragen und niemand sonst mit dem ich drüber reden kann Zwinker Mit freundlichen Grüßen, Nero!
ewig
Eine genauere Schilderung des Vorgangs wäre interessant. Vielleicht wollte der Lehrer irgendetwas demonstrieren. Welches Fach war das denn?
Nylen
Die alten Griechen sahen das so. Jede Regierungsform kann gut oder schlecht sein. Auch die Demokratie ist nicht per se gut. Sie kann sogar die schlimmste Form von Entscheidungsträger sein, wenn nämlich eine von einem Demagogen geführte Masse aufgrund Unwissens Mehrheitsentscheidungen herbeiführt die schlecht sind.

Deshalb war über die Jahrtausende der Demokratie nur kurzes Aufblühen hier und dort gewährt.

Fast überall hat sich heute eine Mischform durchgesetzt, die wir Republik nennen. Sie hat Demokratische Elemente wie Wahlen, aber die Entscheidungen werden in Parlamenten getroffen. Dort wiederrum demokratisch, wobei es eine Regierung gibt, welche gewisse Entscheidungen letztlich in letzter Konsequenz undemokratisch fällt.

In eurem eher Vereinsmässigem Beispiel hat euer Lehrer eine Kontrollfunktion übernommen. Leider weiss ich nicht was da abgestimmt wurde, aber auch in einem Staat wie der BRD haben wir einen Bundespräsidenten der sich weigern kann einen Entschluss abzuzeichnen, oder ein Verfassungsgericht das Gesetze und Entscheidungen kippen kann, die von der Mehrheit gefällt wurden.

Das moderne Prinzip wenn wir von Demokratie reden, oder besser von Republiken, ist Kontrolle der Macht. Es geht nicht primär um Mehrheitsentscheide. Unsere Parlamente haben quasi diktatorische Macht für die Zeit die wir sie gewählt haben.
Aber wir kontrollieren diese Macht durch regelmässige Wahlen und durch Kontrollorgane nd Institutionen.
Tarvoc
Zitat:
Original von Nylen
Jede Regierungsform kann gut oder schlecht sein. Auch die Demokratie ist nicht per se gut.

Für Aristoteles war Demokratie sogar der Name einer Verfallsform; die "gesunde" Form hieß bei ihm Politie.
Nero
Zitat:
Original von ewig
Eine genauere Schilderung des Vorgangs wäre interessant. Vielleicht wollte der Lehrer irgendetwas demonstrieren. Welches Fach war das denn?


Es ging in dieser Wahl lediglich darum ob wir noch eine Klassenarbeit oder einen Test schreiben sollen. Vielleicht ein eher schlechteres Beispiel wie mir langsam selbst auffällt. Da eine Klassenarbeit vielen helfen kann und ein Test eher weniger wiegt und dadurch auch weniger hilfreich ist.

Vielen dank für die anderen Beiträge schoneinmal, das wir eine Mischform haben ist mir ja in dem Sinne bekannt gewesen. Aber ich dachte unsere eher indirekte Demokratie beruht darauf das Deutschland zuviele Bürger für eine direkte hätte oder nicht? Oder gehen wir so diesem Problem aus dem Weg von dem Nylen geredet hat ? Im Sinne der Demagogie.

Mit freundlichen Grüßen, Nero
barbara
Hallo Nero

da wurde wirklich der Sinn der Abstimmung ad absurdum geführt, da hätte auch gleich der Lehrer von Anfang an sagen können, was er tun will.

Zitat:
Kann man soetwas auch über die schulische Ebene beziehen? Sollte man Minderheiten bevorzugt behandeln, weil sie eben Minderheiten sind und dadurch in einer Demokratie nicht zum Zuge kommen können?


In einer Demokratie, in der regelmässig Abstimmungen stattfinden, ist es normal und üblich, dass jeder Mensch manchmal in der Mehrheit, manchmal in der Minderheit ist. Das kann sich von Frage zu Frage schnell ändern.

Darum wird das umgesetzt, was die Mehrheit entschieden hat - und wenn die Leute nicht damit zufrieden sind, können sie ja nochmals eine Abstimmung verlangen. Über das Frauenstimmrecht in der Schweiz wurde auf diese Weise mehrfach abgestimmt und immer wieder eingefordert, bis es endlich nach sehr langer Zeit geklappt hat.

Da sich jeder Beteiligte regelmässig in Minderheitspositionen wiederfindet, entwickelt sich auch fast von selbst eine Kultur des grossmütigen Gewinners und guten Verlierers. Denn in kurzer Zeit wird man selbst wieder auf der jeweils anderen Seite stehen, und überhaupt, in Stein gemeisselt ist gar nichts, doch in der Zwischenzeit wird erst mal akzeptiert und getan, was in der Abstimmung entschieden wurde, von allen.

Zitat:
Ist das Demokratie, wenn alle anscheind das Gleicherecht haben, also Quantiät entscheidend ist? Denn es scheint doch so, als wäre die Mehrheit ganz klar an der Macht.


Genau, das ist der Sinn der Sache.

Mehrheitsfähige Entscheidungen haben es in der Regel an sich, dass sie auf sorgfältig ausgewogenen Kompromissen der Partikularinteressen beruhen, sodass die Unzufriedenheit ungefähr überall gleichmässig verteilt ist.


Zitat:
Aber ich dachte unsere eher indirekte Demokratie beruht darauf das Deutschland zuviele Bürger für eine direkte hätte oder nicht? Oder gehen wir so diesem Problem aus dem Weg von dem Nylen geredet hat ? Im Sinne der Demagogie.


Wenn Deutschland ein Mensch wäre, so müsste man diesem Menschen eine Angststörung oder so etwas in Bezug auf Demokratie diagnostizieren. In Deutschland herrschen einige kollektive Glaubenssätze, die ich als Schweizerin nur seltsam finden kann. zum Beispiel: die Masse ist dumm, unzivilisiert, primitiv, mordlustig; wenn man die Menschen leben lässt, wie sie wollen, gibt es eine Katastrophe; das Einzige was die Menschen in einer Demokratie erreichen würden, wäre die Wahl eines grausamen, kriegerischen Diktators; Menschen lassen sich von Kriegsgeschrei leicht verführen.

wobei, man merke, die "Masse" sind immer die andern, nie man selbst. Freude

In der Zwischenzeit lebt der kleine Nachbar Schweiz mit seinen starken direktdemokratischen Elementen ruhig, friedlich und sogar in Krisenzeiten prosperierend vor sich hin... sodass viele Deutsche das Leben hier ganz toll finden und hierher kommen. In dieses unmögliche Land mit dem unmöglichen politischen System.

naja, man kann hoffen, es färbe ab.. und was das Argument der Grösse betrifft: wenn Deutschland es schafft, alle vier Jahre die Wahlunterlagen korrekt allen zuzustellen und die Finanzen aller Bürger korrekt zu überprüfen, so dürfte es auch gar kein Problem sein, zwei mal jährlich zu Abstimmungen zu rufen - verteilt auf Gemeindeebene, Bundesland, Bund, wo es halt gerade notwendig und angemessen ist.

grüsse, barbara
Schneemann
Zitat:
Original von barbara
In der Zwischenzeit lebt der kleine Nachbar Schweiz mit seinen starken direktdemokratischen Elementen ruhig, friedlich und sogar in Krisenzeiten prosperierend vor sich hin... sodass viele Deutsche das Leben hier ganz toll finden und hierher kommen. In dieses unmögliche Land mit dem unmöglichen politischen System.

Ja, und in diesem direktdemokratischen System besitzt eine rechts-radikale Partei die grössten Stimmenanteile weil sie die grössten Geldreserven hat um mediale Propaganda zu betreiben und die Massen zu beeinflussen. Die wohl grösste Errungenschaft zur Friedensicherung in Europa, nämlich der Zusammenschluss in der europäischen Union, scheint in Ländern wie der Schweiz mit direktdemokratischen Elementen kaum möglich. Es ist also sicher nicht alles Sonnenschein im direktdemokratischen Paradies der Schweiz.

Die Gefahr der Manipulation der Massen durch Propaganda ist in Deutschland leider kein reiner Glaube sondern eine historische Bürde. Garantien für ausgewogenere Entscheidugen gibts wohl in keinem System, aber wie gross die Macht der Medien auf die Stimmungslage in der Bevölkerung ist sieht man leider vielerorts auf dieser Welt. Dies erkennt man sowohl im eigenen Land, man denke an die Bild-Zeitung in Deutschland, viel deutlicher aber beispielsweise noch in B**sconis Italien oder den USA mit TV-Sendern wie Fox-News. Böse formuliert ist eine direkte Demokratie eine Dikatur der Medien.
Tarvoc
Zitat:
Original von Schneemann
Böse formuliert ist eine direkte Demokratie eine Dikatur der Medien.

Das kommt sehr auf die Struktur der Medienlandschaft und die Form ihrer Einbindung in die Gesellschaft an.
barbara
Zitat:
Original von Schneemann
Ja, und in diesem direktdemokratischen System besitzt eine rechts-radikale Partei die grössten Stimmenanteile weil sie die grössten Geldreserven hat um mediale Propaganda zu betreiben und die Massen zu beeinflussen. Die wohl grösste Errungenschaft zur Friedensicherung in Europa, nämlich der Zusammenschluss in der europäischen Union, scheint in Ländern wie der Schweiz mit direktdemokratischen Elementen kaum möglich.


Die SVP ist als Partei nicht rechtsradikal, auch wenn in den letzten Jahren besonders die Zürcher Sektion tatsächlich dafür sorgte, dass die kleinen Parteien von ganz rechtsaussen (Schweizer Demokraten, Autopartei etc) in ihr aufgenommen wurden.

Historisch vertritt die SVP die Bauern, konservativ und rechts durchaus, aber eher rechtsbürgerlich, nicht rechtsaussen. Messerstecherinserate und Bilder mit schwarzen Schafen werden auch innerhalb der SVP durchaus nicht von allen goutiert.

Rechtsradikal ist sie als Ganzes nicht, auch wenn einige ihrer Exponenten solche Tendenzen haben mögen. Und leider ist wahr, dass sie in den letzten zehn Jahren die einzige grössere Partei war, die so etwas wie Politik betrieb, während die Mitteparteien sich scheintot stellten und die Politik der Linken sich auf "egal was, Hauptsache gegen SVP" reduzierte. Das scheint sich seit einigen Monaten allerdings positiv zu verändern, glücklicherweise. Die SP hat ein neues Parteiprogramm, es gibt neue junge Leute, die alten dogmatischen Positionen und deren Vertreter gehen langsam in die Rente.

Und nein, die Schweizer wollen nicht in die EU. Warum sollten sie einem solchen undemokratischen Moloch beitreten wollen, wo, wie man heute sieht, kräftig gemauschelt und gemischelt wurde - siehe Griechenland?

Und was die Friedenssicherung betrifft, die Schweiz verhält sich seit über hundert Jahren sehr friedlich und hat alles dafür getan, um bloss nicht an den Kriegen ihrer Nachbarn teilnehmen zu müssen. Ein EU-Beitritt würde ihre Friedlichkeit nicht erhöhen.


Zitat:
Die Gefahr der Manipulation der Massen durch Propaganda ist in Deutschland leider kein reiner Glaube sondern eine historische Bürde.


Ja, drum würde ich Deutschland, wenn es ein Mensch wäre, dringend empfehlen, sich in Therapie zu begeben, um diese Altlasten zu überwinden.


Zitat:

Garantien für ausgewogenere Entscheidugen gibts wohl in keinem System, aber wie gross die Macht der Medien auf die Stimmungslage in der Bevölkerung ist sieht man leider vielerorts auf dieser Welt. Dies erkennt man sowohl im eigenen Land, man denke an die Bild-Zeitung in Deutschland, viel deutlicher aber beispielsweise noch in B**sconis Italien oder den USA mit TV-Sendern wie Fox-News.


Jetzt stellt sich nur die Frage, wie es denn gekommen ist, dass die Schweizer offenbar so viel reifer und weniger emotional beeinflussbar sind als die Leute ringsherum?

wider alle Befürchtungen gibt es in der Schweiz keine Diktatur (auch die rechten Parteien stehen hinter dem System der direkten Demokratie - wenn jemand die direkte Demokratie angreift, so waren das eher die Linken in letzter Zeit), keine Todesstrafe, politische Vorlagen werden ausführlich in den Medien mit Pro und Contra diskutiert - mit Argumenten, notabene, nicht nur mit emotionaler Stimmungsmache, und die Schweizer Staatskasse hat einen Überschuss, Gewalt und Kriminalität sind trotz hohem Ausländeranteil gering. Freude herrscht!

doch irgendwie klingts immer wieder von Deutschland "das kann nicht funktionieren"... weiss der Teufel warum. Ich versteh's nicht

gruss, barbara
ewig
Zitat:
Original von Nero
Es ging in dieser Wahl lediglich darum ob wir noch eine Klassenarbeit oder einen Test schreiben sollen. Vielleicht ein eher schlechteres Beispiel wie mir langsam selbst auffällt. Da eine Klassenarbeit vielen helfen kann und ein Test eher weniger wiegt und dadurch auch weniger hilfreich ist.

Da hatte die Umfrage wohl eher einen entscheidungsbefördernden Zweck und der Lehrer war sich wohl vorher selbst nicht im Klaren darüber war, was das beste wäre. Als ihm aber das Ergebnis der Abstimmung nicht gefiel, wußte er's dann. Er hat sicherlich nicht vorher gesagt, daß Ihr das jetzt per Abstimmung entscheiden würdet, sondern nur ein Stimmungsbild von Euch dazu eingeholt, oder?

Zitat:
Aber ich dachte unsere eher indirekte Demokratie beruht darauf das Deutschland zuviele Bürger für eine direkte hätte oder nicht?
Oder gehen wir so diesem Problem aus dem Weg von dem Nylen geredet hat ? Im Sinne der Demagogie.

Beides. Aber auch in der Schweiz werden ja letztlich Repräsentanten gewählt und in die engeren Entscheidungsgremien entsandt. Man ist dort also "nur" direktdemokratischer als Deutschland, aber ebenfalls nicht in einer Situation, in der jeder Bürger zu auch nur annähernd jeder Entscheidung befragt wird. Das ist organisatorisch auch nicht machbar, so schnell können wir nämlich gar nicht denken. Zwinker

Zitat:
Original von barbara
Gewalt und Kriminalität sind trotz hohem Ausländeranteil gering.

Soll sich das so lesen? Das ist hoffentlich kein typisch Schweizerischer Standpunkt, sonst müßte man fast sagen: "Bei Euch läuft's, obwohl..."
Schneemann
Zitat:
Original von barbara
Die SVP ist als Partei nicht rechtsradikal, auch wenn in den letzten Jahren besonders die Zürcher Sektion tatsächlich dafür sorgte, dass die kleinen Parteien von ganz rechtsaussen (Schweizer Demokraten, Autopartei etc) in ihr aufgenommen wurden.

Nun, ich bin kein Experte für die Schweizer Politik und kenne eben fast nur die Zürcher Sektion. Aber eine Partei deren Plakate in Deutschland von der NPD 1:1 übernommen werden und deren Programpunkte von der ebenfalls rechts-radikalen FPÖ in Österreich einfach kopiert werden ist sicher mehr als "nur" konservativ. Die Wahlwerbung dieser Partei wurde von der UN wegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus kritisiert. Ich hatte Flyer von dieser Partei im Briefkasten die vor "Massenvergewaltigungen von Frauen durch Ausländer" warnen. Möglicherweise haben wir hier verschiedene Vorstellungen von rechts-radikal.

Zitat:

Und was die Friedenssicherung betrifft, die Schweiz verhält sich seit über hundert Jahren sehr friedlich und hat alles dafür getan, um bloss nicht an den Kriegen ihrer Nachbarn teilnehmen zu müssen. Ein EU-Beitritt würde ihre Friedlichkeit nicht erhöhen.

Die Schweiz hält sich aus Konflikten raus. Das mag für den Frieden in der Schweiz förderlich sein, das mag in einem kleinen Land von dem keiner etwas will möglich sein, aber einer Friedenssicherung in Europa hilft so ein auf sich selbst konzentrierender Patriotismus eher nicht. Auf die Neutralität während des 2. Weltkriegs kann man m.E. beispielsweise nicht besonders stolz sein.

Zitat:

Ja, drum würde ich Deutschland, wenn es ein Mensch wäre, dringend empfehlen, sich in Therapie zu begeben, um diese Altlasten zu überwinden.

Nein, es gilt nicht die Altlasten zu überwinden, sondern es gilt aus ihnen zu lernen und nicht dieselben Fehler ein zweites mal zu begehen. Die Gründer der Deutschen Bundesrepublik haben sich auch aus den Erfahrungen des Nazi-Deutschlands heraus gegen mächtige direktdemokratische Elemente entschieden. Und die bitteren Erfahrungen und die Weisheit dieser geschundenen Generation gilt es nicht einfach zu ignorieren.

Zitat:

Jetzt stellt sich nur die Frage, wie es denn gekommen ist, dass die Schweizer offenbar so viel reifer und weniger emotional beeinflussbar sind als die Leute ringsherum?

Die Schweiz hat zum Glück, wie auch Deutschland, eine vergleichsweise ausgeglichene Medienlandschaft. Aber das kann sich auch jederzeit ändern und wer meint die Verhältnisse im benachbarten Italien wären ein paar Kilometer weiter nördlich nicht möglich der ist dann doch etwas naiv. Und wehe dem Lande in dem ein B**sconi an der Macht ist und dem sowohl das Instrument des Volksentscheids als auch die meinungsbildende Medienlandschaft zur Verfügung stehen.

Zitat:

doch irgendwie klingts immer wieder von Deutschland "das kann nicht funktionieren"... weiss der Teufel warum. Ich versteh's nicht

Ich bin nicht der Meinung dass es nicht funktionieren kann. Es kann ganz offensichtlich funktionieren. Ich bin aber der Meinung dass es nicht der unumstrittene Königsweg ist und dass diese direkten Elemente neben vielen Vorteilen eben auch viele Nachteile mit sich bringen. Was nun für wen das Beste ist finde ich schwer zu beurteilen und keineswegs offensichtlich. Du kannst dir sicher sein das Deutsche genervt davon sind 2mal im Jahrzehnt irgendwo ein Kreuz zu machen und dann mitansehen zu müssen wie alle Wahlversprechen und Vorhaben gebrochen werden. Du kannst dir aber auch sicher sein dass ich mich vor Volksabstimmungen über die Ausschaffung von Ausländern, über das Frauenwahlrecht, über die Einführung von Kreationismus im Biologieunterricht, über die Todesstrafe oder so komplexe Themen wie das Gesundheitssystem oder Steuerfragen seeehr fürchte.
Archibald
@ Nero:

Demokratie - Diktatur der Masse?

Das ist in meinen Augen nicht die schlechteste Umschreibung der Demokratie.

Alle Herrschaftssysteme sind Systeme, in denen etwas bestimmt wird; wenn etwas, dass bestimmt wird, auch durchgesetzt wird und das auch geggewn den Willen der Gegner dieser Entscheidung, dann hat das immer minimal diktatorische Züge an sich.

Natürlich gibt es Spinnerideologien wie z.B. "Anarchie", die das umgehen wollten, oder aber, zumindest so taten.
Doch, auch die müssen, sollen deren Vorstellungen umgesetzt werden, dass gegen den Willen deren Gegner (z.B. die Faschisten) tun.
ewig
Zitat:
Original von Schneemann
Auf die Neutralität während des 2. Weltkriegs kann man m.E. beispielsweise nicht besonders stolz sein.

Ich denke nicht, daß Entscheidungen, von denen Existenz oder Nichtexistenz abhängt, mit Urteilskategorien wie "stolz" sonderlich schlau bewertet werden können.
Schneemann
Zitat:
Original von ewig
Ich denke nicht, daß Entscheidungen, von denen Existenz oder Nichtexistenz abhängt, mit Urteilskategorien wie "stolz" sonderlich schlau bewertet werden können.

Was auch immer eine Entscheidung sein soll von der Existenz oder Nichtexistenz abhängt.
Tarvoc
Zitat:
Original von Schneemann
Was auch immer eine Entscheidung sein soll von der Existenz oder Nichtexistenz abhängt.

Was ist dir an dieser Begrifflichkeit denn unklar?
Schneemann
Zitat:
Original von Tarvoc
Was ist dir an dieser Begrifflichkeit denn unklar?

Nun, mit der Begrifflichkeit der Nichtexistenz hab ich in diesem Kontext so meine Probleme. Was meine Nicht-Existenz heissen könnte verstehe ich noch. Was die Nicht-Existenz eines Landes heissen soll wird dagegen schon schwieriger. Und wie welche Entscheidung nun konkret zu welcher Nichtexistenz führen soll ist mir dann völlig unklar.
ewig
Zitat:
Original von Schneemann
Nun, mit der Begrifflichkeit der Nichtexistenz hab ich in diesem Kontext so meine Probleme. Was meine Nicht-Existenz heissen könnte verstehe ich noch. Was die Nicht-Existenz eines Landes heissen soll wird dagegen schon schwieriger. Und wie welche Entscheidung nun konkret zu welcher Nichtexistenz führen soll ist mir dann völlig unklar.

Wenn Du also in einem ziemlich kleinen Land leben würdest, umringt von einigen größeren Staaten, in welchen gerade militärisch bis zum Anschlag aufgerüstet wird und alles Fremdartige innerhalb dieser Staaten zunehmend staatlich geschürten Repressionen ausgesetzt ist, würdest Du von Deiner Regierung verlangen, daß sie anläßlich des Überfalls eines dieser großen Staaten auf ein anderes kleines Nachbarland (trotz mangelnder eigener Militärkapazität) Partei ergreift? Etwa so wie England und Frankreich Partei ergriffen? Sehe ich das richtig?
Schneemann
Zitat:
Original von ewig
Wenn Du also in einem ziemlich kleinen Land leben würdest, umringt von einigen größeren Staaten, in welchen gerade militärisch bis zum Anschlag aufgerüstet wird und alles Fremdartige innerhalb dieser Staaten zunehmend staatlich geschürten Repressionen ausgesetzt ist, würdest Du von Deiner Regierung verlangen, daß sie anläßlich des Überfalls eines dieser großen Staaten auf ein anderes kleines Nachbarland (trotz mangelnder eigener Militärkapazität) Partei ergreift?

Ja, das würde ich verlangen. Partei ergreifen kann dabei auch alles mögliche heissen. Es muss ja nicht bedeuten dass man seine Armee in einen Kamikaze-Kampf schickt. Es kann ja auch bedeuten dass man Flüchtlinge ins Land lässt. Das man Widerstandszellen unterstützt. Und das man keine geraubten Schätze für dieses Aggressorland hortet als handle es sich dabei um normale Güter. Wie auch immer, seine Neutralität gegenüber eklatanten Menschenrechtsverletzungen zu erklären kann nicht der richtige Weg sein.

Ich verurteile übrigens auch den amerikanischen Isolationismus. Also die Politik sich nur um die eigenen Belange zu kümmern und vor den externen Problemen in der Welt einfach die Augen zu verschliessen. Eine viel bessere Politik als eine solche Neutralitäts- oder Gleichgültigkeitsstrategie ist es sich in grossen Bündnissen wie z.B. den Vereinten Nationen und der EU zusammenzuschliessen.
barbara
Zitat:
Original von ewig
Zitat:
Original von barbara
Gewalt und Kriminalität sind trotz hohem Ausländeranteil gering.

Soll sich das so lesen? Das ist hoffentlich kein typisch Schweizerischer Standpunkt, sonst müßte man fast sagen: "Bei Euch läuft's, obwohl..."


hi ewig

worauf willst du hinaus? ich versteh das Argument nicht.

grüsse, barbara
barbara
Zitat:
Original von Schneemann
Nun, ich bin kein Experte für die Schweizer Politik und kenne eben fast nur die Zürcher Sektion. Aber eine Partei deren Plakate in Deutschland von der NPD 1:1 übernommen werden und deren Programpunkte von der ebenfalls rechts-radikalen FPÖ in Österreich einfach kopiert werden ist sicher mehr als "nur" konservativ. Die Wahlwerbung dieser Partei wurde von der UN wegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus kritisiert. Ich hatte Flyer von dieser Partei im Briefkasten die vor "Massenvergewaltigungen von Frauen durch Ausländer" warnen. Möglicherweise haben wir hier verschiedene Vorstellungen von rechts-radikal.


Hi Schneemann

http://de.wikipedia.org/wiki/Rechtsextremismus

Beim "rechtsradikal" gehört für mich den Wunsch nach einer starken Führerpersönlichkeit dazu, nach einem Diktator. Dieses Element fehlt der SVP, und deren Chefdenker Christoph Blocher hat meinen Respekt, weil er Volksentscheide, die ihm nicht gefallen (bzw die die SVP verloren hat), viel bereitwilliger akzeptiert als die Linken, die allzu schnell den erhobenen Zeigefinger hervorholen, wenn es nicht nach ihrem Gusto geht.

passend ist die Definition insofern, dass in der SVP die schweizerischen Werte hoch gehalten werden (von denen ich viele auch unterstütze - Zuverlässigkeit, Verantwortung, Eigenständigkeit), in manchen Fällen durchaus bis zum Rassismus (wogegen ich mich einsetze). Interessant ist allerdings, dass es gerade der SVP immer wieder gelingt, Secondos oder Leute, die im Ausland geboren sind, zu rekrutieren.


Zitat:
Die Schweiz hält sich aus Konflikten raus. Das mag für den Frieden in der Schweiz förderlich sein, das mag in einem kleinen Land von dem keiner etwas will möglich sein, aber einer Friedenssicherung in Europa hilft so ein auf sich selbst konzentrierender Patriotismus eher nicht. Auf die Neutralität während des 2. Weltkriegs kann man m.E. beispielsweise nicht besonders stolz sein.


nein, aber in einem Krieg gibt es beileibe wichtigere Dinge als den Stolz.

Und wenn alle sich auf sich selbst konzentrieren würden, wär's mit dem Krieg weltweit sehr bald fertig. Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin...



Zitat:
Nein, es gilt nicht die Altlasten zu überwinden, sondern es gilt aus ihnen zu lernen und nicht dieselben Fehler ein zweites mal zu begehen. Die Gründer der Deutschen Bundesrepublik haben sich auch aus den Erfahrungen des Nazi-Deutschlands heraus gegen mächtige direktdemokratische Elemente entschieden. Und die bitteren Erfahrungen und die Weisheit dieser geschundenen Generation gilt es nicht einfach zu ignorieren.


Stimmt, die Fehler müssen durchaus beachtet werden. Und es gab ja diesen Bundeskanzler, war es Adenauer? - der "Demokratie wagen" wollte. klingt durchaus nach einem heissen Eisen, das gaaaanz vorsichtig angefasst werden muss. Doch zumindest auf Gemeindeebene und später auf Ebene der Bundesländer könnte die direkte Demokratie doch unbeschadet reichlich gestärkt werden, das wär doch schon mal ein Anfang... und bundesweit wichtige Themen obligatorisch zur Abstimmung kommen. Gerade jene, was die europäischen Themen betrifft.


Zitat:
Die Schweiz hat zum Glück, wie auch Deutschland, eine vergleichsweise ausgeglichene Medienlandschaft. Aber das kann sich auch jederzeit ändern und wer meint die Verhältnisse im benachbarten Italien wären ein paar Kilometer weiter nördlich nicht möglich der ist dann doch etwas naiv. Und wehe dem Lande in dem ein B**sconi an der Macht ist und dem sowohl das Instrument des Volksentscheids als auch die meinungsbildende Medienlandschaft zur Verfügung stehen.


Ein B**sconi in der Schweiz? das kann ich mir tatsächlich nicht vorstellen. Er würde sich dort auch gar nicht wohl fühlen, er passt viel besser in die Tradition der Caesaren als ins spiessige, brave, grundsolide Schweizer Bürgertum hinein.

und nein, das Instrument des Volksentscheids würde nicht ihm zur Verfügung stehen, sondern dem Volk steht es zur Verfügung. Und es hat schon mehrfach Beispiele gegeben, wo trotz massiver Propaganda für eine Seite dies vom Volk nicht angenommen wurde, sondern die andere Seite, die nicht viel Werbung machen konnte oder wollte, und trotzdem die Abstimmung gewann.

Zitat:
Ich bin aber der Meinung dass es nicht der unumstrittene Königsweg ist und dass diese direkten Elemente neben vielen Vorteilen eben auch viele Nachteile mit sich bringen.


Wenn ich so die anderen aktuell existierenden Systeme betrachten, sehe ich keins, das mir besser gefällt. Ja klar, ich bin natürlich parteiisch - logisch.

Aber nichts tun zu können als alle vier Jahre zwischen Pest und Cholera wählen zu können, das kann es doch nicht sein.


Zitat:

Du kannst dir aber auch sicher sein dass ich mich vor Volksabstimmungen über die Ausschaffung von Ausländern, über das Frauenwahlrecht, über die Einführung von Kreationismus im Biologieunterricht, über die Todesstrafe oder so komplexe Themen wie das Gesundheitssystem oder Steuerfragen seeehr fürchte.


Warum das? glaubst du ernsthaft, in Deutschland, wo es mehr als 50% Frauen gibt, wird das Frauenstimmrecht abgeschafft werden? Kreationismus im Biounterricht ist nach wie vor das Thema einer winzigen, wenn auch lauten Minderheit - und da die Experten das Gesundheitssystem gegen die Wand fahren, echt, was könnte da noch schlimmer kommen, als es schon gekommen ist? Und was Steuern betrifft, mögen sie so komplex sein wie sie wollen, die meisten Leute wissen sehr genau, wie sich eine neue Gesetzgebung auf ihre eigenen Steuern auswirken werden. Wenn es ans eigene Portemonnaie geht, so kann ein Thema noch so komplex sein, das Interesse ist gross genug, um es zu verstehen.

Und was Gesetze zur Todesstrafe betrifft, denen ist dann natürlich jeder Bürger unterworfen. Es wird wohl kaum jemand so doof sein, ein Gesetz zu wollen, dass einem selbst auf den elektrischen Stuhl bringen könnte.

grüsse, barbara