-Sabine-,
du musst dich deswegen nicht beleidigt fühlen. Ich sag nur, wie es auf mich wirkt.
Ich habe nichts gegen Erfahrungswerte. Aber wie gesagt: Meine Erfahrungen und Erkenntnisse sagen mir etwas anderes. Was also bringt uns das für eine Diskussion jetzt? Erfahrungen sind keine objektive Angelegenheit. Unsere Erfahrungen sind mindestens genauso geprägt von unserem Wissen, unserem Weltbild, wie unser Weltbild geprägt ist von unseren Erfahrungen.
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Die Sozialisation kann nichts prägen, wa'Anlage' hier als generelle Ermöglichung einer Ausprägung und nicht nur als Push in eine bestimmte Richtung verstehst, dann fragt sich natürlich: Gibt es wirklich Menschen, bei denen die generelle Möglichkeit einer bestimmten Charaktereigenschaft einfach... fehlt? Doch wohl nur im pathologischen Sinn.
[quote]Deine weiteren Ausführungen stimme ich natürlich zu - das hab ich aber auch nie bestritten |
Hast du nicht? Diese Ausführungen haben aber deutlich gemacht, wie groß der Unterschied zwischen 'Grundzügen'/'Anlagen' ist und den tatsächlich ausgeprägten Charaktereigenschaften. Fragt sich also, was du meinst, wenn du sagst, dass zwischen 'Grundzügen' und spezifischen 'Charaktereigenschaften' "nicht wirklich" ein immenser Unterschied besteht. Von welcher "Wirklichkeit" reden wir hier?
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| Es gibt interessante Studien mit straffälligen Jugendlichen: Die Rückfallquote ist enorm hoch, solange man nur versucht , ihr Verhalten mittels Lob (=Anerkennung) und Strafen regulieren. Setzt man jedoch auf den Aufbau persönlicher Beziehungen, die den Kindern was wert sind und sie wertschätzen, so halbiert sich die Quote, weil die Jugendlichen empathie entwickeln und wer Mitgefühl mit Mitmenschen/Mitgeschöpfen hat, schadet ihnen nicht. |
Mir scheint dein Begriff von 'Anerkennung' einfach nur sehr beschränkt zu sein. Denn was du als Alternative zur 'Anerkennung' verstehst, ist im Grunde dessen elementarste Ausprägung.
"Die sozialen Anerkennungsverhältnisse an sich differenziert er in drei Ebenen aus: Anerkennung wird in Form von Liebe, Recht und Solidarität zugesprochen, oder – das ist die negative Seite – in Form von Misshandlung, Entrechtung und Entwürdigung vorenthalten bzw. entzogen.
Bei diesen verschiedenen von ihm unterschiedenen Formen der Anerkennung werden dabei je unterschiedliche Komponenten der Persönlichkeit gefördert:
* Liebe: emotionale Zuwendung oder Liebe in Primärbeziehungen – Grundlegung eines stabilen Selbstvertrauens und letztendlich damit auch die Basis für eine selbstbestimmte Teilnahme am öffentlichen Leben; gehört in den Bereich der privaten Beziehungen und ist von der Reichweite stets begrenzt <=> Negativum ist etwa die Erfahrung der physischen Misshandlung, mit der einer Person die freie Verfügung über ihren Körper, zum Beispiel durch Folter oder Vergewaltigung verliert bzw. ihr verweigert wird.
* Recht: basiert auf dem Prinzip der Gewährung gleicher Rechte, die von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung der Selbstachtung sind – grundlegend ist in diesem Kontext die Anerkennung jedes Individuums als gleichberechtigte Person, die fähig ist, autonom aus vernünftiger Einsicht heraus zu handeln. Das bedeutet also nicht nur, alle Individuen als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft zu schätzen, sondern sie auch als moralisch zurechnungsfähig anzuerkennen. <=> Ein Subjekt bleibt strukturell vom Besitz spezifischer Rechte innerhalb einer Gesellschaft ausgeschlossen – dadurch wird einer Person letztlich ihre moralische Zurechnungsfähigkeit abgesprochen.
* Solidarität: beruht auf der Erfahrung von Achtung als sozialer Wertschätzung, die sich dann individuell als Selbstwertgefühl bzw. Selbstschätzung niederschlägt – soziale Wertschätzung ermöglicht es einer Person, sich über die Erfahrung affektiver Achtung und rechtlicher Anerkennung hinaus auf eigene Eigenschaften und Leistungen positiv zu beziehen. Der Einzelne wird also als Subjekt, dessen Fähigkeiten für die konkrete Gemeinschaft von konstitutiven, von grundlegendem Wert sind, wertgeschätzt <=> Bei Missachtung kommt es zu einem Verlust an persönlicher Selbstschätzung: Eine Person wird damit der Möglichkeit beraubt, sich selbst als ein in seinen speziellen Fähigkeiten und Eigenschaften geachtetes Subjekt betrachten zu können. In neueren Publikationen bezeichnet Honneth diese Ebene nun mit Verdienst und betont damit verstärkt den Leistungsaspekt.
Mit jeder Stufe der Anerkennung wächst die persönliche Autonomie einer Person – der Idealfall sieht so aus: eine Person erfährt sich in ihren lebensgemeinschaftlichen Nahbeziehungen geliebt, als Rechtsperson geachtet und als Angehöriger einer Gruppe geschätzt. Durch diese drei Formen der Anerkennung wird das Subjekt so in seiner jeweiligen Besonderheit bestätigt und zugleich bilden sie die zentrale Basis für das Zusammenleben in (demokratischen) Gesellschaften. Wir haben hier letztendlich also auch eine kritische Gesellschaftstheorie vor uns. Denn wenn die drei genannten Formen der Anerkennung die zentrale Basis für das Zusammenleben in Gesellschaften bilden, kann eine auf diesen Ebenen erlebte Missachtung zur motivationalen Basis für einen Kampf um Anerkennung werden – jegliche Unrechtserfahrungen werden so als Erfahrungen verweigerter Anerkennung verstehbar."
(sry für das Zitat... ich habe keine Zeit mehr, um das selbst auszuführen)