Erinnerung oder Vergangenheit

John
so ganz klar bin ich mir eigentlich nicht damit, was ich hier ausdrücken, sagen wir besser, loswerden möchte.

Ich habe ein Bild eines Raumes, einer Fläche, einer Person, eines Gegenstandes oder was auch immer im Kopf, also von etwas, das ich jeden Tag sehe, praktisch in unverändertem Zustand.

Was habe ich nun in meinem Kopf? Die "Erinnerung" an eine bestimmte, nicht näher definerte (Mini) sekunde oder ein abstraktes Bild in Form einer Art "zeitlicher Zusammenfassung".

Über diese Frage habe ich mir schon Gedanken gemacht, bevor ich Begriffe wie Philosophie oder Wahrnehmung kannte.

gruebel

Diesen Gedanken einmal weiterspinnend (im übertragenen oder echten Wortsinn ??!

Ich denke an den morgigen Tag. Aller Voraussicht nach wird er nichts Überraschendes bringen. Ich denke an einen Ort, zu dem ich gehen werde, an eine Person, die ich sehen werde. Ist das, woran ich denke, die Zukunft? Oder meine Erinnerung? Was aber, wenn ich weiß, dass ich wohin gehe, wo ich noch nie war. Ich versuche mir, den Ort aus meinen Information vorzustellen, oder eine Person, die ich kennenlernen werde.

Geht es um Umstände und Entwicklungen, dann merke ich oft, dass ich voraus denke mit sehr großer Treffsicherheit.

Ohne direkten Bezug fällt mir natürlich ein, wie hier darüber diskutiert wird, ob die Zukunft festgeschrieben und determiniert ist.

Ist jetzt (in diesem Moment) bereits klar, was morgen passieren wird. Ist also ein Blick in die Zukunft theoretisch möglich oder ist die Zukunft etwas sich entwickelndes?

Ich weiß es nicht, aber ich frage.
Stanley Alvarez
Zitat:
Original von John
so ganz klar bin ich mir eigentlich nicht damit, was ich hier ausdrücken, sagen wir besser, loswerden möchte.

Ich habe ein Bild eines Raumes, einer Fläche, einer Person, eines Gegenstandes oder was auch immer im Kopf, also von etwas, das ich jeden Tag sehe, praktisch in unverändertem Zustand.

Was habe ich nun in meinem Kopf? Die "Erinnerung" an eine bestimmte, nicht näher definerte (Mini) sekunde oder ein abstraktes Bild in Form einer Art "zeitlicher Zusammenfassung".

Erinnerung ist immer Rekonstruktion. Du wirst dich auch bei episodischen Erinnerungen nicht eigentlich an die paar Sekunden erinnern, in denen das Erinnerte stattgefunden hat (also quasi die "Vergangenheit"), sondern an eine Rekonstruktion der Ereignisse auf Basis deiner Erfahrungen. Ebenso ist es halt beim Erinnern an "Überzeitliches" (bzw. nach Markowitsch könnte man wohl sagen: beim Erinnern an ein Teil eines "Wissenssystem"). Der Begriff "zeitliche Zusammenfassung" trifft es vielleicht sogar.

Zitat:
Diesen Gedanken einmal weiterspinnend (im übertragenen oder echten Wortsinn ??!

Ich denke an den morgigen Tag. Aller Voraussicht nach wird er nichts Überraschendes bringen. Ich denke an einen Ort, zu dem ich gehen werde, an eine Person, die ich sehen werde. Ist das, woran ich denke, die Zukunft? Oder meine Erinnerung? Was aber, wenn ich weiß, dass ich wohin gehe, wo ich noch nie war. Ich versuche mir, den Ort aus meinen Information vorzustellen, oder eine Person, die ich kennenlernen werde.

Erinnerung ist kein bloßes Wiederaufrufen einer "Vergangenheit", sondern immer eine Relation von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Erinnert wird aus der Gegenwart heraus an eine vermeintliche Vergangenheit im Hinblick auf eine mögliche Zukunft. Der Bezugspunkt ist die Zukunft, nicht die Vergangenheit - aus dieser bzw. aus der Erfahrung schöpfen wir nur das Material.

Die "Erinnerung an Vergangenes" und die "Vorausschau in die Zukunft" sind die selben Vorgänge. Der Unterschied ist lediglich der, dass wir bei Ersterem das Rekonstruierte in zeitlicher Relation vor unserer Gegenwart denken und dabei gerne den Bezug zur Zukunft vergessen, bei Zweiterem dagegen das Rekonstruierte nach unserer Gegenwart ansetzen (die Fähigkeit, zeitliche Abfolgen zu denken, ist auch Rekonstruktionsarbeit und entwickelt sich erst während der Kindheit) und dabei vielleicht vergessen, dass wir aus der erfahrenen Vergangenheit schöpfen.

Zitat:
Geht es um Umstände und Entwicklungen, dann merke ich oft, dass ich voraus denke mit sehr großer Treffsicherheit.

Das ist ja der Sinn der Sache. Der Mensch ist, wie Foucault so schön sagte, ein Erfahrungstier. Die Fähigkeit, durch das Sammeln von Erfahrung eine mögliche Zukunft vorauszudenken und mit Blick auf diese zu Planen, ist womöglich die effektivste Überlebensstrategie des Menschen und vermutlich nicht zuletzt der Grund dafür, dass der Mensch den anderen Tieren so weit überlegen ist.

Zitat:
Ist jetzt (in diesem Moment) bereits klar, was morgen passieren wird. Ist also ein Blick in die Zukunft theoretisch möglich oder ist die Zukunft etwas sich entwickelndes?

Also deine Vorausschau entspricht ja genauso wenig der zukünftigen Realität wie deine Erinnerung einer vergangenen Realität entspricht. Es sind immer erfahrungsgespeiste (Re)Konstruktionen. Aus der Fähigkeit zur Vorausschau würde ich daher nicht schließen, dass die Zukunft determiniert ist.
Darüber hinaus kann man sich auch erinnern, dass man sich erinnert hat; man kann sich an Erinnerungen erinnern, oder in diesem Fall: Man erinnert sich an eine Vorausschau. D.h. wenn der morgige Tag eintrifft und du zurückdenkend überprüfst, ob deine Vorausschau eingetroffen ist, dann ist es ja eine Erinnerung an diese Vorausschau, d.h. wiederum eine Rekonstruktion (der Rekonstruktion), die sich auch aus der Erfahrung der letzten Stunden speist, aber nicht, indem die neuen Erfahrung einer alten, starren Vorausschau gegenübergestellt werden; sondern die erinnerte Vorausschau selbst wird durch die Erfahrungen der letzten Stunden moduliert, man könnte sagen: "verfälscht" (wenn man hier überhaupt von "falsch" und "richtig"/"wahr" sprechen will). Daher kann eine Vorausschau im nachhinein schnell im Detail treffender erscheinen, als sie es genau genommen war.
Auf der anderen Seite beeinflusst unsere Erwartungshaltung, die wir durch die Vorausschau haben, aber auch unser Empfinden der tatsächlichen Ereignisse.

War das einigermaßen Verständlich?
John
danke, das war sogar ausgesprochen verständlich.

Schönen Sonntag!