_schattenlicht_
Für meine Abi-Präsentationsprüfung soll ich auf die Amkläufe Winnenden/Erfurt eingehen und diese auf die Schuldfarge überprüfen. Ich möchte also die gesllschaftliche Verantwortung abdecken, ein Täterprofil erstellen, Schuld definieren und evtl. noch eine Prophylaxe, Präventionsmaßnahmen erläutern.
Was denkt ihr, welche ethischen Sichtweisen/Schulen/Philosophen zu diesem Thema geeignet wären?
Will fernab von Killerspielen beleuchten, was einen "normalen" Schüler zum kaltblütigen Täter macht.
Vielleicht habt ihr ja Ideen, die mir weiterhelfen könnten?
ewig
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Original von _schattenlicht_
Will fernab von Killerspielen beleuchten, was einen "normalen" Schüler zum kaltblütigen Täter macht. |
Was? Aber das geht doch gar nicht. Es sind ausschließlich die Killerspiele schuld.
_schattenlicht_
schon mal vielen dank!
was meint ihr denn, inwieweit die entwicklung eines jungen menschens beeinflussbar ist?
welche schuld trägt unsre kultur, die egsllschaft, die eltern?
Shui
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| welche schuld trägt unsre kultur, die egsllschaft, die eltern? |
Hm... statistisch gesehen? nahezu keine...
Unser Kulturkreis betrifft einige millionen Menschen, tausende von Schülern und nur ein minimaler Prozentsatz geht diesen extremen Schritt. Selbes gilt für Gesellschaft, Eltern, Lehrer, bla...
Eine ungünstige Kombination mag jenes Verhalten hervorgerufen haben, jedoch besonderes Potential aus diesen großen Kategorien sehe ich nicht, dafür dürfte keine der Ausgangsituationen zu außergewöhnlich gewesen sein.
Das ist ja das Problem an der Sache, ruhige, eher unauffällige Schüler gibt es in wenigstens jeder zweiten Klasse, Amokläufer nur eine Handvoll im ganzen Land.
Zynischerweise würde ich es als Ausrutscher bezeichnen, die vielgepriesene Ausnahme von der Regel.
Das einzige was die Amokläufer ernsthaft vereint ist die "Orientierung an vorherigen Amokläufen" damit würde man die Schuld auf das Massaker von der Columbine Highschool schieben, welches den ersten wirklich geplanten Massenmord an einer Schule darstellt.
Aber sonst? Das kostet zweifellos viel Arbeit, könnte aber objektiv wenigstens ein paar Fakten heraus stellen. Aber ob dadurch Prävention ermöglicht wird? Will man jeden ruhigen Schüler vorsorglich zur Integration zwingen? Sticheleien und Ausgrenzungen verschiedener Gruppen unterbinden? Vorsorglich schlechte Noten und das Nichterreichen von Klassenzielen abschaffen?
Politiker reden vom Verbot von Killerspielen, was zweifellos keine nützliche Tat ist. Eher befriedigen sie damit ihr "Bedürfnis" oder ihre Pflicht, zu solchen Ereignissen etwas zu sagen. Es ist schließlich ihre Aufgabe, schlimme Ereignisse nach Möglichkeit zu unterbinden, auch wenn sie keine Ahnung von der Thematik haben...
_schattenlicht_
stimmt...
finde es daher auch echt schwierig, die schuldfarge zu klären und habe auch meine probleme damit, mich in einen amokläufer hineinzuversetzen.
schwierig, her etwas abzuleiten und gründe zu finden, was da wohl in der entwicklung, bei der gewissensbildung & den ansichten von moral "anders"/falsch gelaufen ist und welche faktoren diesen hass, diese kaltblütigkeit bedingen, die sich ja dann oft eben nicht zielgerichtet auf bestimmte personen stützen...
werde dann wohl versuchen, allgemein einblicke in aggressionene/gewalt/schuld...zuv geben und die riolle von institutionen (familie/schule in dem fall besonders) beleuchten.
Shui
Ist schon tragisch, das sich kein onkreter Bösewicht finden lässt, der an allen AMokläufen schuld ist...
Hat was vom Geschichtsunterricht und der quälenden Frage, was der Unterschied zwischen Ursache und Anlass ist.
Dürfte hier ähnlich sein, man hat eine handvoll Ursachen, welche das agressive Potential antreiben und irgendwann einen zufälligen Anlass, der zum Ausbruch führt.
Einen Amoklauf würde ich aber nicht mit normaler Gewalt gleichsetzen. Ob ein paar verblödete Jugendliche aus Coolness einen Mann totprügeln, weil er ihnen sagte dass sie stören, ist doch etwas gänzlich anderes. Amokläufer planen eine Tat, aus einem tiefen agressiven Trieb heraus, um schließlich einfach willkürlich eine große Anzahl von Menschen zu töten, welche einem gewissen Umfeld angehören (wobei nur wenige Personen tatsächlich verschont wurden).
Die Frage nach den Ursachen ist zweifellos die Frage danach, wie sich ein solcher Hass in einem Menschen ansammeln konnte. Und zwar kein spontaner, affektiver Hass, sondern ein immanenter, die Persönlichkeit übermannender Hass, der in blinden Zerstörungswahn, einschließlich des eigenen selbst, mündet.
-Sabine-
Amokläufer haben einige Gemeinsamkeiten psychologischer Natur und in ihren Aufwachsbedingungen, die wiederum natürlich vobn der Gesellschaft beeinflusst werden. Und auch unser Schulsystem ist Teil eben dieser Gesellschaft.
Die Bedingungen, unter denen Kinder in D (und allen anderen Industrienationen) derzeit aufwachsen, sind reichlich denaturiert und das Ziel ist auch nicht ein integerer, mündiger, zu Entscheidungen und Kritik fähiger Bürger, sondern ein gut händelabrer, gut angepasster Staatsbürger, der wirtschaftliche Leistung erbringt. Dazu kommt das, was man auch als "Borderline-Gesellschaft" bezeichnen könnte: Bindungen sind letztrangig geworden, aber genau sie halten Menschen psychisch gesund.
Ich würde das Thema vielleicht von der psychologischen Seite her angehen und - wenn es nicht zu viel wird - auch noch von der sozialkritischen. Und natürlich bleibt unbenommen, dass in diesem Umfeld sich nicht ALLE Kinder zu Amokläufern entwicklen, sondern nur ein paar. Eine genetische Vulnerabilität/Disposition dürfte also auch als gegeben angenommen werden.
Killerspiele, Nachahmungseffekt - all das greift erst, wenn der Boden schon bereitet ist. Sie bereiten selbst nicht den Boden.
carsten aus bochum
Hi Sabine,
Deinen Ausführungen möchte ich mich fast durch die Bank anschließen.
Allein der Ausdruck "denaturiert" erscheint mir missvrständlich, auch wenn ich das Gefühl habe, dass der diagnostizierte Bindungsverlust das wieder gerade rückt und wichtiger ist.
Gruß,
Carsten
Erik van Thom
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Original von _schattenlicht_
Will fernab von Killerspielen beleuchten, was einen "normalen" Schüler zum kaltblütigen Täter macht.
Vielleicht habt ihr ja Ideen, die mir weiterhelfen könnten?
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Die Killerspiele waeren auch die falsche Faehrte. Ich wohne in England, hier spielen die jungen Leute auch duemmliche Spiele, und laufen nicht amok.
Amoklaeufe an Schule sind anscheinend etwas typisch deutsches oder amerikanisches.
(England hat zwar nicht erst seit gestern ein Problem mit der Jugendkriminalitaet in Banden, aber das ist ja ausserhalb von Schulen und ausserdem kein Amok.)
In England sehen zum Beispiel arm und reich voellig gleich aus bis zur 9. Klasse, denn dort traegt man Schuluniform. Ausserdem sind das alles Ganztagsschulen.
Ich weiss nicht, ob es daran liegt, aber irgendwas machen die richtig und Deutschland falsch.
-Sabine-
| Zitat: |
Original von carsten aus bochum
Hi Sabine,
Deinen Ausführungen möchte ich mich fast durch die Bank anschließen.
Allein der Ausdruck "denaturiert" erscheint mir missvrständlich, auch wenn ich das Gefühl habe, dass der diagnostizierte Bindungsverlust das wieder gerade rückt und wichtiger ist.
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Hallo Carsten,
danke für Deinen Hinweis. Ich meinte "denaturiert" nicht im Sinne von "geht wieder Mammuts jagen und Beeren sammeln", sondern in dem Sinn, dass existenzielle Bedürfnisse des Babys/Kindes grob missachtet werden, z.B. eben u.a. das Bedürfnis nach verlässlicher, konstanter, vorausberechenbarer Bindung.
carsten aus bochum
Hi.
@ Erik:
„13. März 1996: Im schottischen Dublane eröffnet ein Amokläufer das Feuer in der Turnhalle einer Schule. 16 Kinder und ihre Lehrerin werden getötet. Der Täter begeht Selbstmord.
20. April 1999: An der Columbine-Schule in Littleton im US-Bundesstaat Colorado erschießen zwei schwarz gekleidete und vermummte Jugendliche zwölf Mitschüler und einen Lehrer. Danach begehen sie Selbstmord.
26. April 2002: Der 19-jährige Robert Steinhäuser dringt in das Gutenberg-Gymnasium in Erfurt ein, erschießt 16 Menschen und tötet sich schließlich selbst. Die meisten der Opfer sind Lehrer.
21. März 2005: In Red Lake im US-Bundesstaat Minnesota richtet ein Jugendlicher in einer Schule ein Blutbad an und begeht anschließend Selbstmord. Neun Menschen sterben, unter ihnen fünf Schüler und eine Lehrerin. Zuvor hatte der Schüler seinen Großvater und dessen Lebensgefährtin getötet.
2. Oktober 2006: Ein Amokläufer dringt in die Dorfschule in Nickle Mines im US-Bundesstaat Pennsylvania ein und ermordet dort fünf Mädchen der Religionsgesellschaft der Amish. Nach der Tat nimmt sich der 32-Jährige das Leben.
20. November 2006: Ein 18-jähriger ehemaliger Schüler schießt an einer Realschule in Emsdetten im Münsterland um sich und verletzt 37 Menschen, bevor er sich selbst eine Kugel in den Kopf jagt. Der Täter verfasste einen Abschiedsbrief im Internet.
16. April 2007: Beim bislang blutigsten Amoklauf an einer US-Hochschule sterben an der Virginia Tech in Blacksburg mindestens 33 Menschen, unter ihnen der Täter. Der aus Südkorea stammende, 23 Jahre alte Cho Seung Hui erschießt 27 Studenten und fünf Hochschullehrer und verletzt außerdem 20 weitere Menschen.
7. November 2007: Der 18-jährige Abiturient Pekka-Eric Auvinen erschießt am Jokela-Gymnasium in der finnischen Stadt Tuusula acht Menschen, bevor er sich selbst tötet. Er feuert insgesamt 69 Kugeln ab. Seine Tat kündigte er Stunden zuvor im Internet an.“
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,518191,00.
html
Schottland und Finnland sind auch noch mit dabei, aber der Trend deutet schon auf Deutschland und die USA, Winnenden ist ja noch nicht erfasst.
@ Sabine:
Danke für Klarstellung, ich teile Deine Auffassung.
Oft sind die Täter, so scheint es, aus Gruppen, die aus der Mitte der Gesellschaft zu kommen scheinen, nachher werden sie oft als Außenseiter dargestellt, die aber im Grunde bisher nicht durch übermäßige Brutalität oder eine Kette von Gewalttaten aufgefallen sind.
Häufig spielen Kränkungen und empfundene Ungerechtigkeiten eine Rolle, was Deine These einer bindungsarmen Persönlichkeit unterstützt, der man unterstellen könnte, dass sie mit Kränkungen besser umgehen kann.
Gruß,
Carsten
Erik van Thom
@Carsten: das Massaker 1996 an der schottischen Schueler wurde aber von einem 43-jaehrigen Mann veruebt, der in die Schule gegangen ist und in der Turnhalle auf 5- und 6-jaehrige geballert hat:
http://news.bbc.co.uk/onthisday/hi/dates...000/2543277.stm
Der ist mit Leuten wie Robert Steinhaeuser in einem Atemzug zu nennen?
carsten aus bochum
@ Erik:
Nein, das wusste ich nicht, danke für den Hinweis.
ewig
| Zitat: |
Original von _schattenlicht_
finde es daher auch echt schwierig, die schuldfarge zu klären und habe auch meine probleme damit, mich in einen amokläufer hineinzuversetzen.
schwierig, her etwas abzuleiten und gründe zu finden, was da wohl in der entwicklung, bei der gewissensbildung & den ansichten von moral "anders"/falsch gelaufen ist und welche faktoren diesen hass, diese kaltblütigkeit bedingen, die sich ja dann oft eben nicht zielgerichtet auf bestimmte personen stützen... |
Steter Tropfen höhlt den Stein. Es ist ja alles andere als ein Zufall, daß der überwiegende Teil "dieser Amokläufer" in ihrer Vorgeschichte höchst unauffällig waren. Sie stecken gewohnheitsmäßig zurück; sie begehren nicht auf gegen Ungerechtigkeiten, die ihnen widerfahren, weil sie die Erfahrung gemacht haben, daß sie einen offenen Konflikt nur "noch höher" verlieren würden. Weil sie wissen, daß Widerstand die Dinge nur noch unangenehmer macht als es wäre, die Transgressionen auf dem Level auszuhalten auf dem sie nun einmal sind. Von der Umgebung wird dagegen der mangelnde Widerstand, die mangelnde Grenzsetzung seitens dem, dessen Grenzen überschritten wurden, teils als Einladung zu weiteren Transgressionen gesehen (bzw. als unproblematische Neckerei), da ja noch keine Grenze augenscheinlich wurde. Das typische Mobbing-Szenario entsteht auf diese Weise.
Entscheidend ist es meines Erachtens, daß jemand mindestens zwei Felder in seinem Leben hat, in denen er regelmäßig eine genuine positive Wertschätzung erfährt. (Ein einzelnes ist immer unsicher, denn wenn das wegbricht, bricht der gesamte Lebenshorizont einer Person komplett zusammen und das ist es, was dann unter anderem auch zu solchen Amokläufen führt, oder in die Depression, oder zum Suizid, oder statt des Amoklaufs wie ihn die Medien als solchen thematisieren eben mal "nur" zu
solchen Mord- und Totschlagsfällen, die von der psychischen Motivationsstruktur her auch nichts anderes sind als Amokreaktionen.)
Und um noch einmal auf meinen Ausgangssatz zurückzukommen: Steter Tropfen höhlt den Stein. Was den Amokläufer vom Totschläger unterscheidet, ist a) daß er bereits eine langjährige Vorgeschichte aufweist, in der sich die von ihm nicht offen angezeigten Transgressionen der Außenwelt so oft wiederholt haben, daß ihm das "Ich stehe im Grunde ganz allein da auf der Welt." - Gefühl bereits sehr vertraut ist (unter anderem, weil er mit niemandem auf eine Weise über sich reden kann, bei der er das Gefühl gewinnen würde, wirklich verstanden zu werden). Und b), daß ein Teil seiner psychischen Innenwelt, mit der er seinen Selbstwert anläßlich von neuerlichen Transgressionen aufrecht erhält, sich - ebenfalls bereits seit geraumer Zeit - aus Rachephantasien der schlimmsten Transgressoren gegenüber speist (Lehrer, mobbende Mitschüler, Eltern). Um zu einem solch strategisch wirksamen Plan zu reifen wie ihn die Amokläufer am kritischen Tag letztlich ausführen, muß das Szenario schon vielfach durchdacht und zumindest in Ansätzen vorbereitet worden sein. Die Empathie gegenüber dem sozialen Umfeld (bezugnehmend auf das Unverständnis der "Kaltblütigkeit" im zitierten Teil, das wiederum
mir Unverständnis abnötigt), ist zu diesem Zeitpunkt schon seit
sehr langer Zeit erloschen bzw. erodiert (obschon sicherlich in den seltensten Fällen komplett).
| Zitat: |
Original von Erik van Thom
Amoklaeufe an Schule sind anscheinend etwas typisch deutsches oder amerikanisches.
(England hat zwar nicht erst seit gestern ein Problem mit der Jugendkriminalitaet in Banden, aber das ist ja ausserhalb von Schulen und ausserdem kein Amok.)
In England sehen zum Beispiel arm und reich voellig gleich aus bis zur 9. Klasse, denn dort traegt man Schuluniform. Ausserdem sind das alles Ganztagsschulen.
Ich weiss nicht, ob es daran liegt, aber irgendwas machen die richtig und Deutschland falsch. |
Ich finde angesichts des Verweises auf organisierte Jugendkriminalität Deine Konklusio sehr lustig. :> Daß genau in diesem Punkt ein Zusammenhang besteht (bei dem man am besten mal die Toten durchzählt, die hier durch Amok und dort durch Bandengewalt anfallen, bevor man urteilt, ob man nun dort etwas richtiger macht als hier), fällt Dir aber nicht auf? Was genau bietet denn ein Milieu, in dem man wahlweise in der Schule gesellschaftlichen Respekt erheischen (immer zumindest im Minimum des "Immerhin bist Du anständig geblieben.") oder aber nach Sonnenuntergang gegengesellschaftlich die Freiheitsromantik eines Al Capone ausleben kann? Na?
carsten aus bochum
Hi ewig und andere.
Deine ausführliche Beschreibung ist, sowie ich das sehe, genau die Ausbuchstabierung dessen, was man Borderline- oder Narzisstische Persönlichkeit nennen kann.
Das Gefühl isoliert zu sein (und die Tendenz sich zu isolieren), verbunden mit einer zunehmenden Phantasie von Rache und „Euch zeig ich’s, ihr werdet noch von mir hören.“
Das Leben erscheint verpfuscht, aber man will nicht als einer von den Vielen sang- und klanglos untergehen, sondern am Ende folgt die Generalabrechnung, entweder es wird gesagt (oder im Buch oder Internet veröffentlicht) was immer schon mal gesagt werden musste, oder man schreitet zur Tat, bereit zu sterben, aber möglichst viele andere mitzunehmen.
Amokläufer rechnen ja nicht damit ihre Tat zu überleben und von ihrem „Ruhm“ zehren zu können, aber es erscheint ihnen attraktiv, dass man (auch mal) über sie redet und sei es im Kontext von Entsetzen, Fragen und vielen Rätseln (Warum gerade er?).
Held für einen Tag, kurzfristig im Fokus zu sein, das ist ein starkes Motiv.
Hier muss man der Presse einen Vorwurf machen, die diese Möglichkeiten immer wieder brav bedient. Titelseiten, Sondersendungen, 12-seite Berichte, die Schwester bei Kerner und dergleichen.
Und wir sind natürlich geil darauf darüber zu hören und zu lesen, die Presse macht, was Quote bringt.
Das Gruseln ist einfach chic, gestern ein flotter Amoklauf, heute die Ölpest, morgen mutiert wieder irgendein Virus, zwischendurch WM, Regierungs- und Finanzkrise, wir alle sind schon angefixt von dieser Medienkarawane, die sich vornehmlich auf immer emotionalere Inhalte und Infotainement stürzt.
Die große Katastrophe des kleinen Lebens, damit könne du und ich uns immernoch am besten identifizieren, das subtile Grauen, dass es morgen auch in meiner Nachbarschaft passieren könnte.
Wir sind natürlich empört, fordern Verbote, wollen Schusswaffen verbieten, Sexualstraftäter kastrieren, Kampfhunde und Killerspiele abschaffen, wollen Manager entlassen und ihnen ihr Geld wegnehmen und und und, alles im Namen des Guten und der Gerechtigkeit, aber wir wollen eben auch unterhalten werden, wir suchen den kurzen emotionalen Kick, hier ein kleines Ehedrama, da ein alkoholkranker Star, ein ausgebrochener Gewalttäter, ein missbrauchtes Nachbarskind, alles ganz schrecklich, kaum zu ertragen, aber wehe uns wird unser täglich Brot vorenthalten.
In immer kürzeren Etappen, immer mehr Grauen, immer mehr Sex und man muss selbstkritisch sehen, dass wir bekommen, was wir wollen, was wiederum die nachfolgende Generation in einem affektgeladenen Klima aufwachsen lässt, das diese Störungen prädisponiert.
Gruß,
Carsten
Erik van Thom
@ewig: Robert Steinhaeuser zum Beispiel war nicht in einer Bande organisiert. Ich vermute, wie Carsten, eine narzisstische Persoenlichkeitsstoerung: Versagen an der Schule, tiefe Kraenkung des grandiosen Selbstbildes, die Rolle des gottgleichen Racheengels, der ueber Leben und Tod entscheidet, und anschliessend stilvoller Suizid, an dem ja aber ohnehin die anderen Schuld sind. In deutschen, amerikanischen und anscheinend auch finnischen Schulen passiert soetwas regelmaessig, in anderen nicht so oft oder gar nicht.
Auf der anderen Seite Bandenmitglieder: Mutproben, Dazugehoeren, Gruppendruck - das und ein Amoklauf wirken auf mich psychologisch von der Motivation her wie zwei voellig unterschiedliche Paar Schuhe.
Wenn jemand in der Gang gedemuetigt wird, daraufhin die Gang umnietet und anschliessend sich selbst, wuerde das auf mich vergleichbar wirken.
(Ich habe da ein Buch im Hinterkopf: der Roman "Clockwork Orange" von Anthony Burgess ist aus den 60ern, damals gab es auch noch keine Killerspiele, wohl aber Bandenkriminalitaet. Die Psyche des jugendlichen Bandenbosses und Helden Alex wird sehr dreidimensional und nachvollziehbar geschildert. Nein, wie ein Amoklaeufer wirkt der auf mich nicht.)
Shamatic
@carsten:
| Zitat: |
In immer kürzeren Etappen, immer mehr Grauen, immer mehr Sex und man muss selbstkritisch sehen, dass wir bekommen, was wir wollen, was wiederum die nachfolgende Generation in einem affektgeladenen Klima aufwachsen lässt, das diese Störungen prädisponiert.
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"Wir bekommen, was wir wollen" ? Das hat wieder diesen theologisch-psychologischen Touch. Was folgt daraus überhaupt ? Und immer dieses ominöse "wir" der Vereinheitlichung...
"Die Medien" sind übrigens auch kein unabhängiges Subjekt. Mir scheint, dass das moralische Bewerten "der Medien" selbst Element dieser ganzen moraldurchtränkten Logik ist, welche du ja selbst ansprichst. Mittlerweile ist diese Bewusstseinsform des "moralischen Zeigefingers" so verbreitet, dass "Gesellschaftstheorie" und "Geschichtsbewusstsein" fast vollständig aus den Bewusstsein getilgt worden sind.
ewig
| Zitat: |
Original von carsten aus bochum
Deine ausführliche Beschreibung ist, sowie ich das sehe, genau die Ausbuchstabierung dessen, was man Borderline- oder Narzisstische Persönlichkeit nennen kann. |
Ja, exakt. So kann man das nennen und so wird das oft bezeichnet, aber mir ist das immer ein kleines Gräuel, wenn einer Person so ein Etikett angehaftet wird und damit der Fall erledigt sein soll. Für diese Person ergibt sich nämlich damit weiterhin der Eindruck, daß
sie und nur sie und ihr überhöhtes, grandioses Selbstbild "das Problem" darstellt. Vielleicht ist es ja verständlich, daß man sich unter diesen Vorzeichen nicht von selbst in die Psychotherapie begibt, oder? Genau das leistet dann aber der finalen Detonation Vorschub.
Es gibt hier klare Bewertungskonflikte, obwohl es sich bloß um Nuancen am selben Ende einer Verhaltens-Skala handelt: Mobbing-"Opfer" werden als "Opfer" behandelt und das heißt mit hoher Empathie-Zuwendung, Amokläufer oder personen, die äßern würden, daß sie sich mit Gedanken an eine mögliche Gewalttat aus Zorn oder Haß tragen, werden als "Täter" oder potentielle "Täter" behandelt, die "schuldig" oder "gefährlich" sind und erhalten
null empathische Zuwendung, dafür aber maximale sicherheitsbedingte Einschränkungen. Dieser gravierende Unterschied fördert übrigens auch Unehrlichkeit, indem die Frage nach Gewaltphantasien ganz einfach verleugnet wird, aber viele entscheiden sich bei der Wahlmöglichkeit zwischen (deprimierender) Opferrolle, (mutmaßlich lebens-umwälzender) "potentiell-gefährlich"-Rolle und (immerhin vertrautem und bisher leidlich aushaltbarem) Status Quo nachvollziehbarerweise einfach für letzteres. Und zwar bis zum Suizid oder Amoklauf. Vielleicht müßte ja der therapeutische Teil der Gesellschaft mal mit einem besseren Angebot rausrücken als dem "Narzisten"-Etikett, damit das nicht so bleibt.
| Zitat: |
Held für einen Tag, kurzfristig im Fokus zu sein, das ist ein starkes Motiv.
Hier muss man der Presse einen Vorwurf machen, die diese Möglichkeiten immer wieder brav bedient. Titelseiten, Sondersendungen, 12-seite Berichte, die Schwester bei Kerner und dergleichen.
Und wir sind natürlich geil darauf darüber zu hören und zu lesen, die Presse macht, was Quote bringt.
Das Gruseln ist einfach chic, gestern ein flotter Amoklauf, heute die Ölpest, morgen mutiert wieder irgendein Virus, zwischendurch WM, Regierungs- und Finanzkrise, wir alle sind schon angefixt von dieser Medienkarawane, die sich vornehmlich auf immer emotionalere Inhalte und Infotainement stürzt. |
Zweifellos spielen auch die Medien hier keine Ruhmesrolle. Es gibt viele Ansatzpunkte, um das Amoklauf-Phänomen herunterzuregulieren und jeder, der mit einem dieser Punkte verpfründet ist, zeigt natürlich mit dem Finger auf die anderen. (Faß das jetzt nicht als Unterstellung speziell Dir gegenüber auf, ich weiß, daß Du imstande bist, Dir an die eigene Nase zu fassen, wenn es dafür an der Zeit ist.) Die Frage ist wohl: Mit welchen Maßnahmen kann die größtmögliche Hebelwirkung erzielt werden? Mit dem Verbot von Egoshootern wohl eher doch nicht so sehr (auch wenn die kulturell höchst verzichtbar sind) wie damit, daß man reelle Auswege aus der Hoffnungslosigkeits-Falle anbietet und diese möglichst für jeden sichtbar macht. Und natürlich - da hast Du völlig recht - indem man solchen Verzweiflungsexzessen keine Bühne für ein invertiertes Heldentum bereitet, dem dann andere, die an ihrem jeweiligen Tiefpunkt angekommen sind, nacheifern, um der Welt wenigstens
irgendeine Form von Hinterlassenschaft zu bereiten. An ersterem zu schrauben ist aber deshalb wichtiger, weil der grundlegende Mißstand sonst nicht behoben wird, so daß wir dann vielleicht keine Amokläufe mehr haben, dafür aber mehr Suizide. Das ist ja nicht besser, bloß weil wir es nicht mehr in den Nachrichten sehen müssen.
@Erik: Ich sehe, Du hast mich noch nicht verstanden. Mir ging es um folgendes: Im Vergleich zum deutschen Gesamterziehungs-"System," das in der Hinsicht totalitäre Züge aufweist als daß es relativ lückenlos jeden erwischt und sanktioniert, der gegen dessen Normen verstößt, bietet das englische gerade dort, wo der Staat versagt, in psychologischer Hinsicht eine Entfaltungsalternative, wo offenbar Jugendbanden eine Möglichkeit zu Erfolg außerhalb des Systems darstellen. Das heißt: Wer gegen staatliche Normen verstößt, fliegt eher aus dem Schulmilieu raus, und wird nicht zum Mobber, kann aber als Bandenmitglied seinen Geltungsdrang ausleben ohne einen Massenmord dabei vom Zaun zu brechen. Wer - auch als under-achiever - im Schulsystem verbleibt, kann sich hingegen sagen: "Ich bin noch lange nicht so sehr ganz unten wie diese Rowdys auf der Straße." So kann jeder sein Geltungsbedürfnis auf halbwegs realistischer Basis befriedigen. Ob und wie sehr GB von solchen Amokläufen verschont bleibt, hängt bei den psychosozialen Faktoren von letzterem ab (was ich im Übrigen auch nicht für einen vollends gesicherten Status halte, weil Schulrowdytum grundsätzlich auch neben Straßenrowdytum bestehen kann).
Die Frage, ob das wirklich besser ist, daß sich Jugendgangs gegenseitig auf offener Straße die Rübe wegballern, bleibt aber ohnehin bestehen. Ich bezweifle es stark.
Erik van Thom
@ewig: jetzt mal ganz bloed gefragt - gibt es denn in Deutschland keine Jugendkriminalitaet? Heisst die Alternative zu Amoklauf Jugendkriminalitaet?
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