Exebeche
Die Welt befindet sich im Umbruch.
Das Internet vereinfacht den Kontakt mit weit entfernten Menschen so sehr, dass wir derzeit ein Verschmelzen des Globus' zu einer gigantischen Stadt beobachten.
Wir leben in einer historischen Zeit, denn dieser Vorgang bringt emergente Phänomene hervor wie das zum letzten mal wahrscheinlich bei der Entstehung der Städte der Fall war.
Erst durch deren Erscheinen waren Dinge möglich wie Kriege in groß angelegtem Stil, aber auch eine allgemeinverbindliche Rechtsprechung.
Was von der augenblicklichen Verschmelzung zu einer Giga-Stadt zu erwarten ist, muss offen bleiben.
Es gibt aber noch weitere Entwicklungen, die parallel zu dem Wachsen des Internets die Welt mit neuen Strukturen überziehen.
Die Abwicklung von Vorgängen unterschiedlichster Art wird an EDV-Systeme übergeben.
Ihre Bankgeschäfte, Ihre Einkäufe, Ihre Steuererklärung, Ihre Bewerbung, Ihr Umzug, in immer mehr Lebensbereichen haben Sie Kontakt mit EDV-Systemen, wo sie früher mit einem Menschen gesprochen haben.
Für immer mehr Lebensbereiche wird der Umgang mit EDV-Systemen unumgänglich.
Inzwischen hat man sich angewöhnt verallgemeinernd vom "System" zu sprechen und einen besonderen Umgang mit dem "System" zu pflegen.
Das System hat eine Autorität, die Menschen fehlt.
Ist es Ihnen schon mal passiert, dass man Ihr Bargeld nicht annehmen wollte, weil das System nur EC- und Kreditkarten zulässt?
Dass die Dame sie verständnisvoll und charmant anlächelt, mit den Worten "Ich würde es gerne nehmen, aber ich krieg's nicht in's System".
Kennen Sie jemanden, der da noch ein Aufhebens drum macht?
Da verdrehen die Menschen genervt die Augen: "Der ist wohl vom Land, kapiert der nicht, dass sie das System nicht extra für ihn umprogrammieren kann?"
Vor einiger Zeit erzählte mir jemand, dass er ein Päckchen von einem Paketdienst abholen wollte und es nicht bekam, weil es gerade im System als "nicht abgeholt" erfasst worden war.
"Mir fehlt die Berechtigung, den Status im System zu ändern", sagte der Mann am Tresen ihm.
Das Päckchen lag nur eine Armeslänge entfernt, aber hätte er es herausgegeben, hätte es am nächsten Tag an anderer Stelle gefehlt, wäre gar als verloren oder gestohlen erfasst worden.
Und dann hätte das System auf ihn als letzten Bearbeiter gezeigt.
Das System ist längst zur metaphysischen Größe geworden.
Es ist ist taub für Widerspruch.
Und das ist Manchem gar nicht so unrecht.
Denn das garantiert natürlich, dass die Richtlinien, die man sich an anderer Stelle ausgedacht hat auch genau so eingehalten werden.
Dabei ist ein System nicht zwingend computerbasiert.
Unter dem Begriff ITIL hat man für die IT-branche eine Lehre erarbeitet, die sich allein mit der hohen Kunst der Systemimplementierung befasst.
Dabei dreht es sich darum wie man eine Systemstruktur so aufsetzt, dass sie selbst im größten Konzern noch garantiert, dass jeder Vorgang nach den Vorgaben abläuft.
Hierfür werden Prozesse und Instanzen definiert, wobei die Instanzen sowohl Menschen wie auch EDV-Systeme sein können.
Je weniger dabei in den Händen von Menschen liegt, desto größer ist natürlich die Kontrolle, die man ausüben kann.
Allgemein gibt es einen starken Trend, dem Menschen immer mehr Verantwortung abzunehmen, bzw. die Kontrolle in den Händen weniger zu konzentrieren.
ITIL ist damit eine Art Bibel für jene, die hierarchische Ordnungen bevorzugen.
Das eigentliche Problem auf das ich hier hinzuweisen versuche ist, dass der Mensch gleichzeitig bequem ist.
Mitunter gibt er gerne Verantwortung ab.
Es vereinfacht bspw. zu sagen "Das ist nicht mein Fehler".
Oder "Ich würde Ihnen wahnsinnig gerne weiterhelfen, aber ich krieg's nicht in's System".
Oder "Ich kann nur das machen, was das System mir vorgibt".
Wo haben wir ähnliche Sätze schon einmal gehört?
In den Adof Eichmann Prozessen.
Der Holocaust-Logistiker hat bis zum Schluss darauf bestanden unschuldig zu sein, und das eigentlich entsetzliche daran ist, das er sich tatsächlich für unschuldig hielt.
Er beanspruchte für sich nur ausführendes Organ gewesen zu sein.
Er hatte Befehle auszuführen, und das musste er so gut wie möglich tun.
Nun ist fast jeder von sich überzeugt, dass er sich nicht zu einem Mauerschützen hätte machen lassen. Und außerdem haben wir einen freien Willen, der uns in die Lage versetzt zu entscheiden ob wir uns in den Dienst eines Terrorregimes stellen wollen.
Was aber, wenn jemand gar nicht überschaut, was er tut?
Menschen lehnen die Verantwortung für Fehler ab, die das System macht.
Schon einfache hierarchische Strukturen verleiten dazu die Verantwortung abzugeben.
Sobald sie nun mit EDV-Systemen arbeiten, die ohnehin keine Handlungsalternativen offenlassen, treten die Menschen aktiv hinter das System zurück und halten dieses wie ein Schutzschild vor sich:
"Ich würde Ihnen gerne helfen, aber..." ist der zugehörige Wortlaut, mit dem die Schuld auf das System geschoben und die eigene Bedeutung auf ein Minimum reduziert wird.
Und das sogar zurecht, denn die Verantwortung wurde den Menschen bereits mit dem Konzept des Systems entzogen.
Große Firmen und Konzerne sind schon lange auf den Dreh gekommen ihre Prozesse so zu strukturieren, dass man nur noch eine gewisse Zahl sogenannter Call-Agents benötigt, die die Anrufe am Telefon entgegennehmen.
Diese Agents sind im Optimalfall ungelernte, niedrig qualifizierte Arbeitskräfte. Sie füllen nur Formblätter aus, die Entscheidungen werden vom jeweiligen System getroffen.
Kompetenzträger will man hier nicht sehen.
Dieser Trend setzt sich heute in den Behörden fort, insbesondere seit der rigorosen Privatisierung, die in Ämtern und Behörden Einzug hält.
Im Optimalfall sind die Call-Agents auch zu hundert Prozent ausgelastet, und damit so überarbeitet, dass sie das System erst recht nicht hinterfragen werden.
Was hier im Entstehen begriffen ist, ist zunächst ein gewaltiges Potential an Handlung ohne Verantwortung.
Die größte Gefahr ist sicher, dass dieses Potential von moralfreien Führungsriegen ausgenutzt wird.
In einem geschickt strukturierten System bemerkt ein Call-Agent nicht einmal, dass er gerade eine Tätigkeit für die Mafia durchführt (die Mafia ist in Italien einer der wichtigsten Akteure auf dem (seriösen) Arbeitsmarkt).
Ein weiteres Problem ist , dass die benannten Systeme mit jedem Machtwechsel auf Führungsebene radikalen Veränderungen unterzogen werden, die allesamt viel schneller implementiert werden müssen als es zur Reifung von Prozessen notwendig wäre. Dadurch sind solche Systeme permanent fehlerhaft, lückenhaft, unausgegoren.
In der Folge werden in Zukunft bei Behörden existenzbedrohliche Fehlentscheidungen getroffen.
Ich habe einen Kollegen, der bis heute keine Kreditkarte bekommt, weil er Opfer einer Maier/Mayer-Verwechslung wurde.
Er findet das zum Lachen, aber in der Zukunft werden die Menschen in das Korsett der sie umgebenden Systeme eingebunden sein und dann wird es existenzbedrohend werden, wenn wegen falscher Daten beispielsweise plötzlich die Bankkarten eingezogen werden, der Autohändler keinen Kredit mehr gibt, keine Autoversicherung einen mehr akzeptiert, der Mobilfunkprovider einem das Konto sperrt, kein Telefon und Internet mehr zur Verfügung steht, etc. , etc.
All das sind Dinge über die wir heute lachen, die aber in Zukunft existenzrelevant sein werden.
Wenn Ihnen so etwas widerfährt, können Sie in Zukunft von Glück sagen, wenn Sie überhaupt einen Weg finden, auf dem Sie mit einem Menschen sprechen können.
Dann geht es Ihnen vielleicht so wie mir, dass man Ihnen sagt:
"Können Sie es nicht kapieren, oder wollen Sie es nicht kapieren? Wenn Sie keine Kundennummer bei uns haben, kann ich Ihr Problem nicht in mein System eingeben."
Das Internet vereinfacht den Kontakt mit weit entfernten Menschen so sehr, dass wir derzeit ein Verschmelzen des Globus' zu einer gigantischen Stadt beobachten.
Wir leben in einer historischen Zeit, denn dieser Vorgang bringt emergente Phänomene hervor wie das zum letzten mal wahrscheinlich bei der Entstehung der Städte der Fall war.
Erst durch deren Erscheinen waren Dinge möglich wie Kriege in groß angelegtem Stil, aber auch eine allgemeinverbindliche Rechtsprechung.
Was von der augenblicklichen Verschmelzung zu einer Giga-Stadt zu erwarten ist, muss offen bleiben.
Es gibt aber noch weitere Entwicklungen, die parallel zu dem Wachsen des Internets die Welt mit neuen Strukturen überziehen.
Die Abwicklung von Vorgängen unterschiedlichster Art wird an EDV-Systeme übergeben.
Ihre Bankgeschäfte, Ihre Einkäufe, Ihre Steuererklärung, Ihre Bewerbung, Ihr Umzug, in immer mehr Lebensbereichen haben Sie Kontakt mit EDV-Systemen, wo sie früher mit einem Menschen gesprochen haben.
Für immer mehr Lebensbereiche wird der Umgang mit EDV-Systemen unumgänglich.
Inzwischen hat man sich angewöhnt verallgemeinernd vom "System" zu sprechen und einen besonderen Umgang mit dem "System" zu pflegen.
Das System hat eine Autorität, die Menschen fehlt.
Ist es Ihnen schon mal passiert, dass man Ihr Bargeld nicht annehmen wollte, weil das System nur EC- und Kreditkarten zulässt?
Dass die Dame sie verständnisvoll und charmant anlächelt, mit den Worten "Ich würde es gerne nehmen, aber ich krieg's nicht in's System".
Kennen Sie jemanden, der da noch ein Aufhebens drum macht?
Da verdrehen die Menschen genervt die Augen: "Der ist wohl vom Land, kapiert der nicht, dass sie das System nicht extra für ihn umprogrammieren kann?"
Vor einiger Zeit erzählte mir jemand, dass er ein Päckchen von einem Paketdienst abholen wollte und es nicht bekam, weil es gerade im System als "nicht abgeholt" erfasst worden war.
"Mir fehlt die Berechtigung, den Status im System zu ändern", sagte der Mann am Tresen ihm.
Das Päckchen lag nur eine Armeslänge entfernt, aber hätte er es herausgegeben, hätte es am nächsten Tag an anderer Stelle gefehlt, wäre gar als verloren oder gestohlen erfasst worden.
Und dann hätte das System auf ihn als letzten Bearbeiter gezeigt.
Das System ist längst zur metaphysischen Größe geworden.
Es ist ist taub für Widerspruch.
Und das ist Manchem gar nicht so unrecht.
Denn das garantiert natürlich, dass die Richtlinien, die man sich an anderer Stelle ausgedacht hat auch genau so eingehalten werden.
Dabei ist ein System nicht zwingend computerbasiert.
Unter dem Begriff ITIL hat man für die IT-branche eine Lehre erarbeitet, die sich allein mit der hohen Kunst der Systemimplementierung befasst.
Dabei dreht es sich darum wie man eine Systemstruktur so aufsetzt, dass sie selbst im größten Konzern noch garantiert, dass jeder Vorgang nach den Vorgaben abläuft.
Hierfür werden Prozesse und Instanzen definiert, wobei die Instanzen sowohl Menschen wie auch EDV-Systeme sein können.
Je weniger dabei in den Händen von Menschen liegt, desto größer ist natürlich die Kontrolle, die man ausüben kann.
Allgemein gibt es einen starken Trend, dem Menschen immer mehr Verantwortung abzunehmen, bzw. die Kontrolle in den Händen weniger zu konzentrieren.
ITIL ist damit eine Art Bibel für jene, die hierarchische Ordnungen bevorzugen.
Das eigentliche Problem auf das ich hier hinzuweisen versuche ist, dass der Mensch gleichzeitig bequem ist.
Mitunter gibt er gerne Verantwortung ab.
Es vereinfacht bspw. zu sagen "Das ist nicht mein Fehler".
Oder "Ich würde Ihnen wahnsinnig gerne weiterhelfen, aber ich krieg's nicht in's System".
Oder "Ich kann nur das machen, was das System mir vorgibt".
Wo haben wir ähnliche Sätze schon einmal gehört?
In den Adof Eichmann Prozessen.
Der Holocaust-Logistiker hat bis zum Schluss darauf bestanden unschuldig zu sein, und das eigentlich entsetzliche daran ist, das er sich tatsächlich für unschuldig hielt.
Er beanspruchte für sich nur ausführendes Organ gewesen zu sein.
Er hatte Befehle auszuführen, und das musste er so gut wie möglich tun.
Nun ist fast jeder von sich überzeugt, dass er sich nicht zu einem Mauerschützen hätte machen lassen. Und außerdem haben wir einen freien Willen, der uns in die Lage versetzt zu entscheiden ob wir uns in den Dienst eines Terrorregimes stellen wollen.
Was aber, wenn jemand gar nicht überschaut, was er tut?
Menschen lehnen die Verantwortung für Fehler ab, die das System macht.
Schon einfache hierarchische Strukturen verleiten dazu die Verantwortung abzugeben.
Sobald sie nun mit EDV-Systemen arbeiten, die ohnehin keine Handlungsalternativen offenlassen, treten die Menschen aktiv hinter das System zurück und halten dieses wie ein Schutzschild vor sich:
"Ich würde Ihnen gerne helfen, aber..." ist der zugehörige Wortlaut, mit dem die Schuld auf das System geschoben und die eigene Bedeutung auf ein Minimum reduziert wird.
Und das sogar zurecht, denn die Verantwortung wurde den Menschen bereits mit dem Konzept des Systems entzogen.
Große Firmen und Konzerne sind schon lange auf den Dreh gekommen ihre Prozesse so zu strukturieren, dass man nur noch eine gewisse Zahl sogenannter Call-Agents benötigt, die die Anrufe am Telefon entgegennehmen.
Diese Agents sind im Optimalfall ungelernte, niedrig qualifizierte Arbeitskräfte. Sie füllen nur Formblätter aus, die Entscheidungen werden vom jeweiligen System getroffen.
Kompetenzträger will man hier nicht sehen.
Dieser Trend setzt sich heute in den Behörden fort, insbesondere seit der rigorosen Privatisierung, die in Ämtern und Behörden Einzug hält.
Im Optimalfall sind die Call-Agents auch zu hundert Prozent ausgelastet, und damit so überarbeitet, dass sie das System erst recht nicht hinterfragen werden.
Was hier im Entstehen begriffen ist, ist zunächst ein gewaltiges Potential an Handlung ohne Verantwortung.
Die größte Gefahr ist sicher, dass dieses Potential von moralfreien Führungsriegen ausgenutzt wird.
In einem geschickt strukturierten System bemerkt ein Call-Agent nicht einmal, dass er gerade eine Tätigkeit für die Mafia durchführt (die Mafia ist in Italien einer der wichtigsten Akteure auf dem (seriösen) Arbeitsmarkt).
Ein weiteres Problem ist , dass die benannten Systeme mit jedem Machtwechsel auf Führungsebene radikalen Veränderungen unterzogen werden, die allesamt viel schneller implementiert werden müssen als es zur Reifung von Prozessen notwendig wäre. Dadurch sind solche Systeme permanent fehlerhaft, lückenhaft, unausgegoren.
In der Folge werden in Zukunft bei Behörden existenzbedrohliche Fehlentscheidungen getroffen.
Ich habe einen Kollegen, der bis heute keine Kreditkarte bekommt, weil er Opfer einer Maier/Mayer-Verwechslung wurde.
Er findet das zum Lachen, aber in der Zukunft werden die Menschen in das Korsett der sie umgebenden Systeme eingebunden sein und dann wird es existenzbedrohend werden, wenn wegen falscher Daten beispielsweise plötzlich die Bankkarten eingezogen werden, der Autohändler keinen Kredit mehr gibt, keine Autoversicherung einen mehr akzeptiert, der Mobilfunkprovider einem das Konto sperrt, kein Telefon und Internet mehr zur Verfügung steht, etc. , etc.
All das sind Dinge über die wir heute lachen, die aber in Zukunft existenzrelevant sein werden.
Wenn Ihnen so etwas widerfährt, können Sie in Zukunft von Glück sagen, wenn Sie überhaupt einen Weg finden, auf dem Sie mit einem Menschen sprechen können.
Dann geht es Ihnen vielleicht so wie mir, dass man Ihnen sagt:
"Können Sie es nicht kapieren, oder wollen Sie es nicht kapieren? Wenn Sie keine Kundennummer bei uns haben, kann ich Ihr Problem nicht in mein System eingeben."