Das Ende der Verantwortung

Exebeche
Die Welt befindet sich im Umbruch.
Das Internet vereinfacht den Kontakt mit weit entfernten Menschen so sehr, dass wir derzeit ein Verschmelzen des Globus' zu einer gigantischen Stadt beobachten.
Wir leben in einer historischen Zeit, denn dieser Vorgang bringt emergente Phänomene hervor wie das zum letzten mal wahrscheinlich bei der Entstehung der Städte der Fall war.
Erst durch deren Erscheinen waren Dinge möglich wie Kriege in groß angelegtem Stil, aber auch eine allgemeinverbindliche Rechtsprechung.
Was von der augenblicklichen Verschmelzung zu einer Giga-Stadt zu erwarten ist, muss offen bleiben.
Es gibt aber noch weitere Entwicklungen, die parallel zu dem Wachsen des Internets die Welt mit neuen Strukturen überziehen.
Die Abwicklung von Vorgängen unterschiedlichster Art wird an EDV-Systeme übergeben.
Ihre Bankgeschäfte, Ihre Einkäufe, Ihre Steuererklärung, Ihre Bewerbung, Ihr Umzug, in immer mehr Lebensbereichen haben Sie Kontakt mit EDV-Systemen, wo sie früher mit einem Menschen gesprochen haben.
Für immer mehr Lebensbereiche wird der Umgang mit EDV-Systemen unumgänglich.
Inzwischen hat man sich angewöhnt verallgemeinernd vom "System" zu sprechen und einen besonderen Umgang mit dem "System" zu pflegen.
Das System hat eine Autorität, die Menschen fehlt.
Ist es Ihnen schon mal passiert, dass man Ihr Bargeld nicht annehmen wollte, weil das System nur EC- und Kreditkarten zulässt?
Dass die Dame sie verständnisvoll und charmant anlächelt, mit den Worten "Ich würde es gerne nehmen, aber ich krieg's nicht in's System".
Kennen Sie jemanden, der da noch ein Aufhebens drum macht?
Da verdrehen die Menschen genervt die Augen: "Der ist wohl vom Land, kapiert der nicht, dass sie das System nicht extra für ihn umprogrammieren kann?"
Vor einiger Zeit erzählte mir jemand, dass er ein Päckchen von einem Paketdienst abholen wollte und es nicht bekam, weil es gerade im System als "nicht abgeholt" erfasst worden war.
"Mir fehlt die Berechtigung, den Status im System zu ändern", sagte der Mann am Tresen ihm.
Das Päckchen lag nur eine Armeslänge entfernt, aber hätte er es herausgegeben, hätte es am nächsten Tag an anderer Stelle gefehlt, wäre gar als verloren oder gestohlen erfasst worden.
Und dann hätte das System auf ihn als letzten Bearbeiter gezeigt.
Das System ist längst zur metaphysischen Größe geworden.
Es ist ist taub für Widerspruch.
Und das ist Manchem gar nicht so unrecht.
Denn das garantiert natürlich, dass die Richtlinien, die man sich an anderer Stelle ausgedacht hat auch genau so eingehalten werden.
Dabei ist ein System nicht zwingend computerbasiert.
Unter dem Begriff ITIL hat man für die IT-branche eine Lehre erarbeitet, die sich allein mit der hohen Kunst der Systemimplementierung befasst.
Dabei dreht es sich darum wie man eine Systemstruktur so aufsetzt, dass sie selbst im größten Konzern noch garantiert, dass jeder Vorgang nach den Vorgaben abläuft.
Hierfür werden Prozesse und Instanzen definiert, wobei die Instanzen sowohl Menschen wie auch EDV-Systeme sein können.
Je weniger dabei in den Händen von Menschen liegt, desto größer ist natürlich die Kontrolle, die man ausüben kann.
Allgemein gibt es einen starken Trend, dem Menschen immer mehr Verantwortung abzunehmen, bzw. die Kontrolle in den Händen weniger zu konzentrieren.
ITIL ist damit eine Art Bibel für jene, die hierarchische Ordnungen bevorzugen.

Das eigentliche Problem auf das ich hier hinzuweisen versuche ist, dass der Mensch gleichzeitig bequem ist.
Mitunter gibt er gerne Verantwortung ab.
Es vereinfacht bspw. zu sagen "Das ist nicht mein Fehler".
Oder "Ich würde Ihnen wahnsinnig gerne weiterhelfen, aber ich krieg's nicht in's System".
Oder "Ich kann nur das machen, was das System mir vorgibt".

Wo haben wir ähnliche Sätze schon einmal gehört?
In den Adof Eichmann Prozessen.
Der Holocaust-Logistiker hat bis zum Schluss darauf bestanden unschuldig zu sein, und das eigentlich entsetzliche daran ist, das er sich tatsächlich für unschuldig hielt.
Er beanspruchte für sich nur ausführendes Organ gewesen zu sein.
Er hatte Befehle auszuführen, und das musste er so gut wie möglich tun.

Nun ist fast jeder von sich überzeugt, dass er sich nicht zu einem Mauerschützen hätte machen lassen. Und außerdem haben wir einen freien Willen, der uns in die Lage versetzt zu entscheiden ob wir uns in den Dienst eines Terrorregimes stellen wollen.
Was aber, wenn jemand gar nicht überschaut, was er tut?

Menschen lehnen die Verantwortung für Fehler ab, die das System macht.
Schon einfache hierarchische Strukturen verleiten dazu die Verantwortung abzugeben.
Sobald sie nun mit EDV-Systemen arbeiten, die ohnehin keine Handlungsalternativen offenlassen, treten die Menschen aktiv hinter das System zurück und halten dieses wie ein Schutzschild vor sich:
"Ich würde Ihnen gerne helfen, aber..." ist der zugehörige Wortlaut, mit dem die Schuld auf das System geschoben und die eigene Bedeutung auf ein Minimum reduziert wird.
Und das sogar zurecht, denn die Verantwortung wurde den Menschen bereits mit dem Konzept des Systems entzogen.
Große Firmen und Konzerne sind schon lange auf den Dreh gekommen ihre Prozesse so zu strukturieren, dass man nur noch eine gewisse Zahl sogenannter Call-Agents benötigt, die die Anrufe am Telefon entgegennehmen.
Diese Agents sind im Optimalfall ungelernte, niedrig qualifizierte Arbeitskräfte. Sie füllen nur Formblätter aus, die Entscheidungen werden vom jeweiligen System getroffen.
Kompetenzträger will man hier nicht sehen.
Dieser Trend setzt sich heute in den Behörden fort, insbesondere seit der rigorosen Privatisierung, die in Ämtern und Behörden Einzug hält.
Im Optimalfall sind die Call-Agents auch zu hundert Prozent ausgelastet, und damit so überarbeitet, dass sie das System erst recht nicht hinterfragen werden.
Was hier im Entstehen begriffen ist, ist zunächst ein gewaltiges Potential an Handlung ohne Verantwortung.

Die größte Gefahr ist sicher, dass dieses Potential von moralfreien Führungsriegen ausgenutzt wird.
In einem geschickt strukturierten System bemerkt ein Call-Agent nicht einmal, dass er gerade eine Tätigkeit für die Mafia durchführt (die Mafia ist in Italien einer der wichtigsten Akteure auf dem (seriösen) Arbeitsmarkt).

Ein weiteres Problem ist , dass die benannten Systeme mit jedem Machtwechsel auf Führungsebene radikalen Veränderungen unterzogen werden, die allesamt viel schneller implementiert werden müssen als es zur Reifung von Prozessen notwendig wäre. Dadurch sind solche Systeme permanent fehlerhaft, lückenhaft, unausgegoren.
In der Folge werden in Zukunft bei Behörden existenzbedrohliche Fehlentscheidungen getroffen.
Ich habe einen Kollegen, der bis heute keine Kreditkarte bekommt, weil er Opfer einer Maier/Mayer-Verwechslung wurde.
Er findet das zum Lachen, aber in der Zukunft werden die Menschen in das Korsett der sie umgebenden Systeme eingebunden sein und dann wird es existenzbedrohend werden, wenn wegen falscher Daten beispielsweise plötzlich die Bankkarten eingezogen werden, der Autohändler keinen Kredit mehr gibt, keine Autoversicherung einen mehr akzeptiert, der Mobilfunkprovider einem das Konto sperrt, kein Telefon und Internet mehr zur Verfügung steht, etc. , etc.
All das sind Dinge über die wir heute lachen, die aber in Zukunft existenzrelevant sein werden.

Wenn Ihnen so etwas widerfährt, können Sie in Zukunft von Glück sagen, wenn Sie überhaupt einen Weg finden, auf dem Sie mit einem Menschen sprechen können.
Dann geht es Ihnen vielleicht so wie mir, dass man Ihnen sagt:
"Können Sie es nicht kapieren, oder wollen Sie es nicht kapieren? Wenn Sie keine Kundennummer bei uns haben, kann ich Ihr Problem nicht in mein System eingeben."
Exebeche
Dass noch niemand geantwortet hat verstehe ich nicht unbedingt als Kritik.

Da sich eine Diskussion, die ich an anderer Stelle mit Carsten führe hiermit überschneidet, möchte ich eine Aussage von dort einfach hier rein kopieren:

Ich möchte nochmal unterstreichen, dass es mir um einen besonderen Aspekt dieser Sache geht:

Systeme entwickeln eine ungeheure Dynamik.
Sie bringen Menschen und Dinge in Bewegung und setzen Energien frei.
Unsere Welt ist in einem Zustand, in dem in exponentiell wachsender Zahl Systeme kristallisieren, die unser Leben in Bahnen lenken.
Dabei haben sie ein entsprechend wachsendes Potential wissentlich oder unwissentlich Leid und Unrecht zu verursachen.
Mechanismen zu etablieren, die solches Leid und Unrecht verhindern ist nicht Teil der Entwicklung, die wir beobachten, schon allein weil eine Notwendigkeit erst dann bemerkt wird, wenn ein wirtschaftlicher Schaden entsteht.
Viele dieser Systeme engen unseren Handlungsspielraum ein.
Erstens den Handlungsspielraum der Betroffenen, die durch das System reguliert werden.
Zweitens den Handlungsspielraum der Akteure, die darin verwaltend oder ausführend aktiv sind.
Den menschlichen Akteuren wird zunehmend Verantwortung entzogen, somit geht die Zahl der ethisch denkenden Instanzen immer weiter gegen Null.
Und für die Betroffenen, die Regulierten geht die Zahl der Ausweichmöglichkeiten immer weiter gegen Null.
Ungerechtigkeiten müssen zunehmend schlicht erduldet werden.

Zum Beispiel habe ich keinen Fernseher und zahle entsprechend nur Radiogebühren.
Dass ich nun in ein paar Jahren übergangen werde und einfach trotzdem für den Fernseher zahlen muss, ist eine Sache, mit der ich, naja.. leben kann.
Diese Ungerechtigkeit bringt mich nicht um.
Dabei ist es bereits eine ziemlich private Entscheidung, in die sich der Staat da einmischt.
Wir blicken in eine Zukunft, die uns in sämtlichen Lebensbereichen die Vorgaben aufoktroyiert.
Die EDV-Systeme unterstützen dabei die starre Stabilität der Strukturen, die von oben herunter vorgegeben werden.
In ein paar Jahren werden die Tätigkeiten, die heute "viele" online tätigen überhaupt nicht mehr (oder nur für eine zahlungskräftge Klientel) offline verfügbar sein.
Das was wir hier heute als zusätzliche Freiheit der neuen Medien erleben wird dann ein unerträgliches Korsett werden und es wird eine große Menge an Ungerechtigkeit und Leid dadurch entstehen.
FLorian K.
Eine gute und treffende Analyse, die auf die Gefahren aller Formen von Organisation des Gemeinwesens hinweist.
Allerdings finde ich die Sichtweise ein wenig zu negativ.

Das entstehende System ist nämlich nichts anderes als eine logische Weiterentwicklung der Arbeitsteilung und Automatisierung in eine höherentwickelte Form.

Dabei ist es allerdings klar, dass Strukturierung zumindest teilweise auf Kosten der Freiheit des Einzelnen gehen muss.

Wer auf einer einsamen Insel lebt, der hat so etwas wie die absolute Freiheit. Zumindest muss er sich an keine menschlichen Ge- oder Verbote halten.
Er hat allerdings eben auch nicht die Vorteile, die Organisation und Arbeitsteilung mit sich bringen.
Er könnte auf sich allein gestellt nur sehr rudimentär Güter produzieren und nutzen. Letztlich wäre sein Dasein ein harter Überlebenskampf gegen die Einflüsse seiner Umwelt.
Wenn er sich beispielsweise das Bein brechen würde, wäre es für ihn direkt existenzbedrohend, da niemand ihn gesundpflegen könnte und auch niemand seine Aufgaben (z.B. Nahrungsbeschaffung) übernehmen könnte, während er sich auskuriert.
In diesem Sinne braucht der Mensch also auf Dauer die Unterstützung anderer Menschen.

Sobald aber mehrere Menschen miteinander interagieren, entwickeln sich Strukturen, die den Umgang mit einander regeln.
Am Anfang wäre dies wahrscheinlich in erster Linie das Recht des Stärkeren.
Dies ist aber auf Dauer weder eine wünschenswerte noch eine funktionale Lösung.
Also wird man sich auf funktionierende Strukturen einigen müssen.
Diese Struktur schränkt natürlich den Handlungsspielraum des Einzelnen ein.

Je mehr Menschen sich einigen müssen, desto umfangreicher werden diese Strukturen sein.

Größere Organisationseinheiten können aber auch größere Projekte umsetzen.
Dies hast Du auch sehr richtig erkannt:

Zitat:

Systeme entwickeln eine ungeheure Dynamik. Sie bringen Menschen und Dinge in Bewegung und setzen Energien frei.


Man denke nur an den Bau einer Rakete für einen Flug zum Mond und wie viele Menschen an einem solchen Projekt tatsächlich beteiligt sein müssen, von den Ingenieuren, die die Rakete entwerfen, bis hin zu den Arbeitern, die zunächst einmal die für den Bau notwendigen Rohstoffe fördern und veredeln.

Das volle menschliche Schaffenspotential kann nur eine global organisierte Menschheit verwirklichen.
Mit der wachsenden Größe der Organisationseinheit schrumpft aber auch die Bedeutung des einzelnen Individuums in der Organisation.
Der einzelne MUSS dann ersetzbar sein.
Man stelle sich vor:
Ein Arbeiter verunglückt bei der Förderung von Öl für den Raketentreibstoff.
Wenn er unersetzbar wäre, käme der Bau der Rakete, an dem tausende anderer mit ihrer Arbeitskraft beteiligt sind zum erliegen.
Darum müssen die Organisationseinheiten Wege finden ihn ersetzbar zu machen. Sonst hätten sie keinen Bestand.

Tatsache ist, dass uns die Arbeitsteilung nicht nur viele Freiheiten genommen hat, sondern auch Freiheiten gibt.
Wir können mit jemandem in Japan chatten. Wir können sogar selbst in ein paar Stunden nach Japan fliegen.
Wir haben Gewürze und Obst, von denen im Mittelalter Könige nur hätten träumen können. Wir haben Musik jederzeit auf Abruf.
Wir bekommen Informationen von überall auf der Welt.

Dies ist auch eine Form von Freiheit, da hierdurch die physischen und geistigen Möglichkeiten des Individuums auf geradezu phantastische Art und Weise erhöht wurden.
Und ganz ehrlich:
Wer wollte wirklich wieder mit einem Bärenfell bekleidet in einer Höhle leben?

Allerdings befinden wir uns zur Zeit wieder in einer Umbruchphase.

Die Aufgabe unserer Zeit ist nicht, die Vernetzung und die Entstehung eines globalen Systems zu verhindern, sondern vielmehr, diese so zu gestalten, dass sie einen möglichst geringen Verlust an Freiheit, Individuen und Ressourcen verursacht.

Dazu ist es notwendig Organisationen nicht mit dem Ziel der Erringung kurzfristiger Vorteile aufzubauen, sondern verstärkt auf Langfristigkeit und Nachhaltigkeit zu achten.

Ich denke, dass die öffentliche Diskussion inzwischen so weit ist, dass die Probleme wahrgenommen werden.
Nur:
Es fehlt vielerorts noch an Lösungen.

Aus diesem Grunde entstehen zahlreiche Mißstände von Belastung der Umwelt, bis zur Ausbeutung von Arbeitern.
Auch die Lösung dieser Probleme ist nicht von einzelnen Individuen zu leisten, sondern von Organisationseinheiten.

In diesem Sinne, ist es sinnvoll, sich selbst aktiv zu vernetzen und regulierende Netzwerke innerhalb des Systems zu schaffen.

Um einmal Dein Beispiel mit dem Postschalter zu kommen:
Ein einzelner ist hier hilflos. Selbst wenn er sich beim Vorgesetzten beschwert, wird er nur die Antwort bekommen "so ist halt das System". Wenn er sich aber Unterstützung einer Organisation sichert, kann er durchaus auch auf das System der Post Einfluss nehmen.
Wenn beispielsweise eine starke Verbraucherschutzorganisation Druck auf die Post machen würde, dann könnte die Post gezwungen werden, ihre Systeme in eine gerechtere Form umzugestalten.

Die Vernetzung werden wir nicht aufhalten. Und wahrscheinlich würde dies auch garkeinen Sinn machen.
Vielmehr geht es darum, WIE wir uns IN diesem System organisieren.
ewig
Zitat:
Original von Exebeche
Dass noch niemand geantwortet hat verstehe ich nicht unbedingt als Kritik.

Ist auch nicht so gedacht. Zwinker

Ich wollte beim Lesen an vielen Stellen etwas kommentieren, aber die Zeit war bislang zu knapp. Vielleicht komme ich später noch dazu.
Exebeche
Zitat:
Original von FLorian K.
Die Vernetzung werden wir nicht aufhalten. Und wahrscheinlich würde dies auch garkeinen Sinn machen.
Vielmehr geht es darum, WIE wir uns IN diesem System organisieren.


Das kann ich unterschreiben.
Es könnte im Grunde sogar von mir stammen.
Wir sollten nur eben auch darauf achtgeben, dass es bei diesem Thema nicht so kommt wie bei dem der Globalisierung.
Nur allzu oft habe ich erlebt, dass jemand der kritische Gedanken zur Globalisierung hatte als Globalisierungsgegner angesprochen wurde.
Man musste nur die "Grenzen des Wachstums" ansprechen um der Mitgliedschaft bei Attac verdächtig zu sein.
Für das Wort "Globalisierungskritiker" schien die Öffentlichkeit keinen Speicherplatz frei zu haben.
Dabei waren das Leute, die großenteils die Globalisierung befürwortet haben, dabei aber darauf hingewiesen haben, dass es von enormer Wichtigkeit ist "WIE wir uns IN diesem System organisieren".

Ich möchte mich nicht als Gegner der globalen Vernetzung verstanden wissen. Im Gegenteil. Ich profitiere von den Vorteilen der Vernetzung und schätze sie. Ich schätze sie auch, weil sie nicht nur mir Vorteile bringt.
Wie ich in der Einleitung schon sagte: Erst die Städtebildung ermöglichte Kriege in groß angelegtem Stil, aber auch eine allgemeinverbindliche Rechtsprechung.
Mit der Verschmelzung der Welt zu einer Giga-Stadt werden wir neuerliche emergente Phänomene beobachten.
Es wird gute und schlechte Seiten geben.
Das ist auch das, was sich im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankert hat.
Was nicht stimmt ist,

Zitat:
Original von FLorian K.
dass die öffentliche Diskussion inzwischen so weit ist, dass die Probleme wahrgenommen werden.


Es gibt lediglich ein schwammiges Empfinden dafür, dass aus der Neuordnung Probleme entstehen werden und, dass wir uns darauf einstellen müssen.
Dass "DIE Probleme" wahrgenommen werden ist aber schon allein deshalb ausgeschlossen, weil wir es mit emergenten Phänomenen zu tun haben werden, die man naturgemäß erst vorhersagen kann, wenn man sie bereits zuvor beobachtet hat.
Alles was wir tun können ist, aus augenblicklichen Anfangstrends mögliche Weiterentwicklungen zu extrapolieren.
Eben deshalb will ich im Folgenden versuchen wenigstens den Teil der Entwicklung zu analysieren, der heute bereits sichtbar ist.

Eines der grundlegendsten Probleme, die sich in der Zukunft durch die wachsende elektronische Vernetzung ergeben, wird sicherlich darin bestehen, dass der Ausschluss von Systemen menschliche Tragödien herbeiführen kann.

Weiter oben habe ich bereits ein Beispiel dafür genannt: die Maier/Mayer-Verwechslung, aufgrund welcher ein Kollege von mir keine Kreditkarte bekommt.
Hier in Europa sieht man so etwas relativ gelassen, aber in Ländern wie den USA oder Kanada lebt man ohne eine Kreditkarte schon nah am Rande der Gesellschaft.
Im Supermarkt kommt man gerade noch klar, aber darüber hinaus ist das ein bisschen so wie wenn man versuchen würde in Deutschland mit Dollars durchzukommen.
Dabei braucht man in den USA die Kreditkarte nicht nur zum bezahlen, sondern an vielen Stellen wird sie zusätzlich (!) zum Ausweis für die Identifikation verlangt.
Ohne gültige Kreditkarte kann man sich in vielen Situationen gar nicht vollständig legitimieren.
Dabei wird die Legitimation ein zentraler Bestandteil unseres Lebens werden. Die explosionsartige Zunahme von Pins und Passwörtern, die wir uns merken ist ein Indikator dafür.

Zum Ausschluss kommt es aber nicht nur durch Fehler im System wie bei der Maier/Mayer-Verwechslung.
Immer beliebter und immer verfügbarer werden sogenannte "Ratings".
Wenn die freundliche Bankangestellte sich für eine Minute verabschiedet, weil sie eine Schufa-Abfrage macht, bevor sie einen Kredit bewilligt unterzieht sie in modernen Kreditinstituten den Antragsteller einem Rating.
In diesem werden Daten einer statistischen Auswertung unterzogen.
Da kann es z.B. sein, dass die Straße, in der man wohnt als Kriterium genügt um einen Kredit nicht zu bekommen.
Warum soll das nun ungerecht sein, könnte man fragen. Wer Geld verleiht hat schließlich das gute Recht sich über den Empfänger zu informieren.
Nun, ein Problem daran ist, dass der Betroffene nie etwas von dem Grund für seine Zurückweisung erfährt.
Sicher darf selbst die Bankangestellte nicht so weit in das System blicken, dass sie das sieht.
Es mag also jemand aus völlig soliden Verhältnissen sich wundern, wieso er von sämtlichen Kreditinstituten zurückgewiesen wird, für ihn wird es sich so darstellen wie die Frage, warum der eine Raucher und Trinker 90 Jahre alt wird, während ein junger Sportler mit 20 vom Krebs dahingerafft wird: Höhere Gewalt.
Das zweite Problem ist: Wie gerecht sind solche Ratings?
Im Grunde funktionieren sie nach dem Prinzip der Rasterfahndung.
Hierbei werden alle in Frage kommenden Personen auf mehrere Eigenschaften geprüft, und alle bei denen diese Eigenschaften zutreffen zählen zu dem Kreis der Verdächtigen.
Bei der Bank dreht es sich natürlich nicht um Verdächtige.
Hier dreht es sich darum, wer zu dem Kreis der Erlauchten gehört, die würdig sind in den Schoß des Hauses aufgenommen zu werden.
Es ist klar, dass insbesondere für Krankenversicherungen solche Ratings eine Goldgrube sind.
Aber wer kann garantieren, dass nicht auch andere Institutionen wie bspw. private Schulen und Universitäten irgendwann ihre Bewerber solchen Ratings unterziehen? Und dass es nicht Länder gibt, in denen das bereits getan und für völlig normal gehalten wird?
Vielleicht fände man es an manchen Universitäten gar nicht unanständig Bewerbern aus islamischen Ländern, die sich zudem zum Islam bekennen ein schlechteres Rating zu geben.

Die Diskriminierung muss aber nicht einmal beabsichtigt sein: Sie kann sich in der mathematischen Logik des Systems verstecken.
Wahrscheinlich würde sich niemand etwas dabei denken, wenn in den USA bestimmte Schulen einen guten Ruf genießen, so dass ein Schulabschluss an einer dieser Schulen positiv in das Rating einer Universität oder einer Arbeitsstelle einfließt.
Das wäre doch die natürlichste Sache der Welt, würde man sagen.
Unberücksichtigt bliebe dabei allerdings, dass Bewerber mit Migrationshintergrund sich diese Punkte mitunter gar nicht holen können.
In einem Bewertungssystem schlägt sich das zahlenmäßig nieder.
Da hat vielleicht gar niemand an Diskriminierung gedacht, als gleich mehrere solcher Kriterien in das Rating eingeflossen sind.
Oder vielleicht hat doch jemand daran gedacht, wohl wissend, dass selten jemand so tief in die Logik des Systems einsteigt. Und selbst wenn, muss man einem Zuhörer erst mal begreiflich machen, wieso da eine Diskriminierung stattfindet. Und Absicht kann man dann nicht unterstellen, sondern höchstens ein Versehen, ein verzeihbarer Fall von nicht hundertprozentiger Gründlichkeit bei der Erstellung des Konzepts.
Grundsätzlich kann man mit diesen Ratings vieles ausschließen: Ausländer, Arbeitslose, ältere Menschen, kinderlose Frauen unter 40, Schwarze, Menschen die nicht zur oberen Mittelschicht oder darüber zählen, Menschen die keinen christlichen Hintergrund haben, etc.
Den Abgewiesenen bleibt dabei das Rating ohnehin schleierhaft. Für sie ist das Ganze ein Vorgang höherer Gewalt.

Dabei muss sich ein System nicht einmal so subtiler Methoden wie der mathematischen Logik bedienen.
Man kann Menschen auch einfach offensichtlich von einem System ausschließen.
Und da wo eine Gruppierung nicht vollständig ausgeschlossen werden kann, kann man sie auch einfach benachteiligen.
Da wo zum Beispiel Menschen Anspruch auf Hilfe vom Staat haben, könnte man dem einen die Möglichkeit geben, die Abwicklung der Formalitäten komplett online zu ermöglichen, während man gleichzeitig Gruppen wie Ausländern und Asylanten diese Tür verschließt, so dass diese nach wie vor persönlich vorstellig werden müssen.
Ich könnte mir vorstellen, dass Mancher das sogar befürworten würde.
Ob es rechtens ist, wird indes solange nicht mehr geprüft, bis jemand die Mühlen der Justiz in Bewegung setzt.
Auf diese Weise kann ein System-Designer seine persönlichen Rechtsvorstellungen verwirklichen, die mit Gesetzesvorlagen nicht immer konform sein müssen.
Wer würde Absicht unterstellen, wenn etwa ein Formblatt, in dem die Einkommenssteuerdaten online bearbeitet wird einem männlichen Steuerzahler die Veranschlagung als Ehepartner verweigert, wenn derjenige die Daten eines Mannes als Ehepartner einzugeben versucht?
Man wäre versucht zu sagen: Logisch, dass das System das ablehnt.
Es liegt ja auf der Hand, dass solche Programme Prüfmechanismen enthalten, und wenn der Designer beim Konzept an die gleichgeschlechtliche Ehe nicht gedacht hat, muss man ihm ja nicht gleich Absicht unterstellen.
Eine öffentlich Behörde könnte man (zumindest in der BRD) mit erheblichem Aufwand zu Nachbesserungen zwingen.
Bei einer Firma steht man allerdings vor verschlossenen Türen.

Niemand kann einer Firma Vorschriften machen, wie sie ihr System zu strukturieren hat.
Es gibt eine allen bekannte Online-Community, die es vormacht. Nahezu jede Woche sieht sie sich mit neuen Vorwürfen für ihren liderlichen Umgang mit Datenschutzbelangen konfrontiert, und wenn eine Verbesserung angekündigt wird, dann nur an den Stellen, die zu Mitgliederschwund führen könnte.
Wo keine gravierenden Rechtsverstöße nachzuweisen sind, kann man sie nicht belangen. Und Rechtsverstöße gibt es schon deshalb nicht, weil die Mitglieder geschickt dazu gebracht werden sich mit amerikanischen Datenschutzrichtlinien anstelle deutscher einverstanden zu erklären.
Gerade der jüngste Skandal drehte sich darum, dass die Telefonnummern nicht nur der Community-Mitglieder, sondern sämtliche Telefonnummern aus deren Mobilfunktelefonen an amerikanische Server weitergegeben wurden, wo sie dem Zugriff jeglicher Kontrolle der Betroffenen entzogen sind.
Das heißt, es reicht u.U. jemanden zu kennen, der Mitglied dieser Community ist, damit die eigenen Kontaktdaten bereits auf amerikanischen Servern gespeichert sind, wo sie amerikanischem Datenschutz unterliegen, und das heißt soviel wie gar kein Datenschutz.
Die lapidare Bemerkung an das Community-Mitglied: "Bitte stellen Sie sicher, dass Ihre Kontakte mit der Speicherung ihrer Daten einverstanden sind".
In der BRD ist so ein Umgang mit Datenschutz nicht legal, aber der Betreiber kann hierfür nicht belangt werden, weil er die Verantwortung dem Mitglied übertragen hat, was er nach amerikanischem Recht darf.
Das nennt sich rechtliche Grauzone.
Diese Grauzonen werden von den Betreibern der Community bewusst ausgenutzt, weil es ihnen bares Geld bringt. Sie dealen nämlich mit genau diesen Daten.
Dabei machen sie nicht einmal einen Hehl daraus, dass sie die Daten verwerten und weiterverkaufen.
Und zwar an Agenturen, die diese nicht nur für gezielte Werbung weiterverwenden, sondern traumhafte Rating-Grundlagen daraus machen. Ratings für Zwecke, die wir weiter oben schon erwähnt haben.

Was wir hier beobachten ist eine permanente Erosion von geltendem Recht.
Nach dem Prinzip "niemand ist gezwungen teilzunehmen" diffundieren verbriefte Rechte einfach weg.
Die meisten Jugendlichen haben noch nicht einmal von ihrem Recht am eigenen Bild gehört, wenn ihr Profil in einer Singlebörse nicht aktiviert wird, weil sie kein Bild von sich hochgeladen haben.
Es gibt tatsächlich auch Betreiber, die sich herausnehmen auf die Inhalte von Profilen einzugehen und "konstruktive Kritik" zu üben, bevor sie eine Aktivierung freigeben.
In gewisser Hinsicht wird Menschen hier die Mentalität antrainiert, dass ein Privileg einerseits einen Verzicht auf Rechte andererseits bedeutet.
Wie weit kann so etwas gehen?
An den Extrembeispielen von Sekten hat man bereits Studien hierüber angestellt.
Sekten neigen allerdings zur Abgrenzung.
Interessant wird sein zu beobachten, ob man eine gesamtgesellschaftliche Mentalität erzeugen kann, derzufolge ein Recht mit einem anderen aufgewogen werden kann.
Dass also auch Rechte etwas Veräußerliches sind.
Ein gewisser Druck wird dieser Entwicklung sicher mehr Schub verleihen. Der Druck entsteht augenblicklich bspw. in Form von Gruppenzwang.
Man muss inzwischen schon ein schräger Vogel sein um als Schüler nicht Mitglied einer der gängigen Communities zu sein.
Aber auch im beruflichen Umfeld wird die Mitgliedschaft in sozialen Netzwerken immer selbstverständlicher.
Es ist wahrscheinlich nicht allzu gewagt, wenn man annimmt, dass die Mitgliedschaft in sozialen Netzwerken genauso schnell vorausgesetzt wird wie der Besitz eines Mobilfunktelefons.
Ist das irgendwie bedenklich?
Bedenklich ist die Abhängigkeit, in die man sich begibt, bzw. der Druck, den private Institutionen damit auf ihre Mitglieder ausüben können, und ihre Macht Mitglieder zum Verzicht auf gewisse Rechte zu bewegen.
Es dreht sich dabei ja nicht nur um Datenschutz, sondern diese Rechtsbeugungen erstrecken sich ja in unterschiedlichste Bereiche.
Beispielsweise hat mir ein weltbekannter Online-Telefondienst mein Guthaben einfach gestrichen, nachdem ich den Dienst eine Weile nicht mehr benutzt hatte.
Ich bin mir sicher, dass so etwas mit deutschem Recht noch nicht vereinbar ist, aber irgendwo in den AGB steckt wahrscheinlich eine Klausel, mit der ich sie dazu berechtigt habe.
Bei den ca. 10 Euro, die ich damit verloren habe, wäre es mir auch keinen Rechtsstreit wert gewesen, statt dessen habe ich einfach gekündigt.
Wenn man einen Dienst aber schon seit geraumer Zeit nutzt, entsteht einem erheblicher Aufwand (und/oder Schaden), wenn er plötzlich nicht mehr zur Verfügung steht.
Es häufen sich die Fälle, in denen Menschen Erpressungsgelder zahlen um ihren Emailzugang wieder zu bekommen, der ihnen gehackt wurde.
Das liegt an der immer größeren Relevanz, die diese Internetdienste für unser Leben haben. Schon längst ist das Internet kein Spielzeug mehr.

Das Machtpotential kommerzieller Institutionen nimmt also im gleichen Verhältnis zu, wie die Nutzung der Internetdienste zur Normalität wird, und im gleichen Verhältnis wächst der Druck auf Rechte zu verzichten.
Dass dieser Druck tatsächlich ausgeübt wird, habe ich vor einigen Monaten erfahren, als ein renommiertes, vermeintlich seriöses Online-Zahlungsunternehmen mit dem man im Internet kleine Beträge bezahlt (jeder kennt es) mir vor einigen Monaten eine Email zukommen ließ, in der zu lesen war, dass "im Zuge der Verbesserung der Transparenz der AGB die Geschäftsbedingungen geändert wurden", usw.
Durch den Vorfall mit dem Online-Telefondienst gewarnt, habe ich mir die Änderungen genauer betrachtet und musste mich mehrere Gliederungsstufen tiefer eingraben um schließlich herauszufinden, dass der Online-Zahlungsservice in Zukunft kostenpflichtig sein wird, wenn der Dienst 12 Monate ungenutzt bleibt.
Von der Verschleierung dieser Tatsache ganz abgesehen, ist der Punkt, den ich hier hervorheben will der, dass man mir bei Nicht-Einverständnis lediglich ein besonderes Kündigungsrecht eingeräumt hat.
Auf diese Weise ziehen private Unternehmen nach und nach die Schrauben enger.
Ein permanenter sanfter Druck erleichtert es den Menschen nachzugeben.
Auf diese Weise geben sie ihr Geld, ihre Rechte... das ist eigentlich schon gar nicht wenig.

Die zunehmende Abhängigkeit von Onlinediensten gibt also privaten Unternehmen ein Werkzeug an die Hand, Konsumentenverhalten zu sanktionieren.
Dabei ist der Ausschluss von einem Dienst noch nicht das äußerste Mittel.
Weitaus drastischer fällt die Sanktion aus, wenn der Betroffene stigmatisiert wird.
Einen möglichen Fall habe ich bereits erwähnt: Es gibt bereits Menschen, die (fälschlich oder absichtlich) von Kreditkartenunternehmen abgelehnt werden.
Diese Stigmatisierung ist für den Betroffenen quasi irreversibel.
Es gibt keine Möglichkeit für ihn sich dieses Makels zu entledigen, weil die Kreditunternehmen ihn nicht auf einer öffentlichen Schwarzliste führen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass es inoffizielle Informationsquellen gibt derer die Firmen sich bedienen, also nicht eine bestimmte Liste, aus der man die Löschung der eigenen Daten beantragen kann, sondern diverse Datenquellen, die niemand überblickt geschweige denn administrativ verwaltet.
Aber selbst wenn es eine offizielle Liste gäbe, wäre damit alles andere als eine einfache Löschung möglich.
Unsere Justiz hält ein treffliches Beispiel hierfür bereit.

Seit 2007 verfügt die BRD über eine sogenannte Anti-Terrordatei.
Der Begriff der Anti-Terrordatei vermittelt den fälschlichen Eindruck, dass es sich dabei um eine einzige Datei handle. Tatsächlich handelt es sich aber um diverse Dateien, für die die Zuständigkeiten über 38 Sicherheitsbehörden verteilt sind.
Ein Name, der einmal Einzug in diese Datei gehalten hat, lässt sich schon allein deshalb nicht einfach wieder entfernen, weil jede Behörde ihre eigenen Verantwortlichen besitzt, von denen naturgemäß keiner übergreifende Rechte besitzt.
Eine vollständige Löschung würde den Gang durch die einzelnen Instanzen in jeder Behörde bedeuten.
Man kann sich vorstellen, welche Schwierigkeiten sich jemandem entgegenstellen, der von den Schwarzlisten der Kreditunternehmen gestrichen werden möchte, wo die Datenquellen nicht einmal einer Kontrolle unterliegen.
Das Gleiche gilt natürlich bereits für Versicherungen.
Während diese solche Schwarzlisten führen um sich zu schützen, könnten private Unternehmen solche aber auch aus anderen Hintergründen anlegen.
Etwa aus falsch verstandenem Patriotismus, gegen "unamerikanische Umtriebe" wie in den USA der 50er Jahre, als unter Senator Mc Carthy Jagd auf vermeintliche Kommunisten gemacht wurde.
In Ländern, in denen ein Internetverbot nicht gesetzlich verankert ist, könnten einzelne nichtstaatliche Institutionen gemeinschaftlich oder auch unabhängig von einander Menschen ausschließen, also einfach Tatsachen schaffen und somit teilweise bis vollständige De Facto Sperren erzeugen.

Bei all diesen Überlegungen beruhigen sich die meisten Menschen damit, dass sie sich schließlich nichts zuschulden kommen lassen und daher von Natur aus immer unverdächtig bleiben werden.
Wie sehr sie darin irren können zeigt ein Bericht auf Deutschlandfunk vom 13.01.2007 ( http://www.dradio.de/dlf/sendungen/computer/582890/ ):
Hier wird erläutert, wie zunächst Einsicht in die Daten von 22Millionen Kreditkartenbesitzern in Deutschland genommen wurde. Und wenn Sie als Besitzer einer dieser Kreditkarten im Sommer zuvor einen Ipod für 79,99 im Internet gekauft haben, dann ist Ihr Name mit höchster Wahrscheinlichkeit über das Landeskriminalamt an die Staatsanwaltschaft übermittelt worden.
Nach dem Prinzip der Rasterfahndung hat man hier nach Käufern von Kinderp0rnos gesucht, die genau diesen Betrag an einen ausländischen Vertreiber überwiesen hatten.
Rasterfahndungen sind wie auch Ratings nicht gerecht aber zielführend und im Zeitalter der Information das Mittel der Wahl.
Dass Unschuldige in den Kreis der Verdächtigen geraten liegt in der Natur der Sache.
Stigmatisierungen unschuldiger Personen stellen dann eine Art Kollateralschaden dar, wobei die Betroffenen von dem Vorgang zunächst nichts erfahren, u.U. sogar für immer ahnungslos bleiben.
Das perfide an diesem Vorgang ist, dass der Schritt der Verurteilung, den man zwischen Verdächtigung und Stigmatisierung vermuten sollte sich erübrigen kann.
Es reicht mitunter wenn ein Verdacht (bspw. der Kreditunwürdigkeit) sich über mehrere Systeme ausbreitet. Bereits bestehende Verdachtsmomente sind ausschlaggebende Kriterien wenn weitere Raster angelegt werden.

Zusammenfassend wurden also folgende Probleme einer zunehmend vernetzten Gesellschaft genannt:
Verschiebung der Machtverhältnisse zugunsten der privaten Institutionen, Erosion von persönlichen Rechten, Diskriminierung, Stigmatisierung und Ausschluss von der Gesellschaft.
Diese Überlegungen sind nicht als Vorhersage zu verstehen.
Sie zeigen mögliche Entwicklungen auf, die stattfinden könnten, wenn gefährliche Tendenzen nicht erkannt oder ignoriert werden.
Mitunter werden Probleme dieser Art schon erkannt und reguliert. In Deutschland wurde beispielsweise ein gesetzlich verbrieftes Recht auf ein Bankkonto verankert, was einen ersten Schritt gegen die systematische Ausgrenzung von Individuen von der Gesellschaft darstellt.
Es bedarf aber in der Regel eines erheblichen gesellschaftlichen Drucks, bis solche Lücken erkannt und gefüllt werden.
Die besagten Entwicklungen finden auch in rechtsstaatlichen Demokratien statt und werden nur schwer kontrollierbar sein, gerade so wie die Politik zunehmend Schwierigkeiten hat der Industrie Vorschriften zu machen.
Und wenn wir darauf verweisen, dass wir immer noch in einem Land leben, das die Persönlichkeitsrechte der Menschen schützt, sollten wir nicht ausblenden, dass wir hier von einem globalen Prozess sprechen und die Zustände in Deutschland mehr als nebensächlich sind.
Da wo die Demokratie auf nicht ganz so festen Füßen steht - und das ist oft näher als man denkt - können solche Mechanismen gezielt genutzt werden.
Korrupte Regime gab es schon immer, und es gibt wenig Zeichen dafür, dass sie in den nächsten hundert Jahren aussterben werden.
Für solche Regime stellen die genannten Mechanismen Werkzeuge dar, mit denen man sehr viel eleganter als bisher Menschen erpressen kann.
Es ist letztlich nur eine Frage der Zeit bis das erkannt wird.
Wo es noch nicht praktiziert wird.
Exebeche
Ein Artikel im Spiegel, der in diesem Zusammenhang nicht unbemerkt bleiben sollte:
http://www.spiegel.de/spiegel/kulturspiegel/d-71083989.html

Es geht um eine Apotheosis der Computertechnologie.
Sie lockt bereits heute mit einer Vielzahl von Heilsversprechen.
Bethge bezieht sich hier konkret auf das Internet - eine Differenzierung scheint jedoch obsolet, wenn das Internet in einer nahen Zukunft ohnehin alles in einer Noosphäre vereint, in der die Menschheit zu einem einzigen Geist verschmilzt.
Und zwar nicht nur mit anderen Menschen, sondern außerdem mit der künstlichen Intelligenz, die bis dahin längst zur Hyperintelligenz aufsteigen wird, die für den natürlichen Menschen nicht mehr begreifbar sein wird.
Diese Idee hat Bethge sich nicht aus den Rippen geschnitten, ich selbst habe Kurzweils Buch im Regal stehen, in dem er die Entwicklung dahin beschreibt.
Bei aller Verrücktheit ist es auf stichhaltigen Argumenten aufgebaut.
Und Kurzweils wissenschaftliche Tätigkeit hat immerhin erfolgreiche technologische Innovationen vorzuweisen, er macht alles andere als den Eindruck als sei ihm eine Sicherung durchgebrannt.
Entscheidend ist weniger, ob wir an diese Zukunft glauben, sondern vielmehr ob wir auf das vorbereitet sind, was uns bereits in Bälde an Änderungen in unserer Wirklichkeit erwartet.

Denn so weit müssen wir gar nicht in die Zukunft denken, lassen wir die Science Fiction außen vor und wenden uns der Gegenwart zu, bereits heute bemerkt Bethge, nimmt das Internet die Form einer allwissenden Instanz an.
Die ultimative Suchmaschine, die auf alle Fragen Antworten kennt, wir sind im Grunde schon an diesem Punkt.
Die essentiellen Fragen zu beantworten, das ist eine der grundlegenden Funktionen von Religion. Natürlich kann das Internet das heute schon.
Und ein jenseitiges Leben, das mehr Glück anzubieten hat als das Diesseits ist ebenfalls bereits in die Praxis umgesetzt. Praktischerweise ist es im Diesseits bereits verfügbar.
Überhaupt: Was passiert denn gerade mit dem Diesseits?
Der Ausdruck Augmented Reality sagt es bereits: Die Realität wird vergrößert - das ist kein geringeres Versprechen als das vom "erweiterten Bewusstsein".

Wir sollten uns überlegen, was das mit unserem Empfinden von Wirklichkeit anstellen wird.
Wie in einigen anderen Diskussionen hier im Forum schon öfter angesprochen, ist für die neuropsychologische Sichtweise der Begriff der Wirklichkeit ein entscheidender Faktor für den Prozess unseres Bewusst-Seins.
Sowohl das "Erscheinen einer Wirklichkeit" als auch unser kontinuierliches phänomenales Wahrnehmen in dieser Wirklichkeit sind wesentliche Merkmale dessen, was uns bewusst sein lässt.
Ich selbst habe ein paar Computerspiele intensiv genug gespielt um manche reale Geräusche so stark mit einem Spiel zu asoziieren, dass mich ein im Spiel häufig verwendetes Geräusch, sobald es in der Realität auftritt, aus dem natürlichen Umfeld wie dem Straßenverkehr direkt in die Atmosphäre der betreffenden virtuellen Welt versetzen kann.
Was das mit der Wirklichkeit macht ist normalerweise nur mit Drogen erreichbar.

Das menschliche Gehirn ist zwar grundsätzlich in der Lage eine Unterscheidung zwischen realer und irrealer Wirklichkeit zu treffen, jedoch laufen bei der Verarbeitung Prozesse ab, die an dieser Unterscheidung nicht teilhaben.
Zum Beispiel trainiert des nächtens im Schlaf der Hippocampus den Cortex wieder und wieder auf durchlebte Situationen zu reagieren (Ich kann mich sogar an solche Träume erinnern).
Auf wesentlichen neuronalen Ebenen wird die Unterscheidung zwischen real und irreal nicht getroffen.
Eine erlebte Wirklichkeit steht der realen in nichts nach.
Dabei ist der Effekt der virtuellen Realität um ein Vielfaches stärker als beim Konsumieren von Filmen, weil letzteres ein passiver Vorgang ist, während das aktive Agieren in einer virtuellen Welt intensive neuronale Tätigkeit und Neuvernetzungen hervorbringt.
Die Einführung einer "erweiterten" Wirklichkeit wiederum wird weitreichendere Konsequenzen auf unsere Wirklichkeit haben.
Die Realität wird selbst zu etwas Abstraktem werden, weil sie als solches wahrgenommen wird, genauer zur Tapete für die erweiterte Wirklichkeit degradiert letzterer sogar an Bedeutung nachsteht.
Während es heute bereits auf bizarre Weise abstrakt ist, das Leid von Menschen nachzuvollziehen, die wir bspw. in den Nachrichten am Bildschirm sehen, wird diese Abstraktheit in der Realität selbst Einzug halten.
Das hat scherwiegende Konsequenzen für soziales Verhalten. Es wird sich zum Beispiel in der Reaktion von Menschen niederschlagen, die jemanden blutend auf der Straße liegen sehen.
Jemand der solche Bilder aus seinen Wirklichkeiten gewöhnt ist wird kaum eine merkliche Reaktion bei sich wahrnehmen, weil er die Bedeutung dessen nicht erkennt.
Seine neuronale Programmierung ist nicht darauf ausgelegt stärker auf einen solchen Reiz zu reagieren.
Das Ereignis wird keinen großen Stellenwert in seiner Erinnerung einnehmen.
Diese Form von Gleichgültigkeit hat sich zu diesem Zeitpunkt ohnehin vielleicht schon so ausgewirkt, dass der blutende Mensch von anderen so zugerichtet wurde, die nicht realisiert haben, welche Bedeutung ihre Handlung in der "Realität" hat.