Hi.
@ Stanley:
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| „Ich persönlich bin mir unsicher, in wieweit es möglich ist, jemanden wirklich umzu-, bzw. wie man sagt: zu resozialisieren. Ich denke, dass es möglich ist.“ |
Ich glaube das auch, es gibt wohl bestimmte Grenzen, Individuen bei denen das nicht mehr möglich ist, aber diese Grenzen sind viel niedriger gezogen als man meint.
| Zitat: |
| „Warum es in der jetzigen Realität nicht klappt? Weil 1.) vermutlich die Resozialisierungsansätze die falschen sind,“ |
Offensichtlich hapert es schon an der Diagnostik. Das führt zu der etwas paradox wirkenden Situation, dass man zu pessimistisch bezüglich einiger Verhaltensauffälligkeiten ist und andererseits zu optimistisch was komplett unheilbare Fälle angeht.
Sehr viele, ich würde sagen fast alle wirklich schlimmen Straftaten sind mit sogenannten schweren Persönlichkeitsstörungen (PST) assoziiert. Deren Name und Beschreibung wechselt alle paar Jahre, was u.a. finanzpolitische Gründe (Forschungsgelder) hat. Aber unabhängig vom wechselnden Inhalt gibt es einigermaßen feste Strukturen, die sich in spezifischen diagnostizierbaren Schwierigkeiten widerspiegeln.
Die signifikantesten Schwierigkeiten liegen darin, dass Menschen mit schweren PSTen, unfähig sind ein kohärentes, integriertes Bild von sich selbst und (für ihr eigenes Leben) wichtigen anderen in sich aufzubauen, was mit einem fortschreitenden Abbau an Über-Ich Kräften (Moral) einhergeht. Differenziertere moralische Einstellungen, die Fähigkeit Ambivalenzen in den Motiven von sich und anderen zu tolerieren, werden zugunsten primtiver moralischer Einstellungen aufgegeben (bzw. gar nicht erst erreicht) in denen ein rigides schwarz/weiß, gut/böse Denken und Empfinden vorherrscht.
Ja nach Grad der PST wird das moralische Empfinden mehr und mehr von Aggressionen durchsetzt.
So kann man insbesondere bei der narzisstischen PST noch vergleichsweise leichte Formen finden, in denen ein Gransdiositäts- und Besonderheitsgefühl vorherrscht, ohne dass es zu antisozialem Verhalten kommt, doch gerade der Narzissmus zeigt eine fortschreitende Eskalation von leichtem antisozialen Verhalten (bei dem man mal Fünfe gerade sein lässt, vor allem wenn es um eigene Vorteile geht) bishin zu schwerem und schwersten antisozialen Verhalten, was in der sogenannten „antisozialen Persönlichkeit“ der äußersten Form des Narzissmus kulminiert. Bis zur Stufe davor, dem sogenannten Syndrom des malignen Narzissmus ist man in der Lage mit psychodynamischen Behandlungen außerordentlich gut und erfolgreich – weit besser, als man es erwarten würde – zu therapieren.
Leider geht das nicht in allen Fällen denn ein zu geringer IQ, der bei manchen Straftätern auch vorliegt, ist hier limitierend.
Dann ist Verhaltenstherapie die zweitbeste Lösung die aber den entscheidenden Nachteil hat, dass sie selten mehr als eine Dressur ist. Man lernt Kontrolle, eventuell noch zu sehen, warum es gut ist sich kontrollieren zu können, aber es kommt zu keiner Veränderung des Charakters, was psychodynamische Ansätze leisten.
Nun ist es so, dass vor allem antisoziale Persönlichkeiten die null Gewissen haben und deren therapeutischen Prognose bis heute ebenfalls Null ist, bei hinreichender Intelligenz von keinerlei Skrupel gebremst lügen was das Zeug hält und sich um des eignen Vorteils willen, gerne als therapeutische Musterschüler gebärden, freilwillig in Therapie gehen und alles lernen, was von ihnen erwartet wird – bis zum nächsten Hafturlaub.
Der einzige Unterschied der antisozialen PST zum malignen Narzissmus liegt darin, dass es Menschen die an malignem Narzissmus leiden möglich ist, irgendeine nichtausbeutenden Beziehung einzugehen, genau das ist der differentialdiagnostische Unterschied und genau das ist das Fundament auf dem gebaut werden kann.
Bis man eventuell eine Therapie gefunden hat, muss man sich dazu entscheiden, antisoziale Persönlichkeiten, vor allem wenn sie einmal schwere Straftaten begangen haben nie wieder auf die Menschheit loszulassen, es kann nur schief gehen. Das setzt das Strafrecht derzeit noch Grenzen und die Regelungen zur psychiatrischen Zusatzverwahrung sind ungeschickt geregelt.
Eventuell „leichtere“ schwere Fällen können weniger kooperativ erscheinen und werden daher vermutlich prognostisch ungünstiger beurteilt.
Antisoziales Verhalten kommt auch bei anderen Störungen als den narzisstischen vor und kann entsprechend leichter therapiert werden.
| Zitat: |
| „und weil 2.) die Gründe für Kriminalität nicht allein bei der einzelnen Person zu suchen sind, sondern ebenso in der Gesellschaft.“ |
Das sehe ich auch so.
Zum einen gibt es einen von vielen Forschern beobachteten starken Trend in Richtung einer starken narzisstischen Regression weiterer Teile der Bevölkerung. Als Ursachen werden Wertewandel, Kapitalismus, Internetplattformen in denen man vor allem ankommt, wenn man sich leicht bekleidet und skurril darstellt usw., diskutiert, verbindend scheint ein Mangel an äußerer Struktur zu sein, vor allem die vaterlose Gesellschaft scheint problematisch zu sein. Das gebiert einen stärkeren Narzissmus, der wiederum die kommende Generation der Individuen in einem noch narzisstischeren Umfeld groß werden lässt, so dass narzisstisches Verhalten gar nicht mehr als Problem angesehen wird.
Massenregressionen sind ein weiterer Faktor.
Es gibt verstörende Experimente, die zuverlässig funktionieren, in denen Gruppen und Großgruppen immer wieder in typischer Weise und atemberaubender Geschwindigkeit regredieren, wenn man ihnen die Anweisung, in der nächsten Zeit zu tun und zu diskutieren, wie es ihnen beliebt und sich dabei zu beobachten. Ohne ein gemeinsames Ziel kommt es binnen Minuten zu einem Klima der Aggression und des gegenseitigen Misstrauens, das sich auf der Ebene der Banalitäten, der schwarz/weiß Moral, mit der Wahl einer narzisstischen Führerfigur einpendelt. Man weiß heute ganz gut, dass das so ist und wie es funktoniert, weiß aber andererseits auch, dass es kaum einen effektiven Schutz dagegen gibt.
Dass immer weitere Teile der Bevölkerung sich innerlich nicht mehr mit dem Staat in dem sie leben und dessen lebendiger Teil sie sind identifizieren, dürfte ebenfalls nicht ohne Auswirkungen bleiben.
@ tolwin:
Wieder mal ein schöner und spannender Beitrag, danke.
Drei kurze Anmerkungen:
Ich glaube, dass es richtig ist, die Grenze zwischen angeboren und erworben allmählich einzureißen, da auch in vielen Bereichen der Faktor vererbt, oder genetisch, oder biologisch determiniert als in Granit gemeißelt verstanden wird, was, von Ausnahmen abgesehen, größtenteils falsch ist.
Es gibt ja Versuche bei denen man Testpersonen die Möglichkeit gab relativ leicht zu betrügen (einfache Matheaufgaben, bei denen es für jede gelöste Aufgaben einen geringen Geldbetrag gab) und einige Probanden erhielten vorher die Information (einen Artikel) dass das Verhalten mehr oder weniger vom Gehirn bestimmt wird. Diese „neutrale Information“ wirkte offensichtlich an Ansporn deutlich kräftiger zu betrügen.
Wenn man also Erworbenes mit Biologischem fusionieren möchte, sollte man auch das bedenken.
Der andere Punkt ist, ich glaube, dass Moral ein Ideal ist und bleiben sollte. Sie entfaltet ihre Dynamik m.E. gerade darum, weil sie nie ganz zu erreichen ist, aber ein Ziel darstellt.
Ich glaube jedoch, dass es sinnvoll sein kann, dynamische Etappenziele zu formulieren, die den diagnostizierten Mangel an der Unterscheidung zwischen gelungenem und misslungenem Leben auffängt.
Gelinde Überforderung ist ja ein sicherer Weg zum Glück.
Was den von Dir diagnostizierten Mangel an Aggressionsbereitschaft angeht, so ist der, was praktische Formen angeht, wohl tatsächlich zu einem nicht unbedeutenden Teil im statistisch hohen und immer stärker steigenden Durchschnittsalter der Bevölkerung zu suchen. Ich finde das allerdings nicht so schlecht, da ich außer einem allgemeinen Gefühl des Unzufreidenheit kein positiv formuliertes Ziel erkennen kann, man sagt uns seit Jahrzehnten wie wir nicht sein sollen und das wir ansonsten eben (gewissen Grenzen beachtend) tun und lassen könnten, was wir wollen. Mancher mag das als ein hohes Maß an Freiheit ansehen, ich glaube aber, dass man das auch als eine verunsicherte Kultur des zwanghaft auferlegten Desinteresses betrachten kann, der das reichlich eindimensional interpretierte und diffuse Dogma der Toleranz unterminieren könnte.
Viel zu lange war der, der die Stimme erhob und sich einmischte schnell ein faschistisches A.rschloch, heute fragt man sich verwundert, wo denn nur die Zivilcourage hin ist...
Gruß,
Carsten