Hi.
@ Thanasius Lakon:
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Zitat:
aber es kommt zu keiner Veränderung des Charakters, was psychodynamische Ansätze leisten.
„Könntest du das vielleicht noch ausführen? In wie fern wird hier der Charakter verändert und wie wird das gemessen? Würdest du sagen, dass eine wirklich „antisoziale Persönlichkeit“ geändert werden könnte? Und wie würde man das angehen?“ |
Also, eine echte antisoziale Persönlichkeit im engen Sinn (enger Sinn bedeutet, dass es keine einzige nichtausbeutenden Beziehung im Leben dieser Menschen gibt) ist nach allem was man weiß überhaupt nicht zu heilen oder auch nur zu bessern, mit keiner Art von Therapie. (Bei angeblichen Erfolgen stellt sich zumeist nachher heraus, dass die Definition weniger eng war und dann ist ein Erfolg möglich).
Das derzeit führende Verfahren für schwere PSTen ist die „übertragungszentrierte Therapie“ (auf Englisch „Transference-Focused-Psychotherapy“
http://de.wikipedia.org/wiki/Transferenc...d-Psychotherapy ).
Kurz gesagt versucht man dabei den Teil der Persönlichkeit mit dem der Patient nicht identifiziert ist, der aber agiert wird, dem Patienten 1 zu 1 in metaphorischer Form (also nicht mit irgendwelchen technischen Ausdrücken, sondern durch Formulierungen wie: „Ich fühle mich wie ein kleines hilflosen Kind, das einem kalten, sadistischen Vater gegenüber sitzt.“) gespiegelt und zwar möglichst sofort, wenn der Therapeut die Gegenübertragung (den momentan dominanten Affekt) in sich bemerkt.
Dazu muss man wissen, dass es bei schweren PSTen, zu einer für diese Erkrankungen typischen fluktuierenden Rollenumkehr kommt, auch in der Therapie. D.h. der eben noch agierte kalte Sadismus wird im nächsten Moment umgekehrt und der Therapeut selbst hat nun das Gefühl ein kalter Sadist zu sein und ein hilfloses kleines Kind (den Klienten) zu quälen. Und dann wird genau das dem Patienten gesagt. Der grundlegende Mechanismus aller schweren PSTen ist die Spaltung, die sich wie oben angedeutet darin manifestiert, dass der Patient nur jeweils die eine oder andere Seite seiner Affekte leben kann, aber unfähig ist beide zu integrieren und sie sowohl, als auch
gleichzeitig zu empfinden und das Konzept geht in die Richtung, diese unbewusst andere Seite dem Patienten direkt vor Augen zu führen. Diese Spaltung ist nicht mit einer schizophrenen Bewusstseinsspaltung zu verwechseln, sondern sie verläuft zwischen Kognition und Affekten. D.h. der Patient weiß evtl. schon was vorgefallen ist, aber er ist nicht in der Lage die affektive Komponente und Bedeutung zu fühlen und damit auch nicht vorherzusehen, was sie für andere Menschen bedeutet.
Zur „Messung“:
Die fortschreitende (und auch die fehlende) Integration manifestiert sich in einer Veränderung der Träume, der Phantasien in der Übertragung, es kommt im Therapeuten zu einer Veränderung der Gegenübertragung und der Patient ist irgendwann in der Lage eine Beschreibung in Tiefe von anderen Personen (die er gut kennt) abzugeben. Die Unfähigkeit eine Beschreibung in Tiefe abzugeben ist auf das diagnostische Hauptkriterium für das Vorliegen einer PST.
Demgegenüber steht ein anderes Modell zur Therapie von schweren PSTen, die dialektisch-behaviorale Therapie von Marsha Linehan
http://de.wikipedia.org/wiki/Dialektisch...iorale_Therapie deren Ähnlichkeiten mit ostasiatischen spirituellen Lehren nicht zufällig ist. Der Fokus dieser (und aller behavioralen) Therapien ist jedoch eher das Training einer Strukturierung, auf dem Boden einer immer größeren Toleranz gegen äußere Reize, man lernt Achtsamkeit, sich auf einzelne Reize zu konzentrieren, die eigene (affektive) Reaktion zu beobachten und nicht zu agieren und dergleichen. Das ist effektiv, aber zielt nicht primär auf eine Charakterveränderung.
Es gibt in letzter Zeit noch sehr vielversprechende Ansätze mit bildhaft-imaginativen Verfahren, sowie anderen Techniken die direkt auf eine Veränderung der Emotionen zielen, wie das Kohärenztraining von Herz und Hirn (Servan-Schreiber) sowie EMDR, das will ich nur kurz erwähnen.
@ tolwin:
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| „Wo Du schonmal da bist! Ich habe lange überlegt, wo und von wem denn heute noch tatsächlich dieses Standardmodell der Sozialwissenschaften vertreten wird, auf welches es Tooby, Pinker, bei uns Voland & Co. abgesehen haben.“ |
Mir ist nicht ganz klar was dieses Standardmodell sein soll, ich habe das so verstanden, dass die Natur einen Rahmen setzt, der soziokulturell „gefüllt“ wird – und dass diese Ansicht heute bestritten wird, ist das in etwas richtig?
Moderen Psychoanalyse ist eng mit der Affektforschung verwandt und fußt vom Konzept her im wesentlichen auf der Objektbeziehungstheorie:
http://de.wikipedia.org/wiki/Objektbeziehungstheorie
Das Ziel dieser neuen Richtung ist es, die Psychoanalyse mit der Biologie zu verknüpfen, was weitgehend gelungen ist (dazu kann man Kandel oder Drewermann lesen), aber man steht in der Gefahr das zu sehr zu vereinfachen.
Otto Kernberg zur modernen Psychoanalyse:
„Meine Meinung ist, dass sie das allerdings ist und zwar die weiteste und umfassendste [Theorie] die wir haben. Meiner Meinung nach die wichtigste und mit dem größten Potential der Entwicklung, sowohl im psychischen Gebiet, als auch im Gebiet der Beziehung zwischen psychischen Verfahren und neurobiologischen Quellen des Psychischen.
Ich betonte also sofort [die Bedeutung der] heutigen Aufgabe, Theorien des Psychischen mit ihren Wurzeln im Biologischen zu verbinden. Missverstehen Sie das nicht, ich spreche hier nicht von einem einfachen Determinimus [der Art]: „Es ist ja alles im Hypothalamus oder in der Hirnrinde oder wo sie wollen, entschieden.“ Ich spreche von dem was in der Philosophie ein kreativer Interaktionismus genannt wird, ich hoffe, dass ich das richtig auf Deutsch übersetzt habe: „creative interactionism“. Eine Auffassung, nach der das psychische Leben vom Biologischen abhängt, aber dann eigene rein psychische Strukturen entwickelt, in einer sich fortsetzenden konzentrischen Reihe von Kommunikationen, die am Ende zur Freiheit der Entscheidungen führen, im Gegensatz zu einem rigiden Determinismus, obwohl am Ende das Psychische doch vom Biologischen abhängig ist. Und von diesem Standpunkt aus, glaube ich eben, dass Psychoanalyse die weiteste und wichtigste und benutzbarste Theorie der Persönlichkeit ist, die wir haben. Aber wie sie sehen werden gibt es wichtige Veränderungen dieser Theorie der Persönlichkeit von Freuds Zeiten bis heute.“
(von der DVD:
Psychoanalyse für Nicht-Psychoanalytiker, Otto Kernberg/Helm Stierlin, Auditorium Netzwerk, 2006)
Die Entwicklung der Moralität ist einsichtigerweise aufs Engst verbunden mit der Fähigkeit zur Empathie.
Empathie ist dabei weniger nur ein Mitgefühl im Sinne von: „Da ist der Opa von X gestorben und ich weiß, dass er nun traurig ist und fühle etwas mit ihm“, sondern diese Empathiefähigkeit zielt zentral auf eine Integration der Spaltung von Kognition und Emotion und da kommen dann diese ganzen Amygdala- und Serotoninsystemgeschichten ins Spiel.
Es ist zwar so, dass ein gravierender Empathiemangel mit einer Unteraktivität der entsprechenden biologischen Systeme (und in harten Fällen des gesamten Hirns) korreliert, aber man schließt da manchmal leichtfertig auf Ursache und Wirkung. Dass genetische Faktoren einen Einfluss haben ist unbestritten, aber wenn die biologischen Systeme, in Deinem Bild: der Schwamm, nichts finden, was sie aufsaugen können, bleiben sie ebenfalls inaktiv oder unteraktiviert.
Gestört wird diese Entwicklung wenn das Individuum einer großen Zahl von sog. Spitzenaffekten ausgesetzt ist (positiven wie negativen).
Die Frage: Sollen wir Therapie machen oder die Hirnchemie verändern?, ist vor diesem Hintergrund falsch gestellt, weil Therapie eine gezielte Veränderung der Hirnstruktur und der Neurotransmittersysteme und dergleichen
ist und wenn ich Dich richtig verstanden habe, dann siehst Du diese entweder/oder Sicht, ebenfalls als antiquiert an.
Insofern glaube ich, dass dieses Standardmodell der Sozialwissenschaften, falls ich es richtig verstanden habe, von der modernen Psychoanalyse und allgemein modernen psychodynamischen Ansätzen, Therapien, Theorien am allerwenigsten verwendet wird.
Diese Trennung wird m.E. am ehesten dort aufrecht erhalten, wo wir auf zu reduktionistische (neuro)biologischen Ansätze treffen, die die eher pessimistische Tendenz haben zu behaupten, Kultur sei im wesentlichen ein natürlicher Vorgang und bei entsprechenden hirnorganischen Störungen sie da eben nichts zu machen, oder in reduktionistischen (neo)marxisitschen Theorien, die (das ist allerdings nur mein Eindruck vor dem Hintergrund von Diskussionsversuchen mit einigen Anhängern, selber kenne ich diese Theorien zu wenig) offenbar Schwierigkeiten haben, den Menschen als biologisch-triebhaftes Wesen zu begreifen, in einem mehr als banalen Sinne, der dann irgendwann durch die Fähigkeit selbst zu bestimmen und entscheiden abgelöst wird.
(Meine Meinung zu Dennett hier und an anderer Stelle ist, dass ich das Gefühl habe, dass er die Fähigkeit besitzt öfter den Finger in die richtige Wunde zu legen, aber seine positiven Konzepte vermitteln mir – und wohl nicht nur mir – den Eindruck, dass er über ein oberflächliches Verständnis kaum hinaus kommt, seine unverständliche Betonung der Wahrnehmungspsychologie in
Süße Träume zeigt das zumindest.)
Meiner Meinung nach sind die fehlenden oder zu wenig verstandene Bausteine aber die Affekte und Emotionen.
Ich lese oft von biologischen Systemen hier und Ideen oder sozialen Komponenten dort, doch biologische Triebe zu haben, bedeutet ja auch sie auf der Erlebensseite zu bemerken und wie gesagt, bei der Moralentwicklung ist der limitierende Hauptfaktor die mangelnde Fähigkeit die eigenen Affekte mit den eigenen Gedanken in Deckung zu bringen, was zu der erwähnten Spaltung (technisch: Verleugnung) führt.
Die kognitive Fähigkeit zur Empathie kann dabei intakt sein, denn man muss sich vor Augen führen, dass man einen Menschen besonders gut dann manipulieren und quälen kann, wenn man seine „Funktionsweise“ versteht.
Was hier oft fehlt ist der Mangel an Mitgefühl, der aber aus einem gestörten Selbstbild resultiert.
Ich nehme den anderen als anders wahr, aber ich nehme ihn nicht wichtig, wichtig sind allein meine Bedürfnisse.
Der Hintergrund ist der, dass man es sich (psychisch) nicht leisten kann, den anderen wirklich als anderen ernst zu nehmen, mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Urteilen, Weltbildern, Prämissen, Vorstellungen zu sehen und zu akzeptieren, weil das in mir Angst auslösen würde. Also kommt es zu einer völligen Entwertung des anderen, der dann zwar andere Ansichten haben kann, aber ein nicht zu beachtender Idiot ist, oder zu einer völligen Idealisierung des anderen, die darauf abzielt, zu erreichen, dass der ideale andere, ja genau das will, was ich will, selbst dann, wenn das nüchterne Auge erkennen würde, dass die Übereinstimmungen bestenfalls marginal und damit erzwungen sind. Dahinter steht die Not, dass es niemanden geben kann, der nicht im wesentlichen so ist wie ich, denn das würde ungeheure Angst auslösen, die je nach genetischem Temperament dann unterschiedlich „verstoffwechselt“ wird.
Hier stehen also nicht abstrakte biologische Systeme und ihre quasiautonome Funktion, abstrakten und sich selbst erhaltenen sozialen Systemen und ihren Funktionen gegenüber, die in naturalistischer Draufsicht irgendwie biologisch oder quantenphysikalisch zusammengehäkelt werden müssten und bei denen die Frage auftaucht welchen Sinn ein Ich denn überhaupt noch haben kann: wenn es gräbt und spricht, steht es unter dem Diktat sozialer Systeme, wenn es träumt und verdaut ist es reine Biologie, sondern ganz im Gegenteil ist auf das Ich ein emergierendes System, das zunächst die mitunter schwierige und bei weitem unterschätzte Aufgabe zu erfüllen hat, Kognition und Emotion zu einer kohärenten, integrierten (und nichtgrandiosen) Einheit des Ich zu vereinen.
Ist das geschehen, ist damit gleichzeitig die Fähigkeit vorhanden den anderen als ein ebensolchen kohärentes, integriertes (und nicht grandioses oder entwertetes) Ich zu sehen, zu erleben und zu
tolerieren und man darf davon ausgehen, dass man bei dieser Integration des inneren Erlebens mit Sicherheit en passant am Hirn herumgeschraubt hat, eventuell sogar in einer differenzierten Art und Weise.
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| „Da ich bekanntlich in der Psychologie nicht sonderlich bewandert bin, würde ich gerne wissen, inwieweit es dort der Fall ist (insb. bei der modernen Psychoanalyse und in den von der psychoanalyse geprägten Sozialisationstheorien könnte ich mir das vorstellen).“ |
Die alten Phasenmodelle der Psychoanalyse und der sich darauf beziehenden Sozialisationstheorien sind von er modernen PA ja selbst gekippt und revidiert worden. Aber auch dabei ist es falsch, aber populär, zu behaupten, damit sei Ödipus erdolcht worden, sondern man findet präodipale, ödipale und andere Muster einfach zu allen Zeitpunkten der Entwicklung vor, getriggert durch die Umwelt, die Objektbeziehungstheorie ist ja immer schon Individuum in vor allem affektiver Kommunikation und nicht die Geschichte einer Monade.
Gruß,
Carsten