Ist meine Philosophie egoistisch/eigennützig?

byLaszlo
lieber Cornak,

Zitat:
was wir heutzutage Gut oder Böse nennen, deckungsgleich ist mit dem, was wir als Lust oder Unlust erfahren


wir könnten das deckungsgleich machen, wenn wir die Geschichte
des Guten und des Bösen ausklammern. Und noch etwas: das
Sprechen von Gut und Böse hat etwas anspruchvolles und
ausserdem deutet die Suche an, ob man Moral nicht
doch unter Berufung auf Höheres begründen könnte?

Die von dir so überaus geschätzte Frage nach dem Sinn des Lebens
(grins...) wird aus vergleichbaren Gründen wie zwanghaft immer
wieder durchs Dorf eskortiert. (ich dachte auch schon, ob ich
nicht das Fahrradfahren mit MTB als paradigmatisch sinnvoll
einführen sollte....ok.) Ein böser Scherz.
Raoul
Zitat:
Ist das lediglich eine noch unausgegorene Philosophie, oder versteht ihr mich??

Wieso "oder", bzw. was hat das eine mit dem anderen zu tun? SChließlich kann Deine Philosophie total ausgegoren sein und könnte Dich trotzdem genau deswegen keiner verstehen, nicht wahr?

Ich für mein Teil finde Deine seminihilistische Betrahctungen spannend, vor allem die "universale" Morallosigkeit und dass Du diese Amoral der Natur über alles stellst, hier eine kleine Prüfung:

Anaximander nach enstehenden die seienden Dinge aus dem Unbegrenzten und werden in ihm auch wieder verschwinden, "indem sie einander Strafe und Buße tuen für ihre Ungerechtigkeit, gemäß dem Befehl der Zeit" - ist das nun ein moralischer Begriff von Ungerechtigkeit, Strafe, Buße, oder ein geometrischer? Solon war der Ansicht, dass "gerecht" nur die Oberfläche eines Sees ist, der noch nie von einem Hauch des Windes berührt wurde - hat Anaximander bei den seienden Dingen also an etwas in der Art wie die 'gebogenen (ungerechten)' Wahrscheinlichkeitswellen der Physik gedacht? Dann wäre ihr einander strafendes Vergehen (Auflösung im Unbegrenzten, Nirwana) einer negativen Interferenz gleichzusetzen.

Zitat:
Ich weiß ja nicht mal, wo Moral HERKOMMT, warum wir Menschen diese Gabe haben.

Irgendwie schon egoistisch, die Moral für die Menschheit zu monopolisieren. Aber für mich lässt sich das Dilemma nicht lösen!


Du denkst bei Moral an Verbote wie du sollst nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen (keine die Wirklichkeit verbergenden Realitäten erschaffen, um dich oder andere zu tarnen bzw. zu schützen)? Solche Verbote aufstellen zu können (Ptential), hat offenbar damit zu tun, dass wir Menschen als einzige unter allen Arten der Lebewesen über die dem vorauszusetzende hohe Intelligenz verfügen, eine Gabe der Natur, die sich nach und nach aus Atomen und Amöben bis hin zum IQ 100 entwickelt hat, nur erklären die in diesem Milliarden Jahre währenden Prozess wirkenden "evolutionären" Naturgesetze natürlich nicht, welche Gründe den Mensch, oder wen sonst? bewegt haben mögen, seine selbstgemachten moralischen den natürlichen Gesetzen gegenüber zu stellen. Liegt vielleicht der Egoismus noch tiefer oder früher als die Moral, so dass letztere ein nachträglich erfundenes Mittel zum Zweck sein lönnte, das Zusammenleben unter lauter Egoisten zu ermöglichen? Die Frage wäre wiederum: Ist der Egoismus des Menschen, der ihn zum Lügen, Stehlen, Töten verleiten mag aber nicht unbedingt muß da es auch andere Motive für jene Taten geben kann, ja, sie sogar aus Liebe erfolgen können, naturgemäß menschlich oder eher als unmenschliche Pervertierung des natürlichen Empfindens zu bezeichnen?

Zitat:
Dass es eine Moral geben muss, ist mir bewusst. Nur kann ich mir nicht erklären, woher die kommen soll.

Wozu müsste es Moral geben wenn die Menschen keine Egoisten wären, bzw. die, die es sind, keine sein müssten?

Zitat:
Mein Grundzweifel ist eben der: Wo finden wir eine "Urformel" der Moral?

Meiner Meinung nach muß bevor sich darauf eine Antwort finden läßt geklärt werden, ob der Egoismus der Menschen zu ihrer Natur gehört, bzw. ob Menschen auch ohne Egoismus in Gesellschaften zusammenleben können. Wie regeln die anderen sozialen Lebewesen ihr unmoralisches Zusammenleben in Herden, Rudeln, Staaten? Haben sie so etwas wie triebhafte selbstlose Liebe, "Hungern und Dürsten nach Gerechtigkeit" als immanente Voraussetzung, ohne jegliche Moral zurechtzukommen? Entwickelt sich der Altruismus der Erwachsenen aus einem kindlichen Egoismus, wenn ja wie? Wissen wir das, wissen wir auch, wie die natürliche Entwicklung gestört werden kann, vielleicht läßt sich daraus direkt oder mittelbar sichbar machen, warum wir Menschen als Egoisten geboren werden und sterben, die Moral wie unbedingt notwendig erscheinen lassen, damit wir uns nicht gegenseitig alle tot schlagen.
HaJo51
Zitat:
Original von detewe89
(...) Aber jetzt habe ich das starke Gefühl, ich "beute" meine Philosophie ebenso aus.

Hallo detewe89!

Sich von einer Philosophie abwenden bzw. sich eine neue andere Philosophie "zu eigen machen", ist kein Ausbeuten bzw. Pervertieren einer Philosophie.
Die von dir genannten Personen (Rousseau und Franklin) haben - so vermute ich - damals nicht ihre (einzige) Philosophie pervertiert, sondern sie haben sich lediglich für's Denken, Fühlen und Handeln jeweils unterschiedliche Philosophien "zu eigen gemacht".

Zitat:
(...) Irgendwie schon egoistisch, die Moral für die Menschheit zu monopolisieren. Aber für mich lässt sich das Dilemma nicht lösen!

Willst du denn dein Dilemma lösen?
Wenn ja, dann könnte dir das gelingen, wenn du dir klar darüber wirst, wozu du (damals) die Begriffe 'egoistisch' und 'eigennützig' negativ besetzt hast.

Zitat:
Ist das lediglich eine noch unausgegorene Philosophie, (...)??

Ich interpretiere "es" eher so:
"Du bist egoistisch und eigennützig auf der Suche nach einer neuen (anderen) Lebensphilosophie."
Anmerkung:
Die in meiner Interpretation verwendeten Begriffe 'egoistisch' und 'eigennützig' sind meinerseits nicht negativ besetzt.

Gruß von HaJo51