Hi.
@ Exe:
| Zitat: |
| „Es wäre zu klären, ob dieser Prozess nur Hand in Hand mit einem gleichzeitigen Persönlichkeitsverlust zu erreichen wäre.“ |
Vermutlich ist das der Fall.
Typisch für Schizophrenie ist, dass Teile des eigenen Erlebens als fremd oder fremdgesteuert wahrgenommen werden, was als typische Spaltung beschrieben und als Einfluss fremder Mächte erlebt wird.
Psychische Gesundheit kann man als ein Empfinden beschreiben, dass meine Köperimpulse, meine Gefühlsregungen, meine Gedanken von mir erzeugt und mehr oder weniger von mir kontrolliert werden.
Nun scheint es so zu sein, dass auch bei gravierenden Störungen die entweder genetisch, hereditär oder sozial erworben sein können – oder von allem etwas –, das Selbst eine Erklärung für das eigene Empfinden sucht und bestimmte Erlebnisqualitäten auslagert und typisch Psyche, Erklärungen dafür sucht, warum diese Erlebnisse ausgelagert erscheinen.
Deshalb findet man hier das Phänomen, was man magisches Denken nennt, andere fremde Mächte sind offensichtlich in der Lage mich zu beeinflussen. Sie können buchstäblich meine Schritte lenken, oder meine Beine blockieren, man hat das Gefühl im eigenen Leib seien fremde Lebewesen und das bestimmte Worte und Gedanken gar nicht von einem Selbst kommen, sondern dass auch die Gedanken und Worte eingegeben oder auch geklaut werden können, durch magischen Einfluss oder technische Möglichkeiten, wie sie dann Geheimdiensten zugeschrieben werden.
Als psychisch gesund könnte man generell sagen, je integrierter desto besser, je abgespaltener desto schlimmer.
| Zitat: |
| „Wenn es möglich ist, dass das Gehirn die Fähigkeit verliert die Meinhaftigkeit nicht nur eigener Körperteile, sondern sogar eigener Gedanken zu konstruieren, dann muss es auch möglich sein, das Empfinden der Meinhaftigkeit von Schmerz zu unterbinden. Dadurch müsste selbst der größte Schmerz zu so etwas wie einem lästigen Hintergrundgeräusch werden.“ |
Das kann sein.
Auf der einen Seite gibt es ja ein Schmerzgedächtnis, das sich irgendwann verselbstständigt und so auch dann weiter fortbesteht, wenn der eigentlich auslösende Schmerzreiz nicht mehr vorhanden ist. Entweder man blockt Schmerz schnell, oder man lernt irgendwann ihn zu tolerieren, die Verhaltenstherapie hat hier gute Konzepte.
Doch offenbar kann man auch bei langen chronischen Schmerzen mehr machen, als man bisher meinte.
Zum einen scheint es so zu sein, dass ähnlich wie bei Süchten oder grauenhaften Ehepartnern die Misere nicht einfach beendet ist, indem die Quelle des Übels beseitigt ist. Wenn sich das Leben eine Zeit lang um einen bestimmten Bereich organisiert braucht man, so wie es aussieht, einen angemessenen Ersatz, der das Thema weiter bearbeitet und vermutlich auch so etwas wie Trauerarbeit, ein bewusstes, evtl. rituelles Verabschieden der Sucht, des grauenhaften Partners oder auch des Schmerzes.
Erlebter Schmerz setzt ja auch Assoziationsketten frei, die einen dann selbst immer weiter runterziehen können. „Ach verdammt, früher konnte ich das alles, heute geht nichts mehr, mein Leben ist total versaut, nichts ist mehr wie es wahr, niemals wird es wieder unbeschwert werden.“ Schon das simple Anlegen eines Schmerztagsbuchs kann zeigen, dass die Schmerzen durchaus nicht immer gleich sind, kann einen erleben lassen, wann die Schmerzen besser und schlimmer werden und gibt einem ein wenig Einfluss über die Situation zurück.
Ist man ganz gebannt von einer Sache ist auf einmal auch der Schmerz weg, lässt die Aufmerksamkeit nach, ist der Schmerz wieder da. Ähnlich wie U.G. Krishnamurti äußerte sich auch Ramana Maharshi und wies seine Besucher an, sich auf einen Gedanken – der frei wählbar ist – zu konzentrieren, wird dieser aufrecht erhalten, treten alle anderen Gedanken in den Hintergrund.
Dabei hat dann irgendwann auch der Ich-Gedanke keinen großen Raum mehr und man kann destruktive Ich-Gedanken zumindest abschwächen, in die Richtung geht auch die Verhaltenstherapie.
Sehr interessant ist auch, dass psychische „Verletzungen“, Beleidigungen, Entwertungen im selben Areal verarbeitet werden, wie körperliche Schmerzen und tatsächlich schmerzhaft erlebt werden.
Ich halte die Idee, dass eigene Schmerzen oft welche sind, die man gerne anderen zufügen möchte, – sich aber „lieber“ selbst antut – ebenfalls für bedenkenswert. Diese ganze Kaskade von Passivität, Depression, Ausweglosigkeit, Schmerz kann durch Aktivität durchbrochen werden (man muss dabei noch die Schmerzqualität unterscheiden, es gibt zwei verschiedene Schmerzsysteme im Körper, eines ist zuständig für den spitzen, scharfen, lokal begrenzten Akutschmerz, das andere für den dumpfen, ausstrahlenden chronischen Schmerz).
In einem Gespräch mit einem Arzt habe ich kürzlich gehört, dass man bei Fibromyalgie (Weichteilrheuma, Muskelrheuma) sehr gute Erfolge mit Hyperthermie erzielt, künstliches Fieber, womit man urprinzipiell auf der gleichen Ebene liegt, Wärme, psychische und physische Aktivität, gelebte Wut, letztlich eine Form von gesundem Egoismus, gesunder Aggression.
@ pnovell:
| Zitat: |
| „es gibt keine schizophrenie, die scheinbar kranken sind besessen und bekommen einfach zu viele einsichten in ihr geistiges innenleben, sie erkennen als wirte den parasit und ihnen wird die krankheit deshalb schnell eingeredet damit sie gar nicht erst zu anderen überlegungen gelangen und womöglich ihren geistigen zustand selbst analysieren, weiterhin werden sie mit medikamenten unempfänglich gemacht und die ganz resistenten mit den meisten einsichten werden weggesperrt.“ |
Oh.
Wer sind denn die Parasiten?
Das klingt ein wenig nach den Konzepten der Antipsychiatrie Schule von Laing und anderen.
Es gibt sicher guten Grund die Behandlung von Psychotikern als weit entfernt von dem was man sich wünschen würde anzusehen – wenngleich es Verbesserungen gibt –, man sollte aber auch kritisch betrachten, dass der Ansatz Schizophrene als die Supergesunden umzudefinieren in der Praxis dann entsetzlich gescheitert ist.
@ alle:
Nun ist es aber so, dass ich durchaus ein Herz für alternative Ansätze habe.
Dazu muss ich etwas ausholen.
Ich weiß von einem Psychiater, der mal die Erfolge unserer Medizin bezogen auf Psychosen mit denen archaischer oder magischer Behandlungskonzepte verglichen hat, dass diese archaisch-magischen Formen, die wie pnovell es andeutet, auf einem Konzept von Besessenheit beruhen keineswegs unterlegen sind.
Man muss allerdings sehen, dass das ganze Weltbild in vielen dieser Kulturen ein anderes ist, als unseres.
Dort ist es vollkommen normal, den Geistern zu opfern, mit ihnen zu verhandeln, sie magisch zu bannen, was bei uns wiederum schon ein Zeichen von Pathologie wäre.
Behandelt werden Schizophrenien medikamentös mit Neuroleptika, die das Zuviel von Dopamin hemmen, das ist das Zentrum ihrer pharmakologischen Wirkung. Dopamin hat nun mehrere Eigenschaften, es ist Teil unseres Belohungssystems, korreliert aufs Engste mit Bewegung und lässt die Psyche Muster erkennen.
Bekannt ist Dopamin vor allem auch durch Morbus Parkinson, was u.a. eine (auf welche Art auch immer) Dopaminmagelerkranung ist. Neben dem bekannten körperlichen Bild des Morbus Parkinson, die eckigen Bewegungen, das „Einfrieren“ (die Unfähgigkeit sich zu bewegen) und der Schüttellähmung, kommt es auch zu kognitiven Phänomenen, häufig zu denen, dass Parkinsonpatienten nichts mehr lernen können, weil sie mit der Zeit keine Muster, also keine Zusammenhänge mehr erkennen.
Es gibt also eine Art Achse von Morbus Parkinson als einer Dopaminmangelerkrankung zur Schizophrenie, die mit einem Dopaminüberschuss assoziiert ist. Mit anderen Worten, schizophrene Patienten sehen Muster und Zusammenhänge dort, wo andere „Normale“ keine mehr sehen und genau das macht ihren „Wahn“ aus, in für sie vermutlich völlig offensichtliche Zusammenhänge abzutauchen, die kein „normaler“ Mensch mehr nachvollziehen kann, es gelingt zumindest nur wenigen.
Nicht zufällig ist eine gefürchtete Nebenwirkung der Neuroleptikabehandlung das Auftauchen parkinsonähnlicher Symptome, es ist hier nicht möglich auf alle Details einzugehen, ich will nur erwähnen, dass in diesem Bereich mehr unbekannt, als bekannt ist.
Ich weiß nicht wer von euch schizophren genug ist um die beiden Muster hinter diesen Erkrankungen erkennen zu können, es handelt sich um eine Vereinigung von Aggression und Struktur.
Das psychische Eigenerleben bei Neuroleptika-Behandlung werden bei wiki erwähnt:
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| „Bei den Nebenwirkungen sind solche vegetativer Art (hormonelle und sexuelle Störungen, Muskel- und Bewegungsstörungen, Schwangerschaftsschäden, Körpertemperaturstörungen etc.) und solche psychischer Art (sedierende Wirkungen, Depressionen, Antriebslosigkeit, emotionale Verarmung, Verwirrtheit, andere Wirkungen auf das Zentralnervensystem etc.) zu unterscheiden. Betroffene selbst beschreiben oft ein Gefühl, „eingemauert“ zu sein.“ |
http://de.wikipedia.org/wiki/Neuroleptik...schte_Wirkungen
„Eingemauert“, das innere Gefängnis, neutraler: starke Strukturierung.
Wird die chemische Strukturierung durch eine äußere ersetzt, erzielt man offenbar spürbare Erfolge, der Psychiater Edvard Podvoll therapierte mit diesem Konzept.
Im Grunde sind auch magische Praktiken Wege einer Strukturierung, die „Geister“ werden gebannt, besänftigt, weggesperrt. Für unser Weltbild ein Tanz auf der Rasierklinge, weil der Geisterglaube hier eher als pathologisch angesehen wird und es völlig unklar ist, ob es Pathologien nicht verschlimmert, wenn man zwischen verschiedenen Weltbildern hin- und hertanzt.
Das ist ein Thema im Thema und vermutlich nicht allgemein, sondern individuell zu entscheiden, meine eigenen Vorurteile gehen in die Richtung, dass es möglich ist, mehrere Weltbilder zu haben, aber ich bin mir bewusst, dass das zuweilen sehr heikel ist, allein schon deshalb, weil es unser etabliertes Weltbild infrage stellen würde.
Auch kann ich nicht klären, ob dieses Weltbildhopping auf einer eigenen Unfähigkeit beruht sich klipp und klar zu unserem rational-wissenschaftlichen Weltbild zu bekennen, oder ob es einen Ausdruck sinnvoller Kritik an den Unzulänglichkeiten dieses Weltbildes darstellt.
Ich will hier nicht erneut den Rahmen des Themas sprengen, aber mir scheint die von Exe angerissene Frage über Schmerz (Aggression) und Persönlichkeit (Struktur) sehr interessant, zumal man auch daran denken kann, dass Schmerz in gewisser Weise persönlichkeitserhaltend ist (auf diese Idee kann man kommen, wenn man die Selbstverletzungen der Borderliner betrachtet, die damit offenbar in ihrem subjektiven Erleben ein Fundament errichten wollen auf welchem sie sich noch/wieder spüren) , insofern finde ich die Frage zwischen dem Zusammenhang von Schmerz und Persönlichkeit sehr interessant.
Ich will mal schauen ob es Resonanz darauf gibt oder nicht, sofern erst mal meine Entschuldigung für die dopaminüberschießenden Assoziationen.
Gruß,
Carsten