Ratte
Hallo,
angenommen,...
(1) es gäbe ein Testverfahren, mit dem sich ohne Fehler vorhersagen ließe, wie moralisch Personen in naher Zukunft, z. B. über 1 Jahr, handeln werden. Dabei soll - mit Kohlberg - weiter angenommen werden, dass sich...
(2) diejenigen, welche nach universalistischen Prinzipien (z. B. Kants Kategorischem Imperativ) handeln, moralisch besser verhalten.
Frage: Wäre es dann angebracht, diesen mehr Verantwortung zu übertragen (Positionen, Ämter etc.)? Bzw. anders herum: Wäre es angebracht, denjenigen, welche sich weniger gut moralisch verhalten, Privilegien zu entziehen?
Vielleicht würde dieses Herangehen vergleichbar mit dem bei der Führerscheinprüfung sein: Wer nicht fahren kann, darf nicht fahren bzw. wer nicht fahren darf, kann auch nicht fahren...
...dieses Gedankenexperiment geht ein bisschen in die Richtung von Platons "Philosophenkönig"...
Was meint ihr?
carsten aus bochum
Hi Ratte.
Im Grunde ist das eine Überlegung wert, gerade vor dem Hintergrund vieler heutiger Krisen, bei denen man sich dann verwundert fragt, wo denn auf einmal die Moral hin ist – huch.
Nur ist Moral keine Kategorie in der gedacht wird, als abstrakte Größe wird ihr Fehlen beweint, macht man es konkret, heißt es „pfui, wie kann man so kategorisierend sein“.
Allerdings ist es auch eine Frage, was mehr Verantwortung denn bedeutet.
So eine brave Beamtenseele konventioneller Ausprägung ist manchmal genau richtig, wenn es darum geht, dass Recht bleibt, was Recht ist, geht es hingegen um schnelle, wichtige, konkrete Entscheidungen, wäre das eine Fehlbesetzung.
Nur muss man halt die entscheidungsstarken Präkonventionellen von den entscheidungsstarken Postkonventionellen trennen. Warum das nicht getestet wird, weiß ich auch nicht, man fragt sich wohl lieber nachher, wie das wieder mal alles passieren konnte.
Gruß,
Carsten
Stanley Alvarez
Was jenes "Testverfahren" höchstens ermitteln könnte, und worauf ja auch der Kategorische Imperativ hinaus läuft, ist ja nicht, dass man gut/moralisch handelt, sondern dass man es guten/moralischen Willens tut.
Da fällt mir dann allerdings die bekannte Aussage ein:
Das Gegenteil von 'gut' ist 'gut gemeint'.
(Quelle: Kurt Tucholsky, Gottfried Benn oder Bertolt Brecht... wer auch immer)
Tarvoc
| Zitat: |
Original von carsten aus bochum
Im Grunde ist das eine Überlegung wert, gerade vor dem Hintergrund vieler heutiger Krisen |
Klar, weil ja moralische Menschen bekanntlich immer viel besser und im Voraus wissen, wann, wo, wie und wieso die Struktur unserer Ökonomie und unserer Gesellschaft vor Wände fährt.
carsten aus bochum
Hi Stanley.
| Zitat: |
| „Was jenes "Testverfahren" höchstens ermitteln könnte, und worauf ja auch der Kategorische Imperativ hinaus läuft, ist ja nicht, dass man gut/moralisch handelt, sondern dass man es guten/moralischen Willens tut.“ |
Worin würdest Du denn den Unterschied sehen?
Ratte
| Zitat: |
Original von Stanley Alvarez
Was jenes "Testverfahren" höchstens ermitteln könnte, und worauf ja auch der Kategorische Imperativ hinaus läuft, ist ja nicht, dass man gut/moralisch handelt, sondern dass man es guten/moralischen Willens tut. |
Klar, Kant postuliert, dass nichts außer der gute Wille gut ist. D. h., gut an sich ist nicht der mögliche Gegenstand des Willens, sondern nur der einer Handlung zu Grunde liegende gute Wille selbst. Dieser allerdings lässt sich empirisch nicht ergründen. Und so können auch bei den Kohlberg-Dilemmata Probanden, die auf Stufe 1 moralisch urteilen, zu gleichen Handlungspräferenzen kommen, wie solche, die auf Stufe 6 urteilen. Schaut man sich jedoch deren Begründungen an, so findet sich bei jenen ein qualitativer Unterschied zu solchen der Stufe 1. Deshalb wählte Kohlberg auch dieses Vorgehen der Analyse von Argumenten - weil Handlungen eben nicht anzeigen, ob jemand nach Kant pflichtgemäß oder aus Pflicht (zum Sittengesetz) handelt.
Das perfekte Testverfahren müsste also identifizieren können, auf welcher Stufe jemand moralisch zu urteilen in der Lage ist und es müsste vorhersagen können, ob dies bei jener Person auch handlungswirksam wird. Wenn ja, könnte man vorhersagen, wie jemand ein moralisches Problem kognitiv strukturieren wird, d. h. welche situativen Merkmale für diese Person handlungsrelevant werden und wie er dementsprechend handeln wird.
Meine Frage ist aber, ob - wenn dieses Testverfahren wirklich perfekt moralisch hochqualifizierte Leute identifizieren könnte - jenes verwendet werden sollte zur Selektion von Menschen z. B. für bestimmte Ämter bzw. für oder gegen die Vergabe bestimmter Privilegien...
Libertad
Unwissend, welchen Geistes Kind diese Gedanken sind, möchte ich diesen Ausführungen mal eine nicht unerhebliche Entfremdung jeglichen Bezuges zur Realität mit bedenklicher Tendenz in faschistoide Richtung zuschreiben. Ob das hier irgendwer auch so sieht, ist mir echt egal - aber es ist schon reichlich brenzlig
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Ratte:
Meine Frage ist aber, ob - wenn dieses Testverfahren wirklich perfekt moralisch hochqualifizierte Leute identifizieren könnte - jenes verwendet werden sollte zur Selektion von Menschen z. B. für bestimmte Ämter bzw. für oder gegen die Vergabe bestimmter Privilegien... |
dar zu stellen. Ganz in der Annahme, derartige Testverfahren wären in der gesellschaftlichen Ordnung gar nicht präsent.
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| Frage: Wäre es dann angebracht, diesen mehr Verantwortung zu übertragen (Positionen, Ämter etc.)? Bzw. anders herum: Wäre es angebracht, denjenigen, welche sich weniger gut moralisch verhalten, Privilegien zu entziehen? |
Diese Funktion übernimmt die moderne Gesellschaft mittels bürgerlicher Gesetze und Gesetzen zur Strafverfolgung. Der ganze Post basiert scheinbar auf einer nicht eindeutig und aktiv herausgestellen Annahme, all dies wäre nun gar nicht existent.
Als hätte jedes Individuum die exakt gleiche gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Woraus man natürlich keine Ablehnung von Verantwortung schließen sollte, aber den Zugang zu Verantwortung mittels Testverfahren zu sanktionieren - das geschieht ohnehin und ein darauf rumpochen und dahinlamentieren wirkt mitunter ganz schön rustikal.
Ratte
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| Original von Libertad Als hätte jedes Individuum die exakt gleiche gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Woraus man natürlich keine Ablehnung von Verantwortung schließen sollte, aber den Zugang zu Verantwortung mittels Testverfahren zu sanktionieren - das geschieht ohnehin und ein darauf rumpochen und dahinlamentieren wirkt mitunter ganz schön rustikal. |
...ich redete von einem Testverfahren, welches zu urteilen erlaubt, wie moralisch Menschen in Zukunft handeln werden. Ich kenne kein derartiges Verfahren. Wahrscheinlich verwechselst du meine Fiktion eines solchen Tests mit Leistungs- oder andererer Arten von Persönlichkeitstest, von denen ich aber nicht sprach. Mich interessieren philosophische Gründe, warum oder warum man nicht ein Verfahren auf Basis einer moralischen Urteilsbestimmung zur Auswahl von Menschen für Ämter etc. mit hoher Verantwortung einsetzen sollte. Ich bin mir bewusst, dass dies faschistoid und elitär klingt und möglicherweise ungute Gefühle macht. Deswegen stelle ich diese Problematik hier auch zur Diskussion.
Archibald
| Zitat: |
Original von Ratte
Hallo,
angenommen,...
(1) es gäbe ein Testverfahren, mit dem sich ohne Fehler vorhersagen ließe, wie moralisch Personen in naher Zukunft, z. B. über 1 Jahr, handeln werden. Dabei soll - mit Kohlberg - weiter angenommen werden, dass sich.................................... |
@ Ratte: Das gibt es nicht, da "Moral" Geschmackssache ist; insofern hat sich dein Thread erledigt!
John
Denken wird man ja wohl noch dürfen
Irgendwie erinnert mich dieser Thread an ein Gedankengebäude, das mich theoretisch seit einiger Zeit beschäftigt, nun werde ich es halt mal hier los, ich glaub, es passt dazu.
Auch die Gefahr einer faschistischen Grundidee könnte durch den Anfang etwas gebannt werden. Also bitte mitmachen, bei der Vorstellung.
Nehmen wir an, es gibt eine reale Macht außerhalb der Erde (keine transzendete, kein Gott, darum soll es also hier jetzt nicht gehen), sondern geistig und technisch wesentlich weiter entwickelte Außerirdische. Nehmen wir weiter, die würden entdecken, dass wir dabei sind, uns selbst in den nächsten Generationen zugrunde zu richten. (Ist ja wohl leicht nachzuvollziehen).
Nehmen wir nun weiter an, diese Wesen wären in der Lage, alles, was wir denken, zu erfassen, also jeden Menschen praktisch geistig zu sezieren (dass natürlich damit auch alle seine Handlungen erfasst sind, ist wohl logisch) und sie wüssten, wie der Verfall oder das Ende unserer Erde, Kultur oder was auch immer aufzuhalten wäre, könnten dies aber selbst nicht tun und selbst nicht direkt helfen.
Nehmen wir weiter an, diese Wesen hätten ein Interesse daran, dass die Erde weiter so existiert wie bisher und die Menschen sie weder durch eine Klimaveränderung noch durch einen Krieg oder durch Verarmung von Kontinenten kaputtmachen.
Nennen wir mal den Weg zur Verhinderung des Desasters hilfsweise Moral.
Diese Wesen hätten also die am Anfang dieses Threads angesprochenen
"Tests" zur Verfügung, ihre Ziele wären politisch gesehen absolut nicht von Macht bestimmt (warum sie ein Interesse an uns haben, könnte nun auch hier außen vor bleiben) und sie hätten die Macht, den Menschen, die "richtig denken", "richtig denken werden" und "richtig handeln" mit entsprechenden Privilegien versehen, damit sie
qualifiziertauf die Welt Einfluss nehmen, also ihr Denken nicht wirkungslos im Äther des eigenen Hirns verpufft, sondern zur Rettung der Welt umgesetzt wird.
Puh, wäre die Welt damit gerettet?
Ratte
@John ...das ist eine wunderbare Variante zur Begründung des Einsatzes solcher - fiktiver - Testverfahren, um das, zugegebenermaßen faschistoid konnotierte, Gedankenexperiment abstrakter zu fassen!
Vielleicht ist das Problem des unguten Gefühls, was man bei diesem Gedankenexperiment bekommt, auch darin begründet, dass man von als moralisch überlegenen Personen bevormundet würde, wobei man selber vielleicht - aufgrund moralischer Schwächen - keinerlei oder wenig Mitspracherechte in solch einer Gesellschaft hätte... Das wäre eine psychologische Erklärung, aber keine philosophische, die gegen den Einsatz eines solchen Instrumentes spräche... Die Demokratie wäre freilich unter Verwendung jener Verfahren abgeschafft. Doch ist nicht Demokratie auch utilitaristisch im Sinne des größten Glücks der größten Zahl? Schließlich entscheidet die Mehrheit gegen die Minderheit. Das kann nicht gerecht sein, weil die Anfangsbedingungen aller nicht gleich sind (bsp. Rawls Gerechtigkeitstheorie).
Puh, ein - zumindest für mich - sehr schweres Problem
John
geht es denn bei diesem ganzen Ansatz überhaupt um Gerechtigkeit
Dieser Begriff ist doch - jedenfalls in diesem Zusammenhang - zu abstrakt, um mit ihm weiterzukommen.
Ich habe versucht, die angeschnittene Frage - und damit auch die Frage der Moral, bzw. des Begriffes "Moral" - absolut pragmatisch zu sehen, im Sinne von "Überleben" der Menschheit.
Wie ich jetzt merke, ist eben die Heranziehung einer - realen (also im Sinne von nichttranszendent) - Macht nur eine gedankliche Hilfskonstruktion, damit man eben einen Wert nicht wieder relativiert. Oder ist "Überleben der Menschheit" nicht etwas, das man einen unbestrittenen Wert nennen kann?
Möglicherweise liegt jedoch genau darin, dass dieses Gedankenexperiment eben nötig ist, der Schlüssel dazu, warum wir als Menschen es wohl nicht schaffen, uns ethisch oder moralisch fortzuentwickeln: Weil wir uns weigern, von irgendjemand Gleichem (also einem oder mehreren Menschen) vorschreiben zu lassen, was denn "Moralisches Handeln" letztlich sei.
Die Problematik, wenn wir dies einer transzendenten äußeren Macht zugestehen, ist ja hinlänglich bekannt.
Ratte
| Zitat: |
| Original von John Möglicherweise liegt jedoch genau darin, dass dieses Gedankenexperiment eben nötig ist, der Schlüssel dazu, warum wir als Menschen es wohl nicht schaffen, uns ethisch oder moralisch fortzuentwickeln: Weil wir uns weigern, von irgendjemand Gleichem (also einem oder mehreren Menschen) vorschreiben zu lassen, was denn "Moralisches Handeln" letztlich sei. |
... ein Kommilitone meinte, dies läge letztlich daran, dass die Lösung bzw. der Weg zu dieser bei moralischen Problemen weniger gut demonstrierbar sei, als z. B. bei einer Mathematikaufgabe. D. h., durch bessere Begründungen
richtigere Lösungen bei philosophischen Problemen sind schwerer einsichtig zu machen, als richtige Lösungen eines mathematischen Problems.
Stanley Alvarez
Das Problem des gesamten Gedankenexperimentes ist doch: Es ist letztlich nicht möglich, im vorhinein zu sagen, jemand würde "gut" oder "richtig" handeln. Man könnte vielleicht höchstens, wie es Ratte ja auch angedacht hat, sagen, jemand würde nach dem Kategorischen Imperativ "moralisch" handeln (da er es erfahrungsgemäß immer/meist tut). Aber "moralisch" im Sinne des Kategorischen Imperativs bedeutet, wie gesagt, lediglich: "guten Willens sein". Über die tatsächliche Qualität des Handelns sagt das nichts. Deswegen nannte ich ja auch den Ausspruch:
Das Gegenteil von 'gut' ist 'gut gemeint'. Erst im nachhinein könnte man sagen, eine Handlung wäre "moralisch", "gut" oder gar "richtig" gewesen.
| Zitat: |
Original von John
Denken wird man ja wohl noch dürfen
... und sie wüssten, wie der Verfall oder das Ende unserer Erde, Kultur oder was auch immer aufzuhalten wäre... |
Dein Beispiel mit der höheren Macht bringt nun, so ganz nebenbei, zwei weitere Prämissen ein, die das ganze Gedankenexperiment verändern, wenn nicht gar ad absurdum führen.
Die Prämissen sind nun:
1. Eine konkrete Zielstellung: Das Ende der Zivilisation aufhalten (grob übersetzt)
2. Das Wissen, wie dieses Ziel erreicht werden kann.
Die veränderte Fragestellung lautet nun also: Angenommen, wir haben ein konkretes Ziel und wissen, wie dieses erreicht werden kann. Wäre es dann sinnvoll, jemanden in verantwortliche Positionen zu bringen, der ebenfalls dieses Ziel verfolgt und vorraussichtlich tun wird, was dazu notwendig ist?
... aber etwas anderes tut man doch jetzt auch nicht...
komisch...
"Stan"
Ratte
| Zitat: |
| Original von Stanley Alvarez Die veränderte Fragestellung lautet nun also: Angenommen, wir haben ein konkretes Ziel und wissen, wie dieses erreicht werden kann. Wäre es dann sinnvoll, jemanden in verantwortliche Positionen zu bringen, der ebenfalls dieses Ziel verfolgt und vorraussichtlich tun wird, was dazu notwendig ist? |
...das Problem ist, dass demokratisch darüber entschieden werden müsste, dass man sich in Zukunft in seinem Handel bevormunden lassen möchte. Aber: Wenn die Menschen sich hierfür entscheiden würden, wären sie selber schon so weit, dass sie einer solchen Bevormundung gar nicht mehr bedürften. Denn das Ziel Gerechtigkeit (z. B. nach Rawl) umzusetzen (also jetzt mal weg von dem Beispiel mit der Apokalypse), sagt ja schon, dass die Leute erkannt haben müssen, dass dieses anzustreben sinnvoll ist. D. h., sie besitzen schon soviel Einsicht, dass sie eines "Philosophenkönigs" gar nicht mehr bedürften.
Stanley Alvarez
| Zitat: |
Original von Ratte
...das Problem ist, dass demokratisch darüber entschieden werden müsste, dass man sich in Zukunft in seinem Handel bevormunden lassen möchte. Aber: Wenn die Menschen sich hierfür entscheiden würden, wären sie selber schon so weit, dass sie einer solchen Bevormundung gar nicht mehr bedürften. Denn das Ziel Gerechtigkeit (z. B. nach Rawl) umzusetzen (also jetzt mal weg von dem Beispiel mit der Apokalypse), sagt ja schon, dass die Leute erkannt haben müssen, dass dieses anzustreben sinnvoll ist. D. h., sie besitzen schon soviel Einsicht, dass sie eines "Philosophenkönigs" gar nicht mehr bedürften. |
Nein...
es ist ignoranter Blödsinn, anzunehmen, dass es Menschen gibt, die so ein abstraktes Ziel wie "Gerechtigkeit" nicht für anstrebenswert erachten. Aber abstrakte Ziele sind nunmal abstrakt, d.h. es ist sowohl unklar, wie der Zielzustand genau aussähe, als auch, wie er zu erreichen wäre.
Die Menschen haben nunmal unterschiedliche Vorstellungen dazu, wie dieses Ziel zu realisieren sei, und dementsprechend wählen sie jemanden aus ihrer Mitte in verantwortliche Positionen, von dem sie glauben, dass er diese Vorstellung teilen. Das hat mit Bevormundung nichts zu tun.
Was dir aber vorzuschweben scheint, ist sowas wie eine
alleingültige Realisierung. Aber wer hat das bitte zu entscheiden? Auch die Philosophen wären sich da doch wohl kaum einig.
Aber angenommen also, über das konkrete Ziel ist man sich tatsächlich einig. Angenommen, es gäbe zwar verschiedene Vorstellungen, wie der Weg zur Realisierung dieses Ziels aussieht. Angenommen, man weiß aber irgendwoher, dass nur einer dieser Wege letztendlich tatsächlich zum Ziel führt und welcher das ist. Angenommen also, wir wählen jemanden zum "Führer", von dem wir wissen: Der weiß genau, wie jenes wünschenswerte Ziel zu erreichen ist, auch wenn uns der Weg dorthin nicht immer gefällt, dieser jemand uns also durchaus hin und wieder bevormunden muss.
Ist das denn das Szenario, das dir vorschwebt???
Die Bevormundung in Ziel und dem Weg dorthin ist derweil ja auch nicht ohne historisches Beispiel. Die Bolschewiki waren ja durchaus der Meinung, dass ihr Ziel das einzig erstrebenswerte und ihr Weg dorthin der einzig mögliche sei, auch wenn sie dabei den Willen des Großteils der Bevölkerung übergehen müssen.
Ratte
| Zitat: |
Original von Stanley Alvarez Nein...
es ist ignoranter Blödsinn, anzunehmen, dass es Menschen gibt, die so ein abstraktes Ziel wie "Gerechtigkeit" nicht für anstrebenswert erachten. |
Ich glaube die Absurdität dieser Aussage angesichts der Zustände auf unserem Planeten nicht weiter kommentieren zu müssen. Und es gibt keinerlei Hinweise, dass die Menschen lediglich aus Unsicherheit, wie man Gerechtigkeit denn nun genau herzustellen hat, untätig bleiben...
Aber ansonsten hast du mich richtig verstanden: Es geht darum, ob man moralisch hochentwickelten Menschen (getestest mit einem - fiktiven - perfekten Verfahren) mehr Privilegien übertragen sollte und wenn ja, warum ja und wenn nein, warum nein.
Geht es um die Frage, ob jemand Auto fahren sollte, ist die Antwort klar: Ja, nachdem er gezeigt hat, dass er dies kann (Führerscheinprüfung). Was also spricht dafür oder dagegen, dass z. B. politische Entscheidungsträger oder andere Personen in verantwortlichen Positionen ebenso geprüft werden, nur eben in Bezug auf ihre moralischen Kompetenzen? Derartiges wird aber - vielleicht auch deshalb, weil dieses derzeit noch nicht erfasst werden kann - weder erfasst, noch angestrebt in Zukunft erfassen zu wollen...
Stanley Alvarez
| Zitat: |
Original von Ratte
| Zitat: |
Original von Stanley Alvarez Nein...
es ist ignoranter Blödsinn, anzunehmen, dass es Menschen gibt, die so ein abstraktes Ziel wie "Gerechtigkeit" nicht für anstrebenswert erachten. |
Ich glaube die Absurdität dieser Aussage angesichts der Zustände auf unserem Planeten nicht weiter kommentieren zu müssen. Und es gibt keinerlei Hinweise, dass die Menschen lediglich aus Unsicherheit, wie man Gerechtigkeit denn nun genau herzustellen hat, untätig bleiben... |
Es gibt keine Hinweise, weil du sie nicht sehen willst. Diese Sichtweise ist kaum weniger beschränkt als die klassische Einteilung in "gute Menschen" und "böse Menschen".
Um das zu kapieren, reicht es doch sogar schon fast, sich einfach nur die verbreitetsten Ideologien anzusehen und zu vergleichen:
Beispiel "Freiheit":
Auf der einen Seite die Ansicht, dass nur ein starker Staat und eine durch ihn garantierte Sicherheit die Freiheit der Menschen garantieren kann. Auf der anderen Seite z.B. die Anarchisten, die meinen, dass nur die Freiheit von einer jeglichen Herrschaft, insbesondere der staatlichen, wirkliche Freiheit garantiert.
Oder dein Beispiel der "Gerechtigkeit":
Auf der einen Seite die neo-liberale Ideologie, nach der nur eine völlig freie Marktwirtschaft auf lange Sicht zu einer gerechten Gesellschaft führt (wer dem Neoliberalismus diese zwar beschränkten, aber "guten Absichten" abspricht, ist schlicht blind). Auf der anderen Seite die Marxisten, die quasi genau das Gegenteil wollen, aber ebenfalls mit dem Ziel der "Gerechtigkeit".
Also was? Wer davon lügt denn nun, was seine Ziele angeht?
Edit: Im Übrigen meinte ich auch nicht, dass es grundsätzlich unmöglich sei, dass es wirklich Menschen gibt, für die solche Ziele nicht erstrebenswert sind. Aber sein Denken auf dieser Prämisse aufzubauen, ist schlicht ignoranter Blödsinn. Denn entweder spricht man den anderen Menschen die Fähigkeit ab, solche "universalen" Ziele zu erkennen, oder man spricht diesen Zielen die Universalität ab (und hat damit aber auch nicht das Recht, sie anderen aufzuzwingen), oder man geht davon aus, dass es einfach "böse Menschen" gibt, die einfach aus Prinzip gegen solche "universalen" und "guten" Ziele sind. Such es dir aus, was bei dir zutrifft.
| Zitat: |
| Aber ansonsten hast du mich richtig verstanden: Es geht darum, ob man moralisch hochentwickelten Menschen (getestest mit einem - fiktiven - perfekten Verfahren) mehr Privilegien übertragen sollte und wenn ja, warum ja und wenn nein, warum nein. |
Tut mir leid... vielleicht hatten wir das Thema schon, aber ich kann mir immernoch nichts vorstellen unter einem "moralisch hochentwickelten Menschen".
Ich habe eh das Gefühl, dass wir irgendwie aneinander vorbei reden... wüsste aber von meiner Seite auch grad nicht, wie dem beizukommen sei.
Ratte
Du hast doch selber geschrieben, dass das Gegenteil von gut gut gemeint sei. Hiernach aber zählt doch nicht das, was eine Idelogie zu beabsichtigen vorgibt. Oder um mit Kant zu sprechen: allein der gute Wille ist gut: "Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille." Dies ist so zu verstehen, dass nur der gute Wille selbst, der einer Handlung zu Grunde liegt, gut ist. Die Handlung selbst ist gut, wenn sie aus Pflicht geschieht und zwar allein aus Achtung für das Sittengesetz. Das Prüfverfahren hierfür ist der Kategorische Imperativ, nach welchem eine Maxime geprüft wird.
Es geht bei Kant also nicht um etwas Inhaltliches - weswegen sein Ansatz auch als formalisitisch bezeichnet wird. Damit stellt Kant als erster einen universalistischen Anspruch an normative Ethiken. Tugendhat schreibt: "Die Kantische Moraltheorie stellt den historisch ersten Versuch einer formal rationalen Moral dar. Unter einer formal rationale Moral verstehe ich eine solche, die, was gut oder gesollt oder gerecht ist, lediglich aus diesen Begriffen begründet und sich dabei nur auf die Idee der Unparteilichkeit mit Bezug auf die Interessen aller bezieht."
Dabei kommt es auf letzteren Punkt an: Die Idee der Universalität. Der Kategorische Imperativ hat den Anspruch, das Potential von Maximen in Bezug auf deren Erfüllung dieses Kriteriums zu prüfen. Und jetzt könnte man dies einmal z. B. einmal an liberalistischen Modellen durchspielen...
Es ist also nicht so, dass es kein Verfahren zur Prüfung von Modellen, die Gerechtigkeit beanspruchen, gäbe. Im Gegenteil, die Philosophiegeschichte brachte eine Menge davon hervor - und Kant und Rawls und noch einige andere sind zur Zeit sicherlich als Meilensteine anzusehen. Deswegen verstehe ich deinen Nihilismus nicht @Stanley Alvarez...
Stanley Alvarez
| Zitat: |
Original von Stanley Alvarez
Ich habe eh das Gefühl, dass wir irgendwie aneinander vorbei reden... |
q.e.d.
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