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Original von John
Weder das System, noch die Organisation, noch die Regeln (oder Computer und Roboter) sind an sich schlecht. Vergessen wir aber, dass wir dies alles aufgestellt haben und lassen uns von diesen Strukturen beherrschen, so ist das falsch und gefährlich.
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Hallo John,
mir scheint, du bist auf einem interessanten Weg, und ja, wahrscheinlich hat Goethe den Nagel auf den Kopf getroffen.
Vielleicht wirkt das narzisstisch, wenn ich mich dauernd selbst zitiere, aber ist mir egal:
http://philo-welt.de/forum/addreply.php?...e&postid=200083
Es wird mitunter die Vorstellung vertreten, Gott habe die Welt gut geschaffen und wir Menschen würden sie in die Hölle verwandeln.
Oder wenn jemand nicht den Glauben an Gott vertritt, wird so getan, als seien die Gesetze der Natur rein und frei von Schlechtem. Erst der Mensch habe die Begriffe des Bösen und der Sünde überhaupt in die Welt gebracht und diesen damit zur "Existenz" verholfen.
Der Mensch habe gewissermaßen die konzeptionelle Reinheit der Natur verdorben.
Das sind schwerwiegende Irrtümer.
"Das Böse" ist zunächst etwas subjektiv Empfundenes.
Allem voran besitzt es keine metaphysische Existenz.
"Das Böse" glaubt ein Subjekt in einer Handlung zu erkennen, wenn ihm wissentlich und/oder willentlich Leid zugefügt wird.
Eine der wesentlichsten Eigenschaften dieser als böse empfundenen Handlungen ist, dass der Handelnde mindestens teilweise blind für das Leid ist, und viel wichtiger noch, dass er völlig blind ist für das vermeintliche Böse, das der Erleidende zu erkennen glaubt.
Das Schema tritt immer in gleicher Weise wie in folgender Konstellation auf:
Ein Kind im Sandkasten weint, weil es von einem anderen geschlagen wurde.
Der Schlagende ist böse.
Der Schlagende ist aber überzeugt, dass der Weinende böse ist.
Er hat ihm nämlich die Schaufel nicht zurückgegeben, die rechtmäßig ihm gehört.
Uns interessiert an dieser Stelle überhaupt nicht, wer der rechtmäßige Eigentümer der Schaufel ist.
Entscheidend ist, dass beide Kinder dem anderen ein böses Handeln unterstellt haben, und dass keiner in der Lage war, mit den Augen des anderen erstens das subjektive Leid und zweitens das subjektiv empfundene Böse wahrzunehmen.
Ich halte es für eine interessante Feststellung, dass eine der wesentlichen Eigenschaften des sogenannten Bösen die Einseitigkeit ist.
Der vom Leid Betroffene erkennt in der Handlung des anderen mindestens die Absichtlichkeit der Handlung, zumeist wird aber auch unterstellt, dass der ausführende um das verursachte Leid weiß: Willentlichkeit und Wissentlichkeit.
Das eigentlich perfide am sogenannten Bösen ist, dass Systeme die Eigenschaft haben sich Akteure zu Handlangern zu machen.
Wenn man sich die Protokolle der Gerichtsverhandlung von Adolf Eichmann anschaut, gehört es zu den erschreckendsten Eindrücken, dass man es diesem Logistiker des Holocaust abnimmt, dass er sich in keiner Sekunde für Böse gehalten hat.
Höchstwahrscheinlich hat er es sogar ehrlich gemeint, als er sich als Opfer des Systems bezeichnete.
Gesellschaftliche Systeme bringen Menschen dazu zu Handelnden zu werden, es braucht dazu keine Schreckensapparate wie das Naziregime.
Wieviele Hartz4-Empfänger haben wohl schon einen Brief vom Jobcenter in vor Wut zitternden Händen gehalten?
Und wenn die Sachbearbeiterin dann am Telefon mit schnarrender Stimme sagt "Wenn Sie das ungerecht finden, kann ich Ihnen auch nicht helfen, ich muss mich an den Vorgaben orientieren, die das Gesetz mir gibt", dann hat der eine oder andere sicher schon Visionen von brennenden Gebäuden gehabt.
(Ich empfehle in diesem Zusammenhang die beste mir bekannte literarische/filmische Umsetzung dieser Problematik: L.A. Crash.)
Leid, das als wissentlich verursacht und somit als böse empfunden wird, macht aus Opfern neuerliche Täter.
Der anfängliche Impuls geht jedoch oft von den Systemen aus, die den Menschen zum Handeln bringen.
Die Akteure der Systeme haben selten Grund sich den Impulsen zu widersetzen (bspw. die Angestellte beim Jobcenter kann ihren Ermessensspielraum nur bedingt anwenden ).
Im Gegenteil motiviert das System den Impulsen zu folgen.
Systeme üben Druck auf Akteure aus.
Selten ist dabei ein System transparent genug, dass ein Akteur erkennt, dass er sich zum Handlanger macht.
Wieviel versteht wohl mein Teamleiter von seiner Handlung, wenn er sagt "Ihr müsst mich auch verstehen. Wenn IHR euer Pensum nicht schafft, krieg ICH Ärger mit dem Abteilungsleiter."
Ein Spekulant sieht nicht die Familien der Mitarbeiter, die entlassen werden.
Er sieht nur den Aktienkurs, die Rendite, sein Pensum.
Ich weiß nicht, ob Adolf Eichmann je einem seiner Opfer in die Augen geblickt hat.
Das Beispiel Adolf Eichmann zeigt wie dringend notwendig es wäre ein Bewusstsein für Verantwortung zu schaffen (von dem wir Welten entfernt sind).
Aber der allergrößte Teil der Menschheit wird nicht in ein System geboren, das ihn befähigt sich seiner unverschuldeten Unmündigkeit zu entledigen.
Das Leben, die Natur ist ein System, das ebenfalls Impulse gibt.
Es veranlasst die eine Kreatur der anderen die Eier [edit: Die Kinder] aufzufressen.
Ich könnte hier eine endlose Liste des Leids beginnen, indes ich erspare es dem Leser.
Der Mensch ist in die bestehenden Systeme eingebunden, das sind die Natur, die Gesellschaft, die Familie, der Arbeitgeber, etc. , etc.
Die Anfangsimpulse, die von diesen Systemen ausgehen lassen tatsächlich nur sehr wenig Spielraum für freie Entscheidungen.
Was der Mensch lernen muss ist, den Begriff des Bösen durch ein Konzept der Verantwortung abzulösen.
Aber was ich nicht zulasse ist, dass dem Menschen die ursächliche Schuld aufgebürdet wird.