Freiheit und Notwendigkeit bei Karl Marx

Shamatic
2.3.2 Zum Verhältnis von "Freiheit" und "Notwendigkeit"

Wieder treffen wir auf verschiedene Textstellen, welche eine einseitige und positiv-weltanschauli he Interpretation ermöglichen. Bei den marxistisch-leninistischen Interpretationen wurde der Evolutionsprozess von Gesellschaftsformationen als als streng "naturgesetzlicher" Prozess betrachtet d.h. als einen Prozess, welcher durch seine Struktur determiniert ist. Dabei wurden bestimmte Text stellen und Zitate von Marx kanonisiert, welche dieser weltanschaulichen Interpretation zu sprachen und diese legitimierten, da Marx als Autorität und "Vater des Sozialismus" galt. Ich werde im Folgenden zu zeigen versuchen, dass sich das Verhältnis von "Freiheit" und "gesetzmäßiger Notwendigkeit" bei Marx nicht so einseitig und widerspruchsfrei denken lässt, indem ich einige Textstellen auf ihren Gehalt untersuchen werde. Eine eindeutige Interpretation werde auch ich nicht liefern können, sondern nur eine allgemeine Skizze der Widerspruchslinien.
Schon in der Deutschen Ideologie formuliet Marx die Paradoxie, dass die gesellschaftlich hergestellten Produkte (im weitesten Sinne) sich zu einer sachlichen und fremden Gewalt über die Men schen verdingen:

"Dieses Sichfestsetzen der sozialen Tätigkeit, diese Konsolidation unsres eignen Produkts zu einer sachlichen Gewalt über uns, die unsrer Kontrolle entwächst, unsre Erwartungen durchkreuzt, unsre Berechnungen zunichte macht, ist eines der Hauptmomente in der bisherigen geschichtlichen Entwicklung." (MEW 3, S.33).

In Marx' Hauptwerk "Das Kapital" wird dieses "Hauptmoment der bisherigen geschichtlichen Ent wicklung" auf die zu seiner Zeit gegenwärtige bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsformation übertragen und spezifiziert. Marx prägt hierzu den Begriff des Fetischismus. Dieser spezifische Fetischismus der kapitalistischen Gesellschaftsform besteht nach Marx darin, dass der Tauschwert der Waren als eine Natureigenschaft der Waren selbst angesehen wird, obwohl die wirkliche menschliche Arbeit als Quelle und Substanz des Tauschwerts fungiert. Diese Form der Verkehrung, welche im Alltag der Individuen in ihrem Umgang mit Waren zu Tage tritt, beschreibt Marx im Kapitel "Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis":

"Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesell schaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen. [...] Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt. Um daher eine Analogie zu finden, müssen wir in die Nebelregion der religiösen Welt flüchten. Hier scheinen die Produkte des menschlichen Kopfes mit eignem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten. So in der Warenwelt die Produkte der menschlichen Hand. Dies nenne ich den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden, und der daher von der Warenproduktion unzertrennlich ist. " (Das Kapital Bd.I, in: MEW 23, S.86).

Wie Marx genau diesen Fetischismus begründet, kann hier leider nicht ausgeführt werden, dies würde den Rahmen sprengen. Festzuhalten bleibt, dass Marx feststellt, dass aus der Praxis der vergesellschafteten Individuen verobjektivierte Formen entstehen, welche den Menschen selbst als eine eigene Macht entgegen treten, der sie sich zu beugen haben. Das Paradox besteht darin, dass diese versachlichte bzw. verobjektivierte Macht von den Menschen selbst produziert wird. Die folgende Feststellung könnte als zentraler Satz bzw. Ankerpunkt des historischen Materialismus gelten, da dieser aufzeigt, was das Fatale an der bisherigen menschlichen Geschichte ist und dadurch gleichzeitig das utopische Moment offenlegt d.h. das, was überwunden werden soll:

"Ihre [der Menschen] eigne gesellschaftliche Bewegung besitzt für sie die Form einer Bewegung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren. " (ebd. S.89)

Dies erhellt auch die Bedeutung und den Sinn des Begriffs des "Kommunismus", welcher für Marx keine positiv ausformulierte Idee ist, sondern eben jener Zustand, in dem die Menschen anfangen ihr gesellschaftliches Leben als selbstbewusstes und geplantes zu gestalten. Die Menschen würden dann aufhören ihr Leben nur als Mittel und Anhängsel einer fetischisierten Macht zu begreifen und es aufgrund dieser Macht zu gestalten. Denn dies wirft Marx der Realität der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsformation vor. Helmut Fleischer charakterisiert diese Betrachtungsweise folgen dermaßen:

"In seinem Hauptwerk beschreibt er [Marx] schließlich, wie - hinter dem Kapitalisten als agierende Person - der sich verwertende Wert (von Waren und Investitionen) als das eigentliche Subjekt einer maßlosen Bewegung steht, worin die Zirkulation des Geldes als Kapital zum Selbstzweck geworden ist, und die Person des Kapitalisten zum funktionierenden und personifizierten, mit Bewusstsein und Willen ausgestatteten Kapital [...]" (H. Fleischer, a.a.O. S.169).

Daraus zu schließen, dass Marx die Menschen grundsätzlich als reine Personifikationen ökonomischer oder sozialer Kategorien bzw. Gesetze betrachtet und deshalb - daraus folgend- den Menschen jegliche Form von Freiheit oder Autonomie abspricht, wäre verfehlt. Im Gegenteil ist Marx der An sicht - gerade weil der Mensch als historisch-gesellschaftliches Wesen begriffen wird - , dass gerade dieser historische Zustand aufhebbar ist. In seiner Kritik an der bürgerlichen Nationalökonomie, dass diese die ökonomischen Kategorien der kapitalistischen Realität als "natürliche" und "ewige" Formen betrachtet, will Marx gerade den historischen Charakter dieser Grundformen aufzeigen. Wie A.Schmidt schreibt:

"Daß diese Sachen [Formen] als geschichtliche Produkte der Menschen erkannt und deren Tren nung von den gegenständlichen Instrumenten ihrer Arbeit als verwerfliche Herrschaft beurteilt wer den, ist für Marx ein >enormes Bewusstsein<, das die (selbst aus den Verhältnissen herauswach sende) Theorie artikulieren oder gar erst herstellen muß." (A.Schmidt, a.a.O. S.71).

Dadurch, dass Marx die Geschichtlichkeit der ökonomischen (insbesondere "kapitalistischen") Kategorien/Formen aufzuweisen versucht d.h. "hinter" diesen Formen die historisch-soziale Praxis der Individuen entdeckt, zeigt Marx gerade die Veränderbarkeit dieser Zustände auf ! Marx selbst greift damit durch seine theoretische Praxis ein und formuliert damit ein politisches Feld von Handlungs möglichkeiten. Das, was vorher durch den Fetischismus des "objektiven Scheins" und der ideologi schen Legitimationen als "natürlich" und deshalb unabänderlich galt, wird in den Bereich des Politi schen zurückgeholt; d.h. in den Bereich des grundsätzlich Veränderbaren. Marx eigene Praxis widerspricht daher einer Deutung der Entwicklung der Gesellschaftsformen als einem streng und ob jektiv determinierten Geschichtsprozess (weshalb auch der "Kommunismus" im oben genannten Sinne keine geschichtliche Notwendigkeit darstellt, obwohl Marx manchmal Andeutungen in diese Richtung gemacht hat). Ansonsten wäre die Folge marxschen Denkens ein Fatalismus, aber gerade diesen zu bekämpfen ist das Anliegen von Marx' Theorie. Zum Ende der Arbeit noch ein Zitat von Marx zu seiner eigenen Theorie:

"Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozeß auffaßt, den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjektiv über sie erhe ben mag." (Das Kapital Bd.I, in: MEW 23, S.16).

Theodor W. Adorno fasst die eben abgehandelte Problematik nochmal schön zusammen:

"Die Naturgesetzlichkeit der Gesellschaft ist Ideologie, soweit sie als unveränderliche Naturgege benheit hypostasiert wird. Real aber ist die Naturgesetzlichkeit als Bewegungsgesetz der bewußtlo sen Gesellschaft [...]" (Adorno, Negative Dialektik,1966, S.347 aus: A.Schmidt, a.a.O. S.103)

Zur Diskussion offen :9 ! Sorry wegen den vielen Leerstellen, liegt daran dass ich das aus einem Schreibprogramm kopiert habe und in der Hausarbeit waren viele Bindestriche, die dann nicht mitkopiert werden. Naja, wenn ihr das lest, habt ihr euch ja schon durch gekämpft und sicherlich ging das schon klar fröhlich (habe eben die meisten wegeditiert, dankt mir !)
Gil Gamesh
Marx' Begründung für diesen Fetischismus sprengt doch keinen Rahmen einer Hausarbeit:
(aus einem anderen Thema kopiert: )
Der Fetisch ist kein automatisches Subjekt, der alle Menschen zu Marionetten macht. Der alte Idiot Marx hat sich hier eine polemische Kritik erlaubt, die ein reiner Vergleich (oder Analogie) ist, indem aber nicht der Begriff, also die Erklärung des Geldes gegeben wird. Und Polemik deshalb, weil es ja auch genug Kritik an Religion und so, gab und gibt…: Die Menschen im Kapitalismus verhalten sich in Bezug zum Geld eben wie die Wilden zu ihrem Fetisch, einem selbstgeschnitzten Götterbild, das seinem Inhaber Macht über andere verleiht. Eben nur ein Vergleich! Und auch kein Gesetz des Denkens!
Damit die Menschen sich aber dem „Diktat“ des Geldes beugen, braucht es rein sachlich etwas anderes: die Gewalt des Staates (oder historisch: die Gewalt irgendeiner Obrigkeit). Ohne dass diese dem Geld den nötigen Respekt verschafft, übt es keine Macht über Menschen aus. Die „gesellschaftlichen Beziehungen der Sachen“, die Macht, die das Geld dem verschafft, der es hat, ist ein Faktum und kein Fall von Ideologie oder falschem Bewusstsein. Nur, das hat sachlich eben nichts mehr mit dieser Analogie zu schaffen.

@Shamatic
stimmen wir da überein?

Es ist wichtig zu betonen, dass "der sich verwertende Wert (von Waren und Investitionen)" nur "als das eigentliche Subjekt" erscheint!!! Wenn dieser Schein einfach herausgekürzt wird und hier als tatsächliches Subjekt seine Wirkung entfaltet, übersieht man leicht die Akteure, die den Laden erst in Recht und Gesetz fassen und ihm Dauerhaftigkeit verleien wollen.
Gil Gamesh
@Shamatic

Vielleicht noch eine kleine Ergänzung, die mit dem theoretischen Ausgangspunkt zu tun hat. Das geht jetzt erst einmal nicht gegen deinen theoretischen Entwurf. Man drückt sich häufig bei der Theoriebildung fein um eine Feindschaftserklärung mit den herrschenden Interessen und den Subjekten, die sie verkörpern, wenn man auf die Idee kommt, den Schein nicht als Schein zu sehen. Man macht seinen theoretischen Frieden, weil ja für alle Interessensgegensätze zwischen den Menschen, zwischen Volk und Regierung, Arbeitnehmer und Arbeitgeber der Fetisch verantwortlich wird, da kann man ja auch nichts weiter unternehmen, das läuft am Ende auf die Behauptung hinaus (Horkheimer glaube ich), dass es für die Untergebenen ja keine Kunst ist, gegen Herrschaft zu sein, erst wenn die Herrschaft selbst erkennt, dass ihre Interessen den Untergebenen Schaden zufügen, dann ändert man eben die herrschaftlichen Interessen, als gäbe es den Herrschaftszweck gar nicht mehr. Überzeug mal einen amerikanischen Präsidenten davon, dass seine Wirtschaftsweise, schädlich für das Volk ist, lächerlich... Wenn alle Fakten offen auf dem Tisch liegen, die Interessen zu erkennen sind, dann wird der Gegensatz nicht mehr nur theoretisch ausgetragen. Es muss für viele Linke eine Erleichterung sein, wenn sie erkennen, dass auch die Kapitalisten, nicht mehr Herr ihrer Sinne sind und dem Subjekt des Mehrwerts unterliegen, dann bleibt nämlich ihr Bild von der Gleichheit aller Menschen intakt und können weiter an die Menschlichkeit appellieren, das Böse muss dann doch woanders herkommen, von innen oder von außen, piepegal...