Ist Denken Voraussetzung für das Philosophieren?

Cornak
Hi ete !
Die Grundmotive Zufriedenheit und Realität : Zufriedenheit halte ich für einen zeitweiligen - oft nur kurzen - psychischen Zustand, das Resultat der Abfuhr von Triebspannungen (Sättigung nach Hunger), gefolgt vom physiologischen Aufbau erneuter Energiedifferenzen zwischen Lustverlangen und Lustgewinn (FREUDsche Nomenklatur). Sozialkritisch werden eher die gesellschaftlich negativen Aspekte der Zufriedenheit betont, was meiner Sicht entgegenkommt. Der zufriedene Mensch bewegt nichts mehr. Lehrer Lempel nach dem Anzünden der Pfeife : "Ach, spricht er, die größte Freud', ist doch die Zufriedenheit."
(Rums, da geht die Pfeife los......).
"Realität" kann ich als ein Grundmotiv nicht erkennen. Vielleicht mußt Du den Begriff genauer eingrenzen. Die mir bekannten psychischen Grundbedürfnisse sind Bindung, Autonomie, Lustgewinn, Kontrolle (Sicherheit), Steigerung des Selbstwertgefühles (soziale Akzeptanz).
Dein Vergleich von Leidenschaft und Flamme gefällt mir. Entflammt sein ! Philosophisches Denken ohne Leidenschaft ist für mich Kathederphilosophie, möglicherweise hochintelligent, aber totes Werk.
Ziele der Philosophie : Sehr komplexes Thema und m.E. nicht in hier gebotener Kürze zu beantworten. Viele Menschen können ohne geistige Nahrung ebensowenig leben wie ohne leibliche. Es gibt freilich auch im Geistigen Hungerkünstler. Ich reduziere mal auf mich, auf Hier und Heute : Ich erlebe unserer Welt als bis zum Rand gefüllt mit Macht- und Mordgeschäften, konfessionellen, geopolitischen, finanzwirtschaftlichen, rassistischen u.u.u. Das philosophische Denken und der Kontakt mit philosophisch Denkenden ist für mich die geistige und ethische Oase in diesem globalisierten Unheil.
Philosophisches Denken, Du beschreibst es. Ich finde nun, daß sich alles Denken primär auf Gefühle gründet, auf geistiges (kognitives) Begehren. Zu bedenken ist auch Philosophie im Dienste der Angst-Abwehr. Grüße !
Doro_thea
"Das Bedenklichste in unserer bedenklichen Zeit ist, daß wir noch nicht denken" (Martin Heidegger, Was heißt Denken?, 1951/52)

Zitat:
Original von Cornak
Ich erlebe unserer Welt als bis zum Rand gefüllt mit Macht- und Mordgeschäften, konfessionellen, geopolitischen, finanzwirtschaftlichen, rassistischen u.u.u. Das philosophische Denken und der Kontakt mit philosophisch Denkenden ist für mich die geistige und ethische Oase in diesem globalisierten Unheil.

Ja ja, die Welt ist schlecht, doch der philosophierende Mensch ist gut (und von den "Macht- und Mordgeschäften" nicht berührt) roll ...

... von wegen.
Quirm
Zitat:
Original von Cornak
Hi ete !
Die Grundmotive Zufriedenheit und Realität : Zufriedenheit halte ich für einen zeitweiligen - oft nur kurzen - psychischen Zustand, das Resultat der Abfuhr von Triebspannungen (Sättigung nach Hunger), gefolgt vom physiologischen Aufbau erneuter Energiedifferenzen zwischen Lustverlangen und Lustgewinn (FREUDsche Nomenklatur). Sozialkritisch werden eher die gesellschaftlich negativen Aspekte der Zufriedenheit betont, was meiner Sicht entgegenkommt. Der zufriedene Mensch bewegt nichts mehr. Lehrer Lempel nach dem Anzünden der Pfeife : "Ach, spricht er, die größte Freud', ist doch die Zufriedenheit."
(Rums, da geht die Pfeife los......).
"Realität" kann ich als ein Grundmotiv nicht erkennen. Vielleicht mußt Du den Begriff genauer eingrenzen. ....... Ich finde nun, daß sich alles Denken primär auf Gefühle gründet, auf geistiges (kognitives) Begehren. Zu bedenken ist auch Philosophie im Dienste der Angst-Abwehr............ Grüße !


Ist es nicht mehr als merkwürdig, dass ausgerecht ein Blinder einem Blinden glauben machen will, was denn die Farbe ist ?

Nein, eigentlich nicht, der Eine predigt in aller Ruhe Angst und Schrecken, während der andere per se über etwas Anderes spricht (die eigene Position ist immer NUR eine Kontraposition, welche auf dem Gegenteils des bereits gesagten fußt; von sich aus also ohne diese Kontraposition bringt sie nichts hervor).

So wie wenn zwei Leute auf einem Balkon stehen und auf einen Garten mit Bäumen starren:
"Ja das Geländer ist toll"
"Nun Geländer, ja. Dadurch sieht man die Bäume."
"Ja aber die schönen Formen welches das Geländer aufweist!"
"Dies betont die Bäume oder lässt sie vielmehr in ihrer wahren Pracht erstrahlen"

Klar irgendwas mit Geländer, dass der eine Fokus aber auf was ganz anderem liegt, wie der andere und nur beide den gemeinsamen Punkt, das Geländer als Begriffspunkt haben, entgeht.
(Ein Partner legt den Fokus auf das Geländer, der andere auf die Bäume---beide reden mit den gleichen Worten aneinader vorbei, merken dies aber nicht, weil man ja die gleichen Worte nimmt...)
Seltsamerweise ist dies nicht, wie es heißen müsste gegenseitiger Monolog mit gegenseitiger Stichwortgabe, sondern wird hier von einem der Partner als

Zitat:

.........geistige und ethische Oase in diesem globalisierten Unheil.´

bezeichnet.

Was dies aber alles mit der Ausgangsfrage:

Zitat:

Ist Denken Voraussetzung für das Philosophieren?


Ich denke, dass ich es nicht weiß.

Und, viel wichtiger; kann man überhaupt zu einem Ergebnis dieser Frage mittels "Denken" kommen; so wie Münchhausen sich an seinem Zopfe aus dem Sumpf zieht?! Nun denn, Freunde ! Ziehe (und rette) sich wer kann !
Doro_thea
Zitat:
Was heißt Denken?

... vielleicht eine bedenkenswerte Frage, die hier eigentlich an erster Stelle stehen müsste, um die Ausgangsfrage dieses Threads beantworten zu können: was heißt oder was ist überhaupt Denken?

Zitat:
Original von Cornak
Amüsant finde ich, was HEIDEGGER in der Einleitung zu seiner Vorlesung "Was heißt Denken" gleich in der Einleitung sagt zum Denken in der "Wissenschaft" ("Wissenschaft kann nicht denken, denkt nicht").

Und da besagte gleichnamige Heidegger-Vorlesung nun auch schon mehrfach zitiert wurde:

Zitat:
Aber der Mensch heißt doch der, der denken kann - und das mit Recht. Denn er ist das vernünftige Lebewesen. Die Vernunft, die ratio, entfaltet sich im Denken. Als das vernünftige Lebewesen muß der Mensch denken können, wenn er nur will. Indes will der Mensch vielleicht denken und kann es doch nicht. Am Ende will er bei diesem Denkenwollen zuviel und kann deshalb zuwenig. (Heidegger, Was heißt Denken?)

Zitat:
Der Mensch kann denken, insofern er die Möglichkeit dazu hat. Allein dieses Mögliche verbürgt uns noch nicht, daß wir es vermögen. Denn wir vermögen nur das, was wir mögen. Aber wir mögen wiederum wahrhaft nur Jenes, was seinerseits uns selber und zwar uns in unserem Wesen mag, indem es sich unserem Wesen als das zuspricht, was uns im Wesen hält. (ebd.)


Demnach scheint Denken ein bestimmtes Grund-(oder Seins-)verhältnis auszudrücken, das sich von dem der "Wissenschaft" unterscheidet: Heideggers gewagter Behauptung zugrunde liegt offenbar ja der (fast ist man versucht zu sagen 'magische') Gedanke, dass zum Denken - Heidegger bestimmt es auch als Andenken, als "be-halten" im Gedächtnis - so etwas wie "Mögen" oder vielleicht auch Sympathie, ein wechselseitiges Entsprechungsverhältnis von Denkendem und Bedachtem gehört. Denn: "Das Denken lernen wir, indem wir auf das achten, was es zu bedenken gibt" (ebd.) bzw. was "von sich her schon das zu-Bedenkende ist" (ebd.). (Denkenkönnen des zu-Bedenkenden als Gabe, als Geschenk?) Dass wir noch - immerhin "noch" - nicht denken liegt insofern Heidegger zufolge nicht etwa an unserem eigenen Unwillen oder Unvermögen, sondern daran, dass das Zu-Bedenkende sich von uns abwendet und möglicherweise seit jeher abgewendet hat, dass es sich entzieht.
- Vielleicht mag es uns nicht... ?
byLaszlo
hallo Doro_thea,

nach deiner Heidegger-Interpretation wäre Denken
immer noch Voraussetzung der Philosophie, nur
müsste man das Unternehmen (denkende Philosophie)
als ein Leerlaufen betrachten, einer gähnenden Mühle gleich.

Und doch wären wir nicht chancenlos: das zu Bedenkende
könnte uns-als weitere Voraussetzung einer gelingenden
Philosophie- d.h. unserem Wesen, das zusprechen, was
uns im Wesen hält. Eine Weltwirtschaftskrise z. B.
Doro_thea
Hallo byLaszlo,

Zitat:
Was sich uns entzieht, zieht uns dabei gerade mit, ob wir es sogleich und überhaupt merken oder nicht [...]: gezogen in das Sichentziehende, auf dem Zug in dieses und somit zeigend in den Entzug, ist der Mensch allererst Mensch (Heidegger, Was heißt Denken?)

Zitat:
Original von byLaszlo
nach deiner Heidegger-Interpretation wäre Denken
immer noch Voraussetzung der Philosophie, nur
müsste man das Unternehmen (denkende Philosophie)
als ein Leerlaufen betrachten, einer gähnenden Mühle gleich.

... oder vielleicht auch als den Versuch eines Über-sich-Hinausgehens oder -gezogenwerdens des "Andenkens", und sei es wenigstens in die 'Erinnerung' an den sich verweigernden oder versagenden Mangel dieses "Entzugs", eben um auch unter diesen Umständen nicht bloß ein "Leerlaufen [...], einer gähnenden Mühle gleich" in sich selbst zu sein. Insofern hast Du sicher recht: wir sind deswegen nicht "chancenlos" oder müssen alle Hoffnung fahren lassen.

Zitat:
Original von byLaszlo
Eine Weltwirtschaftskrise z. B.

Allerdings scheint mir, dass Heideggers Text diese profane Interpretation nicht unbedingt trägt ;-) :

Zitat:
Die Betroffenheit durch das Wirkliche hält man gern für das, was die Wirklichkeit des Wirklichen ausmacht. Aber die Betroffenheit durch das Wirkliche kann den Menschen gerade gegen das absperren, was ihn angeht, angeht in der gewiß rätselhaften Weise, daß es ihm entgeht, indem es sich ihm entzieht. Das Ereignis des Entzugs könnte das Gegenwärtigste in allem jetzt Gegenwärtigen sein und so die Aktualität alles Aktuellen unendlich übertreffen (ebd.)

btw.:
Zitat:
Das Religiöse wird niemals durch die Logik zerstört, sondern immer nur dadurch, daß der Gott sich entzieht (ebd.)

Heideggers "Sein" oder "Seyn" ist freilich nicht einfach mit "Gott" gleichzusetzen. Aber ein in gewisser Weise "(offenbarungs?-)religiöses" Deutungs- und Denkmuster scheint es doch zu sein, das hier weiter fortwirkt.
Doctior
Philosophen versuchen,denkend das eigene Denken zu verstehen.Ein System versucht sich selbst zu erforschen.Aber die Antwort ist eigentlich simpel, da denken natürlich die Vorraussetzung für philosophieren ist.

Denken ist, dass was man wahrgenommen hat:gesehen,gehört,geschmeckt,gefühlt oder gerochen hat verarbeiten.Verarbeitung der Wahrnehmung durch Denken.

Dies ermöglicht die Philosophie erst.
byLaszlo
hallo Doro_thea,

ehrlich gesagt ich halte mich gerne an Menschen die sich in
Sachen Denken bei Heidegger besser auskennen als ich,
und ich spürte gleich, dass du das Thema "Betroffenheit"
an der richtigen Stelle problematisiert hast.

Ob es "epoche" (Husserl) ist oder andere Reinigungsversuche,
wohlweislich aufs Denken gerichtet, wie drückt es Heidegger aus,
wenn es darum geht, dass das Denken "bestimmt" ist?
Ist es schon mit der Umweltlichkeit getan?

Ich frage dich deshalb, weil ich einst einen Heideggerschüler
gefragt habe, wie Heidegger mit dem Begriff "Leben" umging
und die Antwort war, dass der Professor es in manchen seiner
Seminare verbot, das Wort auch nur zu erwähnen.

Es mag zeitbedingt sein und Heidegger wollte sich damals
in die einzelnen positiven Wiss. nicht einmischen, aber
was sagen wir dazu heute? Mir scheint das Denken kann nicht
umhin als vom Leben "betroffen" zu sein.

Inzwischen. (Aufkommen von life science)