Ulysses: Die Rinder des Sonnengottes

Joker
Hallo zusammen,

Wie schon angekündigt werde ich hier einen kleinen Teil nach dem anderen der ersten Seiten des Kapitels 'Die Rinder des Sonnengottes' von Ulysses posten. Der Grund wieso ich diesen Lesethread eröffne ist die Komplexität des Aufbaus des Kapitels. Joyce selbst versuchte hier anhand der Geburt eines Kindes die Entwicklung der englischen Sprache darzustellen. Damit gemeint ist, dass die Handlung sich zwar in einem Krankenhaus abspielt, das Geschriebene aber parallel dazu die englische Sprache repräsentiert. Derweil wird mit der Entwicklung eines Kindes im Krankenhaus (hier bin ich mir nicht ganz sicher) die Sprache immer deutlicher und moderner, bis sie schlussendlich im heutigen Schreibstil geschrieben und der heutigen Grammatik angepasst ist. Nun, das Komplizierte ist, dass ich das Werk in Deutsch lese, doch der Übersetzer (der übrigens 5 Jahre an der Übersetzung gearbeitet hatte) verfolgte das gleiche Prinzip wie Joyce, nur im Deutschen. Die Schrift selbst ist auch altertümlich, und das ist eigentlich der Grund weswegen ich eure Hilfe benötige: Mir fällt es schwer, das Ganze zu entziffern, und sogar wenn ich dies meistern würde wäre der Inhalt immer noch sehr kompliziert. Deswegen bitte ich euch um Hilfe und hoffe wir werden zusammen die ersten Seiten dieses Kapitels wenigstens ein wenig entschlüsseln können.

Das Kapitel beginnt mit drei Wiederholungen von Sätzen, die ich aber auslasse, da sie eigentlich nicht umbedingt von Belang sind. Sollte jemand längere Textpassagen haben wollen oder Sachen lesen wollen die ich hier auslasse, soll er sich bei mir doch über PN melden. Danach kommen die zwei Monstersätze, die im oben geposteten Thema 'Satzanalyse aus Ulysses' schon gepostet und schon analysiert sind. Es folgen noch ein paar normale Sätze die ich wiederum auslasse, weil sie nur als Ergänzung zum schon gesagten gelten. Diese 3 Teile (Wiederholungen, Monstersätze, Sätze) kann man als Einleitung zum Geschehen im Krankenhaus sehen, das nun beginnt. Und mit dem Geschehen im Krankenhaus beginnt auch die Entwicklung der Sprache von ganz vorne, und hier kommt der eigentliche wichtige Teil. (Wie gesagt, sollte jemand die Wiederholungen oder die gesamten ersten zwei Seiten wollen, bitte schreibt mir). Ich poste den ersten Abschnitt, so wie er drin steht, damit wir uns ein Bild davon machen können. Dann können allfällige Fragen gestellt werden, Wünsche geäussert oder bereits schon Interpretationen bzw. Übersetzungen in eine angemessene Sprache geschrieben werden:

Zitat:
Die Rinder des Sonnengottes

Bevor geborn daz kint vrevde erfvr. In muiter schoze wart ez wol verert. Swaz mahte lobzam sin vor dise dinc getan ez wart. Ein ligestat von maneger wevrowen hande sorgen vn heilzam ezzen geruochliche vn windelen rinecliche alz wan die gebvrt iez waer beschehen vnde von vorsiht wisliche volendet: darzv von arzatie niht minner alze genotec waz vnde wvntarzatlich wercziug alz mahte vorderlich sin vor ir stunt vergaez niht diu ansihte von vil schowebiltnissen zv ovgelweide gedaht von manege angeren vn gevilden vf vnsere ert bal swaz alz wart dar getan ir mit sament biltnissen gotlich vnde menschlich daez betraht waert vorderlich vor dere lip swellunc bi vrowen so gesonderet sin von der werlde ader vor daz senftec wirt ir niderkvmft in dis sunnebernde wolgebowete schoene muoter heime wan sie iz offenbare vergerwet vnde der nahvolgunge vol vn iz an ir dareine zv ligen alz nur iz ir zit.


Tja, ich hoffe ich habe es richtig abgeschrieben. Nun denn, wer mag kann anfangen oder Fragen stellen.

Gruss Joker
glorin
Ähm, ich versuche es mal gleich beim ersten lesen, sofort umzuschreiben. Mal sehen, was raus kommt (teilw. Wörter eingefügt und fragwürdige Passagen kursiv geschrieben):

"Bevor geboren, das kind, wurde schon Freude empfunden. Im Mutterschoß wurde es wohl schon verehrt. Zwar war es vor Lobzam vor diesen Ding (Kind?) schon getan. Ein leichtsinniger manager hatte verworren, ohne sorgen, an Heilzam von essen stinkenden Windeln gerochen, nachdem die geburt war geschehen [...]"


Habe wie gesagt ein Satz gelesen, Inhalt gemerkt und rein geschrieben. Die Lust am lesen verging mir, aber bevor sie begann. Ich habe selber mal versucht in dieser Form zuschreiben. Ist schwerer als es aussieht. Ist aber recht lustig. Solltet ihr vielleicht auch mal ausprobieren.

Joker, würde dazu raten alles hier rein zuposten. Bei einem solchen Text ist zumeist jedes Wort wichtig.


PS. Meine schnelle umschreibung ist zwar wahrscheinlich falsch, dies war auch ein Grund, warum ich sie nicht bis zum ende fortsetzte. Aber evtl. ist sie ja auch teilw. richtig und kann daher etwas weiterhelfen? ^^
Rhetorix
Zitat:
Original von Joker
Bevor geborn daz kint vrevde erfvr. In muiter schoze wart ez wol verert. Swaz mahte lobzam sin vor dise dinc getan ez wart. Ein ligestat von maneger wevrowen hande sorgen vn heilzam ezzen geruochliche vn windelen rinecliche alz wan die gebvrt iez waer beschehen vnde von vorsiht wisliche volendet: darzv von arzatie niht minner alze genotec waz vnde wvntarzatlich wercziug alz mahte vorderlich sin vor ir stunt vergaez niht diu ansihte von vil schowebiltnissen zv ovgelweide gedaht von manege angeren vn gevilden vf vnsere ert bal swaz alz wart dar getan ir mit sament biltnissen gotlich vnde menschlich daez betraht waert vorderlich vor dere lip swellunc bi vrowen so gesonderet sin von der werlde ader vor daz senftec wirt ir niderkvmft in dis sunnebernde wolgebowete schoene muoter heime wan sie iz offenbare vergerwet vnde der nahvolgunge vol vn iz an ir dareine zv ligen alz nur iz ir zit.

Das ist entweder ein arg verballhorntes Mittelhochdeutsch, oder du hast es teilweise falsch abgeschrieben. "genotec" z.B. scheint mir sinnlos. Es müsste "genuoc" heißen. Ist es wirklich ohne Akzente geschrieben (z.B. sîn)?

Wie dem auch sei: das ist jedenfalls ein Werk des Übersetzers/Übertragers, und man sollte sich fragen, wie die Passage im Original aussieht.
Rhetorix
Before born babe bliss had. Within womb won he worship. Whatever in that one case done commodiously done was. A couch by midwives attended with wholesome food reposeful cleanest swaddles as though forthbringing were now done and by wise foresight set: but to this no less of what drugs there is need and surgical implements which are pertaining to her case not omitting aspect of all very distracting spectacles in various latitudes by our terrestrial orb offered together with images, divine and human, the cogitation of which by sejunct females is to tumescence conducive or eases issue in the high sunbright wellbuilt fair home of mothers when, ostensibly far gone and reproductitive, it is come by her thereto to lie in, her term up.

-->

Ich werde wohl nie herausfinden, was sich der Übersetzer bei seinem pseudo-mittelhochdeutschen Gestammel gedacht hat...
ewig
Ich denke, es handelt sich da um die Bemühung, eine ähnlich regelmäßige Metrik in die Übersetzung zu bringen. Literatur von diesem Grad an Artifizialität haftet aber nicht umsonst sehr oft das Schildlein der Unübersetzbarkeit an. Sobald die Semantik nicht mehr die klare Nummer 1 in der Werthierarchie einer Übersetzung einnimmt, wird es sehr sehr schwierig.
Joker
Hallo Rhetorix,

Zitat:
Das ist entweder ein arg verballhorntes Mittelhochdeutsch, oder du hast es teilweise falsch abgeschrieben. "genotec" z.B. scheint mir sinnlos. Es müsste "genuoc" heißen. Ist es wirklich ohne Akzente geschrieben (z.B. sîn)?


Abermals, wie schon beim Fehler, den ewig im anderen Thread entdeckt hatte, muss ich sagen, dass es genau so drinsteht, wie ich es abgeschrieben habe. Zwei Sachen habe ich geändert:

Beim Wort "waert" ist das 'a' und das 'e' zusammengeschrieben, bzw. miteinander 'verknüpft'.

Dasselbe beim Wort "schoene". Das 'o' und 'e' sind miteinander verknüpft.

Sonst habe ich alles exakt so abgeschrieben, wie es drinstand. Ich wunderte mich aber auch schon über 'genotec'. Was soll das genau bedeuten? Danke für die originale Textstelle, wäre es vielleicht sinnvoller die Abschnitte vom Englischen zu übersetzen? ewig hat das Ganze eigentlich gut geschildert. Ulysses ist bekannt für seine 'Unübersetzbarkeit', jedenfalls wurde die deutsche Version laut meinem Wissen sogar oft kritisiert, und als noch komplizierter beschrieben, als die englische es sowieso schon ist.

Bei der Fortsetzung des Textes wird diese komplexe Schriftart aber immer einfacher. Übrigens, Rhetorix, mir ist gerade aufgefallen, dass ca. auf der 3. Seite beginnen, solche Akzente aufzutauchen, jetzt aber noch nicht. Nun ja, ich werde es noch lassen und selber mal versuchen zu entziffern, was das Deutsche heissen könnte.

Gruss Joker
Zanderdan
Wobei der Hans Wollschläger die Übersetzung auch gerne mal überzieht und schlichte Textstellen mE unnötig verkünstelt. Hier eine offensichtlich nicht in Mittel- geschweige denn Altenglisch verfasste stelle ins (pseudo-) Mittelhochdeutsch zu bringen ist eigentlich ein starkes Stück.
Sophie
@ Zanderdan

Zitat:
Original von Zanderdan
Wobei der Hans Wollschläger die Übersetzung auch gerne mal überzieht und schlichte Textstellen mE unnötig verkünstelt. Hier eine offensichtlich nicht in Mittel- geschweige denn Altenglisch verfasste stelle ins (pseudo-) Mittelhochdeutsch zu bringen ist eigentlich ein starkes Stück.


Naja, ob "Pseudo" dem gerecht wird.? Die Übersetzung ist nur angelehnt an das Mittelhochdeutsche und wird natürlich jeden Altsprachler auf die Palme bringen. Zudem wurde, um dem Sprachentwicklungsübergang Rechnung zu tragen, ein künstliches Frühhochheutsch verwendet. Wenns dazu dienen soll die Genese der Sprache, die von Joyce in dem Kapitel, mit der des Indiviuums und der Menschheit verbunden ist, zu verdeutlichen, finde ich es legitim.

@ Joker

Wenn du dich mit dem Übersetzungssituation genauer beschäftigen möchtest, kann ich dir diesen Link empfehlen.

http://complit.univie.ac.at/fileadmin/us...VO%C3%BCb13.pdf
Rhetorix
Zitat:
Original von ewig
Ich denke, es handelt sich da um die Bemühung, eine ähnlich regelmäßige Metrik in die Übersetzung zu bringen...

Wo findest du denn hier ein regelmäßiges Metrum?

Ein lígestát von máneger wévrowen hánde sórgen vn héilzam ézzen gerúochlíche vn wíndelen ríneclíche alz wán die gebúrt iez wáer beschéhen...

*grübelgrübel*
Zanderdan
Zitat:
Original von Sophie
... finde ich es legitim.


Naja, wenn Joyce sich dazu entschlossen hat, die Passage im neuzeitlichem Englisch zu verfassen, finde ich's befremdlich, wenn der Übersetzer dann Mittelhochdeutsch bringt; ist doch so, als wollte er den Joyce verbessern. Nennt sich "schöpferische Nachdichtung." Im Prinzip auch okay, der Übersetzer muss ja nicht der Sklave des Originaltextes sein, aber hier wirkt das Oberlehrerhaft auch mich, nach dem Motto: Joyce, du Pfeife, du hättest auch besser Altenglisch geschrieben.

Gruss
ewig
Zitat:
Original von Rhetorix
Ein lígestát von máneger wévrowen hánde sórgen vn héilzam ézzen gerúochlíche vn wíndelen ríneclíche alz wán die gebúrt iez wáer beschéhen...

So weit habe ich gar nicht verglichen. Der Anfang schien mir jedenfalls rhytmisch.