Welche Werte sind wertvoll und warum?

John
würde ich schon sagen; heisst ja nicht, dass alles positiv ist. Aber wenn "Werte" wie Freiheit, Recht auf Leben, auf Menschenwürde, Solidarität und ähnliche wenigstens in der Zielsetzung dominieren, nenne ich das halt mal eine "positiv geprägte" Gesellschaft.

Anderer Klärungsversuch: Wenn wohl für niemanden unstrittig ist, dass eine Gesellschaft, bei der die zugrundeliegenden Werte voll realisiert wären, erstrebenswert ist, erscheint mir dies als positives Gesellschaftsbild. Vorausgesetzt natürlich, man akzeptiert, dass die Mitglieder der Gesellschaft über ein freies, unmanipuliertes Bewusstsein verfügen gruebel falls man akzeptiert, dass es das gibt.
Archibald
@ John:

Du hast folgende Aufzählung gemacht:

Leben, Freiheit, Gleichheit, Würde, Frieden und Liebe

Wenn das Leben selber ein Ideal ist (oder aber, das Recht darauf), was erhoffst du dir davon?
Glücklichsein?
In dem Falle ist "Glücklichsein" eine Art "Metaideal"

Auch mittels dr "Freiheit" will man, sieht man sie als Ideal an, konkrete Dinge erreichen.
Das hinter diesen Dingen stehende Ideal kann so gesehen auch als "Metaideal" betrachtet werden.
Stanley Alvarez
Zitat:
Original von John
würde ich schon sagen; heisst ja nicht, dass alles positiv ist. Aber wenn "Werte" wie Freiheit, Recht auf Leben, auf Menschenwürde, Solidarität und ähnliche wenigstens in der Zielsetzung dominieren, nenne ich das halt mal eine "positiv geprägte" Gesellschaft.

Anderer Klärungsversuch: Wenn wohl für niemanden unstrittig ist, dass eine Gesellschaft, bei der die zugrundeliegenden Werte voll realisiert wären, erstrebenswert ist, erscheint mir dies als positives Gesellschaftsbild. Vorausgesetzt natürlich, man akzeptiert, dass die Mitglieder der Gesellschaft über ein freies, unmanipuliertes Bewusstsein verfügen gruebel falls man akzeptiert, dass es das gibt.

Dann muss ich aber nochmal Einspruch erheben und behaupten: Es gibt keine Gesellschaften, die "negativ geprägt", also "negative Werte" vertreten (plakativ: Unfreiheit, Ungleichheit, etc.). Auch der Kommunismus bolschewistischer Prägung (an den '1984' ja angelehnt ist) ist nach der Definition keine "negativ geprägte" Gesellschaft, denn man berief sich durchaus auf "positive Werte", wie vor allem 'Gleichheit', aber verwirklichte diese in einer pervertierten Form. Es ist völliger Irrsinn, zu glauben, dass sich die Bolschewiki an völlig anderen Werten orientiert hätten als jene, die im westlichen Abendland vorherrschen.

Was unsere "positiv geprägte" Gesellschaft angeht: Auch in der hiesigen Gesellschaft beruft man sich ja nicht in Reinform auf solche fundamentalen Werte wie Freiheit, Gleichheit, Würde etc., sondern ebenfalls in einer pervertierten Form. Einerseits, um nicht ständig dem Umstand gegenwärtig zu sein, dass diese Werte genaugenommen alles andere als verwirklicht sind, andererseits um sie mit anderen, widerstreitenden Werten wie 'Sicherheit', 'Nationalismus', 'Wohlstand' etc. in Einklang zu bringen.
John
Gleichheit ist nun tatsächlich ein sehr problematischer Wert. Dein Beispiel zeigt treffend, dass es eben daraus ankommt, was man aus einem Wert macht. Ich dachte auch an Treue, aber da ist mir das gleiche Dilemma schnell klar geworden.

Leben als absoluter Wert erscheint auch wieder problematisch.

Letztlich bleibt kaum ein Wert übrig, der nicht "hinwegdiskutiert" werden kann. Also kein wirklich wertvoller Wert.

Stimmt man dem zu, was folgt dann daraus? Soll man zustimmen oder doch suchen?
Stanley Alvarez
Das erinnert mich an die Definition von "Ideologiekritik" von Rahel Jaeggi (auf Basis der Kritischen Theorie). Sie unterscheidet dort die Ideologiekritik als immanente Kritik von interner Kritik.

interne Kritik sagt demnach:
- Wir setzen keine externen Kriterien an, sondern argumentieren innerhalb der Ordnung.
- Nun weisen wir nach, dass sich die bestehende Ordnung von ihren Grundwerten und -ideen entfernt hat.
- Das kritisieren wir und fordern ein Zurück zu diesen Grundwerten und -ideen.

die Ideologiekritik, die eine immanente Kritik sein sollte, sagt dagegen:
- Wir setzen auch keine externen Kriterien an, sondern argumentieren innerhalb der Ordnung.
- Aber wir versuchen nicht, nachzuweisen, dass eine Kluft zwischen den Werten und der Realität besteht...
- ... sondern wir zeigen, dass zwischen beidem durchaus ein Zusammenhang besteht; dass diese Werte durchaus realisiert werden, aber dass aus ihrer Realisierung selbst jene negativen Effekte entstehen, die die Realität ausmachen, und sie sich damit selbst ad absurdum führen. (Diese Werte pervertieren sich quasi selbst)
- Sinn ist also kein Zurück zu den ursprünglichen Ideen, sondern die Kritik und damit Transzendierung dieser Ideen selbst.

klar?
Dennos
Der einzige Wert ist das Glück. Alle anderen Werte ließen sich nicht begründen, ohne auf ihre positiven Effekte für das Glück aufmerksam zu machen. Insofern sind alle anderen Werte nur Richtlinien, die erfüllt werden sollten um das Glück zu maximieren.
theophanu
@ dennos

Zitat:
Der einzige Wert ist das Glück. Alle anderen Werte ließen sich nicht begründen, ohne auf ihre positiven Effekte für das Glück aufmerksam zu machen. Insofern sind alle anderen Werte nur Richtlinien, die erfüllt werden sollten um das Glück zu maximieren.
O.k., Du setzt das "Glück" absolut.
Ich meine, "Glück" ist subjektiv. Glück ist für den Einzelnen, wenn psychisch und physisch alles so getaktet ist, daß das, was für das Subjekt das Höchste ist, nämlich schlichtweg sein Leben zu erhalten, mit einem Glücksgefühl belohnt wird.
Und, da stimme ich Dir zu, dem Überleben und Leben wollen dient alles andere, was wir Menschen so als Werte definiert haben.
Das ist nicht so ganz das, was Du meintest, oder?
John
Wie wärs denn dann bei der Wertesuche mal mit einem ganz neue Begriff?

Ihn mit Inhalt zu füllen, ist jetzt nicht die Stunde.

Optimiertes Leben objektiver und subjektiver Art für alle Menschen
theophanu
@ john

Zitat:
Optimiertes Leben objektiver und subjektiver Art für alle Menschen
Du beliebest des Scherzes, oder? Objektiv optimiert: Was soll das sein? geschockt
kämpfer der sonne
Zitat:
Original von snpm
[quote]Original von Libertad
Nur welcher Wert, um es genauer zu betrachten, sollte für die Allgemeinheit an der Spitze stehen? Welcher Wert sollte für eine Gemeinschaft am Wichtigsten sein? Ist es völliger Unsinn so eine Frage zu stellen?


der wichtigste wert scheint mir die vernunft zu sein, denn sie beinhaltet praktisch alles, auch die liebe. und wer sich diese frage nicht stellt lebt ein unsinniges leben.
Stanley Alvarez
Zitat:
Original von Dennos
Der einzige Wert ist das Glück...

Zitat:
Original von John
... Optimiertes Leben objektiver und subjektiver Art für alle Menschen

Um auf die Formulierung des Threadthemas zurück zu kommen: Es mag zwar legitim sein, "Glück" und "optimiertes Leben" als Werte zu bezeichnen, aber ich persönlich finde sie nicht "wertvoll". Ich denke, dass Werte handlungsleitend sein sollten, also in einer bestimmten Situation Handlung A als richtiger erscheinen lassen als Handlung B. "Glück" und "optimiertes Leben" sind viel zu abstrakt dazu.
Es ist ja richtig, wenn Dennos sagt, dass die anderen Werte "nur" darauf abzielen, "Glück" zu erreichen, aber deswegen lassen sie sich nicht auf "Glück" reduzieren. Zum einen ist "Glück" selbst viel zu umstritten. Auf die Frage, was "Glück" ist und wie es erreicht werden kann, gibt es viele verschiedene Antworten. Auch die christlichen Werte z.B. legitimieren sich durch ein "Glück", aber ein anderes "Glück" als so manch anderer im Sinn hat: Ein "Glück" in Form einer jenseitigen Erfüllung. Nietzsche hatte diese Jenseitsbezogenheit zu Recht kritisiert. Eine andere Frage ist dann wiederum, wie dieses "Glück" erreicht werden kann.

Worauf ich eigentlich hinaus will: Werte sind Verhandlungssache. "Glück" ist und war immer der kleinste gemeinsame Nenner (wobei wie gesagt auch dieser gemeinsame Nenner erst verhandelt werden muss, was aber vielleicht eher ein Problem der Neuzeit ist, seit "in Gottes Gunst stehen" nicht mehr für jeden als Ziel gilt), von dem aus über die Werte verhandelt wird (wenn überhaupt verhandelt wird).
Aber "Glück" kann deswegen nicht einfach als "einziger Wert" begriffen werden. Dadurch drückt man sich nur vor der Verhandlung (und entsprechend kurz ist ja der Beitrag von Dennos auch: "Der einzige Wert ist das Glück." Diskussion beendet!).

@John
Was das "optimierte Leben" angeht, so gilt bezüglich Abstraktheit das selbe. Aber mir gefällt der Ansatz generell nicht. Er ist mir zu sehr kompromiss-orientiert. Kompromisse sind zwar notwendig, aber ich finde, dass eher Ideale handlungsleitend sein sollten, nicht Kompromisse.
Das scheint mir nach Marcuse eh die Aufgabe von Philosophie zu sein: Die Definition von Werten wie "Freiheit" und "Gleichheit" etc. nicht zu einem "Optimal" werden zu lassen, sondern als ein "Ideal" zu bewahren. Also nicht zuzulassen, dass ein Begriff wie "Freiheit" sich nach gegenwärtigen Kompromisszuständen richtet (also dass Freiheit quasi das bezeichnet, was in der gegenwärtigen Gesellschaft zu finden ist), sondern immer darauf zu pochen: Es geht noch mehr!


EDIT: Die erwähnten Fragen, was "Glück" ist und und wie es erreicht werden kann, scheinen mir derweil auch in den Kant'schen Grundfragen der Philosophie angelegt zu sein, insbesondere 2. und 3.:
1. Was kann ich wissen?
2. Was soll ich tun?
3. Was darf ich hoffen?
4. Was ist der Mensch?
theophanu
@ stanley alvarez

ich muß wieder mal dazwischenquatschen, scusi....

Zitat:
Das scheint mir nach Marcuse eh die Aufgabe von Philosophie zu sein: Die Definition von Werten wie "Freiheit" und "Gleichheit" etc. nicht zu einem "Optimal" werden zu lassen, sondern als ein "Ideal" zu bewahren. Also nicht zuzulassen, dass ein Begriff wie "Freiheit" sich nach gegenwärtigen Kompromisszuständen richtet (also dass Freiheit quasi das bezeichnet, was in der gegenwärtigen Gesellschaft zu finden ist),...
Ich habe ein Problem damit, was die Aufgabe von Philosophie zu sein hat. Ich möchte sie gar nicht so festgezurrt sehen. Sie muß frei und flexibel sein. Sie soll nichts "bewahren". Sie soll sich und die Welt ständig hinterfragen, um nicht selbst Gefahr zu laufen, sich im Kategorisieren bzw. zu Standardisieren zu verlieren.

Zitat:
sondern immer darauf zu pochen: Es geht noch mehr!
Wenn Du bitte hierzu noch ein paar mehr Wörtchen verlieren wolltest.....

Zitat:
EDIT: Die erwähnten Fragen, was "Glück" ist und und wie es erreicht werden kann, scheinen mir derweil auch in den Kant'schen Grundfragen der Philosophie angelegt zu sein, insbesondere 2. und 3.:
1. Was kann ich wissen?
2. Was soll ich tun?
3. Was darf ich hoffen?
4. Was ist der Mensch?
Und solltest Du noch etwas mehr Zeit haben, gerne auch hier, vielen Dank. smile
John
Hallo Theophanu, ich beliebe zwar manchmal zu scherzen, bemühe mich aber immer, sprachlich genau zu sein, trotz, bzw. gerade bei kreativen Gedankengängen.
Zitat:
Objektiv optimiert: Was soll das sein? geschockt


Das weiß ich auch nicht. Habe ich auch nicht erfunden, bzw. geschrieben.

Also, was meine ich genau: optimiertes Leben. Dies sollte man als Wert sicher anerkennen können, wenigstens insoweit, dass man den Begriff zwar als ungenau oder wie auch immer bezeichnet, auf jeden Fall aber nicht als negativ, wie z. B. Leben, auf Unterdrückung der Schwachen aufgebaut.

Ich denke mal, ohne Anerkennung eines gewissen Minimalkonsenses gerade im Bereich Werte kommt bei der Diskussion wenig heraus. Also bitte akzeptieren, dass dieser Begriff, auf alle Menschen natürlich bezogen, etwas Positives beinhaltet und damit zum Ansatz für einen Wert sein kann.

Das es geht noch mehr unterstütze ich, sehe allerdings in dem Begriff optimiertes Leben keinen Zusammenhang mit einem Kompromiss.

Was nun den Zusatz von mir
Zitat:
objektiver und subjektiver Art für alle Menschen
betrifft, heisst das nicht mehr oder weniger als
ein Wert, der nur einem Teil der Menschen zugute kommt, hat nicht das Recht ein Wert genannt zu werden. Genau mit diesem Ansatz wird (würde)eben von vornherein vermieden, dass sich eine Gruppe eine Ideologie, einen Grundsatz, einen propagierten Wert oder was auch immer zunutze macht, um nur für sich selbst Vorteile herauszuschinden.

Ich scherze nicht, wenn ich meine Überzeugung äußere, dass die Welt besser wäre, wenn ein solcher oder ähnicher Wert, wie von mir genannt, eine Rolle spielen würde. winken
theophanu
@ Hallo John,

habe Dich verstanden, bis auf:

Zitat:
Was nun den Zusatz von mir
Zitat:
objektiver und subjektiver Art für alle Menschen
betrifft, heisst das nicht mehr oder weniger als
ein Wert, der nur einem Teil der Menschen zugute kommt, hat nicht das Recht ein Wert genannt zu werden. Genau mit diesem Ansatz wird (würde)eben von vornherein vermieden, dass sich eine Gruppe eine Ideologie, einen Grundsatz, einen propagierten Wert oder was auch immer zunutze macht, um nur für sich selbst Vorteile herauszuschinden.
1. Wer erteilt das "Recht"? 2. Jeder Wert spiegelt eine Idealvorstellung. So gut er in Gedanken auch gemeint ist, wird er real angetrebt, wird er immer für die einen Vor- und für die anderen Nachteile haben. Oder abgemildert: Für die einen mehr Vorteile als für die anderen haben, meine ich.

Zitat:
Ich scherze nicht, wenn ich meine Überzeugung äußere, dass die Welt besser wäre, wenn ein solcher oder ähnicher Wert, wie von mir genannt, eine Rolle spielen würde.
Das glaube ich Dir. Dir ging es um die Äußerung einer Wunschvorstellung. Ich hatte die Realität im Auge. Sorry!
winken
John
Die Umsetzung einer Wunschvorstellung in die Realität sollte aber doch das Ziel eines jeden Wissenschaftlers - im weitesten Sinne gemeint - sein.

Insofern besteht doch kaum eine Diskrepanz zwischen unseren Gedankengängen.

Wenn ich den kategorischen Imperativ von Kant nehme, den ich anders formuliert habe, bevor er mir hier überhaupt bewusst untergekommen ist, dann sehe ich in diesem auch nicht nur eine Wunschvorstellung, sondern - da er ja wohl kaum als Werte-Ansatz zu widerlegen ist - einen "Auftrag", ihn persönlich zu realisieren und andere davon zu überzeugen, es ebenfalls zu tun.

Das verstehe ich unter Orientierung der Philosophie an der Realität.
Stanley Alvarez
Zitat:
Original von theophanu
Ich habe ein Problem damit, was die Aufgabe von Philosophie zu sein hat. Ich möchte sie gar nicht so festgezurrt sehen. Sie muß frei und flexibel sein. Sie soll nichts "bewahren". Sie soll sich und die Welt ständig hinterfragen, um nicht selbst Gefahr zu laufen, sich im Kategorisieren bzw. zu Standardisieren zu verlieren.

Einen wirklichen Widerspruch kann ich hier nicht entdecken. Ich sagte ja nur, dass die Begriffe als Ideal zu bewahren sind (nicht, wie das genau auszusehen hat. Dass auch Ideale selbst hinterfragt und transzendiert werden müssen, habe ich in einem vorherigen Beitrag dieses Threads schonmal angedeutet). Es geht ja nur darum, dass z.B. der Begriff "Demokratie" seine subversive Kraft behält, und nicht gänzlich in dem aufgeht, was derzeit im Namen der Demokratie verwirklicht wird. Die Philosophie soll einfach nur das Rüstzeug bieten, immer auch mehr Demokratie, mehr Freiheit, mehr Gleichheit etc. fordern zu können.
Von Unflexibilität kann man hier nur in sofern sprechen, als die Philosophie sich nicht einfach an die bestehenden Verhältnisse anpassen soll (das meint Flexibilität ja: Anpassungsfähigkeit) - allerdings auch das nur im Sinne einer affirmativen Anpassung. Eine andere Unflexibilität kann ich nicht entdecken. Ein "Festzurren" durch zusprechen einer bestimmten Aufgabe ist es womöglich wirklich. Aber vielleicht formuliere ich es anders: Es geht Marcuse und mir eher um das, was Pierre Bourdieu "engagierte Wissenschaft" nennt, also um eine engagierte Philosophie. In der Hinsicht scheint mir die genannte "Aufgabe" weniger eine Einschränkung zu sein als die Voraussetzung dafür, überhaupt als engagiert gelten zu können. Was die anderen Philosophen machen, sei mir da relativ egal.

Zitat:
Zitat:
EDIT: Die erwähnten Fragen, was "Glück" ist und und wie es erreicht werden kann, scheinen mir derweil auch in den Kant'schen Grundfragen der Philosophie angelegt zu sein, insbesondere 2. und 3.:
1. Was kann ich wissen?
2. Was soll ich tun?
3. Was darf ich hoffen?
4. Was ist der Mensch?
Und solltest Du noch etwas mehr Zeit haben, gerne auch hier, vielen Dank. smile

Hm... es war eigentlich nur eine fixe Idee. Ich habe mich nie explizit mit den Kantschen Grundfragen beschäftigt.
Also die Frage "Was soll ich tun?" ist ja quasi die Werte-Frage, jedenfalls wenn man wie ich davon ausgeht, dass Werte handlungsleitend sein sollten. Die Basis, auf der diese Frage beantwortet werden kann, habe ich in Anlehnung an Dennos "Glück" genannt, oder sagen wir: Das Streben nach Glück. Was aber "Glück" ist, ist wieder eine Frage für sich, die sich m.E. in den Fragen "Was ist der Mensch?" und "Was darf ich hoffen?" wiederfindet.

Was ist der Mensch? ... Ein Geschöpf Gottes? Ein soziales Wesen? Ein vernunfsbegabtes Tier?
Was darf ich hoffen? ... Auf ein ewiges Leben in himmlicher Glückseligkeit? Auf Frieden, Freiheit, Gleichheit, Demokratie? Darauf, einfach nur zu überleben?
Was soll ich tun? ... Mich so verhalten, wie ich denke, dass Gott es von mir erwartet, auf dass ich im Leben nach dem Tod mein Glück finde? Frieden, Freiheit, Gleichheit und Demokratie vorleben und einfordern, wo es geht, auf dass sie nach und nach "Wirklichkeit" werden? Oder einfach nur das tun, was fürs eigene Überleben notwendig ist?

Nur so ein Gedanke...

Zitat:
Original von John
Das es geht noch mehr unterstütze ich, sehe allerdings in dem Begriff optimiertes Leben keinen Zusammenhang mit einem Kompromiss.

Definiere "optimal" bzw. "optimiert"... vielleicht herrscht auch einfach nur Begriffsunklarheit.
John
Zitat:
Definiere "optimal" bzw. "optimiert"... vielleicht herrscht auch einfach nur Begriffsunklarheit.


Was verstehe ich subjektiv auf mein Leben bezogen unter optimiert?

Im Rahmen der Gegebenheiten das beste herausholen, um zufrieden sein zu können, bzw. sagen zu können, in der entsprechenden Situationen, wenn ich nochmal vor einer Entscheidung stünde, würde ich die gleiche Entscheidung treffen. Und wenn das Ende kommt, zu sagen, ich habe was aus meinem Leben gemacht, das ich vor mir und meiner Umwelt verantworten kann.

Wie definiere ich optimiertes Leben der gesamten Menschheit?

Ich weiß, es gibt literarische Vorbilder, aber bevor ich nun einen bereits forumlierten Satz suche, der meinen Gedanken (natürlich liegt der Kategorische Imperativ ganz nah dran) am besten beschreibt, probiere ich es selbst gruebel

Optimiertes Leben kann insofern nicht allgemein definiert werden, da für die Menschen verschiedene Werte wichtig sind: Reichtum, Macht, Entspannung, Gesundheit, langes Leben, Freiheit etc. Entscheidend muss sein, dass jeder einzelne Wert nur so exakt definiert werden darf, dass er für die anderen Menschen nicht negativ ist. Einschränkungen dürfen nicht der Normalfall sein, sie müssen Ausnahmecharakter haben.

Beispiele: Das Rauchverbot schränkt die individuelle Freiheit ein. Die Berechtigung dazu kann sich nur ergeben, wenn der Gewinn der Allgemeinheit an Gesundheit für größer erachtet wird als der Verlust an Freiheit. (Solche Diskrepanzen kann man nach meiner Ansicht nicht durch Abstimmungen, also Summierung subjektiver Kriterien, lösen, sondern nur durch eine objektive Wertegegenüberstellung. Dass diese schwer zu realisieren ist, ist mir klar. Aber da es sicher viele klügere Denker als mich gibt, sollte es nicht prinzipiell unmöglich sein und man sollte nicht durch Bezug auf mehr oder weniger objektive Untersuchungen (die man mehr oder weniger versteht oder nicht) so tun, als sei die persönliche Meinung zur Lösung der Diskrepanz objektiv richtig oder falsch

Macht, Demokratie, Politik: Politiker haben jederzeit ihre Entscheidungen zu verantworten. Die Kriterien für die Richtigkeit der Entscheidung haben Gesellschaftswissenschaftler aufzustellen. Das Wort Gewaltenteilung sollte durch Verantwortungsteilung ersetzt werden. Dadurch würde man den Konflikt Rechtsprechung (die sich ebenfalls einer Verantwortung bewusst sein müsste, aber nicht ihr selbst gegenüber, sondern der Gesellschaftswissenschaft) und "Staatsführung" wahrscheinlich entschärfen.

Würde nun die wahre Macht dann vielleicht bei den Gesellschaftswissenschaftlern liegen? Kaum, denn diese hätte weder etwas zu entscheiden, sondern nur die Aufgabe, Werte zu definieren und theoretische Grundlagen für ihre praktische Realisierung zu schaffen.
Stanley Alvarez
John...

hm... ganz ehrlich... du erkennst in deiner eigenen Erklärung, was "optimal" bzw. "optimiert" bedeutet, den Aspekt des Kompromisses nicht? Was bedeutet denn "Kompromiss" für dich, wenn nicht das?
John
zunächst mal ist mir natürlich klar, dass jeder Begriff, den man wählt, um eine Idee von derart grundsätzlichem Rahmen auszudrücken, relativ zu verstehen ist. Würde ich zum Beispiel als "Grundwert" Glück für alle nenne, spalten sich die Gedanken daran - wie ja schon erlebt - noch viel mehr auf.

Deine Frage nach dem Kompromiss möchte ich in einer Form beantworten, die vielleicht ausweichend klingt, es in meinen Augen aber nicht ist.

Es geht, bzw. es sollte, nicht in erster Linie um Kompromisse gehen, da ich keine absolute Diskrepanz zwischen der Realisierung zweier positiver Werte sehe.

Meiner Meinung nach ist ein Kompromiss die Verabschiedung von dem Bemühen um eine optimale Lösung, die alle Werte gleichermaßen berücksichtigt. Diese Verabschiedung geschieht meist zu früh und hat sogar oft halbherzige Lösungen zur Folge. Ein Kompromiss kann also immer nur eine Notlösung sein, sozusagen als letzter Schritt. Bietet er sich in Ausnahmefällen aber als ultima ratio an, sollte man ihn ergreifen.

Meine Vorbehalte gegen die Untermauerung von Gedanken durch Beispiele habe ich schon mal genannt. Dennoch versuche ich es hier am Beispiel des Rauchverbotes:

Auf der einen Seite Gesundheitsschutz, auf der anderen Seite Freiheit.
In diesem Fall gab es in Bayern eine Kompromisslösung, die die meisten akzeptiert haben. Eine solche Lösung hätte nun niemals durch politische Mittel geändert werden dürfen. Durch Mittel, deren Initiatoren das Ziel hatten, den Freiheitsaspekt bei dem ganzen Problem zu ignorieren. Es sei denn, man lässt es als Freiheit gelten, zu sagen: Wenn ihr rauchen wollt, bleibt daheim. Die Freiheit, eine nicht illegale "Sucht" auch in Gesellschaft auszuleben, wurde von den Initiatoren des Volksbegehrens für null und nichtig erklärt.

Ich denke mal, es kommt hier weniger drauf an, wie man Kompromiss definiert (bzw. welche evtl. sehr geringen Unterschiede zwei Definitionen aufweisen), sondern welche Bedeutung ich ihm bei der Lösung gesellschaftlicher Probleme zukommen lasse und hoffe, diesen Gedanken verständlich rübergebracht zu haben.
theophanu
@ stanley alvarez

Im Grunde sind wir einer Meinung.
Zeigt uns aber auch, wie wichtig es ist, genau zu definieren, denn der Teufel liegt im Detail.

Zitat:
Die Philosophie soll einfach nur das Rüstzeug bieten, immer auch mehr Demokratie, mehr Freiheit, mehr Gleichheit etc. fordern zu können.

Ich würde es ausdrücken mit: Die Philosophie kann den Einzelnen durch Reflektion dahin bringen, was ihm und den anderen ein Leben in einem angemessenen Rahmen ermöglicht. Hier bin ich völlig bei Kant: Das geht eben nur, wenn es beim Einzelnen keinen "Gewinnmaximierungsgedanken" gibt.

Zitat:
Es geht Marcuse und mir eher um das, was Pierre Bourdieu "engagierte Wissenschaft" nennt, also um eine engagierte Philosophie. In der Hinsicht scheint mir die genannte "Aufgabe" weniger eine Einschränkung zu sein als die Voraussetzung dafür, überhaupt als engagiert gelten zu können.
O.k., verstanden.

Zitat:
Mich so verhalten, wie ich denke, dass Gott es von mir erwartet, auf dass ich im Leben nach dem Tod mein Glück finde? Frieden, Freiheit, Gleichheit und Demokratie vorleben und einfordern, wo es geht, auf dass sie nach und nach "Wirklichkeit" werden? Oder einfach nur das tun, was fürs eigene Überleben notwendig ist?
Nur so ein Gedanke...
Und Deine Antwort auf alles das?

Zitat:
Das es geht noch mehr unterstütze ich, sehe allerdings in dem Begriff optimiertes Leben keinen Zusammenhang mit einem Kompromiss.
Du meinst also, je weniger Kompromisse Du schließen mußt, desto besser wäre Deine Lebensqualität?
Fall ja: Könntest Du Dir vorstellen, daß man gerade durch einen Kompromiss zu einer ganz neuen Lebensqualität kommen kann? Meine, daß äußere Faktoren ein Einlenken erzwingen und zu neuen Ufern führen, die man vorher, allein vor sich hin trabend, gar nicht gesehen hat?
Und könntest Du Dir ebenfalls vorstellen, daß gar nicht das "Optimieren", sondern das Gegenteil, das "Reduzieren", einen Menschen bereichern kann?