"Wahnsinn"

Jörn
Fundstücke:

Zitat:
fehlendes können wird durch wahnsinn ersetzt.

Zitat:
...des wahnsinns fette beute...

Zitat:
verrückter Typ


Wie kommt es, dass ein jeder wahnsinnig sein will oder doch wenigstens verrückt? Was ist daran so "toll" (toll!)
Loma
Weil "normal" wohl langweilig ist.
Außerdem kann man sich dann vielleicht einreden, daß man vorher ein Genie war... wer weiß...

Liebe Grüße
Jörn
Zitat:
Original von Loma
Ich denke, also spinn' ich.

?
Doro_thea
Zitat:
Original von Jörn
Wie kommt es, dass ein jeder wahnsinnig sein will oder doch wenigstens verrückt? Was ist daran so "toll" (toll!)

Vorsichtig würde ich auch mal vermuten, das hat vielleicht etwas mit Sachen wie "Originalität" und "Authentizität" zu tun, die Wahnsinnige und Verrückte bekanntlich (oder angeblich) ja auch in besonderem Maß aufweisen. Und das will im Grunde wohl jeder - irgendwie ein unverwechselbares, einzigartiges oder besonderes Exemplar sein, das als solches auch besondere Beachtung und Wertschätzung verdient. Ist er ja auch, oder ;-) .

(Ein anderer Punkt ist vielleicht, dass Wahnsinnige und Verrückte sich für ihren Wahnsinn und ihre Verrücktheit nicht groß anstrengen müssen, was einem Nicht-Wahnsinnigen vielleicht auch allzu bequem und einfach erscheinen kann: Sie haben gar keine andere Wahl. Solches Wahnsinnigseinwollen wiederum hat wohl etwas mit falschen Anspruchshaltungen [edit: und sicher auch mit Ablehnung von lästiger Selbstverantwortung ;-) ] zu tun.)
Loma
Zitat:
Original von Jörn
Zitat:
Original von Loma
Ich denke, also spinn' ich.

?

Tja.... LoL
Als Ausrede ist sowas wohl auch nicht zu unterschätzen.
Wenn grade mal kein Alkohol zur Hand ist/war, schiebt man es halt auf eine grundsätzliche Unzurechnungsfähigkeit, um sich der Verantwortung für seine Taten und Worte zu entziehen... der Mensch ist feige... oder so...

Liebe Grüße
Doro_thea
Zitat:
fehlendes können wird durch wahnsinn ersetzt.

Zitat:
Original von Loma
Außerdem kann man sich dann vielleicht einreden, daß man vorher ein Genie war... wer weiß...


Nebenbei: der große Kant, der mit seiner Kritik der Urteilskraft zugleich den Geniebegriff bis heute maßgeblich mitgeprägt hat, fällt über den falschen Geniekult seiner Zeit bekanntlich ja auch ein recht vernichtendes Urteil:

Zitat:
Da nun die Originalität des Talents ein (aber nicht das einzige) wesentliches Stück vom Charakter des Genies ausmacht; so glauben seichte Köpfe, daß sie nicht besser zeigen können, sie wären aufblühende Genies, als wenn sie sich vom Schulzwange aller Regeln lossagen, und glauben, man paradiere besser auf einem kollerichten Pferde, als auf einem Schulpferde. (KU § 47, 186)
Taurus
Ich denke auf dem philosophischen Weg, bewegt man sich ståndig, zwischen Genie und Wahnsinn.
Man låuft dabei ståndig Gefahr,dem Einen oder Anderen, vollkommen zu verfallen.
Man kann aber immer wieder auf den schmalen Weg zurueck finden.
Es bedarf hierzu nur der Bereitschaft, Kritik anzuhnehmen.
Doro_thea
Und zu guter Letzt noch eine ungehaltene persönliche Nachbemerkung:

Ich für mich selbst verstehe allerdings auch nicht, was daran so "toll" sein soll, "des Wahnsinns fette Beute" bzw. irgendwie skurril, exzentrisch, verschroben, versponnen oder 'komisch' zu sein und mich und meinen Fluchtinstinkt im entscheidenden Moment oft nicht im Griff zu haben. Ein Grund, sich darauf etwas einzubilden ist das wahrlich nicht. Ich wünschte eher, ich wäre fähiger, "normaler", unkomplizierter und mit anderen und der Welt kompatibler! (und kann mich daher über manch eitlen Schwachsinn schon auch aufregen, sehe andererseits aber eigentlich auch keinen Grund, mich über andere 'Wannabes' erhaben zu fühlen. Wirklich nicht.)
Taurus
@Doro_thea
So war es gemeint Zwinker
Joker
Ich finde Wahnsinnige (ich muss zwar behaupten, ich kenne keine persönlich) sehr interessant und mich hat schon immer Wunder genommen, wie sie über die Welt denken(?). Da habe ich manchmal natürlich auch gefunden, irgendwie bin ich ja auch auf meine Weise wahnsinnig, weil ich ja auch nie denken wollte wie die meisten Leute Zwinker Und so irgendwie wird es wahrscheinlich den meisten gegangen sein. Das man es einfach als Anders-Sein betrachtet und deshalb viel zu sehr idealisiert.
Und dann kommt natürlich wie hier schon erwähnt dazu, dass Genie und Wahnsinn manchmal so nahe zusammenhängen. Ich nehme nur mal Salvador Dali, der vielleicht nicht wahnsinnig war aber gewiss solche Züge aufwies, z.B. als er aus reiner Überzeugung, die Uni-Professoren seien nicht fähig, seine Abschlussarbeiten zu bewerten, die Uni hingeschmissen hat. Da würden viele Leute sagen: 'Das ist doch wahnsinnig!' Aber für mich war das immer schon eine sehr faszinierende Handlung, die er da vollbracht hat. Ich dachte nur daran, dass er so von sich selber überzeugt gewesen sein muss, dass er so etwas tut, und dass ich eben auch gerne das Gymnasium (im Hinblick auf meine dann vielleicht nicht mal vorhandenen Talente) hinschmeissen würde, aber mich doch nicht traue. Es steckt eben der Wahnsinn auch in solchen Momenten in den Personen, die wir vielleicht als Idole ansehen, und deshalb eben auch ein bisschen wahnsinnig sein wollen. Mir geht es jedenfalls so.

Gruss Joker
Archibald
@ Jörn:

Andere sind ein bisschen verückt; ich hingegen bin ein bisschen normal!
John
ein verrückter Schrank steht nachher meist besser als vorher!
schlinge
Gäbe es mehr "wahnsinnige" würden sie unscheinbar. Es gibt leider zu wenig davon.
Stanley Alvarez
Hm...

Die Bezeichnung als "wahnsinnig" begriffen als Gegenteil von "vernünftig", also als "unvernünftig", ist ja zunächst erstmal ein diskursiver Ausschlussmechanismus. Wer "unverünftig" ist, muss nicht erhört werden.


1) In diesem Zuge könnte die Flucht nach vorne, also die Selbstbezeichnung als "wahnsinnig", ein Versuch sein, sich der Verantwortung für seine Aussagen und Handlungen zu entledigen. "Was regt ihr euch darüber auf, was ich sage? Ich bin doch nur wahnsinnig!"

2) Aber ich glaube, dass der "Wahnsinn" in postmoderner Perspektive auch gerade durch seine diskursive Randstellung (oder, wenn es sowas gäbe, Außenstellung) attraktiv erscheinen könnte. "Unvernünftig sein" hieße hiernach nicht, gar keiner Logik zu folgen, sondern nur nicht der hegemoniellen Logik, die eine historische, also gewachsene und wieder vergängliche ist.
schlinge
...es gibt Zeit für "Vernunft" und für "Wahnsinn".
Was wenn einer in der Zeit des "Wahnsinns" zur "Vernunft" gerufen wird oder umgekehrt? Die Zusammenstoße kann man nie ausschließen.
Nik
"Ich impfe euch mit dem Wahnsinn!" Nietzsche
Nik
"An Hitlers traurigen Erfolgen zeigt sich, wie sehr Geschichte vom Wahn, man kann auch sagen: vom Imaginären gesteuert wird." Safranski
schlinge
Zitat:
"An Hitlers traurigen Erfolgen zeigt sich, wie sehr Geschichte vom Wahn, man kann auch sagen: vom Imaginären gesteuert wird." Safranski


Effektiv bis zum Wahnsinn.
Wahnsinn kann auch die Entfernung zwischen zwei Punkten sein, zwischen Rembrandt und Rubens. Was das leben bunt macht.
carsten aus bochum
Ich habe ein ambivalentes Verhältnis zur Normalität, also finde ich den Wahnsinn auch vergleichsweise verlockend, finde Dorotheas Kant Zitat aber äußerst passend.
Die „echten Wahnsinnigen“ wollen sicher keine sein, mir kommt das auch eher als ein extravagantes Schmuckstück der schleichend konventionell Sedierten vor. Weißt du noch, damals..., wir ...?
Hitler war im engen Sinne nicht wahnsinnig.
Nik
Zitat:
carsten aus bochum: Hitler war im engen Sinne nicht wahnsinnig.


Ist ja gut, dass du das weißt. Übrigens sagt das Safranski so auch nicht. Aber Hitler war in gesteigerter Weise von dem geschichtlichen Wahnsinn ergriffen, von dem Safranski spricht.