Damit die Diskussion nicht aufgespaltet wird, habe ich
diese Nachricht von carsten aus bochum hierhin kopiert:
Hi Philipp.
| Zitat: |
| „Mach mal ein konkretes Beispiel, wie das Aussehen könnte! - Z. B.: Wir vermuten einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Hinunterfallen der Steine und dem Gravitationsfeld. Hume sagte, wir können trotzdem nie ganz sicher sein, dass dieses Gesetz morgen immer noch gilt. Angenommen, wir sehen morgen einen Stein, der in der Luft schwebt. Du kannst natürlich einen anderen Grund dafür suchen. Ist ja schön und gut. Aber Humes Punkt war doch gerade, dass wir bei diesem bestimmten Fall nicht wissen, ob die Kausalität gilt. Wenn Kant wirlich das meinte, was ihr glaubt, dann hätte er vollkommen an Hume vorbei argumentiert.“ |
Spielen wir es doch mal durch.
Was genau meinst Du eigentlich und was meinst Du nicht?
Meinst Du, dass ...
1) Steine morgen schweben können, weil das Phänomen Schwerkraft nicht mehr existiert?
2) es eine völlig neue
Erklärung für das Phänomen Schwerkraft geben könnte?
3) es eine Erfindung geben könnte, mit der man die Schwerkaft „überwindet“?
Und was passiert denn wirklich, wenn man den ersten schwarzen Schwan sieht, wenn man bisher davon ausgegangen ist, dass alle Schwäne weiß seien?
Existieren fortan keine weißen Schwäne mehr?
Das kommt drauf an, wie man mit der Erfahrung umgeht.
Niemand zwingt einen, „Schwan“ anders zu definieren als einen weißen Vogel mit langem Hals.
Dann sind auch weiterhin alle Schwäne weiß.
Man kann alles mögliche ändern, wenn man man ein Tier sieht, das nicht weiß ist und ansonsten so aussieht, wie ein Schwan.
Was eine Beobachtung ändert und ändern sollte, ist also eine Frage der bewussten Entscheidung und (nach Quine, wie Soso schön erklärt hat) der theoretischen Ökonomie. Man könnte auch den Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch ändern, dann ist ebenfalls es nicht falsch, wenn ein schwarzen Schwan erscheint, denn es würde gelten:
Alle Schwäne sind weiß.
Da ist eine schwarzer Schwan. (Was weiß ist, kann nicht gleichzeitig schwarz sein, ist aufgehoben.)
Daraus folgt: Ein schwarzer Schwan ist ein weißer Schwan. (Ein schwarzer Schwan und ein weißer Schwan ist kein Widerspruch.)
Das wäre allerdings unökonomisch und ungefähr so, als wenn man sein Zimmer sprengt, weil einen die Mücke darinnen nervt.
Man würde beim ersten schwarzen Schwan, also lediglich feststellen, dass offenbar nicht alle Schwäne weiß sind, wenn man von einem bestimmten biologischen Kontext von Vogelarter ausgeht.
Wie gesagt, wenn ich darauf bestehe, dass die Definition, dass Schwäne größere weiße Vögel sind, die schwimmen können und einen langen Hals haben gelten soll, dann ändert der erste schwarze „Schwan“... schlicht gar nichts, weil er per def kein Schwan wäre.
Dir geht es aber um bestimmte Phänomene aus einer empirischen Welt, Du würdest sagen, wenn ein Tier mit einem weißen Schwan zu paaren ist, oder sich genuaso verhält wie ein weißer Schwan, nur eine andere Farbe hat, dann dürfen wir ihn Schwan nennen, und Du kannst das mit einigem Recht fordern – und man könnte diskutieren wie sinnvoll eine solche Forderung ist.
An dieser Stelle ist aber wichtig, dass Du Deine Forderung dann in einen empirischen Kontext stellst.
Du stellst die Frage, warum man ein Biest, was frisst, schwimmt, aussieht, sich verhält und weitestgehend identische Gene hat wie ein weißer Schwan, nur eben ein schwarzes Federkleid, nicht Schwan nennen soll.
Gerade Dein Wissen darüber, dass die Aussage, dass die Sonne
immer im Osten aufgeht falsch ist, aus welcher
Erfahrung leitest Du dieses Wissen denn ab? Ist die Sonne je woanders aufgegangen?
Und in welchem Sinne ist sie genau falsch? Das Problem ist doch eigentlich, dass, wenn die Sonne zum roten Riesen wird, der Begriff aufgehen irgendwann keinen Sinn mehr macht, weil die Sonne die Erde schluckt und alle potentiellen Zeugen verkokelt sind. Solange es aber noch Zeugen gibt, ist es gewiss, dass die Sonne immer im Osten aufgehen wird.
Das beides als Hintergrund.
Und jetzt zu Deinem eigentlichen Beispiel.
Hier gerade im meinem Zimmer beginnt ein Stein vor meinen Augen zu schweben.
Ich zweifle zunächst an meinen Verstand und hole mir Zeugen: Seht ihr das auch? Sie bestätigen. Okay, ich bin in Ordnung. Jemand erlaubt sich also einen Scherz, ich suche die verseckte Kamera, den heimlichen Magneten – nichts. Es ist ein unmagnetischer Stein und der schwebt. Ich hole ein Wissenschaftlerteam die reiben sich die Augen, aber finden nichts Außergewöhnliches, außer, dass dieser Stein eben schwebt. Was würde das bedeuten?
Man würde vielleicht untersuchen ob es sich um ein Phänomen es Ortes handelt – schweben Gläser an dieser Stelle in meinem Zimmer auch? – oder um ein Phänomen des Dings – schwebt es überall?
Aber wäre damit die Theorie die Schwerkraft in Gänze falsch? Nein, alle anderen Dinge wären noch immer der Schwerkraft unterworfen, nur dieser Stein, oder diese Stelle in meinem Zimmer, nicht.
Man würde 10 Jahre forschen und vielleicht an dieser Stelle in meinem Zimmer, eine ganz spezifische Raumzeitkrümmung (oder was auch immer) finden, die genau dort die Schwerkraft nicht existieren lässt.
Wir müssten also unsere Vorstellungen über Schwerkraft erweitern und eventuell auf völlig neue theoretische Füße stellen, aber wäre die alte Vorstellung damit falsch? Nein, sie wäre unvollkommen, aber noch immer gilt die Schwerkraft überall im Universum, außer an einer bestimmten Stelle in meinem Zimmer.
Die Vorstellungen über Schwerkraft wären nicht fundamental falsch, nur eben nicht allumfassend.
Die nächste Möglichkeit wäre, dass plötzlich alle Schwerkraftphänomene von jetzt auf gleich außer Kraft gesetz wären. Vermutlich würden wir sofort sterben, aber wir hätten uns gründlich getäuscht über unsere Bedingungen der Welt. Ist aber nicht so, kannst Du an Deiner Tastatur jetzt gerade überprüfen.
Aber immerhin, wir können nicht mit letzter Sicherheit ausschließen, dass es ist nicht so sein könnte, dass nicht gleich alles völlig anders sein könnte, als es jetzt noch ist. Was hieße das praktisch? Frag Dich das mal ernsthaft.
Du weißt ja nicht ob Du gleich schwebst, tot bist, mit Brathähnchen diskutierst, Dir ein Täuschergott erklärt, dass Du nie existiert hast (so wie Du es meintest)... was fängst Du mit dieser Erkenntnis an?
Ich kann es Dir sagen: nichts. Du hast überhaupt keine Ahnung was genau es sein wird, dass Dich da erwartet und wann es sein wird und ob es je sein wird. Du wärest einfach darauf reduziert anzunehmen, dass alles anders sein könnte, aber irgendwie so ist, wie es jetzt gerade erscheint. Und danach richtest Du dann Dein tägliches Leben aus und das ist genau das, was Du jetzt tust, kurz und gut: es ändert sich nichts.
Andere Möglichkeit. Du wachst Morgen auf und fast alles ist anders. Du hast noch Philipp Bewusstsein, ansonten findest Du das, was Du Welt nanntest radikal verändert vor. Nehmen wir an, Du kommst prima damit klar und Du bist einfach in einer Existenzform die vollkommen anders ist, als die, die Du jetzt noch kennst. Nach einer Zeit der Gewöhnung erwacht Dein Forschergeist und Du willst wissen, wo Du bist, wer Du bist usw. Du findest heraus, dass Du bisher in einer Welt warst, die lediglich eine Simulation war. Nun bist Du in einer anderen Welt und man erklärt Dir genau, wie diese Simulation zustande kam. Nehmen wir an, es war ein Supercomputer.
Man erklärt Dir genau, wie es zu den Illusionen über Meere und Steine und Mitmenschen... kam, wenn Du willst haarklein. Auch wenn Du Dich jetzt als rein virtuelles Computerwesen vorfindest und alles verstehst und durchschaust, was die Täuschung ausmachte, was folgt eigentlich daraus?
Zum Zeitpunkt, als Du in dieser Welt warst, die sich als völlige Illusion entpuppt hat, warst Du bestimmten Bedingungen unterworfen, eben jenen, die man Dir haarklein erklärt hat. Also musstest Du Dich genau so empfinden, wie Du Dich damals empfunden hast. Dass Steine immer nach unten fallen müssen, jetzt erkennst Du es, alles Lug und Trug, reine Simulation die auch völlig anders hätte ablaufen können. Nur, sie ist eben genau so abgelaufen! Als Du noch in diesen Bedingungen stecktest, konntest Du nicht anders, als die Welt so wahrzunehmen, eben weil die Programme so waren, wie sie waren. Du hast so gesehen nichts falsch gemacht, weil Du gar nicht anders konntest.
Zusammengefasst ergeben sich daraus (mindestens) drei Möglichkeiten.
Allen gemein ist, dass Du jetzt gerade in eine Welt praktischer Phänomene eingebunden bist, die sich entweder partiell ändert, dann ist es eine Frage pragmatischer Entscheidungen, ab wann man wirklich eine Theorie ändert, aber dann ändert sich eben nur die Theorie und einige wenige Phänomene wären anders, doch der Rest bleibt, wie er war. Die praktischen Fetslegungen ändern sich so gut wie gar nicht.
Sie könnten sich radikal ändern, nur das wäre so weit von allem Planbaren weg, dass Du Dir keine Sorgen darüber zu machen brauchst, denn Du kannst Dich eh nicht drauf einstellen. Es ändert sich praktisch überhaupt nichts für Dich und ein paar Wochen, nach diesem radikalen Gedanken ist wieder das Alltagsgeschäft angesagt.
Kant hat einfach behauptet, dass die Fähigkeit Gesetzmäßigkeiten zu erkennen, Kausalbeziehungen zuzuweisen, a prioroi gegeben ist.
Gesetzt den Fall der Stein in meinen Zimmer schwebt, das wäre der einzige Fall der für uns relevant wäre, ansonsten würden wir nicht mehr über „Welt“ in unserem Sinne reden und da die Möglichkeiten wie eine andere Welt aussehen könnte unendlich sind, können wir diesen Gedanken völlig knicken.
Der Stein schwebt also, keine Halluzination, die Wisenschaft rückt an, schaut hin, ist komplett ratlos, schließt Betrug aber aus. (Ich erinnere, es ändert sich kaum was, weil es ja nur diese Stelle in meinen Zimmer ist.) Doch die Theoretiker sind gefordert und 10 Jahre später steht unsere Theorie über die Schwerkraft auf völlig anderen Füßen. Meinst Du diese neue Erklärung sei nicht kausal? Meinst Du, dass wir Zeit und Raum nicht mehr in die Welt projizieren? Die Theorie ändert sich, aber nicht, dass wir Klassen, Einzedinge und kausale Abläufe in vor dem Hintergrund von Raum und Zeit wahrnehmen.
Die Frage die Du beantworten müsstest, ist, wie man anhand von Beobachtungen, also von empirischen Phänomenen überhaupt in eine Theoriesprache hineinkommt.
Wenn es stimmt, dass wir anhand von Beobachtungen Theorien entwerfen, dann frage ich mich ganz ernsthaft, wie das gehen soll. Dazu müsste man nämlich über ein begriffliches Instrumatarium verfügen, über das man noch gar nicht verfügt und ich bitte Dich mir nur ein einziges Beispiel zu geben, wie man z.B. ein Urteil über die unterschiedliche Länge von Stöcken fällen kann, wenn man nicht über Begriffe verfügt, die es einem erlauben, länger – kürzer (und Ähnliches) zu unterscheiden.
Bleibt die Frage, wann sich denn eigentlich etwas ändert, denn wir erleben Welt ja nun nicht mehr wie vor 3000 Jahren. Das ist immer dann der Fall, wenn wir einen Mix vorfinden, aus einer Theorie über etwas (eine Phänomne oder einer Gruppe von Phänomen von dem was wir als „Ich“ „Wir“ oder „Welt“ wahrnehmen und wenn aus dieser Theorie eine konkrete Praxis in Form von technischer Errungenschaft, oder einer bestimmten gesellschaftlichen oder psychischen Praxis erwächst.
Die Frage ist dann, was muss ich tun, um das auch erleben zu können?
Inwieweit dieses Erlebnis: 3-D Kino, LSD Trip, Meditationserfahrung, Hirn OP, Schlaftablette, Fernbedienung, Schauelbagger, statische Berechnung, Supervision, statistische Auswertung, Erkenntnisse über den Hirnstoffwechsel, Erlernen der höheren Mathematik, Geige spielen, Fallschirmspringen... nun meine privaten Erkenntnisse über die Welt ändert ist wohl von Fall zu Fall verschieden.
Nur aus der Theorie dass alles anders sein könnte, gleich schon, kannst Du keine Praxis ableiten.
Gruß,
Carsten