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Original von Philipp Wehrli
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Original von Verena
Und für Kant ist es sinnlos die Verwendung und objektive Gültigkeit von Begriffen (wie Substanz, Kausalität) durch eine Wissenschaft in Frage zu stellen, deren (empirische) Gegenstände, Sachverhalte es ohne diese Begriffe (oder noch allgemeiner: apriorischen Bedingungen) gar nicht geben würde. |
Hier täuscht sich Kant. Man kann doch mit mathematischen Begriffen die Grenzen der Mathematik aufzeigen. Gödel, Turing und andere haben dies gemacht. Wenn jemand einen mathematischen Beweis führen würde, dass es Widersprüche in der Mathematik gibt, dann wäre doch die Mathematik stark in Frage gestellt. |
Du hast das transzendentalphilosophische Argument immer noch nicht verstanden
(was eigentlich bei einer Diskussion über Kant vorauszusetzen ist - da ist Mark schon etwas weiter als du):
Der Gegenstand von Erfahrungs
wissenschaft ist die objektive Realität, wie sie in der vorwissenschaftlichen Erfahrung gegeben ist. Die Sachverhalte, welche die vorwissenschaftlichen Realität ausmachen (Dinge, Ereignisse, Prozesse usw.), auf welche Erfahrungs
wissenschaft referiert, besteht nicht aus irgendwelchen atomistisch gegebene Empfindungen oder sinnliche Eindrücke, sondern ist bereits Produkt einer Synthesis, in welcher die synthetische Einheit der fragmentarisch gegebenen und disparaten (heteromorphen und heterogenen) sinnlichen Eindrücke vorgestellt wird - die Verstandesbegriffe sind die Konzepte dieser Synthesis, aus welcher die Erfahrung von Etwas (dh die Vorstellung einer objektiv-realen Entität, zB ein Ding, Ereignis, Prozess usw.) resultiert. Erfahrungs
wissenschaft bezieht sich also auf eine Realität, deren Synthesis/Konstruktion also bereits die Verstandesbegriffe (der Quantität, Qualität, Relation, Modalität) als Bedingungen ihrer Möglichkeit zu Grunde (wie natürlich auch die Anschauungsformen Raum/Zeit) als Bedingungen der Möglichkeit der vorwissenschaftliche erfahrenen Realität zu Grund liegen, dh eine Realität, welche es ohne diese apriorischen Erkenntnismittel nicht als solche geben würde. Wenn aber die empirischen Sachverhalte (deren Gesamtheit die vorwiss. gegebene Realität ist), worauf sich Erfahrungswissenschaft als ihre Gegenstände bezieht, bereits apriorische Bedingungen (R/Z, Verstandesbegriffe wie Substanz, Kausalität usw.) zur Voraussetzung haben, dh wenn (insofern und insoweit) es die empirische Basis der Erfahrungswissenschaft nur unter der Voraussetzung apriorischer Erkenntnismittel (konstruiert/strukturiert) überhaupt gibt, kann man auch mit Sicherheit davon ausgehen, dass in dieser empirischen Realität auch die materialen und formalen Bedingungen (bzw. Regeln)
herrschen , nach welcher diese Realität geformt/konstruiert wurde.
In Bezug auf Kausalität heißt das zB:
Sofern und soweit Sachverhalte/Zusammenhänge der vorwissenschaftlichen empirischen Realität nur bestehen, weil Kausalität der Konstruktion dieser Sachverhalte als Konstruktionsregel zu Grunde liegt, sofern und soweit
muss in der empirischen Realität auch Kausalität herrschen - dh Skepsis gegenüber Kausalität als Prinzip empirischer Sachverhalte ist fehl am Platz, sofern Kausalität ein notwendiges konstitutives Prinzip für das Bestehen dieser empirischen Sachverhalte darstellt.
Dies gilt selbstverständlich auch in Beziehung auf alle anderen apriorischen Erkenntnismittel sofern und soweit sie als Bedingungen der Möglichkeit empirischer Realität gelten müssen.
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| Genauso in der Physik. Wenn wir beobachten, dass wir überhaupt keine Regeln finden, dann müssen die Physiker zusammenpacken. Ausserdem ist es ein Irrtum zu glauben, die Physik basiere auf der Allgemeingültigkeit und Unverrückbarkeit der Kausalität. Wenn wir in der Quantentheorie feststellen, dass es hier Ereignisse ohne Ursachen gibt, bricht doch nicht die ganze Physik zusammen! |
Nein, das ist ja häufig der Fall, man gesteht zu, dass man noch keine Ursache gefunden hat, geht aber prinzipiell davon aus dass dieses Ereignis eine Ursache hat und nicht "grundlos" auftritt.
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| Wo haben die Quantenphysiker die Immergültigkeit der Kausalität vorausgesetzt, wenn sie heute zur Behauptung kommen, es gebe Ereignisse ohne Kausalität? |
Viele Ereignisse sind nicht im engen Sinne (linear) kausal erklärbar, weil sie zu komplex sind (->Chaosforschung). Aber aus der evtl. bloß vorläufigen Ummöglichkeit, diese Vorgänge als kausale Prozesse zu modellieren, zu schlussfolgern, dass sie grundsätzlich nicht kausal bestimmbar sind, ist unzulässig. Möglicherweise handelt es sich bei den quantenphysikalischen Phänomenen nur um eine neue Klasse von physikalischen Phänomenen, die man eben einfach noch nicht richtig begriffen hat.
Aber selbst wenn man beweisen könnte, dass eine kausale Modellierung von bestimmten quantenphysikalischen Phänomenen aus bestimmten Gründen nicht möglich ist, spricht dies doch nicht gegen Kausalität als heuristisches Prinzip der Naturwissenschaft, Zusammenhänge herzustellen. Es spricht ja auch zB nicht gegen einen Hammer als brauchbares Werkzeug, dass man damit kein Papier schneiden kann.
Und Kant ist davon schon gar nicht betroffen, da gerade Kant ja Kausalität als Prinzip des
Erkennens von Natur, aber nicht als durchgängiges Prinzip von Natur an sich selbst auffasst.
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Original von Verena
Und es macht bei Zugrundlegung dieses epistemologischen Sachverhalts (->kopernikanische Wende) dann auch keinen Sinn mehr, prinzipielle Zweifel an der objektiven Gültigkeit dieser wissenschaftlichen Grundbegriffe anzumelden.
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Wir haben hier mehrmals festgestellt, dass es Kant nicht gelang, die Grundbegriffe zu nennen, an denen niemand zweifeln darf. Er hat sich praktisch in allen seinen Beispielen geirrt. Wie kommst du angesichts dieser Tatsache zur Behauptung, man dürfe an diesen Grundbegriffen nicht zweifeln? Welches sind denn deiner Ansicht nach die Grundbegriffe, an denen niemand zweifeln darf?
Die Behauptung, es gebe irgendwelche Grundbegriffe, an denen niemand zweifeln dürfe, scheint mir nicht sehr aussagekräftig. Willst du Kant wirklich auf diese Behauptung reduzieren? |
Dass es die KrV als Programm kennzeichnet, die elementaren transzendentalen Erkenntnismittel des Subjekts inkl. Grundbegriffe und Grundsätze von Erfahrungserkenntnis darzustellen (-> Erster Abschnitt der KrV nennt sich "Transzendentale
Elementarlehre" ), ist dir anscheinend entgangen?
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Original von Verena
Wenn Hume wie Kant gesehen hätte, dass Naturwissenschaft nicht auf Natur als einen unabhängig vom Subjekt vorhandenen Gegenstand referiert, sondern dass dieser Gegenstand wissenschaftlicher Forschung bereits ein Konstrukt darstellt, für dessen Synthesis die Begriffe (allgemeiner: transzendentalen Erkenntnismittel) des Subjekts die notwendigen Bedingungen darstellen, dann hätte Hume sicher bezüglich der Anwendung dieser Begriffe in der Wissenschaft auch keine Skepsis geübt: welchen Sinn würde eine solche Skepsis noch machen, wenn die Erkenntnismittel, mit denen (Natur-)Wissenschaft arbeitet, grundsätzlich dieselben sind, aus denen die Gegenstände dieser Wissenschaft resultieren? |
Es würde etwa so viel Sinn machen, wie wenn ein Mathematiker feststellt, dass ein Axiomensystem in sich widersprüchlich ist. Behauptest du ein Mathematiker könne in einem System von Axiomen keine Widersprüche entdecken, wenn es widersprüchlich ist? |
Nein, das behaupte ich überhaupt nicht. Aber genausowenig sehe ich hier einen Zusammenhang mit meiner Argumentation
Zudem hinkt der Vergleich auf allen vier Beinen, weil es sich bei transzendentalen Prinzipien nicht um formallogische Prinzipien handelt.
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| Ausserdem ist Kant hier extrem unpräzise: Was soll das bedeuten, dass der Gegenstand wissenschaftlicher Forschung bereits ein Konstrukt darstellt? - Überleg dir das mal für einige Beispiele! |
Ja, ich weiß doch, dass du diesbezüglich ein Defizit hast. Können wir gerne mal näher darauf eingehen.
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| Natürlich hat jeder gute Experimentalphysiker eine Vorstellung, was bei seinem Experiment herauskommen wird. Die Geschichte zeigt aber, dass auch die besten Physiker mit diesem Konstrukt vollkommen daneben liegen können. Mehrmals ist das Konstrukt der Physiker völlig zusammengebrochen. Das hat manchen Physiker zur Verzweiflung getrieben. Aber schliesslich finden Physiker ein neues Konstrukt und sehen, dass dies widerspruchsfrei ist und mit den Beobachtungen besser übereinstimmt. Typisches Beispiel dafür ist gerade die Kausalität in der Quantentheorie. Es geht auch ohne Kausalität. |
Dein Kommentar ist mal wieder vollkommen daneben. Du hast nicht im Geringsten verstanden, was ich meine.
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| Nun überleg doch mal, wie Kant über diese Entwicklung gedacht hätte! - Ich nehme an, er hätte wie Einstein den Zufall so lange wie möglich abgelehnt. Wie hätte er aber auf die Einstein Podolsky Rosen Experimente reagiert? Wie kannst du da das Konstrukt Kausalität aufrecht erhalten? |
Gerade angesichts der Kantschen Verständnis von Kausalität als epistemisch-heuristisches Prinzip des Erkennens und nicht als Prinzip von Natur an sich selbst ist das kein Problem - s.o.
Gääähn.
Ach ja, noch ne Frage:
Wie leitet eigentlich ein Humescher Empirist die quantenphysikalische Theorie, deren theoretische Sachverhalte jeder unmittelbaren anschaulichen Grundlagen entbehren, via induktiver Verallgemeinerung aus den empirischen Phänomenen her?