Gedankenkonflikt

Geistesblitz
(...) ich wünschte wir wären telepathische Wesen, die allesamt gleichermaßen Schmerz und Glück teilen und aus dieser biologischen Verbundenheit heraus die notwendigen ethischen Grundlagen entwickeln und beherrschen, die nicht zu Paradoxen führen (...)

Das ist die Beschreibung eines Gefühls, für das es keinen Begriff gibt.

Ich kann dieses mutmaßlich naive Empfinden nicht wegrationalisieren. Diese Form von Sehnsucht blockiert meinen Gedankenstrom.
Hat jemand eine Idee wie ich dieses Gefühl ausselektiere? Ich ahne nur was es bedeutet und diese These ist absurd, weshalb is das Gefühl ebenfalls für absurd halte aber ich finde den Gedankenansatz nicht, der dieses Gefühl erzeugt hat und wenn ich die Wurzel nicht finde, kann ich nicht umdenken um das absurde Gefühl verschwinden zu lassen.
Bin für jede Assoziation dankbar.

LG
Agent Orange
Hallo, das klingt für mich ziemlich nach dem Wunsch, dass Menschen mitfühlender sind. Eigentlich braucht man dafür keine Telepathie, sondern besonders aktive Spiegelneuronen. Eine verständigungsorientierte Ethik wäre dann evtl. wirklich eine logische Notwendigkeit, wenn Menschen im Mitgefühl Schmerz und Leid zu vermeiden und Glück und Freude zu maximieren suchten.
Aber Die Möglichkeiten zum Mitfühlen sind unterschiedlich stark ausgeprägt bzw. ist doch auch der Empfindungsapparat des Menschen begrenzt und richtet sich in der Regel auf Menschen in seinem sozialen Umfeld.
Ethken, die nur auf emotionalen Regungen basieren, sind wackelig und bedürfen rationalisierender Kalküle (z.B. auch die Androhung von Strafe).
Agathon
Hallo Geistesblitz,

interessant, wusste garnicht dass es absurde Gefühle gibt.
Fühlst du nur dass das Gefühl absurd ist oder findest du es aus rationalen Gründen absurd?
Und wenn du es fühlst, woher kommt dann das Gefühl, dass du dieses Gefühl absurd findest? Freude
Vielleicht ist es ja auch dein Gedankenstrom, der deine Gefühle blockiert...

Also nein, Wünsche dürfen ruhig absurd sein, deshalb sind es ja auch Wünsche und keine festen Absichten.
Ein Wunsch ist glaub ich nur schwer wieder loszuwerden.
Entweder man erfüllt ihn ( dann könnten sich allerdings wieder neue Wünsche ergeben ) oder man vergisst ihn, aber wegrationalisieren ist denk ich mal sehr schwer ( denn Wünsche basieren selbst selten auf einer rationellen Grundlage ).

Viele Grüße
Agathon
Geistesblitz
Zitat:
Original von Agent Orange
Hallo, das klingt für mich ziemlich nach dem Wunsch, dass Menschen mitfühlender sind.


Danke für deinen Beitrag Agent Orange.
Was du geschrieben hast ist nachvollziehbar für mich, leider trifft es das Gefühl nicht. Ich bin Emotionen sowieso sehr abgewandt und wünsche mir keinesfalls mitfühlendere Menschen. Ganz im Gegenteil, ich glaube viele Menschen sind jetzt schon überfordert mit dem was und in welcher Intensität sie empfinden. Der Umgang vieler Menschen mit ihren Gefühlen ist vorallem in den Industriestaaten katastrophal.

Zitat:
Ethken, die nur auf emotionalen Regungen basieren, sind wackelig und bedürfen rationalisierender Kalküle (z.B. auch die Androhung von Strafe).

Ich stimme dir da uneingeschränkt zu.

Vielleicht schafft es etwas Klarheit wenn ich die Situation kurz skizziere in welchem Rahmen dieses mir noch willkürlich erscheinende Gefühl erstmals aufgetaucht ist.

Um u.a. Gedankenwiederholungen und nicht konsistente Informationsketten zu vermeiden, fülle ich seid Jahren Ordner mit Schriften um meinen Gedankenabfolgen überblicken zu können um rechtzeitig einzugreifen, wenn etwas zu abstrakt wird und welche Aussagen ich noch überprüfen muss. So habe ich meine gedanklichen Veränderungen unter ständiger Beobachtung.

Eintrag: (...) Das alles erfordert Kraft, mein Verstand kämpft immerzu gegen seine Wurzeln (…) und es ist kein Ende, keine Erholung und kein Frieden in Sicht. Ich sage mir oft das, dass wohl Gedanken sind die viele Menschen in ähnlicher Weise schon mal hatten oder haben um alles als normal abzutun, denn das ist eine Möglichkeit Dinge ruhen zu lassen und sie nicht wie ein Geheimnis als unbemerkte Last mit sich herum tragen zu müssen. Doch je mehr ich mich an den Glauben der Normalität klammerte, desto schärfer zeichneten sich die Kontraste meines Denkens gegenüber den meiner Mitmenschen ab.(...) (...) Ich wollte meine Gedanken reinigen, befreien von Bewertungen, unterschwelligen Konnotationen, missverständlichen Metaphern (...) Gedanken auf das Wesentliche komprimieren ohne die Substanz der Information selbst dabei zu reduzieren.(...)

Dann setze ich mich mit Computersprache auseinander und stelle sie der hochdeutschen Sprachstruktur gegenüber und noch so lauter Unsinn (...)

Und dann kommt: Ich wünschte wir wären telepathische Wesen, die allesamt gleichermaßen Schmerz und Glück teilen und aus dieser biologischen Verbundenheit heraus die notwendigen ethischen Grundlagen entwickeln und beherrschen, die nicht zu Paradoxen führen (...)

das waren die emotionsgeladenen Gedanken aus dem Eintrag von vor fünf Tagen. Seid dem problamtischen Satz will er sich immer wieder in meine rationalen Überlegungen mogeln, selbst wenn ich mich mit Politik bzw. anderen Diskursen beschäftige in denen die Begriffe dieses Satzes nicht mal vorkommen.



Hallo Agathon,

Zitat:
Vielleicht ist es ja auch dein Gedankenstrom, der deine Gefühle blockiert...


Ja, dass stimmt. Ist mir auch nicht neu... aber die Gefühle sollen ja auch blockiert werden. fröhlich (Ich experimentiere jahrelang schon mit meinem Geist. Um die Kontrolle zu behalten, muss ich meine Gedanken regelmäßig neu sortieren. Habe interessante Entdeckungen machen können, die mir in meinem zukünftigen Neurologiestudium sehr nützlich sein werden.)

Zitat:
Ein Wunsch ist glaub ich nur schwer wieder loszuwerden.
Entweder man erfüllt ihn ( dann könnten sich allerdings wieder neue Wünsche ergeben ) oder man vergisst ihn, aber wegrationalisieren ist denk ich mal sehr schwer ( denn Wünsche basieren selbst selten auf einer rationellen Grundlage ).


Hast du dich schon mal gefragt, was der Unterschied zwischen Bedürfnis und Wunsch ist?
Agathon
Hallo Geistesblitz,

Respekt vor deiner Arbeit, das muß glaub ich ein ganz schöner Aufwand sein, da man jeden Tag bestimmt mehrere hundert Gedanken hat ( mehr und weniger sinnvolle ).
Die alle aufzuschreiben und zu überprüfen, ob welche doppelt sind oder ob Inkonsistenzen auftreten ist garnicht so einfach.

Erinnert mich irgendwie ein wenig an den berühmten Zettelkasten von Niklas Luhmann, der ab einer bestimmten Grösse anfing eine eigene Intelligenz zu entwickeln Freude

Ansonsten bist du glaub ich die erste Person, von der ich gehört habe, dass sie solch eine interessante Technik anwendet.

Einen Unterschied zwischen Bedürfnis und Wunsch hab ich bisher glaub ich noch nicht gemacht, kann sein dass ich beides hin und wieder verwechsle unglücklich

Viele Grüße
Agathon
Shamatic
Zitat:
Original von Geistesblitz
(...) ich wünschte wir wären telepathische Wesen, die allesamt gleichermaßen Schmerz und Glück teilen und aus dieser biologischen Verbundenheit heraus die notwendigen ethischen Grundlagen entwickeln und beherrschen, die nicht zu Paradoxen führen (...)

Vielleicht ist dies einfach der Ausdruck von dem Gefühl der Ohnmächtigkeit gegenüber der globalen Zustände und Entwicklungen ? Der Wunsch nach einer realisierten Vernünftigkeit ? Oder soetwas ? Du sprichst ja auch von einer "Beherrschung" (also setzt du ja voraus, dass es etwas gibt, was sich momentan unserer "Beherrschung" d.h. Kontrolle etc. entzieht)

Lang nich gesprochen übrigens fröhlich
Agathon
Hallo,

Zitat:
Original von Geistesblitz
(...) ich wünschte wir wären telepathische Wesen, die allesamt gleichermaßen Schmerz und Glück teilen und aus dieser biologischen Verbundenheit heraus die notwendigen ethischen Grundlagen entwickeln und beherrschen, die nicht zu Paradoxen führen (...)


wenn man diesen Gedanken genauer analysiert, dann vertrittst du die Auffassung, dass die bisherigen ethischen Grundlagen zu Widersprüchen führen.
Die Ursache dafür steckt in der unterschiedlichen Fähigkeit der Menschen Mitgefühl füreinander zu empfinden.
Du gehst davon aus, dass wenn alle Menschen sich auf gleiche Art und Weise in andere hineinversetzen könnten, jeder das Leid und Glück des anderen empfindet, man eine bessere (widerspruchslose) Ethik entwickeln könnte, als die die man jetzt hat.

Diese Voraussetzung scheint mir aber meiner Meinung nach nicht realistisch zu sein.
Vielleicht ist es nicht nötig, daß alle Menschen an der Entwicklung dieser neuen Ethik beteiligt sind, sondern nur der Teil, der die Fähigkeit hat, genügend Empathie für andere zu empfinden.
Die anderen müssen entweder dabei ausgeschlossen oder dazu erzogen werden, diese Fähigkeiten zu entwickeln. nunja

Die Frage ist auch, welches sind nun eigentlich genau diese ethischen Widersprüche und wie kann man sie beheben?

Viele Grüße
Agathon
Agent Orange
Also, auf der einen Seite ist da dein Bedürfnis nach Klarsicht, nach rational-analytischer Vorgehensweise, die Werturteile möglichst vermeidet. Auf der anderen Seite steht der Wunsch nach uniformen Gefühlsstrukturen, die das Geflecht unterschiedlicher, daraus abgeleiteter Wertvorstellungen entwirren, widerspruchsfrei machen?
niefre44
hallo geistesblitz,könnten deine gedanken nicht vielleicht aus unbewussten wünschen ein kind zu bekommen abstammen,so eine art zwangsneurose.Also ein kinderwunsch mit dem du dich emotional verbunden fühlen würdest
Archibald
Zitat:
Original von Geistesblitz
(...) ich wünschte wir wären telepathische Wesen, die allesamt gleichermaßen Schmerz und Glück teilen und aus dieser biologischen Verbundenheit heraus die notwendigen ethischen Grundlagen entwickeln und beherrschen, die nicht zu Paradoxen führen (...)

LG


Dieses "telephatische Wesen" gibt es schon. Man nennt es auch Gott. Es gibt aber Teile dieses Wesen´s, die nur einen Teil der göttlichen Gesammtempfindung verspüren.

Man nennt diese Wesen auch "Menschen".
Nadia
Hallo agathon

Du gehst davon aus, dass wenn alle Menschen sich auf gleiche Art und Weise in andere hineinversetzen könnten, jeder das Leid und Glück des anderen empfindet, man eine bessere (widerspruchslose) Ethik entwickeln könnte, als die die man jetzt hat.

Wenn das so wäre, würde man dann überhaupt noch Ethik brauchen?
Ratte
Vielleicht kann dir Kant weiterhelfen (nach einer von C.A.Ch. Wasianski berichteten Begebenheit):

"Kant hatte einmal in einem kuhlen Sommer, in dem es wenig Insekten gab, eine Menge Schwalbennester wahrgenommen und einige junge Schwalben zerschmettert am Boden aufgefunden. Erstaunt uber diesen Fall wiederholte er mit hochster Aufmerksamkeit seine Untersuchungen und machte eine Entdeckung, wobei er anfangs seinen Augen nicht trauen wollte, namlich dass die Schwalben selbst ihre Jungen aus den Nestern warfen. Voll Verwunderung uber diesen verstandesahnlichen Naturtrieb, der die Schwalben lehrte, beim Mangel von Nahrung fur alle Jungen, einige aufzuopfern, um die ubrigen erhalten zu konnen, sagte dann Kant: "Da stand mein Verstand still, da war nichts dabei zu tun, als hinzufallen und anzubeten." Dies sagte er aber auf eine unbeschreibliche und nicht nachzuahmende Art. Die hohe Andacht, die auf seinem ehrwurdigen Gesicht gluhte, der Ton der Stimme, das Falten seiner Hande, der Enthusiasmus, der diese Worte begleitete, war einzigartig."

Die Idee einer für Tiere (hier: Schwalben) offensichtlich naturgegebenen Moral führte ihn schließlich zu seinem - allerdings in diesem Fall für Menschen gültigen - "Kategorischen Imperativ": "Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetze werden sollte."

...mich erinnert jedenfalls dein Wunsch einer paradoxiefreien Moral sehr an Kant, welche sich die Menschen jedoch selbst - aus Freiheit (!) - geben müssen (während Tiere hierüber nicht frei entscheiden können).
Reinhard
Hallo Geistesblitz, was Du hier vorbringst, halte ich für ein Gedankenexperiment, das im Übrigen genau das beschreibt, was viele Menschen schon von je her beschäftigt hat. Deswegen ist man ja auf den Gedanken verfallen, dass es nur vor Gott keine Geheimnisse gibt. Das Menschsein zeichnet ja aber gerade aus, dass wir einzelne Individuen sind, mit all ihren Unterschiedlichkeiten. Ohne diese Unterschiede gäbe es gar keine Reize und Verlockungen, denen wir die Vielfalt unseres Daseins allein verdanken. Diese Unterschiede bewirken ja auch erst die Forderung nach einer Ethik.

Es ist eben unser Schicksal, dass wir unser Leid und auch die Freude nicht teilen können, allenfalls dazu inspirieren. Der tiefste Gedanke der christlichen Welt ist ja der der Erlösung vom Leid und nicht das gleichmäßige Verteilen auf alle. Mitleid ist eben eine besondere Form des Leidens. Auf die Wirklichkeit bezogen, heisst das für mich, dass eine ethische Grundlage allein im rationalistischen Vernunftbegriff nicht enthalten sein kann, auch wenn Kant durch seinen Imperativ das vermeint. Ethik hat immer was mit dem Glauben zu tun, selbst dann, wenn man an die unbegrenzten Fähigkeiten des Geistes glaubt. Der von Ratte angebrachte Hinweis auf Kant ist deshalb völlig zutreffend.

Mit freundlichen Grüßen
Reinhard
theophanu
@ geistesblitz

Zitat:
(...) ich wünschte wir wären telepathische Wesen, die allesamt gleichermaßen Schmerz und Glück teilen und aus dieser biologischen Verbundenheit heraus die notwendigen ethischen Grundlagen entwickeln und beherrschen, die nicht zu Paradoxen führen (...)

Wenn ich Dein Gefühl hätte, was ich momentan nur rational in mir suche, wäre ich schon viel weiter, weil ich gerne Erkenntnis darüber hätte, was uns Seiende miteinander verbindet.
Ich glaube keineswegs, daß es sich hier um eine absurde These handelt, sondern um einen großartigen "Geistesblitz", der Dir ein Stück weit Wahrheit offenbart.
Was beängstigt Dich daran so?

Gruß, Theo