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Original von Neo
'Opium für das Volk' 2.0. Sozialer Friede durch Gehirn-Amputation.
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Und genau hier unterscheiden sich unsere Positionen prinzipiell. Funktional ist das "Opium" für die Herrschaft in der Tat. Doch auch hier wird dem Volk nichts vorgesetzt, gegen das es sich nicht wehren kann. Der Spruch lautet richtig, "
Opium des Volkes". Das Volk berauscht sich nämlich selbst, mit Wille, Verstand und Bewusstsein. Der Einzelne entscheidet selbst und durch die Anwendung der blödsinnigen Abstraktion "Dummheit" macht man sich die Sache einfach und will eigentlich gar keinen Fehler in den Gedanken des "Dummen" entdecken. Worin besteht er denn, der Fehler? Was ist verkehrt am Konsumieren? Was ist verkehrt am "Fernsehen"?
Hier wird doch deine moralische Haltung praktisch. Du führst da irgendeine feinsinnige Unterscheidung in deinem Verstand zwischen guten und schlechten Bedürfnissen. Und diese Unterscheidung soll schon für sich sprechen. Da brauchst du keinen Aufwand zu betreiben und mal einen Fehler an so einem "schlechten" Bedürfnis nachweisen. Damit will ich aber nicht sagen, dass Bedürfnisse Irrationalitäten erzeugen können, also zum Beispiel 2.000 Paar Schuhe besitzen zu müssen, u. ä.
So entsteht übrigens eine Ideologie, eine fehlerhafte Theorie. Du hast das Interesse, dass die Menschen einsehen, einen Fehler zu begehen, indem sie dies und jenes Schlechte tun. Stellst aber fest, irgendwie scheinen sie es nicht zu kapieren, obwohl deren Fehler doch deines Erachtens auf der Hand liegt. Dein Fehlschluss besteht jetzt darin, dass da irgendeine äußere Abstraktion auf eine innere Abstraktion wirkt und umgekehrt, umgekehrt. Ergebnis: Na klar! Die Menschen sind dumm, sonst würden sie es ja einsehen etwas verkehrt zu machen, so wie du es auch irgendwann irgendwie eingesehen hast. Du scheinst also nicht dumm zu sein. Das mit der roten Pille hast du wohl etwas falsch verstanden. Eine ziemlich elitäre Position. Und es verdeckt deine Faulheit, vernünftig zu überzeugen, du verlegst
deinen Fehler in die Dummheit der Menschen. Du erfindest eine dir passende Erklärung zur Aussichtslosigkeit der Lage.
Menschen sind nicht dumm. So ziemlich jeder ist des Denkens fähig. Ein Gedanke kann eine Dummheit enthalten, das ja. Aber die Dummheit lässt sich nachweisen. Das kostet oft eine Menge Aufwand, auch weil du dir selbst über bestimmte Theorien erst klar werden musst, Argumente sammeln, usw. Vor allem, wenn du genug Leute überzeugt bekommen willst, etwas zu ändern. Das Generalurteil Dummheit passt dir nur zu gut in den Kram (Interesse), weil es deine Ohnmacht überdeckt und du dir den Aufwand einer inhaltlichen "Agitation" sparen kannst, also den genauen Fehlernachweis, Sachargumente, usw.
Tritt doch mal hinter dein Ohnmachtsgefühl zurück und sieh dir doch mal an, was die Leute tun ohne gleich über jedes ihrer Verhaltensweisen ein moralisches Urteil zu fällen unter Absehen vom eigentlichen Verhalten. Wenn jemand Holz hackt, sieht das vielleicht für dich aggressiv aus, für mich sieht das nach Holz hacken aus. Wenn jemand eine Nachmittagstalkshow im Fernsehen sieht, dann mag das für dich eine dumme Freizeitbeschäftigung sein, für mich wird da nur eine Nachmittagstalkshow angesehen. Und jetzt mach dich auf die Suche nach den Gründen dafür, warum sie es tun. Warum hackt der eine Holz? Weil er vermutlich Holz für den Ofen braucht? Man müsste ihn fragen, nach seinen Gründen. Wenn du jetzt wegen seiner aggressiven Tätigkeit darauf schließt, dass in ihm ein Aggressionspotential vorhanden sein muss, ist das eine theoretische Verdopplung. Aggressionspotential ist für aggressives Verhalten verantwortlich. Wer hätte das gedacht. Ein Zirkelschluss. Das Gleiche mit der Dummheit des Talkshowschauers. Er muss wohl dumm sein, um so eine Dummheit zu begehen. Na klar doch. Vielleicht will er sich einfach nur die Zeit vertreiben, interessiert sich für andere Menschen. Er hat seinen Grund. Für dich vielleicht irrational, aber das müsstest du ihm nachweisen, mit einem Argument. Und welches Argument sollte da schon einschlagen, das ihn überzeugt, wenn er zufrieden ist und niemanden schädigt. Das klappt erst, wenn er unzufrieden ist, sich zum Beispiel laut beklagt, darüber, dass er zu fett sei und kaum noch schnaufen könne. Dann hast du Argumente innerhalb einer Zweck-Mittel-Rationalität parat. Also zum Beispiel, wenn es das Interesse ist, besser atmen zu können und Fett loszuwerden, dann ist Fernsehen das falsche Mittel, mehr Bewegung muss sein, weniger fressen, usw... Der Dicke ist bestimmt nicht zu blöd, das zu kapieren. Selbst, wenn er weiterhin vor dem Fernseher sitzen bleibt. Dann wird er vielleicht anfangen sich irgendwelche Dummheiten zurechtzulegen, Ausreden; vielleicht kommt er ja auch auf die Idee, sich eine innere Unfähigkeit anzudichten, aber all das wären Gegenargumente, verkehrte zwar im Sinne dieser Zweck-Mittel-Notwendigkeit, aber es sind welche. Eine Gesetzmäßigkeit so verkehrt zu denken, ist aber nicht gegeben. Ehrlich wäre der Fettsack, wenn er sagt, dass er nicht läuft, weil es ihm einfach zu anstrengend ist und Essen Spaß macht, und damit seine weitere Fettheit bewusst in Kauf nimmt. Dann sind aber alle weiteren Versuche zu überzeugen, überflüssig, die Argumente erschöpfend ausgetauscht, dann soll er aber auch Ruhe geben, mit seiner Klage und aufhören zu jammern, zu heucheln. (Dieses Beispiel kann man natürlich noch feinsinniger aufdröseln, mir geht es um das Prinzip des rationellen Argumentierens, das dem moralischen widerspricht.)
Und diese Tour ließe sich auf alles Verhalten der Menschen anwenden. Im Beispiel Kapitalismus (ganz grob): Der Arbeiter begeht einen Fehler, wenn er denkt, dass seine Arbeitskraft im Dienste eines Unternehmers, das geeignetste Mittel seines Fortkommens darstellt. Er muss zur Überzeugung gelangen, dass er sein Tun nur ein Kostenfaktor in der Rechnung des Arbeitgebers ist, dass diese Kost nie gering genug sein kann. Er müsste einsehen, dass er immer nur Mittel ist in der kapitalistischen Rechnungsweise. Wenn er das kapiert hat, soll er entweder aufhören zu jammern oder er muss etwas tun, die Rechnungsweise ändern, wäre das geeignetste Mittel, mit allem was dazugehört; oder er versucht über die Gewerkschaft zu einem besseren Recht zu kommen, das ändert aber nichts an der Rechnungsweise und daran, dass er weiterhin Mittel ist in ihr...
Jeder Schaden lässt sich erklären, jeder Zufall aufschlüsseln (so schwierig das ist und praktisch oft unnötig), Abstraktionen wie Glück, Scham, Aggressivität, Dummheit, Intelligenz uvm. sind keine Erklärungen, das sind nur Bilder die meinetwegen in der Kunst ihre Rolle spielen sollen, wo sie interesseloses Wohlgefallen erzeugen, aber beim Theoretisieren über Gründe und Wirkungen nur Unzulänglichkeiten bleiben und moralische Titel sind. Moralisches Denken bringt ein Interesse vor jeder Erklärung in die Wissenschaft und produziert dadurch Ideologien, weil die Ergebnisse der moralischen Haltung entsprechen müssen. Der Ausgangspunkt einer marxistischen Kritik ist die Feststellung eines Schadens und das Interesse den loszuwerden. Von dem Gefühl des eigenen Betroffenseins müsste man erst einmal zurücktreten, um zu einem sachlichen Ergebnis zu kommen, woher der Schaden stammt. Das hängt natürlich vom jeweiligen Schaden ab, vielleicht eine Lohnkürzung oder durchnässte Klamotten. Im ersten Fall kämen wir vielleicht zur Kritik der politischen Ökonomie mit allen praktischen Konsequenzen, im zweiten Fall stellen wir fest, gegen das Wetter lässt sich nicht viel unternehmen, Wetterbericht vielleicht, Regenschirm mitnehmen, aber das Wetter abschaffen wäre ein unsinniges Unternehmen. Auch der Tod lässt sich rationell nicht kritisieren, aber es gibt Wege ihn hinauszuschieben, das heißt auch Forschung, usw... Am Ende finde ich evtl. das geeignete Mittel um den Schaden beseitigen zu können. Das Ergebnis hat seinen Ausgangspunkt im Interesse den Schaden loszuwerden und nicht im Ziel ein höheres, moralisches Interesse zu rechtfertigen, das nicht vernünftig zu begründen geht, siehe Religion, u. ä. Der Schaden ist etwas handfestes, lässt sich quasi anfassen, ist sachlich schwer zu leugnen.
Ein kleiner Lektüretipp!