esse est percipi

Exebeche
In einem etwas moderneren Licht betrachtet bekommt Berkeleys verstaubter Satz eine neue Bedeutung.
Zu den tragenden Säulen menschlichen Bewusstseins scheint zu gehören, dass wir ein räumliches Selbstmodell von uns besitzen.
Unser Gehirn erzeugt permanent eine virtuelle Simulation unseres Körpers und berechnet dessen Verhalten voraus.
Wenn man etwa beabsichtigt sich über einen Felsüberhang zu beugen um in die Tiefe zu schauen simuliert unser Gehirn diesen Vorgang im Vorfeld vor Ausübung der Handlung.
Es gibt Vogelarten, die sich nachweislich im Spiegel erkennen, so dass man annimmt, dass diese ebenfalls solche Selbstmodelle besitzen.
Sie dürften von daher einen primitiven Vorläufer des Ich-Bewusstseins besitzen.
In meinem Gedanken gehe ich nun über die weitgehend anerkannten Aussagen hinaus, indem ich annehme, dass der Mensch sein Selbstmodell im Zuge zunehmender Komplexität stark abstrahiert hat.
Das soll heißen, dass dem räumlichen Selbstmodell zwischenzeitlich noch andere Eigenschaften anhängig sind, wie zum Beispiel der soziale Aspekt.
Der Mensch definiert sich weitgehend über sein soziales Selbstmodell und zwar um so mehr je jünger der Mensch ist.
Dieser Teil des Selbstmodells wird jedoch nicht aus einer Simulation erzeugt. Der Mensch fragt sich nicht nur "Wie nehme ich mich wahr?", sondern viel mehr fragt er sich "Wie nehmen andere mich wahr?"
Intuitiv erkennt der Mensch, dass die Fremdwahrnehmung einen konstituierenden Charakter für die tatsächliche Rolle in der Gemeinschaft hat.
Jemand der den Clown spielt erhält ein entsprechendes Feedback von der Gruppe, während jemand der in der Hackordnung an oberster Stelle stehen will das entsprechende Auftreten haben muss, der Anspruch muss sich in der Einschätzung der Gemeinschaft reflektiert finden.
Jemand der leicht verletzbar erscheint, wird sich anschließend in der entsprechenden Rolle wiederfinden.
Die Rollenzuweisung ist großenteils ein Feedbackprozess, aber die Festlegung erfolgt letztlich durch die Umwelt.
Wenn sie jemanden zum schmutzigen kleinen Außenseiter macht - etwa aufgrund von rassistischen Vorurteilen - dann hat dieser fast keine Chance sich von dieser Rolle zu befreien.
Eine Rolle, die ihm zugewiesen wird arbeitet der Mensch auch in sein Selbstmodell mit ein.
Wenn also ein Kind auf einer Brücke steht und den Autos zuwinkt, dann mag das einerseits dem narzisstischen Bedürfnis im Mittelpunkt zu stehen geschuldet sein (gewissermaßen der Instinkt sich soweit wie möglich aus dem Nest zu recken).
Auf der anderen Seite ist das Wahrgenommen werden aber ein wichtiger Bestandteil bei dem Aufbau des sozialen Selbstmodells, bei dem jede Reflektion ein Stück des Puzzles darstellt.
Aus diesem Grund richtet sich ein erheblicher Teil der Aufmerksamkeit von jungen Menschen darauf auf eine bestimmte Weise von der Umwelt wahrgenommen zu werden, und zwar im besten Fall so wie es der Idealvorstellung vom eigenen Selbstmodell entspricht.
Deshalb spielen Kleidung und Frisuren (überhaupt identitätverleihende Merkmale) in der Pubertät eine besonders große Rolle und lassen die Hahnenkämme mitunter in's Überdimensionale anschwellen.
(Aus dem gleichen Grund ist aber ein Erlebnis wie eine Vergewaltigung mehr als eine Körperverletzung.
Über die körperliche Gewalt hinausgehend verletzt dies die Integrität des Selbstmodells so drastisch, dass es zu dessen Zusammenbruch und damit zur Selbstaufgabe kommen kann.
Das Gleiche wenn die Würde eines Menschen gebrochen wird.)
Je weniger gefestigt sich ein Mensch in seiner gesellschaftlichen Rolle wahrnimmt, desto wichtiger ist die Wahrnehmung durch die Umwelt für die Definition des Selbstmodells.
Aus dem gleichen Grund drängt es Teenager vor Webcams und damit vor eine anonyme Weltöffentlichkeit, so wie es zerstrittene Paare vor die Fernsehkamera treibt.
Weil jeder die Absolution einer anonymen Öffentlichkeit für sich erhofft.
Eine Absolution von einer großen Menge hat natürlich ein entsprechend großes Potential.
Und wie gesagt hat diese Wahrnehmung auch einen tatsächlich Realität erzeugenden Charakter.
Insofern muss man hinter den manchmal übertrieben wirkenden Selbstdarstellungen (ob in Schminke oder in Handlungen) nicht nur Selbstfindung sondern auch Selbsterschaffung sehen.
Kai
Ich fand den Satz "esse est percipi" nie verstaubt. Er sagt ja nicht weniger, als dass Materie keine eigene Existenz hat, sondern nur Wahrnehmungsbündel ist. Die vielen aktuellen Formen des Konstruktivismus sagen im Prinzip nichts anderes. Dort ist Materie Bewusstseinsbündel. Das ist eine sehr interessante philosophische Hypothese.
Exebeche
Zitat:
Original von Kai
Die vielen aktuellen Formen des Konstruktivismus sagen im Prinzip nichts anderes. Dort ist Materie Bewusstseinsbündel.

Das kann ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen.
Beim Erlanger Konstruktivismus sehe ich das so nicht.
Und wenn es um den radikalen Konstruktivismus geht, würde ich sagen ganz im Gegenteil.
Nach dessen Verständnis schafft der Mensch sich seine eigene Realität in seinem Kopf, ohne aber die eigentliche Realität zu begreifen.
Zanderdan
Zitat:
Original von Exebeche
... die eigentliche Realität ...


Das ist, glaube ich, der entscheidende Gedanke, dass es hinter dem Wahrgenommenen noch eine "eigentliche" Realität gibt. Dagegen wendet sich Berkeley, genauer gegen die Vorstellung von einer Materie ohne Qualitäten, also einer Sache, von der Farbe, Geruch etc. abgezogen sind. Das, dachten einige, wäre die "eigentliche" Realität, Berkeley sagt, ganz vernünftig eigentlich: Quatsch, nach Abzug aller Qualität bleibt eigentlich nichts (inetressantes) mehr, es sei denn man postuliert dort unklare metaphysische Substanzen hinein. Soweit meine Erinnerungen ans esse est percipii. In deinen Ausführung scheint mir aber zwischen den Zeilen dieselbe Grundhaltung vorzuliegen, wie bei Berkeleys Gegnern, dass nämlich eigentlich die Realität eine andere ist, als was uns das Hirn vorgaukelt. So verstehe ich zumindest soclhe Termini wie "virtuelle Simulation" etc. Dein Punkt scheint zu sein: Wahrnehmung ist auch wichtig, obwohl sie von der "eigentlichen" Realität abweicht. Berkeley sagt in meiner Erinnerung: vergiss mal deine "eigentliche Realität" jenseits der Wahrnehmung. Mit Shakespeare gesagt: perception is reality. Dahinter steht nur eine Strohpuppe und die bilde ich mir ein auch hinter deinem Beitrag erkennen zu können.

Gruss
Exebeche
Zitat:
Original von Zanderdan
In deinen Ausführung scheint mir aber zwischen den Zeilen dieselbe Grundhaltung vorzuliegen, wie bei Berkeleys Gegnern, dass nämlich eigentlich die Realität eine andere ist, als was uns das Hirn vorgaukelt.

Ja, genau so will ich das verstanden wissen und ich bin froh, dass das gelungen ist, bzw. dass es Leser gibt, die so gründlich lesen, dass sie auch solche Hintergründe durchdringen.

Danke.
winken
Quirm
Zitat:
Original von Exebeche
In einem etwas moderneren Licht betrachtet bekommt Berkeleys verstaubter Satz eine neue Bedeutung.
Zu den tragenden Säulen menschlichen Bewusstseins scheint zu gehören, dass wir ein räumliches Selbstmodell von uns besitzen.
Unser Gehirn erzeugt permanent eine virtuelle Simulation unseres Körpers und berechnet dessen Verhalten voraus.
Wenn man etwa beabsichtigt sich über einen Felsüberhang zu beugen um in die Tiefe zu schauen simuliert unser Gehirn diesen Vorgang im Vorfeld vor Ausübung der Handlung.
Es gibt Vogelarten, die sich nachweislich im Spiegel erkennen, so dass man annimmt, dass diese ebenfalls solche Selbstmodelle besitzen.
Sie dürften von daher einen primitiven Vorläufer des Ich-Bewusstseins besitzen.In meinem Gedanken gehe ich nun über die weitgehend anerkannten Aussagen hinaus, indem ich annehme, dass der Mensch sein Selbstmodell im Zuge zunehmender Komplexität stark abstrahiert hat.


Warum ?!

Ich ziehe mal Schopenhauer ran:

"Daß die Erkenntniß von Ursache und Wirkung, als die allgemeine Verstandesform, auch sogar a priori den Thieren einwohne, ist zwar schon daraus völlig gewiß, daß sie ihnen, wie uns, die vorhergehende Bedingung aller anschaulichen Erkenntniß der Außenwelt ist:

will man jedoch noch einen besonderen Beleg dazu, so betrachte man z.B. nur, wie selbst ein ganz junger Hund nicht wagt vom Tische zu springen, so sehr er es auch wünscht, weil er die Wirkung der Schwere seines Leibes vorhersieht, ohne übrigens diesen besonderen Fall schon aus Erfahrung zu kennen.

Wir müssen indessen bei Beurtheilung des Verstandes der Thiere uns hüten, nicht ihm zuzuschreiben, was Aeußerung des Instinkts ist, einer von ihm, wie auch von der Vernunft, gänzlich verschiedenen Eigenschaft, die aber oft der vereinigten Thätigkeit jener Beiden sehr analog wirkt."


Hier braucht es doch "nur" Verstand, nach der Schopenhauerrischen Def. Ein "ICH" ist nicht, oder gar begriffsreflexive Vernunft (welche die Voraussetzung für ein "ICH" ist, so wie wir es kennen; ohne Begriffe bleibt der Mensch im Status eines Tieres), wie sie hier dargestellt wird

Zitat:

"Dieser Teil des Selbstmodells wird jedoch nicht aus einer Simulation erzeugt. Der Mensch fragt sich nicht nur "Wie nehme ich mich wahr?", sondern viel mehr fragt er sich "Wie nehmen andere mich wahr?""


Ist nicht im geringsten dafür nötig; siehe Hundebsp.
Von daher meine ich im Text ein plötzlichen Kategoriensprung wahrzunehmen; welcher mir nicht ganz schlüssig erscheinen will.

Das Einzige, was ich hier mir vorstellen könnte, dass die räumliche Antizipation sich in höherer Potenz in der Begriffsebene wieder findet (ohne Ich aus A priori gegebenen) , so dass das Muster auf einer höheren Stufe sich wiederholt.

Nachtrag:

Zum oben gesagten möchte ich noch den subjektiven Eindruck von mir hier wieder geben, also die Resonanz die der Text bei mir angestoßen hat:

Das Kreuz des Menschen ist die Begrifflichkeit. D.h. Das erkennen erfolgt durch den Filter der Begriffe, welche die Vorstellungen von Vorstellungen sind und damit eigentlich schon doppelt soweit weg sind, wie die anschaulichen Vorstellungen.
Nun sucht der Mensch nicht nur das Erkennen bei sich, sondern fordert auch die AnERKENNUNG seiner Artgenossen, so dass er erkennt wenn er erkannt wird. Und daruaf läuft es am Ende hinaus; fällt diese AnERKENNUNG weg, so ist dem Menschen in den meisten Fällen nicht mehr zu helfen, von Emanzipation von dieser Bedingugne kann nicht im entferntesten die Rede sein.
gbg
Hallo Exebeche.

@ alle

Könnte man nicht auch mit dem Buddhismus sagen dass wie die Wesen keine Seelen haben also ohne etwas mit den Sinnen wahrnehmbares dahinter sondern in Anlehnung an den Buddhismus Bündel aus Erinnerungen Gefühlen Gedanken usw. sind so auch alles andere ohne festen Grund ist.

Der eigentliche Grund liegt ja laut Buddhismus hinter den "Erscheinungen" in der Buddhaheit also in der Leerheit frei vom Selbst die uns allen gemeinsam ist.

L.G. gbg
Exebeche
Zitat:
Original von Quirm
Ein "ICH" ist nicht, oder gar begriffsreflexive Vernunft (welche die Voraussetzung für ein "ICH" ist, so wie wir es kennen; ohne Begriffe bleibt der Mensch im Status eines Tieres),


Ja, neben Bewusstsein und Intentionalität ist Sprache eine der tragenden Säulen des Ich, wenn man nach der Philosophie des Geistes geht.
Hier jedenfalls finde ich deine begriffsreflexive Vernunft wieder, und ich halte große Stücke auf die Philosophie des Geistes.
Nun hat die Philosophie des Geistes ihr eigenes Modell vom menschlichen "Geist", das relativ weit trägt, aber auch Fragen offen gelassen hat.
So ist das mit den Modellen, sie alle tragen bis zu einem gewissen Punkt, und das liegt nicht (zwingend) daran, dass sie unvollständig sind, sondern einfach daran, was sie beleuchten.
Ähnlich verhält es sich mit Freud, sein Modell vom Menschen mit Überich und Es gilt als veraltet, aber es ist grundsätzlich noch genau so richtig wie eh und je.
An einem gewissen Punkt hat es eben nicht mehr getragen und dann waren neue Modelle fällig.
Genau so verhält es sich mit Aristoteles und Platon, vieles ist genau so gültig wie vor tausenden Jahren, aber die Modelle sind für die heutigen Fragen nicht mehr ausreichend.
Und das Gleiche gilt eben für Schopi.
Das Modell auf das ich mich beziehe ist vermutlich eines der modernsten (Stand 2010), was es nicht automatisch zu etwas Besserem macht, aber es ist augenblicklich eines der tragfähigsten.
Ich gebe mir hiermit die Blöße und sage, dass ich mich gerne als biologistischer Reduktionist beschimpfen lasse, denn es beruht auf weitgehend hirnphysiologischen Erkenntnissen oder noch genauer dem Modell von Thomas Metzinger, der sich weitgehend auf solche bezieht.
Einen kleinen Crashkurs kann man sich hier
"Der Ego-Tunnel" - Das Bewusstseins-Modell von T. Metzinger
anhören, wen's interessiert.
Du wirst feststellen, dass sich da einiges getan hat. So ist bspw. die Frage was den Mensch vom Tier unterscheide gänzlich in den Hintergrund gerückt.
Das klassische "ICH" wird eigentlich von der Hirnforschung heute weitgehend in Frage gestellt, um nicht zu sagen gänzlich gekippt, und ironischerweise kann man behaupten, dass einige Erkenntnisse der Hirnforschung spezielle fernöstliche Vorstellungen, namentlich den Buddhismus direkt bestätigen.
(@gbg sorry hab den Satz so nicht verstanden)
Kai
Zitat:
Original von Exebeche
Zitat:
Original von Kai
Die vielen aktuellen Formen des Konstruktivismus sagen im Prinzip nichts anderes. Dort ist Materie Bewusstseinsbündel.

Das kann ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen.
Beim Erlanger Konstruktivismus sehe ich das so nicht.
Und wenn es um den radikalen Konstruktivismus geht, würde ich sagen ganz im Gegenteil.
Nach dessen Verständnis schafft der Mensch sich seine eigene Realität in seinem Kopf, ohne aber die eigentliche Realität zu begreifen.

Die Grundaussage des Konstruktivismus: wir Menschen, genauer noch der jeweilige einzelne Mensch konstruiert seine Welt. Die Welt, in der er sich erlebt, wird von ihm nicht etwa vorgefunden, sondern er erschafft sie in seinem Bewusstsein. Die Welt, die der Einzelne hat, ist Bewusstseinsbündel. Ob es darüber hinaus noch eine andere Welt gibt, eine "wirkliche" oder "echte", und wenn, wie diese beschaffen ist, wird von verschiedenen Konstruktivisten unterschiedlich beurteilt. Der Konstruktivismus wird schon von verschiedenen Autoren, Professoren unterschiedlich dargestellt. Und so mancher Konstruktivist ist unter dem Feuer der Kritik von all zu unrealistischen Vorstellungen abgerückt. Z. B. eben von der Vorstellung, dass es unabhängig vom subjektiven Weltbild nichts gibt.

Auch aus Sicht der modernen Naturwissenschaft ist die Welt, in der der Einzelne sich erlebt, Bewusstseinsbündel. Bloß nach Auffassung der modernen Naturwissenschaft gibt es eine von unserem Bewusstseinsbündel unabhängige energetisch-materielle Welt, die für sich allein allerdings weit von dem entfernt ist, was wir als Welt erleben.
Exebeche
Zitat:
Original von Kai
Die Grundaussage des Konstruktivismus: wir Menschen, genauer noch der jeweilige einzelne Mensch konstruiert seine Welt.

Ja.

Zitat:
Original von Kai
Die Welt, in der er sich erlebt, wird von ihm nicht etwa vorgefunden, sondern er erschafft sie in seinem Bewusstsein.

Ja.

Zitat:
Original von Kai
Die Welt, die der Einzelne hat, ist Bewusstseinsbündel.

Was um alles in der Welt soll ein Bewusstseinsbündel sein? Lässt sich das lokalisieren?

Zitat:
Original von Kai
Ob es darüber hinaus noch eine andere Welt gibt, eine "wirkliche" oder "echte", und wenn, wie diese beschaffen ist, wird von verschiedenen Konstruktivisten unterschiedlich beurteilt.

Allerdings nicht von Vertretern des sog. "radikalen Konstruktivismus", wie es Luhmann und von Foerster waren.
Hier wird das Vorhandensein einer beobachterunabhängigen Realität vorausgesetzt. Unterschiedslos.

Insofern kannst du schon sagen, dass es einzelne Vertreter von Konstruktivismus gab, die exotische Meinungen vertraten, von denen sie dann teilweise wieder abgerückt sind, das passt schon. Aber das hört sich doch schon ganz anders an als:

Zitat:
Original von Kai
Die vielen aktuellen Formen des Konstruktivismus sagen im Prinzip nichts anderes. Dort ist Materie Bewusstseinsbündel.

Sorry wenn ich da wieder mal ein Pedant bin, aber ich fühle mich eben ein bisschen dem radikalen Konstruktivismus verpflichtet, und da kann ich so etwas nicht stehen lassen.
Verena
Zitat:
Original von Exebeche
Zitat:
Original von Kai
Ob es darüber hinaus noch eine andere Welt gibt, eine "wirkliche" oder "echte", und wenn, wie diese beschaffen ist, wird von verschiedenen Konstruktivisten unterschiedlich beurteilt.

Allerdings nicht von Vertretern des sog. "radikalen Konstruktivismus", wie es Luhmann und von Foerster waren.
Hier wird das Vorhandensein einer beobachterunabhängigen Realität vorausgesetzt. Unterschiedslos.

?

In Bezug auf Luhmann wundert mich deine Feststellung etwas - könntest du dafür mal ein Zitat bringen?
Bis dahin ein Zitat von mir:
"Luhmann akzeptiert die erkenntnistheoretischen Grundannahmen der konstruktivistischen Denkweise, der zufolge der Prozess des Erkennens keine erkenntnisunabhängigen Realität bestehe, sondern im Erkenntnisprozess Wirklichkeit unter den eigenen Bedingungen konstruiert wird."
http://de.wikipedia.org/wiki/Systemtheorie_%28Luhmann%29
Exebeche
Zitat:
Original von Verena
In Bezug auf Luhmann wundert mich deine Feststellung etwas - könntest du dafür mal ein Zitat bringen?
Bis dahin ein Zitat von mir:
"Luhmann akzeptiert die erkenntnistheoretischen Grundannahmen der konstruktivistischen Denkweise, der zufolge der Prozess des Erkennens keine erkenntnisunabhängigen Realität bestehe, sondern im Erkenntnisprozess Wirklichkeit unter den eigenen Bedingungen konstruiert wird."
http://de.wikipedia.org/wiki/Systemtheorie_%28Luhmann%29



Hallo Verena
Die Herausforderung nehme ich doch gerne an.
Der zitierte Satz ist ja schon grammatikalisch falsch und inhaltlich sieht es nicht viel besser aus.
Das geht nicht gegen dich, aber es zeigt doch wieder symptomatisch den bedauerlichen Niedergang dieser Online-Enzyklopädie.

Die Quellenlage ist sozusagen erdrückend, man muss nur bei Luhmann genau hinschauen wie sich hier zeigt:

Damit wird die These von der Konstruktivität von Wirklichkeit(en) nicht nur als Konsequenz der Beobachterabhängigkeit gedeutet, sondern in die allgemeine These umformuliert, dass es keine systemunabhängig objektivierbare ontologische Realität gibt, sondern so viele Wirklichkeiten, wie es Systeme gibt, die zu beobachten in der Lage sind. In diesem Zusammenhang verweist Luhmann (im Anschluss an von Foerster) immer wieder darauf, dass es für Unterscheidungen, Beobachtungen und deren Bezeichnungen keine Korrelate in der Umwelt gibt. Damit, so Luhmann, wird nicht etwa die Realität der Außenwelt bestritten, sondern lediglich festgehalten, dass Unterscheiden und Benennen systemrelative Operationen sind, die weder Realität noch Information in ein System "hineinholen". Der operative Einsatz von Unterscheidungen ist vielmehr im Moment des Gebrauchs "blind". Luhmann betont aber mit allem Nachdruck, dass kein Zweifel daran bestehen kann, dass die Außenwelt existiert und ein wirklicher Kontakt mit ihr möglich ist als Bedingung der Wirklichkeit der Operationen des Systems selbst (vgl. Luhmann 1990 f.:40). Auch bestehe kein Zweifel daran, dass erkennende Systeme wirkliche, beobachtbare, empirische Systeme in einer wirklichen Welt sind. "Sie könnten ohne Welt gar nicht existieren und auch nichts erkennen. Die Welt ist ihnen also nur kognitiv unzugänglich" (Luhmann 1990 f.:41).
("Die Wirklichkeit der Medien: eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft" Klaus Merten,Siegfried J. Schmidt,Siegfried Weischenberg, S.8 )




Zum Unterstreichen hier noch etwas (http://www.brock.uni-wuppertal.de/cgi-bi...=Selbstreferenz) :
Demnach sind die Beobachter zwar blind für ihren blinden Fleck, aber nicht für ihre konsensuelle Realität. Infolgedessen sind nach Luhmann erkennende Systeme wirkliche (empirische, weil beobachtbare) Systeme in einer wirklichen Welt.15 Die Welt ist eine Welt der unterschiedlichen Beobachter und der unterschiedlichen, aber gegeneinander grundlegend gleichwertigen Standpunkte.

Und hier (http://haftendorn.uni-lueneburg.de/u1/gy...hmlesehilfe.htm) :

Das, was wir "Welt" nennen, existiert nach Luhmann nicht objektiv als Realität. Die "Welt" sei als Ganzes ein unerkennbares Gewirr aus Materie, Bewegungen , Veränderungen, physikalischen Energieströmen, Schallwellen usw. Erkennbar werden Einzelheiten nur durch Abgrenzungen und Unterscheidungen, durch die sich ein lebendes System in dieser Welt als solches selbst setzt und autopoietisch (von griech. poiesis: Erzeugung, Herstellung) ständig erhält. Das lebende System ist zwar nicht selbstschöpferisch (authypostatisch), da es z.B. aus Materiebausteinen besteht, die es nicht selbst hervorgebracht hat. Aber indem sich das System von der Umwelt abgrenzt, lässt diese Operation ein System und seine Umwelt "entstehen". Erst durch diese Unterscheidung "gibt" es das System und die Umwelt. (Einzelne Systeme sind jeweils füreinander auch Umwelt.). Das System kann dadurch aber die "Wirklichkeit" nicht mehr erreichen, das heißt, es ist operativ geschlossen.
Nauplios
Nur am Rande: der Wiki-Artikel über "Systemtheorie" ist hinsichtlich des Abschnitts "Erkenntnistheoretische Voraussetzungen" in der Tat mit Vorsicht zu genießen. Darin heißt es u.a.

"Des Weiteren macht Luhmann eine erkenntnistheoretische Setzung, indem er sagt, „dass es Systeme gibt“.[3] Diese Setzung ist als ontologisch aufzufassen." -

Daß Luhmann damit gerade keine ontologische Setzung macht, wird u.a. in einem Aufsatz von Luhmann näher ausgeführt: "Erkenntnis als Konstruktion". - Zwinker

Luhmann verdankt dem sog. radikalen Konstruktivismus natürlich sehr viele Anregungen. - In Abgrenzung von diesem radikalen Konstruktivismus spricht er aber von einem "operativen Konstruktivismus". - Der entsprechende Wiki-Artikel zum operativen Konstruktivismus ist da schon - konstruktiver.
Philippos
Was ist eigentlich das Thema dieser Diskussion: "Bewusstsein", "Geist", "Selbstbewusstsein", "Ich", "Selbst"...?
Ich lese alle möglichen kühnen Thesen und Zitate, es werden theoretische Positionen angerissen, und es scheint inzwischen hauptsächlich mal wieder um die Realität einer "Außenwelt" zu gehen...


Ich schlage vor, erst einmal die Fragestellung zu präzisieren, ganz im Sinne der einleitenden Worte von Th. Metzinger in seinem Radiovortrag, der hier als Referenztext genannt wurde:

"Eine seriöse philosophische Untersuchung muss nämlich ein wohldefiniertes epistemisches Ziel besitzen. Das bedeutet, dass wir bereits am Anfang in der Lage sein sollten, deutlich zu sagen, was wir eigentlich wissen wollen, was genau das Erkenntnisziel der Überlegungen sein soll."

Metzinger geht es um "das Bewusstsein" oder - wie er auch gern sagt - um das "phänomenale Bewusstsein". Aber er gibt selbst zu, dass dieser "Gegenstand" schwer zu fassen sei:

"Das philosophische Problem des Bewusstseins besteht zum Teil darin, dass bereits dieser erste Schritt besonders schwer ist: Was genau ist es eigentlich, das wir wissen wollen? Worin genau besteht das Problem des Bewusstseins?"

Wenn dies nicht eine Diskussion über "Gott und die Welt" werden oder bleiben soll, müssen wir trotz der Schwierigkeiten versuchen, wenigstens eine vorläufige Präzisierung des Themas vorzunehmen.
Exebeche
Hallo Phillipos,
ich dachte, weil das ein offenes Forum ist, kann man schon mal einen Schlenker machen, aber es ist schon ok, wenn jemand auf das Thema zurücklenkt. Zwinker
(Trotzdem möchte ich noch Nauplios für seinen Beitrag danken.)
Ich denke, die von dir zitierte Frage was genau wir wissen wollen wird uns bis zum Ende begleiten, wenn ein solches zu erreichen ist, weil wir sie immer wieder von neuem stellen müssen.
Mit jeder neuen Erkenntnis stellen sich die Fragen nämlich neu.
So etwa ist die Frage was unser Bewusstsein sei heute nicht mehr äquivalent zu der Frage, was uns vom Tier unterscheide.
Letztere hat heute etwas geradezu archaisches.
Mir persönlich ging es darum einen Gedanken zu der aktuellen Überlegung beizutragen, nämlich:
1.) Es gilt als einigermaßen gesichert, dass das menschliche Gehirn eine räumliche Simulation des Körpers erzeugt, welche als Selbstmodell bezeichnet wird.
2.) Meine (nicht gesicherte) Behauptung ist, dass wir auch ein soziales Selbstmodell besitzen. Dieses beinhaltet unsere soziale Selbstwahrnehmung, also welchen Status in der Gesellschaft wir uns selbst zuschreiben würden.
Ich behaupte weiterhin, dass das menschliche Ich sich so stark durch seine Beziehung zu den Mitmenschen definiert, dass ein Verlust dieses sozialen Selbstmodells zur Selbstaufgabe führen kann.

Das liefert natürlich keine vollständige Erklärung des Bewusstseins. Ohnehin ist man inzwischen davon abgerückt das Bewusstsein als Einheit zu betrachten.
Aus Sicht der Hirnforschung sieht es ja so aus, als ob unterschiedliche Hirnbereiche im Widerstreit liegen können.
Und das kann bekanntlich jeder aus persönlicher Erfahrung bestätigen.

Den Titel habe ich aus Spieltrieb gewählt, weil ich es faszinierend finde den Funken Wahrheit aufzuspüren, der in alten Märchen steckt.
Philippos
Hallo exebeche,

ich habe ja gewisse Probleme mit dem Begriff "Bewusstsein". Was bedeutet er? Wenn aber nicht geklärt ist, was wir damit meinen, wissen wir auch gar nicht, wovon eine Theorie über dieses X eigentlich handelt und was sie "erklärt". Es mag etwas pingelig wirken, wenn ich daran erinnere, dass Theorien aus Sätzen bestehen, die, bevor sie irgendetwas in der Welt "erklären" können, erst einmal einen verständlichen, allgemein nachvollziehbaren Sinn aufweisen müssen.

Was also meinen wir mit "das Bewusstsein"? Ist es ein Eigenname für einen individuellen Gegenstand? Oder ist es ein Klassenbegriff, der sich auf eine abzählbare Menge gleichartiger individueller Gegenstände - nämlich "die Bewusstseine" - anwenden lässt? Ich glaube, wir können schnell zumindest schon einmal darüber einig werden, dass "Bewusstseine" keine empirischen Gegenstände "in der Welt" sind. (Wer anderer Ansicht ist, soll mir bitte ein Bewusstsein zeigen oder den Ort und die Zeit angeben, wo ich einem solchen Ding begegnen könnte.)

Ich schlage vor, die Substantivierung von "bewusst sein" - womit eigentlich eine Art und Weise des Seins bezeichnet wird, nämlich in Abgrenzung von bewusstlosem oder unbewusstem oder "abwesendem" Sein - als einen Reflexionsterminus aufzufassen. Ein Reflexionsterminus bezeichnet keine Gegenstände, sondern er wird in einer metasprachlichen Verständigung über objektsprachliche Sätze gebraucht, zwischen denen eine gewisse sachliche Verbindung besteht.
Aber worauf beziehen sich dann in unserem Fall diese objektsprachlichen Sätze, die wir unter dem Sammelbegriff "Bewusstsein" zusammenfassen? Es sind bewusste Zustände, Episoden, Akte und Dispositionen von Individuen. Von denen lässt sich ziemlich unproblematisch und recht konkret sprechen. Eine gründlich überlegte Entscheidung, ein konzentrierter Aufschlag beim Tennis, das aufmerksames Lernen oder Beobachten, das Haben eines Gefühls oder einer Stimmung - dergleichen sind vertraute, individuell zurechenbare und eigentlich wenig geheimnisvolle Erfahrungen und Vollzüge. Die verbreitete Ansicht, dass es sich bei bewussten Erlebnissen und Vollzügen um irgendwie mysteriöse Dinge handelt, weil sie angeblich "privat" und nur "introspektiv" zugänglich seien, halte ich (mit Wittgenstein und Ryle) für unbegründet. Mysteriös werden sie nur durch eine verschrobene Betrachtungsweise.

So wäre es z.B. verschroben, Bewusstsein als eine Art von Gegenstand zu verstehen, den es neben oder zusätzlich zu Gefühlen, Urteilen, Entscheidungen, Handlungen, Erfahrungen usw. noch irgendwo geben könne und über den sich folglich eine empirische Theorie aufstellen lasse. Das ist ungefähr so, als hätte jemand von dem außerordentlichen "Teamgeist" von Schalke 04 gehört und hielte dann beim nächsten Spiel dieser Mannschaft nicht nur Ausschau nach den 11 Spielern, sondern suchte verzweifelt auch noch nach dem Teamgeist, der sich doch irgendwo auf dem Platz befinden müsse... (Das Beispiel ist von Gilbert Ryle.)


Fazit: In gewissen Grenzen halte ich es durchaus für sinnvoll, den Ausdruck "Bewusstsein" zu gebrauchen. Diese Grenzen sind aber klar überschritten, wenn man darunter einen (womöglich empirischen) Gegenstand oder eine Klasse von Gegenständen meint verstehen zu müssen.
Grenzwertig wäre es, wenn man von der "Einheit des Bewusstseins" spricht. Denn das legt die Vorstellung nahe, als sei Bewusstsein eben doch eine Entität. Unproblematisch ist es m.E. dagegen, wenn man von der Einheit einer Person spricht, denn damit meint einerseits die unverwechselbare und kontinuierliche Identität eines Individuums und andererseits durchgängige Haltungen, Charaktereigenschaften, Wertungen, Handlungsweisen..., die diesem Individuum eine gewisse zeitlich erstreckte Konsequenz oder Konsistenz verleihen.

So weit erst mal.


Gruß,
Ph.
Zanderdan
Hallo Philippos,

merkwürdig, oder nicht, den Gegenstand in dispositive Merkmale zu zerlegen, gleichzeitig aber zu behaupten, er sei nicht empirisch und könne nirgends angetroffen werden? Der Witz an Ryle ist doch: das empirische, das was angetroffen werden kann, zB das Verhalten, das ist der Gegenstand und nichts außerdem. Vielleicht hattest du das auch sagen wollen. Exe war glaube ich schon einen Schritt weiter, indem er sich fragt: Dispositionen schön und gut, aber welche? Da legt er nun das Berkeleyzitat ins Prokrustesbett und heraus kommt: entscheidendes Merkmal des Bewusstseins ist nicht die übliche Intelligenznummer à la Turingtest, sondern die Konstitution eines Selbstbilds; das Bewusstsein als eine Art konstruktiver Spiegel, wie Margrittes Verbotene Rekonstruktion, der die Welt nicht bloß verdoppelt, sondern dabei selbstbildhauerisch bearbeitet. Mal der Versuch einer Analogie: Ryle sagt so ungefähr, es gibt nur die Worte und nicht darüber hinaus noch eine Geschichte; Exe: schön, aber nicht alle Worte fügen sich ja zu einer Geschichte, wann tun sie es?
Gruss
Fritz
Auf den vorliegenden Thread bin ich wegen seines Titels gestoßen, weil ich mich in einem anderen Forum mit "esse est percipi" beschäftige. Obwohl inzwischen deutlich geworden ist, dass es hier in Wirklichkeit um ein ganz anderes und ebenfalls interessantes Thema geht, möchte ich doch noch eine kleine Anmerkung zu Berkeley machen. In meinem Philosophischen Wörerbuch von Halder aus dem Herder-Verlag habe ich die Ansicht vertreten gefunden, für den redikal - subjektivistischen Idealismus von Berkeley seien "im eigentlichen Sinne wirklich" ... "die vorstellenden seelisch - geistigen Wesen." Ihr Wahrnehmen werde also nicht durch wirkliche Dinge selber verursacht. Das Prinzip der Verbundenheit im Vorstellen und damit der wahrgenommenen gemeinsamen Welt, sei allein der unendliche göttliche Geist.

Meine Interpretation: Es gibt auch eine "uneigentliche" Wirklichkeit und es gibt die "wirklichen Dinge", mögen diese auch nicht das Wahrnehmen verursachen. (In diesem letzteren Punkt kann man Berkeley m.E. sogar zustimmen. Ursächlich für die Wahrnehmung sind nur Sinne und Gehirn. Die "Dinge" sind als Gegenstände der Wahrnehmung lediglich ihre Voraussetzung.)

Ist es nicht so, dass man die Theorie, es gebe keine Welt, alles sei nur erträumt, Solipsismus nennt?

Mit der eigentlichen Aussage von Exebeche will ich mich noch näher beschäftigen. Mein erster Eindruck, in eine vorläufige These gefasst, ist, dass die soziale Komponente im Gegensatz zu derjenigen des Raumes nicht zum Kernbereich des Bewusstseins gehört, sondern zu dem, was das Bewusstsein (genauer: das Gehirn) konkret und individuell als Selbstmodell hervor bringt.
Philippos
Hallo Zanderdan!

Zitat:
Original von Zanderdan
Hallo Philippos,

merkwürdig, oder nicht, den Gegenstand in dispositive Merkmale zu zerlegen, gleichzeitig aber zu behaupten, er sei nicht empirisch und könne nirgends angetroffen werden?


Moment! Ich wollte nicht den Gegenstand "Bewusstsein" zerlegen, sondern die - abstrahierende, generalisierende und reflektierende - Rede von "Bewusstsein" analysieren. Diese Rede sei, so sagte ich, eigentlich keine objektsprachliche Bezugnahme auf einen Gegenstand "Bewusstsein". Einen solchen Gegenstand gebe es gar nicht. Was es aber sehr wohl gibt, sind bewusste Erfahrungen, Gefühle, Akte, Dispositionen von Individuen; darauf kann man sich ziemlich unproblematisch mit einer Objektsprache beziehen (wie wir es in der Umgangssprache ja auch tun, ohne dabei Verwirrung zu stiften). Und wenn wir uns darauf verständigen können, unter "Bewusstsein" immer diese Fülle von konkreten Phänomenen im menschlichen Zusammenleben zu meinen, dann bin ich auch zufrieden.


Zitat:
Der Witz an Ryle ist doch: das empirische, das was angetroffen werden kann, zB das Verhalten, das ist der Gegenstand und nichts außerdem. Vielleicht hattest du das auch sagen wollen.


Ich hatte sagen wollen, dass "bewusst" eine Art und Weise individueller Lebensvollzüge - Erfahrungen, Gefühle, Akte usw. - sei und nichts anderes. Auf diese (bewussten) Lebensvollzüge können wir uns in einer Objektsprache ebenso beziehen wie auf dumme oder intelligente Handlungen oder angemessene oder übertriebene Gefühlsbekundungen.

Der "Witz" an Ryles kritischen Analysen ist ungefähr dieser: Wenn ich z.B. die Intelligenz einer Person - oder sogar meine eigene Intelligenz - erkennen möchte, dann schaue ich worauf? Na, auf die Handlungen und Äußerungen dieser Person. Ich versuche mitnichten, dieser Person in die "Seele" oder den "Geist" zu schauen, ja ich brauche auch kein EEG seiner Gehirntätigkeit dazu. Auch meine eigene Intelligenz erkenne ich letztlich an meinen Handlungen und ihrer Bewertung durch andere intelligente Personen. Einen irgendwie von den intelligenten Handlungen und Äußerungen abgetrennt wesenden Gegenstand "Intelligenz", den ich etwa durch "Introspektion" entdecken könnte, gibt es nicht. Analog, so mein Vorschlag, sollten wir auch die Sache mit dem "Bewusstsein" betrachten.

Zitat:
Exe war glaube ich schon einen Schritt weiter...


Ja, und zwar m.E. zu weit. Denn er trägt schon munter erklärende Thesen über die Entstehung des Bewusstseins vor, ohne dass klar wäre, wovon eigentlich die Rede ist.

Ich kann ja mal andeuten, warum ich solchen Wert auf diesen ersten Schritt - die Klärung des Phänomens - lege:
Mir ist wichtig, dass wir Bewusstsein nicht von vornherein schon in einer verkürzten oder einseitigen Weise in den Blick nehmen. So wird aber von Theoretikern gern verfahren, damit sie das Phänomen reibungslos aus der von ihnen vorgeschlagenen Erklärung ableiten können. Dagegen gilt es doch, auch umgekehrt eine vorgeschlagene Erklärung am Phänomen zu überprüfen. Denn das Phänomen tritt ja unabhängig von den Theorien auf, die es zu erklären versuchen. Und in dieser Unabhängigkeit sollten wir es auch erst einmal zur Kenntnis nehmen.
Philippos
Da Exebeche den Radiovortrag "Was ist das Bewusstsein?" von Thomas Metzinger als Referenztext angegeben hat, will ich mal näher auf diesen Text eingehen. Daran kann man m.E. gut sehen, dass die "Probleme" mit dem Bewusstsein, die Metzinger hat, zum guten Teil aus seinen eigenen erkenntnistheoretischen Voraussetzungen und methodisch-begrifflichen Unklarheiten entstehen.

Ich zitiere sein erstes Gedankenexperiment:

Zitat:
Nehmen wir einmal an, auf unserem Planeten würden außerirdische Wesen landen, die uns freundlich gesinnt sind und sogar ein Interesse an der Kommunikation mit uns Menschen hätten. Natürlich müssten wir, da diese Wesen das Problem des überlichtschnellen Reisens gelöst hätten, davon ausgehen, dass sie uns in wissenschaftlicher und möglicherweise auch in philosophischer Hinsicht extrem überlegen sind. Der Sprecher der Außerirdischen aber berichtet uns von einem Problem: „Es gibt etwas, das wir nicht verstehen. Wir können Eure Körper und Eure Gehirne auf jeder beliebigen Beschreibungsebene erschöpfend erfassen,“ sagt der extraterrestrische Besucher. „Wir wissen, wie Eure Gehirne aus der Evolution auf diesem Planeten entstanden sind, wir können Eure funktionalen Eigenschaften und den Informationsfluss in Eurem Nervensystem mit einer fast beliebigen Genauigkeit beschreiben und vorhersagen. Auch Eure repräsentationalen Zustände, die Inhalte Eurer kognitiven Prozesse und Eures Selbstmodells geben uns keinerlei Rätsel mehr auf – und sogar das aus diesen Zuständen resultierende Verhalten können wir mit großer Zuverlässigkeit vorhersagen. Ihr jedoch habt Ausdrücke in Eurer Sprache, die wir nicht besitzen: Worte wie „Bewusstsein“, „Erleben“ oder „subjektives Empfinden“. Wir selbst haben all das nicht, und wir können auch nicht verstehen, worauf ihr Euch damit bezieht. Wir haben komplexe repräsentationale Zustände in unserem Geist, genau wie Ihr, aber keine bewussten Erlebnisse; wir sind intelligent und besitzen wesentlich mehr Wissen über die Welt und uns selbst als Ihr, aber so etwas wie „subjektive Empfindungen“ – oder das, was Euch anscheinend so wichtig ist, und was Ihr „Erlebnisse“ oder „die Innenperspektive“ nennt – haben wir nicht. Für uns ist es deshalb vollkommen unverständlich, was Ihr mit dem Ausdruck „Bewusstsein“ eigentlich meint, denn wir benötigen diesen Begriff weder um unser eigenes, noch um Euer Verhalten vorherzusagen. Wir wären Euch deshalb sehr dankbar, wenn Ihr eine Delegation Eurer besten Philosophen zu unserem Raumschiff schicken könntet, damit sie mit unseren Philosophen das Problem genauer erörtern können.“

Eine solche Einladung würde die irdischen Philosophen aus einer ganzen Reihe von Gründen in Schwierigkeiten bringen. Wenn man nämlich über das Problem des phänomenalen Bewusstseins spricht, dann interpretiert man den Ausdruck „bewusst“ immer als ein einstelliges Prädikat, das sich auf eine primitive und nicht weiter analysierbare Eigenschaft von einzelnen geistigen Zuständen oder ganzen Personen bezieht. Was heißt jetzt das? Worum es geht, ist nicht Bewusstsein von etwas, sondern die Bewusstheit als solche. Es existiert aber keine nicht-zirkuläre Definition für diesen Begriff des phänomenalen Bewusstseins. In diesem Sinne scheint die Bewusstheit eine primitive Eigenschaft geistiger Zustände zu sein, die begrifflich irreduzibel ist, weil sie sich nicht einfach in ein Netz von Beziehungen zwischen Entitäten auf einer tiefer liegenden Beschreibungsebene auflösen lässt, einer Ebene zum Beispiel, die sich auf das Gehirn oder die in ihm ablaufende Informationsverarbeitung bezieht. In anderen Worten: Wir können das epistemische Ziel nicht genau benennen, weil wir den Begriff des phänomenalen Bewusstseins (das „Analysandum“) nicht definieren können. Dann aber wird es uns auch schwer fallen, genauer zu sagen, was überhaupt als eine erfolgreiche empirische Erklärung des Phänomens Bewusstsein (also des „Explanandums“) gelten würde. Wir hätten deshalb Schwierigkeiten, den außerirdischen Philosophen zu erklären, wovon wir eigentlich sprechen, wenn wir über unsere bewussten Erlebnisse und die für uns so offensichtliche Tatsache sprechen, dass wir so etwas wie eine subjektive Innenperspektive besitzen.


Ob wohl Th.Metzinger, der sich dieses Gedankenexperiment ausgedacht hat, zu jener Delegation unserer "besten Philosophen" gehören würde, die den Außerirdischen auf die Sprünge helfen könnten? Ich bezweifle es, offen gestanden. Denn gute Philosophen wären in der Lage, das Sprachproblem der Außerirdischen mit etwas differenzierteren sprachphilosophischen Mitteln anzugehen als denen, die Metzinger zu Gebote stehen.

Metzinger scheint jedenfalls keine Sekunde daran gedacht zu haben, den logischen Weg zu rekonstruieren, auf dem wir Menschen zu den fraglichen Ausdrücken - "Bewusstsein", "Erleben", "Erlebnis", "subjektives Empfinden" - überhaupt gekommen sind. Wenn wir selbst diese Ausdrücke verstehen können, dann doch wohl deshalb, weil wir sie in bestimmten Kontexten als sinnvolle Ausdrücke zu verwenden gelernt haben. Was läge also näher, als den Außerirdischen diesen Lernprozess mit seinen notwendigen methodischen Schritte darzulegen? Wenn WIR, die so viel dümmer sind als die Aliens, diese Ausdrücke auf diesem Weg erlernen konnten, müsste das für SIE doch ein Klacks sein!

Da aber Metzinger auf diese einfache Methode nicht zu kommen scheint - für die es überdies genügend Beispiele in der irdischen philosophischen Literatur gibt; Metzinger brauchte sie bloß gelesen zu haben -, scheidet er für mich schon mal als Kandidat für die philosophische Delegation aus. Er würde unserem Stand keine Ehre machen.
großes Grinsen

Außerdem sind seine sprachlichen Erläuterungen im zweiten zitierten Absatz Quark:

Zitat:
Wenn man nämlich über das Problem des phänomenalen Bewusstseins spricht, dann interpretiert man den Ausdruck „bewusst“ immer als ein einstelliges Prädikat, das sich auf eine primitive und nicht weiter analysierbare Eigenschaft von einzelnen geistigen Zuständen oder ganzen Personen bezieht. Was heißt jetzt das?


Wie hat man sich eine solche Redeweise - "bewusst" als einstelliges Prädikat - vorzustellen?

"Das Gefühl ist bewusst."
"Das Ziel der Handlung ist bewusst."
"Die Person x ist bewusst."

Redet ein Mensch so??
Wir kennen "bewusst" eigentlich nur als zweistelliges Prädikat. Wir sagen etwa: "Das ist MIR bewusst" oder "Dessen war ICH MIR nicht bewusst, als ich sagte...". D.h. wir gebrauchen "bewusst sein" als Ausdruck einer BEZIEHUNG, und zwar einer reflexiven. Dasjenige, das jeweils "bewusst" ist, ist immer JEMANDEM bewusst. Ohne diesen reflexiven Bezug auf eine bestimmte Person wird der Ausdruck sinnlos.

Allerdings gibt es auch den Fall, da wir einer Person "Bewusstsein" in einstelliger Weise - also als Eigenschaft - zu- oder absprechen: "Er ist wieder bei Bewusstsein" oder "Er ist bewusstlos". Hier kann man vielleicht sagen, "bei Bewusstsein sein" sei eine "primitve" Eigenschaft.
Metzinger fährt fort:

Zitat:
Worum es geht, ist nicht Bewusstsein von etwas, sondern die Bewusstheit als solche. Es existiert aber keine nicht-zirkuläre Definition für diesen Begriff des phänomenalen Bewusstseins. In diesem Sinne scheint die Bewusstheit eine primitive Eigenschaft geistiger Zustände zu sein, die begrifflich irreduzibel ist, weil...


Wenn es wirklich keine Definition von "bei Bewusstsein sein" gäbe, die nicht zirkulär wäre, dann könnten wir diesen Ausdruck niemals erlernen. Denn wir müssten immer schon wissen, was damit gemeint ist, um ihn zu gebrauchen. Aber bekanntlich kann man Ausdrücke auch exemplarisch und durch Abgrenzung gegen andere definieren. In unserem Fall kann man etwa eine Reihe von Unfallopfern durchgehen, auf jedes von ihnen zeigen und sagen: "Diese Person ist bewusstlos, jene ist ansprechbar, also bei Bewusstsein" usw. Auf diese Weise lernen wir alle unsere ersten Ausdrücke zu verwenden, und offenbar mit Erfolg.
Wir erlernen jedenfalls Ausdrücke nicht primär oder gar nur dadurch, dass wir sie, wie Metzinger vorschlägt, " in ein Netz von Beziehungen zwischen Entitäten auf einer tiefer liegenden Beschreibungsebene auflösen (...)". Wäre das eine Bedingung für das Verstehen von sprachlichen Ausdrücken, könnte kein Mensch jemals Sprechen gelernt haben...


Metzingers Fazit: "Wir können das epistemische Ziel nicht genau benennen, weil wir den Begriff des phänomenalen Bewusstseins (das „Analysandum“) nicht definieren können." trifft einfach nicht zu. Das Problem, das er hier selbst hat, aber als ein Problem DER SACHE verkaufen möchte, besteht in seiner mangelnden Reflexion auf die Sprachgeschichte von "Bewusstsein". Zu dieser Sprachgeschichte gehört auch die Geschichte der philosophischen Reflesion, und es scheint mir ganz offensichtlich zu sein, dass Metzinger implizit auch auf eine bestimmte Sparte der Erkenntnistheorie zurückgreift - die bewusstseinsphilosophisch ansetzende Erkenntnistheorie von Descartes bis Husserl - und darin wiederum auf eine bestimmte Richtung, nämlich die empiristische (ausgehend von Hobbes, Locke, Hume).
Das lässt sich daran erkennen, dass er Bewusstsein in einer bestimmten, und zwar verkürzten Weise thematisiert. Er schneidet den Gegenstand nämlich von vornherein auf das "phänomenale B.", die "subjektiven Erlebnisse" und - besonders verräterisch - die "subjektive Innenperspektive" zu. Bewusstsein, so die Voraussetzung, die auch schon in die fingierte Rede der Außerirdischen eingegangen ist, ist nichts, das sich irgendwie beobachten lasse - als etwas "in der Welt". (Sonst hätten es die hellsichtigen Aliens ja wohl entdeckt.) Anders gesagt, "Bewusstsein" ist nur durch "Introspektion" erkennbar; damit bleibt jeder von uns in sein inneres Erleben eingeschlossen. Und damit wird es auch schwierig, den Ausdrücken, mit denen wir uns über Bewusstsein verständigen, eine klare Bedeutung zu verleihen, weil wir einfach keine allgemein zugänglichen Referenten für sie haben. (Dabei scheint Metzinger sprachliche Bedeutung primär als Referieren auf individuelle, sinnlich wahrnehmbare Gegenstände zu rekonstruieren; das typische empiristische Sprachmissverständnis...)

Ich belasse es hier erst einmal bei dieser Skizze, die sich aber durchaus noch besser belegen lässt, wenn man mehr von Metzingers Text berücksichtigt. Hier noch einmal meine Gegenposition, die ich auch schon in meinen vorherigen Beiträgen angedeutet habe:

1. "Bewusstsein" ist ein philosophischer Reflexionsausdruck, dem keine empirischen Gegenstände korrespondieren. Vielmehr bezieht sich dieser reflexive - also metasprachliche - Ausdruck eigentlich auf objektsprachliche Sätze über gewisse Gegenstände "in der Welt".

2. Die primären, konkreten Gegenstände, auf die wir uns mit "bewusst" beziehen, sind Lebensvollzüge menschlicher Individuen wie Gefühle, Stimmungen, Handlungen, Entscheidungen usw. Über diese Vollzüge können wir uns alltagssprachlich ohne grundsätzliche Probleme gut verständigen, sie sind keineswegs nur "introspektiv" zugänglich.

3. Wenn man die metasprachliche Reflexivität des Ausdrucks "Bewusstsein" vergisst, wenn man also versucht, diesen Ausdruck unvermittelt auf Gegenstände zu beziehen, kommt es zu Problemen. Metzingers oben zitierte Absätze sind ein Beispiel dafür.