Richard Rorty

Tidi44
Hallo alle miteinander!

Und zwar beschäftige ich mch mit der Philosophie Richard Rortys und bitte um eure fachkundige Mithilfe smile

Rorty ist ja ein Kritiker der modernen (traditionellen) Philosophie. Diese richtet sich ja vor allem gegen die Erkenntnistheorie und den Essentialismus, weil diese nicht zu einer Verbesserung des Lebens und zur Lösung von aktuellen Problemen beiträgt.
Er ist demnach Neopragmatist, der vor allem Theorien bzw. die Philosophie nach dem Nutzen für die Menschheit bewertet.

Darüberhinaus stecke in der Erkenntnistheorie ein maßgeblicher Fehler:
Es gibt keine absolute Wahrheit, weil die Sprache mit der wir über sie debatieren von Menschen gemacht ist und somit auch die Wahrheit.

Könntet ihr bitte meine Ausführung auf Richtigkeit überprüfen und weitere wesentliche Elemente der Rortyschen Philosophie nennen?
Ich tue mich nämlich etwas schwer mit seiner Moralisch/Politischen philosophischen Ansichten und was er zu ironie und solidarität sagt...

Außerdem sagt man sein Denken hat sich von der analytischen Philosophie geändert zu kontinentalen oder so? Kann mir jemand bitte das erläutern?

Vielen Dank im vorraus!
Jörn
Ist die Welt ein Spiegel? ... dieser Thread scheint wie für dich gemacht zu sein :-)
Tidi44
Hi und danke für deine Antwort...

Ist sicherlich eine interessante Ausführung...
Diesen Teil von Rortys philosophie habe ich allerdings auch verstanden...

Es geht mir jetzt nohc um die anderen Punkte...
Eugen
Hallo Tidi,

sich mit Rorty auseinanderzusetzen ist auf jeden Fall eine spannende Sache.

Habe etliches von ihm gelesen und bin gerne bereit, Grundlegendes zu seiner Philosophie kurz zu erläutern bzw. auch gemeinsam neue Aspekte zu erschließen.

Wichtig wäre aber zu wissen, welchen Hintergrund deine Beschäftigung mit Rorty hat: geht es um eine Arbeit für Schule / Studium etc. (dafür würde der Platz deines threads sprechen) oder handelt es sich einfach nur um privates Interesse? Bist du an einem längeren Austausch interessiert oder willst du nur eine eher möglichst knappe Orientierung?

Eine mE gerade betr. deiner Fragen sehr hilfreiche, relativ kurze Schrift ist:

- Rorty, Richard: Hoffnung statt Erkenntnis. Eine Einführung in die pragmatische Philosophie. Passagen-Verl. 1994

Wenn du willst können wir diesen Text auch gemeinsam durchgehen.
Tidi44
Danke für deine Antwort!

Hintergrund ist in erster Linie eine Schularbeit...
Diese befasst sich allgemein mit Rortys Philosophie.

Allerdings weckt meine Recherche immer mehr an Interesse mich mit ihm genauer auseinanderzusetzen smile
Eugen
Ok. Werde mal überlegen, wie sich deine Fragen am Besten angehen lassen.

Welche Werke von Rorty kennst du bzw. sind dir zugänglich?
Tidi44
Nur sein Buch Kontingenz Ironie und Solidarität auf Englisch von meinem Lehrer...

Und da gibt es erhebliche Verständnisschwierigkeiten...also recherchiere ich hauptsächlich im inet...
Eugen
Ja, das kenne ich. Habe es allerdings nur auf deutsch.
Sollte aber nicht das Riesenproblem sein.

Gib' mir ein bißchen Zeit ...
Jörn
Zitat:
Original von Walter Reese-Schäfer
Richard Rortys elegante und witzige Schreibweise kann leicht darüber hinwegtäuschen, dass er alles andere als ein Philosoph für Anfänger ist. Er ist ein Denker der Dekonstruktion und vor allem ein Ironiker, der gern provoziert und mit den Missverständnissen spielt, es geradezu auf sie anlegt, und der denjenigen in Rage versetzen kann, der vergeblich einen Zugang zu finden versucht. Um seine Texte wirklich ausschöpfen zu können, ist es zweifellos nützlich, mit dem, was er dekonstruiert — der klassischen Erkenntnistheorie seit Descartes sowie der Tradition der analytischen Philosophie seit Russell und Carnap — ein wenig vertraut zu sein. Rorty entwickelt keine eigenen systematischen Rationalitätskonzepte wie etwa Jürgen Habermas, sondern versteht seinen Diskurs als »parasitär« gegenüber dem Sprechen seiner Vorgänger. Er gehört zu jenen Autoren, deren tiefer gehende Gedanken man bei der ersten Lektüre leicht überliest, weil der Text ebenso klar wie einfach widerlegbar erscheint. Scheinbar leichthin werden in einer bilderreichen Sprache Denkergebnisse präsentiert, hinter denen sich außerordentlich komplexe Reflexionsprozesse und einige der grundlegenden Probleme der Philosophiegeschichte verbergen. Eine immer wieder belustigende Erfahrung mit Rorty ist, dass manche eher metaphysikgläubige Studenten der ersten Semester (auch solche gibt es gelegentlich*) meinen, ihn mühelos in seine Schranken weisen zu können, während sie meist noch nicht einmal seine Fragestellungen erfasst haben. .[...]

* mich wundert eher, dass es auch andere geben soll :-)

Ich hab Kontingenz, Ironie und Solidarität ebenso im Regal. Ich hab es gern gelesen; befürchte aber, dass Reese-Schäfer recht hat und ich wesentlich weniger verstanden habe als mir lieb ist :-) Wie auch immer, zumindest ist Rorty einer, der es schafft schnell Sympathiepunkte zu sammeln und das finde ich erst mal gern nicht schlecht. Vielleicht lese ich hier mit, wenn sich denn ein Faden entwickelt und geb' hin und wieder meinen Senf dazu.
Eugen
@ Tidi44

Zu deinen Statements und Fragen:

Zitat:
Original von Tidi44
Rorty ist ja ein Kritiker der modernen (traditionellen) Philosophie. Diese richtet sich ja vor allem gegen die Erkenntnistheorie und den Essentialismus, weil diese nicht zu einer Verbesserung des Lebens und zur Lösung von aktuellen Problemen beiträgt.
Er ist demnach Neopragmatist, der vor allem Theorien bzw. die Philosophie nach dem Nutzen für die Menschheit bewertet.


Sehr grob betrachtet geht das schon etwa in die richtige Richtung. Käme drauf an, wie tiefgehend deine Arbeit werden soll. Wenn man z.B. sagt, Rorty sei ein Kritiker der modernen und/oder traditionellen Philosophie, so müsste das auf jeden Fall weiter differenziert werden, denn er knüpft auch in vielfältiger Weise an Entwicklungen der neueren Philosophie an: den klassischen Pragmatismus - besonders Dewey - , Wittgenstein, die analytische Philosophie (Quine, Davidson).
Welche traditionellen philosophischen Vorstellungen, die in bestimmten modernen Philosophien fortwirken, sind es genau, die Rorty kritisieren will? Du nennst Erkenntnistheorie und Essentialismus.
Was Erkenntnis betrifft will Rorty insbes. alle Theorien verwerfen, die irgendwie darauf hinauslaufen, Erkennen als mehr oder weniger genaues Repräsentieren einer eigentlichen Wirklichkeit aufzufassen. Erkenntnis muss „nicht unbedingt nach dem Vorbild der Gesichtswahrnehmung“ begriffen werden (Rorty, Richard: Hoffnung statt Erkenntnis. 1994, S. 41). Wir sollten das Bild vom „Spiegel der Natur“ – so auch der Titel von Rortys opus magnum – besser hinter uns lassen.
Entsprechend streitet Rorty wider alle Ansätze, die auf einer tiefgründigen Unterscheidung aufbauen zwischen essentiellen, nichtrelationalen Merkmalen eines Gegenstands und bloß akzidentiellen, relationalen Eigenschaften:

“Nach pragmatistischer Anschauung gibt es so etwas wie ein nichtrelationales Merkmal von X ebensowenig wie dessen intrinsische Natur, also das Wesen von X. Demnach kann es auch keine Beschreibung geben, die dem eigentlichen Sosein von X entspricht, also der Beschaffenheit von X unabhängig von seiner Beziehung zu den Bedürfnissen, dem Bewusststein oder der Sprache der Menschen. Sobald die Unterscheidung zwischen dem Intrinsischen und dem Extrinsischen verschwindet, ist die Unterscheidung zwischen Realität und Erscheinung ebenfalls beseitigt, und damit verlieren sich auch die Sorgen darüber, ob es Schranken gibt zwischen uns und der Welt.“
(Rorty, Richard: Hoffnung statt Erkenntnis. 1994, S. 41 f.).

Zitat:
Original von Tidi44
Darüberhinaus stecke in der Erkenntnistheorie ein maßgeblicher Fehler:
Es gibt keine absolute Wahrheit, weil die Sprache mit der wir über sie debatieren von Menschen gemacht ist und somit auch die Wahrheit.


Muss Erkenntnistheorie von (der Möglichkeit von) „absoluter Wahrheit“ ausgehen? Wie gesagt, die von Rorty kritisierten Formen der Erkenntnistheorie müssten etwas näher umrissen werden. Soweit der Sprache eine grundlegende Bedeutung zuerkannt wird, geht es prinzipiell um alle Formen, die der Sprache eine repräsentationale Funktion in einem mehr als trivialen Sinn zuschreiben wollen:

„Unter Historismus verstehe ich hier die Theorie, wonach es zwischen Sprache und Welt keine Beziehung einer mehr oder weniger "engen Entsprechung" gibt. Danach gibt kein von der Sprache projiziertes Bild der Welt deren eigentliche Seinsweise genauer oder weniger genau wiedergibt als irgendein anderes Bild.“
(Rorty, Richard: Wahrheit und Fortschritt. Suhrkamp 2003, S. 424)

Sprache (ist) kein Medium der Repräsentation …, sondern ein Austausch von Zeichen und Geräuschen, der zur Erreichung spezifischer Zwecke vollzogen wird. Es kann der Sprache nicht mißlingen, etwas genau zu repräsentieren, denn sie hat überhaupt nie etwas repräsentiert.“
(Rorty, Richard: Hoffnung statt Erkenntnis. 1994, S. 41).

Zitat:
Original von Tidi44
Ich tue mich nämlich etwas schwer mit seiner Moralisch/Politischen philosophischen Ansichten und was er zu ironie und solidarität sagt...


Wenn du willst können wir uns die zentralen Textstellen dazu in Kontingenz, Ironie und Solidarität näher ansehen, also insbes. den Anfang des 4. Kapitels, wo Rorty den Typus der „Ironikerin“ näher erläutert, und das wichtige 9. Kapitel zur Solidarität.


Zitat:
Original von Tidi44
… Außerdem sagt man sein Denken hat sich von der analytischen Philosophie geändert zu kontinentalen oder so? Kann mir jemand bitte das erläutern?


Sog. „Analytische“, meist gemeint als angelsächsisch/ US-amerikanische Philosophie im Kontrast zur kontinentaleuropäischen, vornehmlich deutsch / französischen Philosophie halte ich für keine wirklich gute Gegenüberstellung. Bei genauerem Hinsehen merkt man bald, dass die geistesgeschichtlichen Linien sehr viel differenzierter verlaufen und die geo- oder ethnografische Unterteilung eigentlich irreführend ist.

Richtig ist allerdings, dass Rorty als Quine-Schüler wesentliche Wurzeln in der analytischen Philosophie hat und wohl mehr als viele andere Philosophen seines Sprachraums sog. kontinentaleuropäische Philosophie, - von Hegel über Heidegger bis Derrida und Vattimo - rezipiert hat.
Nylen
Hallo Eugen,

Rorty schreibt.

Zitat:
Sprache (ist) kein Medium der Repräsentation …, sondern ein Austausch von Zeichen und Geräuschen, der zur Erreichung spezifischer Zwecke vollzogen wird. Es kann der Sprache nicht mißlingen, etwas genau zu repräsentieren, denn sie hat überhaupt nie etwas repräsentiert.“


Besser könnte man meine Position nicht zusammenfassen. Wäre eigenen Thread wert. Habe Rorty nur wenig gelesen, aber diese Passage macht mich sehr neugierig smile
Tidi44
Hallo zusammen,

endlich habe ich wieder die Möglichkeit zu einem Internetzugang smile

Und zwar lese ich gerade Philosophy and Social hope, da dieses Buch Rortys Philosphie im Prinzip zusammenfasst.
Das andere ist mir auf Englisch echt zu schwer...

Apropos Ironie...den Teil glaube ich nicht richtig verstanden zu haben:

Er sagt ja, dass wir unsere Überzeugungen nicht zu ernst nehmen dürfen, weil es auch anders sein kann. Derjenige, der dies akzeptiert ist ein Ironiker.
Das würde die neopragmatische Ansicht bestärken, dass keine wissenschaftliche Methode näher zur Wahrheit führt, als die andere.

Richtig?

Mal eine allgemeine Frage zur Entwicklung der Philosophie:
Die klassische philosophische Tradtion fragt ja nach dem Sein (nach den Dingen ans sich), oder? Kant fragt angeblich nach den "Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung" (wikipedia) Was heißt das denn genau?
Darauf folgt der sprachliche Paradigmenwechsel (Erfahrung resultiert aus der Sprache), oder auch linguistic turn

Grüße
Eugen
Zitat:
Original von Tidi44

Apropos Ironie...den Teil glaube ich nicht richtig verstanden zu haben:

Er sagt ja, dass wir unsere Überzeugungen nicht zu ernst nehmen dürfen, weil es auch anders sein kann. Derjenige, der dies akzeptiert ist ein Ironiker.
Das würde die neopragmatische Ansicht bestärken, dass keine wissenschaftliche Methode näher zur Wahrheit führt, als die andere.

Richtig?


Bestärken? Erscheint mir eher umgekehrt einen Sinn zu ergeben. Sobald man bestimmte, - nach Rorty verfehlte - Vorstellungen von dem, was Wissenschaft, wissenschaftliche Methode ausmacht, fallengelassen hat, nähert man sich zwangsläufig dem Typus der "Ironikerin" an.


Zitat:
Mal eine allgemeine Frage zur Entwicklung der Philosophie:
Die klassische philosophische Tradtion fragt ja nach dem Sein (nach den Dingen ans sich), oder? Kant fragt angeblich nach den "Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung" (wikipedia) Was heißt das denn genau?
Darauf folgt der sprachliche Paradigmenwechsel (Erfahrung resultiert aus der Sprache), oder auch linguistic turn


Worauf du da mal gerne schnell eine genaue Antwort hättest, darüber werden nicht nur hier im Forum endlose, tlw. recht hitzige Debatten geführt.

Vielleicht solltest du dir mal anhand eines philosophiegeschichtlichen Werks einen ersten, zusammenhängenden Überblick über diese Entwicklungen verschaffen.
Leider kenne ich mich aber mit solcher Literatur nicht aus, kann dir da also auch nichts empfehlen.

Eine m.E. sehr informative, knappe Darstellung der genannten Paradigmenwechsel skizziert jedenfalls Habermas in "Nachmetaphysisches Denken." (Suhrkamp, 1997, S. 27 ff.). Ist auch dann hilfreich, zumindest als Orientierung, wenn man ansonsten den Denkwegen dieses Philosophen kritisch, bzw. ablehnend gegenübersteht.
Fliege
Rorty:
Zitat:
Sprache (ist) kein Medium der Repräsentation …, sondern ein Austausch von Zeichen und Geräuschen, der zur Erreichung spezifischer Zwecke vollzogen wird. Es kann der Sprache nicht mißlingen, etwas genau zu repräsentieren, denn sie hat überhaupt nie etwas repräsentiert.

Nylen:
Zitat:
Besser könnte man meine Position nicht zusammenfassen. Wäre eigenen Thread wert. Habe Rorty nur wenig gelesen, aber diese Passage macht mich sehr neugierig

Auf was könnte dich Rortys Passage neugierig machen, wenn seine Texte "überhaupt nie etwas repräsentieren"?
Möchtest du dich im Verein mit anderen Rortys spezifischen zeichenmusikalischen Zwecken (welche immer das seien) als Versuchsobjekt andienen, um etwaige Wirkungen zu beobachten?
Eine Exemplifizierung von Gadamerscher Wirkungsgeschichte dürfte speziell die einschlägigen Fachkreise interessieren.
Tidi44
Na gut...dann formuliere ich meine Fragestellung um. Ich verstehe folgende Textpassagen aus dem Buch von Reese Schäfer "Rorty zur Einführung" nicht:

Rorty nimmt hierbei Bezug auf die Bewusstseinsphilosophie:

"Rorty versucht zu zeigen, dass Bewusstsein nichts mit Personalität und Vernunft zu tun haben muss."

"In der griechischen Philosophie war der Nous Spiegel und Auge in einem. Bei Descartes ist der Intellekt ein inneres Auge, das Entitäten betrachtet, die nach dem Modell von Netzhautbildern zu denken sind."

"Mit Descartes wurde das ontologische Paradigma durch das der Bewusstseinsphilosophie abgelöst."

Kann mir jemand erkären welches Problem Rorty nun mit dieser Wende zur modernen Erkenntnistheorie sieht?

Gruß
carsten aus bochum
Hi Tidi.

Soweit ich weiß, geht der Begriff des „linguistic turn“ (lingusistische Wende) auf Rorty zurück, zeigt, welche Bedeutung er ihr beimisst.
Diese Wende markiert im Grunde das Ende der Subjektphilosophie oder der Philosophie des Denkens als der Tatigkeit eines Subjekts als Quelle aller Erkenntnis.
Vielmehr wird bei der linguistischen Wende die Bedeutung der Sprache als ein welterschaffendes Medium überhaupt erst bewusst.
Die linguistische Wende besagt, dass (unsere Wahrnehmung von) Welt, dass Bewusstsein nicht einfach nur da ist, sondern durch eine bereits existierende Sprachpraxis erzeugt wird, das ist erst mal etwas, was man so nicht erwarten würde, weil man davon ausgeht, dass Welt einfach erst mal vorhanden ist, in der Form, wie wir sie sehen, genau wie wir (Descartes Ansatz) mit einer gewissen Selbstverständlichkeit davon ausgehen, dass unsere Ichbewusstsein einfach so da ist und das ist in gewisser Weise beides nicht der Fall.
Das wird dann, wenn man länger drüber nachdenkt recht tricky, aber wichtig ist, Sprache hat einen gewaltigen weltkonstituierenden Charakter und ich glaube Rorty ist die Bedeutung dieser Wende sehr klar geworden.
Mo-M.
Zitat:
Original von Eugen

Sprache (ist) kein Medium der Repräsentation …, sondern ein Austausch von Zeichen und Geräuschen, der zur Erreichung spezifischer Zwecke vollzogen wird. Es kann der Sprache nicht mißlingen, etwas genau zu repräsentieren, denn sie hat überhaupt nie etwas repräsentiert.“
(Rorty, Richard: Hoffnung statt Erkenntnis. 1994, S. 41).



Repräsentiert Sprache nicht genau das, was wir mit ihr bezwecken? Den Zug, den wir durch sie im Sprachspiel vollziehen?
Sicher: Das mag keine Repräsentation im Sinne des Repräsentierens einer materiell existenten Entität sein, aber die soziale Praxis die hinter ihr steht, kann auch mit anderen Worten bezeichnet, wenn auch nicht ausgedrückt werden.

So ist "Du Dummkopf!" identisch mit "Beschimpfung mit der Zeichenfolge: 2. Buchstabe des lateinischen Alphabets, 20. Buchstabe des lateinischen Alphabets, Leerzeichen, 4. Buchstabe...".

Will sagen: Der Sinn ist doch etwas, was über Zeichen und Geräusche hinausgeht und diesen kann ich nicht leugnen, es in doch in der Erreichung spezifischer Zwecke geradezu enthalten, dass ich "etwas" für diese Zwecke bemühen muss (Ein Sprechakt?).
Eugen
@ Tidi

Zu deinen Textpassagen - vielleicht hilft's dir irgendwie weiter:

Wenn ich Rorty und Habermas da richtig verstanden habe, ging es der griechischen Philosophie, zumindest der platonischen Tradition, eigentlich nicht um Erkenntnistheorie, wie sie heute verstanden wird, sondern um eine Art Erlösungsweg. Problematisiert wurde nicht näher, ob bzw. inwieweit unser "Erkenntnisapparat" uns eine "reale", richtige Welt zugänglich macht. Vielmehr wurde über der alltäglichen "Welt der Erscheinungen", die über die normalen Sinne zugänglich ist, eine andere "wahre, ewige Realität" angenommen. Diese ist uns gewöhnlich verborgen. Der Mensch hat aber ein besonderes Organ, ein "geistiges Auge", Nous, wodurch er - zumindest einige Auserwählte - dieser ewigen, größeren und besseren Welt gewahr werden, sich letztlich sogar mit ihr vereinigen kann.

Dieser Idealismus, der über den Neuplatonismus und Augustin auch Eingang ins Christentum fand, hat die Philosophie bis Descartes entscheidend geprägt. Der Aufstieg der modernen Naturwissenschaften aber ließ allmählich das Vertrauen in die Möglichkeit schwinden, man könne die Welt der Erscheinungen als Täuschung durchschauen und eine dahinterliegende wahre Wirklichkeit erkennen.

Die Reaktion, der Paradigemenwechsel, der sich daraufhin u.a. mit Descartes vollzog, bestand nach Habermas in einer mentalistischen Wende, einer Bewusstseinsphilosophie, die die idealistische Philosophie auf der Grundlage der Subjektivität erneuern wollte. Das "geistige Auge" kehrt sich sozusagen nach Innen, das eigene Ich wird komplexer und wichtiger, nachdem das Außen zunehmend an die Naturwissenschaft abgegeben werden musste. Dort war in dem, was sich immer mehr als physische Welt der Atome und der Leere darstellte, kein Heil zu finden. Descartes' Philosophie kann insofern als Programm gelesen werden, in Abgrenzung zur zunehmend mathematisierten Sprache der Naturwissenschaften ein eigenes Vokabular der Introspektion zu entwickeln, das uns ermöglichen soll, durch verschiedene äußere Hüllen zu unserem inneren, wahren Ich vorzustoßen.

Der Paradigemenwechsel zur Sprachphilosophie kann vielleicht knapp so umrissen werden, dass der bisherige reflexionsphilosophische Ausgangspunkt verlassen wird. Das bisher unhintergehbar gesetzte Selbst der Subjektivität, gedacht als "Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält" (Habermas) und so Gegenstand der Erkenntnis werden kann wird als etwas etwas betrachtet, das sich erst aus der Teilnahme an sprachlicher Interaktion gebildet hat. Subjektivität in jeder Form erwächst aus Bildungsprozessen, die im sprachlichen Medium stattfinden, das einen "unausweichlich individuierenden Zwang" (Habermas) ausübt.

Rortys Problem mit der modernen Erkenntnistheorie sehe ich ganz grundsätzlich mit dem verknüpft, was für ihn letztlich Pragmatismus ausmacht: die Abkehr unserer Aufmerksamkeit von Heilswegen, die - sei es in der Schau Gottes bzw. der Ideen, sei es mittels Introspektion im eigenen "Ich" - zu letzten, zeitlosen Wahr- und Gewissheiten führen sollen, und die Hinwendung zum gelebten Leben, in dem es um eine bessere Gestaltung unserer jeweiligen kontingenten Zukunft geht. Er sieht das Spezifische des Pragmatismus darin, dass "er die Begriffe der Realität, der Vernunft und des Wesens durch den Begriff der besseren menschlichen Zukunft ersetzt" , er ist die "Apotheose der Zukunft" (Rorty, Richard: Hoffnung statt Erkenntnis. 1994, S. 16). In ähnlichem Sinn hat Hans Joas einmal "die Umstellung von der fundierenden Rolle des Bewusstseins auf die fundierende Rolle des Handelns" als Grundidee des Pragmatismus hervorgehoben.

Ist alles nicht besonders treffend und wahrscheinlich manchmal auch missverständlich ausgedrückt. Hoffe dennoch, dass es dir nützt. Kann natürlich auch sein, dass es dich eher verwirrt. Frag' einfach nach. Empfehle weiter die bereits genannten Schriften von Rorty und Habermas. Dort steht das alles viel klarer und besser formuliert.

@ Mo-M.

Zitat:
Repräsentiert Sprache nicht genau das, was wir mit ihr bezwecken? ...


Bin mir momentan nicht ganz im Klaren, worauf du hinauswillst. Wenn ich einen Nagel in die Wand schlagen will, um daran ein Bild aufzuhängen und ich nehme einen Hammer dazu, "repräsentiert" dann der Hammer genau diesen Zweck?
Mo-M.
Zitat:
Original von Eugen
@ Mo-M.

Zitat:
Repräsentiert Sprache nicht genau das, was wir mit ihr bezwecken? ...


Bin mir momentan nicht ganz im Klaren, worauf du hinauswillst. Wenn ich einen Nagel in die Wand schlagen will, um daran ein Bild aufzuhängen und ich nehme einen Hammer dazu, "repräsentiert" dann der Hammer genau diesen Zweck?


Was ich sagen möchte is Folgendes:
Meiner Meinung nach muss es keinen materiellen Gegenstand geben, damit etwas repräsentiert sein kann. Ich kann mit Sprache auch auf eine Bedeutung referieren, die lediglich in einem sprachlichen Zug bestehen.

Beispiel:
Meiner Meinung nach repräsentiert Sprache schon etwas - sei es auch nur etwas weiteres Sprachliches - natürlich bleibt das tautologisch, aber ich kann bestimmte Begriffe, die einen Zug in meinem Sprachspiel darstellen - wie etwa: Etwas begründen - stets auch durch andere Zeichen ausdrücken. Wenn ich mehr als 2 Ausdrücke für einen Zug in meinem Sprachspiel nutzen kann, dann repräsentieren diese Ausdrücke sehr wohl etwas, ansonsten wären sie notwendigerweise auch in der Wahl der Zeichen identisch.

Zugegeben:
Eine wohlwollende Lesart würde Rorty so verstehen, dass er dies nicht meint, sondern dass Sprache nichts Gegenständliches repräsentiert. Da stimme ich ja zu, ich finde es nur nicht richtig zu sagen, dass Sprache nichts repräsentiert! Ein sprachlicher Ausdruck kann meiner Meinung nach schon andere Ausdrücke bezeichnen - vielleicht verstehe ich Rorty da auch falsch, ich kann nicht behaupten, dass ich mich in seiner Philosophie auskennen würde. Allerdings finde ich das wenige, was ich nun mal schnell über ihn gelesen habe sehr spannend. Zudem würde ich der "wohlwollenden" Lesart (s.o.) ja absolut zustimmen, nur eben nicht in der kritischen Lesart - die vielleicht auch aufgrund meiner recht mangelhaften Kenntnis von ihm auch unangemessen ist (?).

Zu dem Hammer: Der Hammer repräsentiert alles das, was die individuelle Person mit ihm verbindet. Darauf kann ich mich allerdings sprachlich beziehen - ich kann sagen "Das Gebrauchen eines Hammers zum Schlagen eines Nagels in die Wand" oder "Die Nutzung eines Werkzeuges, das aus einem Stück Holz in folgender Form (hier lange Beschreibung einfügen) und einem Stück Metall in folgender Form (hier lange Beschreibung einfügen) gefertigt ist zum Hineintreiben eines Objektes folgender Form (hier lange Beschreibung einfügen) in eine Wand." repräsentieren etwas, nämlich die Idee (Um Himmels Willen keine platonische Idee, sondern die sozial geteilte Idee) des Hämmerns. Insofern repräsentieren die Ausdrücke etwas, nämlich diese Idee des Hämmerns, bei Verwendung verschiedener Zeichen für denselben Sinn. Insofern repräsentiert Sprache doch etwas, im obigen Beispiel hat die Aussage die gleiche Bedeutung, aber nicht den exakt gleichen Sinn. Dies verstehe ich ein wenig wie Freges Morgenstern/Abendstern-Beispiel. Vielleicht hat sich da bei mir ein Fehler eingeschlichen, so würde ich den Sachverhalt allerdings verstehen!
Reinhard
Ehrlich gesagt, verstehe ich die Fragestellung, ob Sprache etwas repräsentiert, überhaupt nicht. Das hängt doch wohl sehr davon ab, was ich zunächst mal unter Sprache verstehe. Zweitens, was repräsentieren nun eigentlich ist. Setze ich Sprache mit Information schlechthin gleich, kann ich wohl nicht umhin, anzunehmen, dass jede Wahrnehmung und jede darauf basierende Erfahrung, Ausfluss einer Information ist, die ich erhalten habe, teils weil ich es so wollte und teils von Einflüssen, denen ich mich nicht entziehen konnte. Jede Information repräsentiert sich mir in Begriffen, die durch Worte für mich bestimmbar sind, quasi in meiner Sprache, unabhängig vom Verständnis der Anderen. Letztlich mache ich immer von meinem Abstraktionsvermögen gebrauch, um Verdichtungen vorzunehmen, die mir zusammenfassende, theoretisierte Ergebnisse liefern. Bis hierhin abstrahiere ich. Um zu verallgemeinern, bedarf es einer gewissen Art von Koinzidenz zu anderen Individuen, denen ich meine Abstraktionen anvertraue und hoffe dann auf einen ähnlichen praktischen Gebrauch der theoretischen Vernunft. Es ist mir gar nicht vorstellbar, dass nicht irgendein Konsenz erzielt werden kann, natürlich immer vor dem Hintergrund zweier unterschiedlicher Betrachtungsweisen, die nun mal im Kontakt zueinander einen unbestimmten Anteil an Fremdheit nicht übersteigen können. Ich erkenne mich aus einer Innen-und Außensicht, je nach Situation und den Anderen immer nur aus einer Aussensicht. Könnte ich mich gänzlich in jemanden hineinversetzen, würde ich diese Differenz immer mitnehmen und dazu die eigene Fremdheit über mich selbst auch noch. In diesem undurchschaubaren, aber trotzdem verwandten Zusammenhang, denn jedem, nach menschlichen Vorstellungen erkennenden Wesen, scheint es ja wie mir zu gehen, liegt der Repräsentationswert von Sprache, wo sonst? Dass mir eine Sprache näher liegt als eine andere, erschließt sich ja erst durch diesen Repräsentationswert im Gespräch mit anderen Menschen über den Sinngehalt unserer Gemeinsamkeiten und die Fremdartigkeiten anderer Erscheinungsformen, die mir noch weniger Möglichkeiten lassen, ihre Fremdheit zu durchdringen, da sie sich ohne Abstraktionsfähigkeit und logisch getragener Sprachfähigkeit mir gegenüber verhalten, eben so, wie sie halt sind. Nichts ist eben gewiss, auch inhaltlich nicht der Repräsentationswert einer Sprache. Es verbleibt in einem Spannungsverhältnis zwischen Fremdheit und Affirmation.

Mit freundlichen Grüßen
Reinhard