Nylen
Nietzsche sprich, ich glaube in Ecce Homo, daß die Luft die er in geistiger "Höhe" atme eine sehr "kalte" sei.
g**geln nach "Nitzsche Kälte" gab tausende Treffer, aber nicht was ich suchte
Aber hier ist so ein ähnliches Zitat:
"Das Leben nach der Höhe zu wird immer härter, - die Kälte nimmt zu, die Verantwortlichkeit nimmt zu."
Ich bitte alle die Nietzsche lesen, gelesen haben, mal Zitate zu suchen, die diesen Aspekt Nietzsches hervorheben.
Die Metapher von der Höhe und Kälte, der Luftigkeit des Verstandes, ist ein zentrales Thema bei Nietzsche so nehme ich an, und ich würde gern Gedanken dazu sammeln.
Für mich ist es so das mich die Frage interessiert ob der Übermensch den Nietzsche ankündigt, wirklich "kalt" sein muss. Oder ist Herrenmoral nötigerweise "kalt".
Nietzsche sieht wohl den Übermenschen in einem Spannungsfeld von "gutherziger Herr" bis "tyrannischer Herr", ohne das es begründbar ist, den einen Herren besser zu nennen. Es scheint mir auch so, Nietzsches Übermensch muss nicht egoistisch sein, sondern kann eben auch altruitisch sein.
Letztlich erhebt sich ja der Übermensch über diese Kategorien, ist also noch weit von uns entfernt.
Loma
Vielleicht meint Nietzsche mit Höhe auch eine zunehmende Distanzierung von anderen Menschen (und damit auch das Fehlen von Wärme).
In der "Morgenröte" heißt es:
„Je höher wir uns erheben, um so kleiner erscheinen wir Denen, welche nicht fliegen können.“
Auch wenn hier nicht ausdrücklich von "kalt" die Rede ist, scheint mir das doch in die ähnliche Richtung zu gehen.
Liebe Grüße
Nylen
Danke Loma.
Ja, wir erheben uns auf den Schwingen des Geistes in luftige Höhen. dort herrscht Kälte, was eisige Klarheit der Gedanken zulässt. Allerdings entfernt man sich dabei von seinen MItmenschen, wie es ja Nietzsche auch getan hat und damit von der "Wärme" des Zugehörigkeitsgefühls.
Bin gespannt auf weitere Zitate und Beispiele.
Kai
Den Altruismus hat Nietzsche gehasst wie die Pest.
Man kann sich mE durchaus einen altruistischen Übermenschen vorstellen.
Das ist aber nicht Nietzsches Übermensch.
Nylen
| Zitat: |
Original von Kai
Den Altruismus hat Nietzsche gehasst wie die Pest.
Man kann sich mE durchaus einen altruistischen Übermenschen vorstellen.
Das ist aber nicht Nietzsches Übermensch. |
Ja aber in eben diesem Sinne war auch Nietzsche kein Übermensch. Er war nämlich nicht so kalt und rational wie er selbst dachte.
Thanasius Lakon
"Es ist mir ein Trost, zu wissen, daß über dem Dampf
und Schmutz der menschlichen Niederungen es eine
höhere, hellere Menschheit gibt, die der Zahl nach
eine sehr kleine sein wird (- denn alles, was hervor-
ragt, ist seinem Wesen nach selten): man gehört zu
ihr, nicht weil man begabter oder tugendhafter oder
heroischer oder liebevoller wäre als die Menschen da
unten, sondern - weil man kälter, heller, weitsichti-
ger, einsamer ist, weil man die Einsamkeit erträgt,
vorzieht, fordert als Glück, Vorrecht, ja Bedingung
des Daseins, weil man unter Wolken und Blitzen wie
unter seinesgleichen lebt, aber ebenso unter Sonnen-
strahlen, Tautropfen, Schneeflocken und allem, was
notwendig aus der Höhe kommt und, wenn es sich be-
wegt, sich ewig nur in der Richtung von oben nach
unten bewegt. Die Aspirationen nach der Höhe sind
nicht die unsrigen. - Die Helden, Märtyrer, Genies
und Begeisterten sind uns nicht still, geduldig, fein,
kalt, langsam genug."
Nachlass
Nylen
Danke Thanasius.
Ein sehr schönes langes Zitat. Und genau was ich suche. Weiter so, ihr hilfreichen Geister
Nylen
Habe das Ecce Homo Zitat gefunden....den ganzen Text quergelesen um ihn dann im vernachlässigten Vorwort zu finden ^^ Selbstschuld
| Zitat: |
| – Wer die Luft meiner Schriften zu atmen weiß, weiß, daß es eine Luft der Höhe ist, eine starke Luft. Man muß für sie geschaffen sein, sonst ist die Gefahr keine kleine, sich in ihr zu erkälten. Das Eis ist nahe, die Einsamkeit ist ungeheuer – aber wie ruhig alle Dinge im Lichte liegen! wie frei man atmet! wieviel man unter sich fühlt! – Philosophie, wie ich sie bisher verstanden und gelebt habe, ist das freiwillige Leben in Eis und Hochgebirge – das Aufsuchen alles Fremden und Fragwürdigen im Dasein, alles dessen, was durch die Moral bisher in Bann getan war. |
Nylen
http://www.acumind.com/Joe/tarot/hermit.gif
Im Tarot spielen Luft, als Metapher für den Verstand, und Kälte und Einsamkeit, eine grosse Rolle. Dieses Tarotbild ist etwa zeitgleich entstanden wie Nietzsches Werk.
Es errinert nicht zufällig an Zarathustra.
Es ist für mich ein spannendes Thema wie Nietzsche Spiritisten wie Eward E. Waite inspiriert hat und aber auch umgekehrt die esoterische Sprache dieser Leute Nietzsches Sprache beeinflusst haben.
Kai
Man kann die Spätwerke Nietzsches konkret daraufhin untersuchen, wie er sich den Verkehr der Herrenmenschen mit den Herdenmenschen vorstellt. Dann wird man feststellen können, dass Nietzsches Übermensch mit "gutherziger Herr" überhaupt nichts zu tun hat.
Ethik hat mE etwas mit Gefühl, mit "Herz" zu tun. Der Verstand kann keine Ethik begründen. Wenn jemand nur "hoch" denkt, aber nicht auch "hoch" fühlt, dann wird er kalt, dann ist es "oben" kalt. Nietzsche war selbst nicht kalt, aber er hat das Ideal des "kalten Herzens" vertreten. "Warmes Herz" war ihm verhasst.
Eine gute Wiedergabe von Nietzsches Moralkritik mit vielen der von dir gesuchten Zitate findest du bei
Winfried Schröder Das Buch gibt es auch für 8.80 bei Reclam.
Nylen
| Zitat: |
| "Warmes Herz" war ihm verhasst. |
Ja weil er unter seinem eigenen sehr warmen Herzen litt. Dem inneren Feuer das ihm in eisiger Luft von innen wärmte
Nietzsche ist ein Fall für die Psychoanalyse

Ich mag Nietzsches Sprache, aber ich folge ihm natürlich nicht überall hin in seinem Denken. Sein Übermensch möchte ich gar nicht sein, ich bin zufrieden mit meiner blosen Menschlichkeit, meiner menschlichen Allzu menschlichen
ete
Hi Kai,
| Zitat: |
Original von Kai
Ethik hat mE etwas mit Gefühl, mit "Herz" zu tun. Der Verstand kann keine Ethik begründen. |
sehe ich nicht so, da Ethik einerseits etwas mit 'richtigem Handeln' zu tun hat und andererseits als Voraussetzung dazu eine Theorie des Guten aufzeigt. Hier gehen Verstand und Herz Hand in Hand, was schon daraus ersichtlich ist, dass Kopf und Herz immer die gleiche Temperatur haben, auch wenn sie unterschiedliches Temperament haben können.
ete
Hi Nylen,
| Zitat: |
Original von Nylen
Habe das Ecce Homo Zitat gefunden....den ganzen Text quergelesen um ihn dann im vernachlässigten Vorwort zu finden ^^ Selbstschuld
| Zitat: |
| – Wer die Luft meiner Schriften zu atmen weiß, weiß, daß es eine Luft der Höhe ist, eine starke Luft. Man muß für sie geschaffen sein, sonst ist die Gefahr keine kleine, sich in ihr zu erkälten. Das Eis ist nahe, die Einsamkeit ist ungeheuer – aber wie ruhig alle Dinge im Lichte liegen! wie frei man atmet! wieviel man unter sich fühlt! – Philosophie, wie ich sie bisher verstanden und gelebt habe, ist das freiwillige Leben in Eis und Hochgebirge – das Aufsuchen alles Fremden und Fragwürdigen im Dasein, alles dessen, was durch die Moral bisher in Bann getan war. |
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ein interessantes Thema, das Du hier einbringst.
Eigentlich beschreibt Nietzsche hier eine Bergbesteigung- Lesen seiner Schriften führt seiner Ansicht nach hoch hinaus- bis zur Gipfelerfahrung mit grandiosen Perspektiven. Was ist dabei dieses "Man muss für sie geschaffen sein"? Bedeutet das, 'trainiert' zu sein, Steigungen bezwungen zu haben? Ansonsten sei die Erkältungsgefahr groß. Nietzsche schreibt hier trotz danach aufgezeigtem Eis nicht 'erkalten', sondern er schreibt erkälten, ein bedeutsamer Unterschied! Für Nietzsche bedeutet Philosophie anscheinend aloines Bergsteigen mit Eispixel- also eine sehr anspruchsvolle, gefährliche und verantwortungsvolle Disziplin. Das Aufsuchen alles Fremden und Fragwürdigen erhöht dabei noch den Schwierigkeitsgrad.
Nylen
Hallo Ete, schön das du dich für mein Thema "erwärmst"
| Zitat: |
| Für Nietzsche bedeutet Philosophie anscheinend aloines Bergsteigen mit Eispixel- also eine sehr anspruchsvolle, gefährliche und verantwortungsvolle Disziplin. |
Philosophie oder auch nur Weisheit ja. Nietzsches Zarathustra zieht ja ins Gebirge bzw. auf den Berg. Und von diesem Berg, bzw Punkt beginnt Zarathustras Niedergang, in die gewöhnliche Welt. Und Nietzsches Werk "Also sprach Z."
Wer Bergsteigt strauchelt auch, erkältet sich, mag sogar abstürzen. Es ist eine mächtige Metapher und als solche älter als Nietzsche. Nur verwendet er sie sehr oft, darauf wollte ich hinweisen und Textstellen diskutieren hier.
Die Metapher ist älter als Nietzsche. So alt wie das reden vom "kalten Vertsnad" under "warmen Vernunft"
Auch benutzt Nietzsche nicht alleine die Metapher von der Höhe, in der wir die Welt richtig sehen.
z.B. Wittgenstein Traktatus
"Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie - auf ihnen - über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)
Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig."
Auch Wittgenstein benutzt die Metapher der Höhe, allerdings nicht die des Berges und der eisigen Luft da oben.
ete
| Zitat: |
Original von Nylen
Die Metapher ist älter als Nietzsche. So alt wie das reden vom "kalten Vertsnad" under "warmen Vernunft" |
Vom "kalten Verstand" oder "warmer Vernunft" redet Nietzsche doch gar nicht, er redet vom "erkälten" und nicht vom erkalten. Kleiner, aber bedeutsamer Unterschied. Ich sehe bei ihm nicht den Unterschied zwischen warm und kalt, auf den er hinweisen will, sondern eher einen Hinweis darauf, dass Bergsteigen mit Mühen verbunden ist incl. dem Annehmen veränderter Bedingungen und dem Wegschmeissen der moralischen Krücke- wobei letzters nicht Neues bei ihm ist, eigentlich ein durchgehendes Thema. Die eigentliche Frage dabei ist doch: Sind wir Menschen für diese 'Höhnenluft' geschaffen oder ist so eine Gipfelbesteigung eben etwas Besonderes- die Überwindung des Ich´s- was gelegentliche Gipfelbesteigungen erfordert?
Nauplios
Hallo Nylen!
Ein Aufsatz aus der Sekundärliteratur:
Helmut Lethen: "Lob der Kälte", in: Dietmar Kamper u. Wilhelm van Reijen (Hg.): "Die unvollendete Vernunft"; Frankf. 1987; S. 300f.
Der kataskopische Blick von oben herab auf die Welt ist ja ein ganz frühes literarisches Motiv; so berichtet etwa Lukian von der Luftreise des Menippos, der in den Himmel fliegen möche aus Verdruß darüber, daß die Philosophen unfähig sind, seine Fragen hinsichtlich der Beschaffenheit des Weltalls zu beantworten. -
Luftschiffer und Luftgeister - eine aussterbende Spezies in der Philosophie.
Gruß
Nauplios
Nauplios
| Zitat: |
Original von Nylen
Wer Bergsteigt strauchelt auch, erkältet sich, mag sogar abstürzen. Es ist eine mächtige Metapher und als solche älter als Nietzsche.
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Sturz, Absturz, Straucheln, Schiffbruch ... Du bist mit der philosophischen Metaphorologie beschäftigt.

... überflüssig, den Namen Hans Blumenberg hier zu erwähnen!
Nylen
Danke Nauplios, für die Literaturangabe
http://www.zeit.de/2008/45/PS-Metaphern
Es geht mir nicht um Metaphern im allgemeinen sondern schon um diese Metapher und die wiederholte Verwendung bei Nietzsche primär.
Einer der Gründe für mein Interesse ist das ich während meiner Schizophrenie Erkrankung ähnliche Metaphern gedacht habe.
Zufällig steiss ich eben auf dieses Dokument im Internet:
http://psydok.sulb.uni-saarland.de/vollt...iplomarbeit.pdf
Interessant ohne es gelesen zu haben Seite 101 ff und Seite 140.
Erik van Thom
| Zitat: |
Original von Kai
Der Verstand kann keine Ethik begründen. |
Dann empfehle ich dir ganz dringend Beschaeftigung mit zum Beispiel der utilaristischen Ethik: ethisch wertvoll ist, was fuer die groesstmoegliche Zahl der Leute von Nutzen ist. (Wenn z.B. zwei Schiffbruechige auf einer Planke treiben, die aber nur fuer einen reicht, und einer ist Arzt und der andere Penner, dann ist es richtig, wenn der Arzt den Penner von der Planke stoesst, denn sein Ueberleben ist fuer den groesstmoeglichen Teil der Gesellschaft von groesserem Nutzen, als wenn der Penner ueberlebt.)
Hier begruendet sehr wohl der Verstand und nicht das Herz Ethik.
Kai
@ete
Dass Kopf und Herz immer die gleiche Temperatur haben, in eine Beziehung zu stellen, zu Verstand und Gefühl, das zu behaupten kann doch nur Esoterikern einfallen. Da werden physiologische und psychologische Ebenen in einer Weise vermischt, die nicht philosophisch ist.
Ich sehe nicht, wie der Verstand einen dazu bringen kann, 10 Mrd. Dollar an Haiti zum Wiederaufbau zu zahlen. Ich sehe nicht, wie der Verstand die Leute vor Weihnachten plötzlich in eine Spendenlaune versetzt. Wenn ich einem Blinden über die Straße helfe oder einem Bettler einen Euro gebe, hat das alles mit Verstand nichts zu tun.
Die Frage für mich ist: Will man eine Gesellschaft auf humanistischer Grundlage oder will man, dass einige Meisterdenker von kalter Höhe aus auf die Maße der Menschen herabblicken und diese mitleidlos behandeln. Ich entscheide mich gefühlsmäßig für die humanistische Gesellschaft. Mein Verstand kann diese Entscheidung nicht treffen.
@Erik van Thom
Du führst eine Extremsituation an, in die die Menschen nur sehr selten geraten. Weit über 99% unserer ethischen Entscheidungen treffen wir unter Umständen, wo uns der Verstand keine Lösung vorschreibt.
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