@ Kai
Einige Gedanken zu Deinen Beiträgen:
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Original von Kai
Ich sehe nicht, wie der Verstand einen dazu bringen kann, 10 Mrd. Dollar an Haiti zum Wiederaufbau zu zahlen. Ich sehe nicht, wie der Verstand die Leute vor Weihnachten plötzlich in eine Spendenlaune versetzt. Wenn ich einem Blinden über die Straße helfe oder einem Bettler einen Euro gebe, hat das alles mit Verstand nichts zu tun. |
Das denke ich doch, denn unser Verstand ist es schließlich, der die Entscheidungen trifft, wie wir unseren Egoismus am effektivsten füttern. Einem Blinden zu helfen oder einem Bettler zu spenden, ist letztlich darauf ausgerichtet, uns selbst ein gutes Gefühl zu bescheren - es ist also eine bewußte Entscheidung unseres Verstandes, die - wie jede Verstandesentscheidung - das Ziel verfolgt, uns zufrieden zu machen.
Und so ist eben auch die praktizierte Selbstlosigkeit ihrem Wesen nach Selbstsucht.
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Original von Kai
Ecce homo beginnt mit den drei Kapiteln
- Warum ich so weise bin.
- Warum ich so klug bin.
- Warum ich so gute Bücher schreibe.
Der Mann hatte 'n Knall. |
Warum? Weil er sich nicht den fadenscheinigen Gesetzen der Bescheidenheit unterworfen hat? Weil es ihm zuwider war, mit der scheinheiligen Zurücknahme seiner Person speichelleckenden Widerspruch zu initieren? Oder hatte der Mann einen Knall, weil er sagte, was er dachte oder weil er mit seiner Einschätzung etwa falsch lag? Sehen wir doch mal nach: Nietzsche war weise. Nietzsche war klug. Nietzsche schrieb gute Bücher.
Nein, er hat sich nicht geirrt. Weshalb nun also hat er einen Knall?
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Original von Kai
Nietzsche hatte viele interessante Gedanken, aber leider war er auch ein Gefühlskrüppel. Das war sein "Kälteproblem". |
Ein Gefühlskrüppel? Das Gegenteil ist der Fall, nur ist vielleicht nicht unmittelbar einzusehen, dass die Befreiung der Gefühle von tradionellen, religiösen (insonderheit "christlichen") und zweckbestimmten (zum sozialen Funktionieren des Individuums geschaffenen) Konstruktionen auf die Selbsterkenntnis des Menschen zusteuert und somit auf den höchsten Willen zur Macht - nämlich den zur Selbstmächtigkeit, zur Selbstbestimmung, zur Selbstbefreiung.
Das alles kannst Du mir gern um die Ohren hauen, denn es ist natürlich nur meine Interpretation Nietzsches. Doch viel wichtiger - im Hinblick auf Deine Argumente - ist ja, dass eine solche Interpretation möglich und wirklich ist, was im Gefolge hat, dass die Hinwendung zum Nationalsozialismus kein MUSS ist, sondern ein KANN.
Denn zunächst mal ist Nietzsches Werk nichts weiter als beschriebenes Papier und so hängt es - wie immer - auch hier von der charakterlichen und intellektuellen Beschaffenheit des Lesers ab, in welche Richtung dessen Interpretation geht. Und so kann eben einer tausendmal "Mord rufen und des Krieges Hund entfesseln" - wenn ihm keiner folgt, steht er ziemlich bedeppert da und macht, trotz martialischen Geschreis, einen eher harmlosen Eindruck.
Findet so einer aber genügend Leute, denen der Wille zur Macht abgeht oder unnötig erscheint, so hat er seine Herdentiere gefunden, die er um sich sammeln und auf sich einschwören kann. Und mit denen kann er dann auch die Welt terrorisieren.
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Original von Kai
Die Nazi-Ideologie war erheblich mehr Herrenmoral, als sie Sklavenmoral war. |
Vor allem war die Nazi-Ideologie effektiv und rekurrierte auf eine klare Einsicht in die menschlichen-allzumenschlichen Befindlichkeiten, denn sie setzte zu Recht darauf, dass es wesentlich mehr fremd- als selbstbestimmte Menschen gibt. Und sie funktionierte nach einem einfachen Prinzip, das bis heute gültig ist und - ob Du es wahr haben willst oder nicht - überall zur Anwendung kommt:
1. Den Menschen Angst vor etwas machen und ihnen sagen, wer Schuld daran ist.
2. Keinen Zweifel daran lassen, wer der Heilsbringer ist und warum nur er die Schuldigen bestrafen und den Menschen die Angst nehmen kann.
3. Stets das Märchen von "den Anderen" am Leben erhalten, damit jeder Blödian weiß, wen er zu hassen hat.
Du kannst mich gern für assozial halten Kai, aber wenn ich auf den Großteil meiner Mitmenschen sehe, so verstehe ich sehr gut, warum dieses Prinzip so erfolgreich war und ist.
Dass es aber auf irgendeine Intention Nietzsches zurückgeführt werden kann, halte ich für eine gewagte Spekulation. Dass es aus den Schriften Nietzsches heraus interpretiert werden kann, ist ebenso sicher, wie es sicher ist, dass die meisten Menschen von einer charakterlichen Beschaffenheit sind, die diese Interpretation als Intention Nietzsches anerkennt.
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Original von Kai
Dass Lenin dies nicht gut geheißen hätte, ändert aber nichts daran, dass es ohne ihn diese Verbrechen nicht hätte geben können... |
Doch. Genau das ändert es.
Denn wenn ich Deinem Argument folge, lautet die Schlußfolgerung, dass es
mit Lenin diese Verbrechen nicht hätte geben können. Erst
ohne ihn waren sie durchführbar.
Aber ist schon gut. Ich verstehe, worauf Du hinauswillst. Du willst darauf hinaus, dass Lenin der Initiator einer Bewegung war, die schließlich Millionen Menschen das Leben kostete.
Und deshalb will ich nur anmerken, dass Konditionen wie "OHNE dies und das wäre NIEMALS dieses und jenes passiert" ebenfalls ein unverzichtbarer Bestandteil im Repertoire jedes Demagogen sind. Denn schlüssig nachweisbar sind sie, bis auf eine Ausnahme, niemals und diese Ausnahme lautet: "Ohne den Urknall wäre das alles niemals möglich gewesen."
Dass diese einzig sichere Kondition so selten herangezogen wird, liegt, glaube ich, daran, dass es selbst dem geschliffensten Demagogen schwerfällt, dem Urknall jenes ethisch-moralische Armutszeugnis auszustellen, das für die Empörung der Herde nötig ist.
Gruß
Telltale