Nauplios
"Für einen Soziologen liegen die Fenster in den philosophischen Auditorien zu hoch."
(Niklas Luhmann; Die neuzeitlichen Wissenschaften und die Phänomenologie; S. 56)
"Ich habe das Bedürfnis, in jedem Buch mindestens einen Unsinn hineinzubringen."
(Niklas Luhmann; Interview in "Frankfurter Rundschau"; 8.12. 1997)
Das Thema dieses Threads ist der Aufsatz "Erkenntnis als Konstruktion" von Niklas Luhmann (in: "Aufsätze und Reden"; Stuttgart 2001; S. 218 - 242). -
Die 25 Seiten haben zwei Vorteile: Zum einen sind sie schnell gelesen, so daß es im Grunde möglich ist, sich jederzeit in diesen Lektürethread einzubringen; zum anderen verschaffen sie uns die Gelegenheit, uns diesem zwar kurzen aber dichten Text in einer langsamen Bewegung anzunähern. Das kommt auch der Aufforderung Luhmanns nach: "... versteht mich bitte nicht zu schnell." (Interview in der Frankfurter Rundschau vom 8.12.1997). -
Auf die Frage nach seinem Hauptcharakterzug soll Luhmann geantwortet haben: "bockig". - Das überrascht zunächst ein wenig, denn Bockigkeit wird unter den philosophischen Tugenden bekanntlich nicht gelistet. Müssen wir ihn überhaupt als Philosophen lesen? Oder anders: Müssen wir als Philosophen ihn überhaupt lesen? - Luhmann hat sich ja als Soziologe verstanden. Nach einem Wort Jean Pauls lagen die Fenster in den philosophischen Auditorien für ihn zu hoch. Seine Bockigkeit war eine, die sich in der steten Auseinandersetzung mit Gedanken der philosophischen und soziologischen Tradition entwickelte. -
So zeigen auch umgekehrt seine Schriften für philosophisch an der Tradition geschulte Köpfe eine gewisse Bockigkeit und man ist bisweilen geneigt, eine Textstelle, die sich dem Verständnis nicht erschließen will, in Verdacht zu nehmen, hier könne womöglich der "Unsinn" versteckt sein, von dem im oben zitierten Interview die Rede ist. - Im Falle unserer Aufsatzes "Erkenntnis als Konstruktion" bietet sich dafür etwa der Satz an: "Erkenntnis ist nur möglich, weil sie keinen Zugang zur Realität hat." Ein anderes Beispiel, das den Verdacht des Unsinns auf sich zieht, ist das bekannte "Menschen können nicht kommunizieren." - Wie soll man sich das vorstellen?
Ich würde gern, bevor wir zum Text kommen, Eure Erfahrungen mit der Systemtheorie Luhmanns ein wenig besprechen. Wie ergeht es Euch, wenn Ihr Texte von Luhmann lest? - Vielleicht hat ja der eine oder andere aus Anlaß einer Luhmann-Lektüre auch schon den Charakterzug der Bockigkeit an sich festgestellt ...
(Niklas Luhmann; Die neuzeitlichen Wissenschaften und die Phänomenologie; S. 56)
"Ich habe das Bedürfnis, in jedem Buch mindestens einen Unsinn hineinzubringen."
(Niklas Luhmann; Interview in "Frankfurter Rundschau"; 8.12. 1997)
Das Thema dieses Threads ist der Aufsatz "Erkenntnis als Konstruktion" von Niklas Luhmann (in: "Aufsätze und Reden"; Stuttgart 2001; S. 218 - 242). -
Die 25 Seiten haben zwei Vorteile: Zum einen sind sie schnell gelesen, so daß es im Grunde möglich ist, sich jederzeit in diesen Lektürethread einzubringen; zum anderen verschaffen sie uns die Gelegenheit, uns diesem zwar kurzen aber dichten Text in einer langsamen Bewegung anzunähern. Das kommt auch der Aufforderung Luhmanns nach: "... versteht mich bitte nicht zu schnell." (Interview in der Frankfurter Rundschau vom 8.12.1997). -
Auf die Frage nach seinem Hauptcharakterzug soll Luhmann geantwortet haben: "bockig". - Das überrascht zunächst ein wenig, denn Bockigkeit wird unter den philosophischen Tugenden bekanntlich nicht gelistet. Müssen wir ihn überhaupt als Philosophen lesen? Oder anders: Müssen wir als Philosophen ihn überhaupt lesen? - Luhmann hat sich ja als Soziologe verstanden. Nach einem Wort Jean Pauls lagen die Fenster in den philosophischen Auditorien für ihn zu hoch. Seine Bockigkeit war eine, die sich in der steten Auseinandersetzung mit Gedanken der philosophischen und soziologischen Tradition entwickelte. -
So zeigen auch umgekehrt seine Schriften für philosophisch an der Tradition geschulte Köpfe eine gewisse Bockigkeit und man ist bisweilen geneigt, eine Textstelle, die sich dem Verständnis nicht erschließen will, in Verdacht zu nehmen, hier könne womöglich der "Unsinn" versteckt sein, von dem im oben zitierten Interview die Rede ist. - Im Falle unserer Aufsatzes "Erkenntnis als Konstruktion" bietet sich dafür etwa der Satz an: "Erkenntnis ist nur möglich, weil sie keinen Zugang zur Realität hat." Ein anderes Beispiel, das den Verdacht des Unsinns auf sich zieht, ist das bekannte "Menschen können nicht kommunizieren." - Wie soll man sich das vorstellen?
Ich würde gern, bevor wir zum Text kommen, Eure Erfahrungen mit der Systemtheorie Luhmanns ein wenig besprechen. Wie ergeht es Euch, wenn Ihr Texte von Luhmann lest? - Vielleicht hat ja der eine oder andere aus Anlaß einer Luhmann-Lektüre auch schon den Charakterzug der Bockigkeit an sich festgestellt ...