Wolkenreise - Anaskopien des Himmels

Nauplios
"Cloud Computing für die Modernisierung
der Verwaltungsinfrastrukturen aller Staatsebenen zu nutzen."
(Deutscher Bundestag. Wissenschaftliche Dienste.
BT-Plenarprotokoll 17/27: 2383ff)

"... und dann
würde das, was groß und wichtig erscheint,
plötzlich nichtig und klein."
(Reinhard Mey; "Über den Wolken" 1974)

"Schaun die ganzen Wolken
nicht lustig aus?"
(Tim Toupet; "Das Fliegerlied")



Am Samstag ist Frühlingsanfang. Die Temperaturen sollen steigen und nachzyklisch steigen womöglich auch die vom Frühling ausgelösten Frühlingsgefühle. Ist es an einem sommerlichen Frühlingstag warm genug und es bleibt trocken, ist man vielleicht verführt, mit der Liebsten ein Picknick zu machen. Auf einer duftenden Frühlingswiese zu liegen, den Blick gen Himmel, in die Wolken zu schauen, das Summen der Insekten zu hören, das Krabbeln kleiner Käfer zu spüren - Inbegriff einer Idylle.

Als der Teufel Jesus verführen wollte, schien ihm der Anblick des Himmels ein zu geringes Mittel der Versuchung und so führte er ihn auf einen hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt in ihrer zukünftigen Herrlichkeit „in einem Augenblick" (Lk. 4,5). - "In einem Augenblick" - diese Anschauung eines Ganzen ist göttlicher Reichweite vorbehalten. Die göttliche Kataskopie auf die Erde herab findet jedoch ihr Gegenstück in der humanen Anaskopie zum Himmel hinauf.

Der nächtliche Blick zum Himmel - das war ja in früheren Zeiten philosophisches Kerngeschäft, inzwischen outgesourced an die Naturwissenschaften. Mit ihm verbanden sich Hoffnungen auf Einblicke in Wesen und Funktionsweise des göttlichen Kosmos. Der Blick am Tage war dafür ungeeignet; allenfalls brachte man die Wolken in Zusammenhang mit göttlichen Boten und Fürsprechern. So werden auf Bildern häufig die Jungfrau Maria oder Engel und Heilige mit dem Avatar einer Wolke dargestellt, um ihre göttliche Abkünftigkeit und himmlische Heimat zu symbolisieren. -

Wie stellt die moderne Kunst den von metaphysischen Annahmen befreiten Himmel dar? - Die Frage berührt eine Philosophie der Landschaft, wie sie in einem bedeutenden Aufsatz Joachim Ritter skizziert hat. Petrarca stieg bekanntlich auf den Mont Ventoux, kam aber noch auf dem Gipfel zu der Einsicht, daß sein Programm "Selbstfindung der Seele durch Hinaufführen des Körpers" sich nur dem Geist erschließt, nicht dem Rundumblick der Sehkraft.

Die taghelle Anaskopie des Himmels, dargestellt an Beispielen aus der Kunst und Literatur - was erfährt der Mensch in dieser Wolkenreise, diesem Paradigma des Träumens und des unbegrifflichen Denkens?
Nauplios


(Johann Wolfgang von Goethe, Howards Wolkenformen; um 1817-20)
Sophie
Van Gogh schrieb in einen der zahlrechen Briefe an seinen Bruder Theo, ob er wisse, „ dass das Zeichnen mit Worten auch eine Kunst ist und mitunter eine schlummernde Kraft verrät, wie die blaue oder graue Rauchwolke das Feuer im Herd verrät“.

So wie der Rauch das Feuer verrät, zeigen Van Goghs Wolken-Bilder nicht nur die dahinterliegende Dynamik der Natur.

Van Gogh konnte trefflich die wolkigen Luftströmungen darstellen und gleichzeitig boten ihm die Wolken und die landschaftliche Weite eine gutes Motiv für Getriebensein und Einsamkeit.
Sophie
An die Wolken

Und immer wieder,
wenn ich mich müde gesehn
an der Menschen Gesichtern,
so vielen Spiegeln
unsäglicher Torheit,
hob ich das Aug
über die Häuser und Bäume
empor zu euch,
ihr ewigen Gedanken des Himmels.
Und eure Größe und Freiheit
erlöste mich immer wieder,
und ich dachte mit euch
über Länder und Meere hinweg
und hing mit euch
überm Abgrund Unendlichkeit
und zerging zuletzt
wie Dunst,
wenn ich ohn' Maßen
den Samen der Sterne
fliegen sah
über die Äcker
der unergründlichen Tiefen.

Christian Morgenstern
ete
Nauplios
Zitat:
Original von Sophie
Van Gogh schrieb in einen der zahlrechen Briefe an seinen Bruder Theo, ob er wisse, „ dass das Zeichnen mit Worten auch eine Kunst ist und mitunter eine schlummernde Kraft verrät, wie die blaue oder graue Rauchwolke das Feuer im Herd verrät“.


Da hast Du ein sehr schönes Briefzitat von Van Gogh herausgesucht, Sophie! Schön ist es schon deshalb, weil darin drei Gleichnisse ineinander verschränkt sind: das "Zeichnen mit Worten" (1) verrät eine "schlummernde Kraft" (2) wie die "Rauchwolke das Feuer im Herd" (3). -

Das Zeichnen mit Worten - damit könnte vielleicht die Sprache der Poesie gemeint sein; es scheint damit ein künstlerischer Umgang mit der Sprache gemeint zu sein, der sich unterscheidet von der Verwendung der Sprache als Mittel zur Bezeichnung oder als Mittel zur Verständigung o.ä. Mit Worten zeichnen - damit ist ein Bedeutungsüberschuß im Spiel, weil das auf diese Weise Gezeichnete mehr ist als Bezeichnetes.

Die schlummernde Kraft, die sich darin "verrät", verweist auf das krreative Potential des wort-zeichnenden Menschen. Es ist eine Kraft, die allein durch dieses Zeichnen noch nicht ausgeübt wird, denn sie schlummert nur. Aber diese Kraft - vielleicht ein göttlicher Funke - kann erschlossen werden, denn im Zeichnen mit Worten verrät sie sich.

Dieses Verraten gleicht dem Verraten des Feuers im Herd durch die Rauchwolke. Das Feuer selbst bleibt unsichtbar, allerdings wird auch das Feuer verraten durch die Rauchwolke. Auch hier kann auf das Feuer nur geschlossen werden; es bleibt selber unsichtbar.

Von der Rauchwolke ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Wolke am Himmel. Was verrät sie? Auf was schließt der Mensch in der Betrachtung der Wolken? Verrät auch der Himmel womöglich etwas, das sich selbst nicht zeigt?

(P.S.: Wie ist das eigentlich mit dem Einfügen von Bildern, Sophie? Ich habe die Gepflogenheiten hier inzwischen vergessen: Ist es Usus, Bilder direkt einzufügen oder auf sie zu verlinken?)

[=> im Normalfall und auch im Zweifelsfall: verlinken. Man weiß ja nie, ob die verlinkten Seiten Trafficklau mögen - oder ein User versäumt hat, die Urheberrechte abzuklären. JR]
Nauplios
Dank´Dir für diesen sommerlichen Link, ete, zur Möwe Jonathan. - "Für die wirkliche Möwe Jonathan, die in uns allen lebt" - auch da wird auf etwas verwiesen, das wie das Zeichnen mit Worten auf eine schlummernde Kraft schließen läßt, welches sich selbst aber einer direkten Wahrnehmung verschließt. Auch hier ist ein Gleichnis im Spiel, denn die "wirkliche" Möwe Jonathan lebt in uns.

Das Verraten des Feuers durch die Rauchwolke bzw. der schlummernden Kraft (man könnte sie die Möwe Jonathan nennen) durch das Zeichnen mit Worten ist wie eine Spur (!), die ja auch auf anderes schließen läßt und anderes verrät.

(Dank´für die prompte Antwort, JR.) -
Sophie
Zitat:
Original von Nauplios


Das Zeichnen mit Worten - damit könnte vielleicht die Sprache der Poesie gemeint sein; es scheint damit ein künstlerischer Umgang mit der Sprache gemeint zu sein, der sich unterscheidet von der Verwendung der Sprache als Mittel zur Bezeichnung oder als Mittel zur Verständigung o.ä.



Ja, so war es von Vincent van Gogh auch gemeint. Er spielte da auf eine kurze Schilderung seines Bruders von Paris bei Nacht an, in der er diese schöpferische Kraft ausgemacht hatte.

Wolken spielen in der Kunst einen große Rolle. Bei El Grecos Gemälde Die Dreifaltigkeit z.B. sind sie die Bühne, auf der sich die himmlischen Ereignisse abspielen.