David Hume - "Über die Gerechtigkeit"

Lirum Larum
Ich grüße euch.
Kürzlich habe ich mir David Humes "Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral" zugelegt, was mich auch zur Anmeldung in diesem Forum hier inspiriert hat. Leicht verständlich und sehr konkret behandelt Hume in dieser Monographie diverse Themen. Was mich aber am meisten beschäftigt hat, ist der Dritte Abschnitt, erster Teil: "Über die Gerechtigkeit". Hume stellt vier Gedankenexperimente auf, in denen er untersucht, welche Rolle "Gerechtigkeit" spielt, wenn die Menschen in einer Situation von totalem Überfluss und radikalem Mangels leben würden und was wäre, wenn alle Menschen sich wie Engel, d.h. ausschließlich gut bzw. wie Teufel, d.h. ausscheließlich schlecht verhalten würde (Vereinfacht ausgedrückt). Hume kommt zu dem Schluss, dass Gerechtigkeit, die er ja direkt mit Eigentum in Verbindung setzt, keine Rolle mehr spielen würde. Und da bin ich unschlüssig. Während ich ansonsten eigentlich permanent mit Hume konform gehen kann, bin ich mir bei dem Abschnitt über die Gerechtigkeit unsicher. Von daher würde ich gerne in Erfahrung bringen, wie ihr das seht - falls euch der Text bekannt ist. Ist die Argumentation von Hume für euch logisch oder müsst ihr aus bestimtmen Gründen Kritik üben? Ich bin sehr gespannt!
Gedankenfalter
Ich stimme in dem Punkt bedingt mit Hume überein.

Ich glaube, dass eine Gesellschaft, in der alle Menschen tugendhaft sind und es kein anderes Handlungsmotiv außer Tugend gibt, tatsächlich keinen Zwang zu Gerechtigkeit braucht, da alle von Natur aus alle Menschen selbstlos sind. Jedoch bedeutet das nicht unbedingt, dass alle Gesetze überflüssig wären, weil sich ja nicht alle Menschen von Natur aus darin einig sind, was gerecht ist. Wir würden daher möglicherweise eine von einem Staat vorgegebene Definition der Gerechtigkeit brauchen.

Eine Gesellschaft, in der alle Menschen von Grund auf egoistisch sind, muss dagegen nicht zwangsläufig ohne Gerechtigkeit sein. Der Zwang zu Regeln kann ja durchaus auch Vorteile bringen, darin liegt ja gerade der Sinn des Staates. Es würde damit also im Sinne des Egoismus liegen, sich einem Gerdchtigkeitskonzept zu unterwerfen, da das mehr Vorteile als Nachteile bringen würde. Natürlich müsste die Umsetzung pausenlos kontrolliert werden, weil jeder diese Gesetze sofort wiedr brechen würde, wenn es irgendwann mal vorteilhaft erscheinen sollte.

Ob eine Gesellschaft, in der jeder alles haben kann, noch Gerechtigkeit braucht, ist dagegen eine schwierige Frage. Ich persönlich würde dahin tendieren, DASS sie Gerechtigkeit braucht, weil es in der Natur des Menschen liegt, anderen Menschen Leid zuzufügen, auch wenn es nicht zwangsläufig sein müsste. Materieller Überflus würde die Menschheit danach nicht daran hindern weiter aufeinander herumzuhacken, und damit bräuchten wir auch noch Gerechtigkeit.

Eine Gesellschaft, in jeder im Mangel lebt, muss ebenfalls nicht ohne Gerechtigkeit sein. Die Gerechtigkeit wird in einer solchen Gesellschaft so lange existieren wie sie dem Egoismus des Menschen dient, also sein Leben verbessert. Falls der Staat, der diese Gerechtigkeit umsetzt jedoch nicht funktioniert und nur noch mehr Elend hervorruft, würde meiner Meinung nach jedoch tatsächlich Anarchie herrschen.

Liebe Grüße
Reinhard
Ich fühle mich da an einen Gedanken ( Ich glaube bei Platon ) aus der griechischen Mythologie erinnert. Als alle Götter Zeus berichteten, dass sie Talente und Neigungen auf die Menschen ungleichmäßig verteilt hätten, behielt sich der Meister vor, Gut und Böse gleichmäßig auf die Menschen zu verteilen, da hier keiner bevorzugt werden dürfe. Demnach wäre die Mitte immer der Ausgangspunkt jeder Betrachtung und die von Hume gewählten Extreme dürften immer nur zur Verdeutlichung dieser Position herangezogen werden, die ja ein Mischverhältnis der Extreme bildet.

Im Grunde lässt sich die Frage nach Gerechtigkeit nie von der Macht trennen, dem Willen platz zu verschaffen. Der Wille selber kennt keine Gerechtigkeit, allenfalls das Bewußtsein darüber, das aber wieder im Dienste des Willens steht. Über Moral wird also nicht in der Vernunft entschieden, sondern aus dem Verhältnis von ihr zum Willen und dieses Verhältnis sind wir. Da gibt es keinen festen Anker in einer Extremposition, denn die eine Seite setzt die selbstlose Tat voraus und die andere leugnet nicht nur sie, sondern verharrt im Irrationalen.

Mit freundlichen Grüßen
Reinhard
flores
Zitat:
Original von Lirum Larum
Hume kommt zu dem Schluss, dass Gerechtigkeit, die er ja direkt mit
Eigentum in Verbindung setzt, keine Rolle mehr spielen würde. Und da bin
ich unschlüssig. ...Ist die Argumentation von Hume für euch logisch oder
müsst ihr aus bestimtmen Gründen Kritik üben? Ich bin sehr gespannt!


Es geht Hume m.E. darum herauszuarbeiten, wie Menschen dazu kommen,
eine Vorstellung von Gerechtigkeit zu entwickeln.
D.h. für Hume – wie ich es in seiner 'Inquiry of Human Unterstanding' und
im 'Treatise of Human Nature' gelesen habe – herauszufinden, welche
'impressions' eine Vorstellung von Gerechtigkeit entstehen lassen. Dies
entspricht seiner Annahme, dass nur aus 'impressions' Vorstellungen bzw.
Ideen - auch sehr abstrakte - von etwas entstehen können.
'Gerechtigkeit' ist ein sehr abstrakter Begriff. Im ersten
Abschnitt der "Inquiry of moral principles" erläutert er, dass nicht die reine
Vernunft, sondern nur unsere Empfindungen (sentiments) – auch mit
Wahrnehmungen übersetzbar – uns dazu veranlassen, moralisch zu
handeln. Wenn wir beispielsweise einen Mord beobachten, erleben wir
unangenehme Gefühle (not convinient). Dies veranlasst uns, Morden als
gegen den Menschen gerichtet zu beurteilen und mit
entsprechenden Gesetzen zu verfolgen und entsprechenden Strafen zu
ahnden. Die Vernunft liefert uns – so meinte nach meiner bisherigen
Lektüre Hume - dann noch weitere Gründe, warum wir Mord nicht
akzeptieren sollten. Primär sei jedoch die eigene Empfindung jedes
Menschen die Basis für Werte wie 'Gerechtigkeit' und nicht die Vernunft.

Diesen Gedankengang - so scheint mir - möchte er unter anderem mit den
von Dir erwähnten Gedankenspielen verdeutlichen. Wenn niemand mordet
(weil alle Menschen Engel sind) oder wenn alle morden (weil alle Teufel
sind), wenn alle Güter im Überfluss vorhanden sind, bzw. wenn alle
lebensnotwendigen Güter knapp sind, ist von Gerechtigkeit keine Rede,
weil es keine 'impressions' geben dürfte, die unangenehm empfunden
werden. Wenn alle gut sind, wird keiner dem anderen etwas wegnehmen.
Also werden Menschen niemals beobachten können, wie jemand etwas
gegen einen anderen Menschen unternimmt. Wenn wir alle Teufel wären,
würden wir stehlen und morden für selbstverständliches Handeln
(moralisch) halten, weil es unserer Natur entspricht. Wenn alle jederzeit
Zugriff auf alles haben, was sie täglich brauchen (Replikator im Raumschiff
Enterprise), braucht niemand zu stehlen und wenn keiner genügend zum
Leben hat, geht es ums nackte Überleben und es ist dann moralisch in
Ordnung, wenn jeder stehlend und mordend fürs eigene Überleben sorgt.

Wie auch immer: Die Idee der Gerechtigkeit hat keine Möglichkeit zu
entstehen, weil die entsprechenden 'impressions' bzw. 'sentiments' sich
nicht ergeben dürften.
Ich kann dieses Fazit nachvollziehen.

flores smile
fuerninon
Es ist richtig, dass Hume eine Gefühlsethik vertritt, oder zumindest vertreten wollte. Allerdings wird es mit der fortlaufenden Lektüre („Eine Untersuchung über die Prinzipien über die Moral“)und auch in seinem Buch „Über Moral“ deutlich, dass die Moral auch nach Hume nicht nur auf dem Gefühl beruhen kann.
Zur Gerechtigkeit: Hume unterscheidet zwischen natürlichen und künstlichen Tugenden. Zur natürlichen Tugend zählt beispielsweise die Fürsorge der Eltern um ihre Kinder. Zu den künstlichen Tugenden zählt die Gerechtigkeit. Diese ist künstlich, weil sie auf einem fiktiven „Vertrag“ basiert, der wiederum auf der Vernunft beruht: Die Menschen können einsehen, dass Gerechtigkeit, und damit meint Hume in den Prinzipien über die Moral (3. Abschnitt) vor allem Eigentumsregeln, nützlich ist. Die Gerechtigkeit im Sinne der Eigentumsregeln sind also nützlich für die Gesellschaft und damit letztlich für jeden Einzelnen. Die Bestrafung von Mord basiert folglich darauf, dass wir eine "sichere" Gesellschaft schaffen, die der gesamten Gemeinschaft nützt und letztlich auch jedem Einzelnen. Natürlich zieht die Bestrafung von Mord auch Gefühle nach sich, da wir beispielsweise Mitgefühl für das Opfer empfinden. Das ist dann das natürliche Wohlwollen für andere Menschen. Dies ist aber nach Hume zu schwach, daher brauchen wir die Vernunft um einsehen zu können, dass die Eigentumsregeln nützlich sind.

Grüße,
FuerNinon
Rhetorix
Zitat:
Original von fuerninon
... Zu den künstlichen Tugenden zählt [laut Hume] die Gerechtigkeit. Diese ist künstlich, weil sie auf einem fiktiven „Vertrag“ basiert, der wiederum auf der Vernunft beruht: Die Menschen können einsehen, dass Gerechtigkeit, und damit meint Hume in den Prinzipien über die Moral (3. Abschnitt) vor allem Eigentumsregeln, nützlich ist.... Natürlich zieht die Bestrafung von Mord auch Gefühle nach sich, da wir beispielsweise Mitgefühl für das Opfer empfinden. Das ist dann das natürliche Wohlwollen für andere Menschen. Dies ist aber nach Hume zu schwach, daher brauchen wir die Vernunft um einsehen zu können, dass die Eigentumsregeln nützlich sind.

Ich glaube, da irrt Hume.

Kaum irgendwer - von ganz vergeistigten Philosophen mal abgesehen - sieht ein, dass Gerechtigkeit nützlich ist.
Gerechtigkeit ist vielmehr ein Ideal, an das normalerweise kein Mensch denkt - außer in ganz konkreten Situationen, in denen sie ihn selbst betreffen könnte.
Wenn's ihn aber selbst betrifft, dann will er Gerechtigkeit, und darunter versteht er, dass er Recht bekommt bzw. dass man ihm Recht gibt.
Dass das Recht, was man ihm gibt, gelegentlich aber auch darin bestehen kann, dass man ihm sagt "Du hast Unrecht - zieh ab!", sieht kaum jemand ein.

Viel einleuchtender als die Nützlichkeit der Gerechtigkeit ist für Normalverbraucher die Nützlichkeit aller denkbaren Möglichkeiten, die eigenen Interessen durchzusetzen, wobei die Kollision mit den Interessen der anderen regelmäßig mit Unlust quittiert wird.

Um überhaupt an Gerechtigkeit einen Gedanken verschwenden zu können, braucht man wahrscheinlich einen möglichst großen persönlichen Interessen-Abstand vom Konflikt.
Absolut ist dieser Abstand allerdings nie.

Ich glaube, dass der Versuch der Herstellung von Gerechtigkeit dann sowohl über die emotionale wie über die intellektuelle Schiene verläuft.
Wer nichts weiß und nicht folgerichtig denken kann, findet den Mörder nicht heraus und hängt den Falschen - mit bester Absicht, aber ungerechtem Ergebnis.
Wer nur denkt, aber nichts dabei empfindet, hat in komplizierten Fällen kein Korrektiv, das ihn warnt und sagt: "Dieses Ergebnis glaubst du logisch folgerichtig gefunden zu haben - aber Vorsicht: fühlst du nicht, dass es ungerecht wäre?"