theoretikerjoe
Hi,
ich habe mal Videos von Bernd Senf gesehen und Texte von ihm gelesen. Und er kritisiert da sehr grundsätzlich das Zinssystem. Er bezieht sich dabei auf Silvio Gesell. Ich fand einige Arguemente sehr schlüssig. Habe mich aber gewundert, wieso beide ihre Argumente nur auf Zinsen und Zinseszinsen beziehen und nicht generalisieren und von Eigenkapitalrendite generell sprechen oder umgangssprachlich von Besitzvermehrung.
Ich habe dazu einen Artikel geschrieben, ich hoffe es sei mir erlaubt diesen einen Link zu dem Artikel hier zu setzen.
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Es würde mich sehr freuen, wenn jemand sich die Zeit nimmt das zu lesen und ggf. einen Kommentar zu schreiben.
[EDIT: Ich würde vorschlagen, die relevanten Thesen aus dem Artikel hier im Thread zu formulieren und ggf zu erklären. JR]
Bei einem Kommentar würde ich darum bitten, Zwischen inhaltlichen und formalen Kommentaren zu trennen. Indem man bitte die Inhaltlichen mit der Überschrift Inhalt und die Formalen mit der Überschrift Form in je einem Block kennzeichnet. Denn zumindest die Formalen werde ich versuchen zu korrigieren, und dann bleibt dieser Thread auch später noch lesbar.
In Erwartung auf eure Meinungen dazu.
Gruß TheoretikerJoe
Archibald
@ theorie:
Na gut, die Nachteile des Zinssystemes sind offensichtlich!
Nun mach aber doch mal bitte einen Gegenvorschlag diesbezüglich, unter welchem Anreiz angehäuftes Geld (= Kapital) locker gemacht werden soll.
Hierzui gibt es 2 Prinzipien:
1) Geld erst gar nicht anhäufen lassen
2) angehäuftes Geld zwangsenteignen und umverteilen
Aber, egal, was auch immer: Eine Gesellschaft, die ohne das Zinssystem auskommen will, muss letztendlich auch ohne "angehäuftes Geld" (= Kapital) auskommen.
Da nützt es auch nichts, wenn der Staat sagt: "Wir verwalten das Kapital"; denn, das ist letztendlich doch auch nur Staatskapitalismus, auch, wenn er sich "Kommunismus" schimpft!
Fazit:
Wer denb Kapitalismus abschaffen will, muss zuerst das Geld abschaffen, und, wer das Geld abschaffen will, sollte dazu erst einmal den Menschen abschaffen!
DreamingNB
Vielleicht reicht es aber auch aus die Zentralbanken abzuschaffen und dem freien Markt mal eine Chance zu geben. Das hat es im Gegensatz zu den Behauptungen vieler Hobbysozialisten bisher noch nicht gegeben. Moderner Neoliberalismus hat mit freiem Wirtschatften übrigens genausowenig zu tun wie Sozialismus - damit man mich nicht falsch versteht.
Mein Vorschlag wäre also das Geldschöpfungsmonopol was zusammen mit dem Fiatgeld heutiger Zeit für alle Spekulationsblasen und "Abzockereien" verantwortlich ist zu entfernen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Free_Banking
theoretikerjoe
Ok, leider kann ich den Artikel oben nicht mehr bearbeiten. Da ich auch nicht verlinken darf, werde ich also hier unten meine
Theorie nochmal erklären und mich versuchen kurz zu fassen, aber richtig kurz geht halt einfach nicht. Ich hoffe es ist trotz dem Versuch der Kürze verständlich.
Zu erst will ich eine Problembeschreibung geben. Hier bin ich mir noch ziemlich sicher.
Die Wirtschaft kann nicht dauerhaft exponentiell wachsen. Feste jährlich Wachstumsraten sind immer exponentiell, auch wenn es
nur geringe Prozentwerte sind. Auch 0,5% Wachstum jedes Jahr sind exponentielles Wachstum, und wenn man die Funktion
mathematisch versteht, dann ist klar, dass das dauerhaft nicht durch zu halten ist.
Wenn es aber das Recht von Besitz auf Vermehrung gibt, also ein Recht auf Eigenkapitalrendite, dann ist es schlimm wenn die
Wirtschaft nicht auch so schnell wächst wie das Eigenkapital. Es gibt zwar keinen Paragraphen in einem Gesetzbuch, der einem
eine Eigenkapitalrendite garantiert. Aber doch ist es die Natur von Besitz oder besser Eigenkapital, des es entlohnt wird.
Wenn man sich jedenfalls in Europa die letzten 60 Jahre anguckt und in Amerika sogar die letzten 80 Jahre, dann stellt man
fest, das Besitz jedes Jahr entlohnt wurde. (Mit sehr wenigen Jahren als Ausnahmen.) Die gängige Theorie der
Volkswirtschaftslehre argumentiert, dass diese Besitzvermehrung gut für die Gemeinschaft sei.
Wenn aber wenn das Wirtschaftswachstum kleiner ist als die Eigenkapitalrendite, dann gibt es Gewinner und Verlierer. Die die
viel haben, die Reichen gewinnen, die die wenig haben, die armen verlieren.
Eigenkapitalrendite wären zum Beispiel Zinsen auf der Bank. Die Quellen die ich kenne beziehen sich sogar ausschließlich auf
Zinsen, etwa Bernd Senf oder Silvio Gesell. Mit Zinsen kann man gut rechnen. Wobei man hier schon von größeren Mengen von
Festgeld ausgehen muss. Nicht 1000 Euro auf dem Sparbuch. Wenn man 100 000 Euro für 5 oder 10 Jahre fest anlegt, dann bekommt
man immer etwa 5% Zinsen. Gut jetzt gerade in der Krise bekommt man vielleicht nur 4%. Dann muss man davon natürlich die
Inflation abziehen, vielleicht 1,5 - 2%. Dann erhält man um die 3% Eigenkapitalrendite. Die Wirtschaft wächst aber schon
lange nicht mehr mit 3% im Jahr. Und man kann bei besserer Anlage als auf dem Festgeldkonto sicher noch viel mehr Rendite
erzielen.
Wenn es also langfristig kein jährliches festes Wirtschaftswachstum geben kann, dann kann auch Besitz langfristig nicht
entlohnt werden. Wenn langfristig die Entlohnung von Besitz größer ist als das Wirtschaftswachstum, dann werden die Armen
immer ärmer und die Reichen immer reicher. Eine automatische Umverteilung von unten nach oben also.
Inspiriert zu diesen Gedanken hat mich zwar Bernd Senf. Aber dieser greift immer nur das Zinssystem an. Wenn man die Zinsen
angreift, dann versucht man irgendetwas am Banksystem zu ändern oder an den Zentralbanken.
Ich habe diese Theorie aber erweitert und Spreche von Besitzvermehrung bzw. Eigenkapitalrendite generell. Ein wichtiger
Unterschied. Mathematisch gesprochen ist die Menge Zinsen nämlich nur eine Teilmenge der Menge Eigenkapitalrendite.
Das Problem ist nämlich, das die Reichen mehr monatliches Einkommen haben als sie verbrauchen, und daher reinvestieren.
Während die Armen praktisch ihr gesamtes Einkommen verkonsumieren.
Wenn aber die Wirtschaft nicht wächst, dann sei dass mal an einem einfach Beispiel erklärt wie ich mir das vorstelle.
10 Leute arbeiten bei einer Firma für je 10.000 € im Jahr. Der Besitzer hat Eigenkapital von 1.000.000€ in der Firma. Bei
einer Eigenkapitalrendite von 5% (Klar mehr als Zinsen), hat er 50.000€ Einkommen im Jahr. Wenn er aber nur 30.000 davon für
Konsum verbraucht, dann investiert er 20 000 nochmal in die Firma. Da es ja aber kein Wirtschaftswachstum gibt, wirft die
Firma trotzdem nicht mehr ab als vorher. Der Unternehmer will im nächsten Jahr aber wieder 5% Rendite, diesmal aber auf mehr
Eigenkapital. Der Unternehmer bekommt dann also mehr, und die Arbeiter müssen weniger bekommen.
Naja, sehr einfaches Beispiel, aber dafür verständlich denke ich. Kann man natürlich auch viel komplizierter erklären. Das 1. Video von Bernd Senf erklärt einiges davon sehr nett. Vielleicht setzt ein Admin ja mal einen Link dazu.
Es entstehen enorme Konflikte, wenn sich Besitz trotzdem weiter vermehrt. Die Armen werden so arm, dass sie nicht mehr leben
können. Und dann ist die Bereitschaft für Kriege gegeben. Wo dann auch deutlich wird, das es eben einen Gewinner und einen Verlierer geben wird. Nur seit es die Atomwaffen gibt, können wir diese Konflikte nicht mehr im Großen Stil durch Kriege lösen.
Die Frage ist dann natürlich nach der Alternative. Und ich muss ehrlich sagen, das der Kommunismus mir nicht als die geeignete Alternative vorschwebt. Ich habe keine richtig gute ausgefeilte Alternative. Aber die Gedanken die ich habe, werde ich in einem 2. Thread formulieren. Hier habe ich jetzt schon so viel gesagt, zu dem es sicher Streit und Fragen geben wird, wenn ich noch mehr schreibe, wird der Thread unleserlich.
Aber ich bin wirklich gespannt ob jemand mir soweit zustimmt. Bzw. einer hat dass ja schon getan wie ich sehe.
Sich über das Problem einig zu sein ist schließlich wichtig, sonst kann man ja schlecht über eine Lösung diskutieren.
Gruß
TheoretikerJoe
Der zweite Teil wird dann heissen Kapitalismus-Kritik Lösungsvorschlag, bei dem ich mir aber absolut nicht sicher bin, im Gegensatz zu der Problembeschreibung hier.
ewig
| Zitat: |
Original von DreamingNB
Moderner Neoliberalismus hat mit freiem Wirtschatften übrigens genausowenig zu tun wie Sozialismus - damit man mich nicht falsch versteht. |
Im Moment verstehen einige hier überhaupt nicht, was damit gemeint sein soll. Eine Erklärung könnte Abhilfe schaffen.
DreamingNB
Grob umrissen verstehe ich unter "freiem Wirtschaften" einen Markt mit minimalen Staatseingriffen.
Neoliberalismus ist (in diesem meinem Sinne) ein System in dem der Staat Umverteilung von unten nach oben unter Vortäuschung freiheitlicher Absichten bewirkt. Dies geht insbesondere mit Ausbeutung anderer Länder und Währungsmanipulationen einher.
Sozialismus ist (in diesem, meinem Sinne) ein durch Staatseingriffe beschränktes System, das für eine zwanghafte Umverteilung von oben nach unten sorgt.
DreamingNB
| Zitat: |
Original von theoretikerjoe
Wenn es aber das Recht von Besitz auf Vermehrung gibt, also ein Recht auf Eigenkapitalrendite, dann ist es schlimm wenn die
Wirtschaft nicht auch so schnell wächst wie das Eigenkapital. Es gibt zwar keinen Paragraphen in einem Gesetzbuch, der einem
eine Eigenkapitalrendite garantiert. Aber doch ist es die Natur von Besitz oder besser Eigenkapital, des es entlohnt wird.
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Was hat das bitte mit der "Natur von Eigenkapital" zu tun? So wie ich das sehe, wird ein Zins der durch einen freien Markt bestimmt wird niemals sicher sein oder ein "Recht" irgendeiner Art darstellen, da er freiwillig gezahlt wird,
weil die Investitionen Gewinn bringen. Sind Investitionen nicht profitabel, würde auf dem freien Markt der Zinssatz wohl sinken, es sei denn, der Staat greift ein und investiert (unsinnigerweise).
| Zitat: |
Original von theoretikerjoe
Wenn es also langfristig kein jährliches festes Wirtschaftswachstum geben kann, dann kann auch Besitz langfristig nicht
entlohnt werden.
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Eben. Dazu brauch es doch nur einen freien Markt.
| Zitat: |
Original von theoretikerjoe
Wenn langfristig die Entlohnung von Besitz größer ist als das Wirtschaftswachstum, dann werden die Armen
immer ärmer und die Reichen immer reicher. Eine automatische Umverteilung von unten nach oben also.
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Da stimme ich zu. Die Finanz- und Wirtschaftspolitik der westlichen Welt besteht spätestens seit den 1970er Jahren aus dem Versuch diese Umverteilung zu gewährleisten. In den USA wird dies meisten als "Demokratie" und "Freiheit" bezeichnet. ("Profit over People" - Noam Chomsky)
| Zitat: |
Original von theoretikerjoe
Wenn man die Zinsen angreift, dann versucht man irgendetwas am Banksystem zu ändern oder an den Zentralbanken.
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Nun sind wir bei meinem 1. Post angelangt. Ich als Laie finde übrigens die Ausführungen von F.A. Hayek zu diesem Thema sehr einsichtig und nachvollziehbar.
http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_A...oney_.281978.29
Letztlich ist die Diskussion dieses Problems nicht als Kapitalismus-Kritik zu verstehen, sondern als Kritik staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft und damit zusammenhängenden Fehlinvestitionen und eine Kritik der enormen Macht der Zentralbanken.
ewig
| Zitat: |
Original von DreamingNB
Grob umrissen verstehe ich unter "freiem Wirtschaften" einen Markt mit minimalen Staatseingriffen.
Neoliberalismus ist (in diesem meinem Sinne) ein System in dem der Staat Umverteilung von unten nach oben unter Vortäuschung freiheitlicher Absichten bewirkt. Dies geht insbesondere mit Ausbeutung anderer Länder und Währungsmanipulationen einher.
Sozialismus ist (in diesem, meinem Sinne) ein durch Staatseingriffe beschränktes System, das für eine zwanghafte Umverteilung von oben nach unten sorgt. |
Du gehst also bereits von den politisierten Begrifflichkeiten und ihrer Auslegung durch den jeweils politischen Gegner aus. Meine Vorstellung des "Neoliberalismus" müßte z.B. freiheitliche Absichten gar nicht
vortäuschen, sondern würde genau die Art von Umverteilung durch eine tatsächlich zunehmende Markt-Liberalisierung konsequent nach sich ziehen. Man muß ja bedenken, daß wir bis 2003 ein Sozialsystem hatten, welches seither (und zwar auch durch Liberalisierungsmaßnahmen) einen großen Fall abwärts getan hat. "Neoliberalismus" wäre dann daher zu verurteilen, daß wir die Konsequenzen einer solchen Entwicklung zur Massenarmut einerseits und zentralisiertem Reichtum andererseits eigentlich gut kennen, aber trotzdem sehenden Auges weiter in diese Richtung steuern, nicht aber weil es sich um eine Form von Demagogie handelte.
Auch den "Sozialismus" sehe ich nicht grundsätzlich unter der Brille eines "Zwangs" zur Umverteilung. Jedenfalls nicht mehr als dieses Wort etwa in linken Phrasen wie dem "Zwang, sich verkaufen zu müssen" in der Marktwirtschaft bedeutet, also eine höchst propagandistische Perspektivierung. Ich bin sicher, man kann eine Gesellschaft austüfteln, die strukturell einen Gini-Koeffizienten von 0,2 anpeilt, ohne daß sich darin eine bedeutsame Zahl an Personen finden ließe, die sich der Früchte "ihrer" Arbeit illegitim beraubt vorkämen. Das ist eine Frage von Gewohnheit und erzogener Ethik. Wer in so einer Gesellscahft aufwächst, der würde lernen zu denken, daß er auch wenn er einen großen Hebel bedienen darf, deswegen noch immer dieselbe Arbeitszeit/konzentration etc. aufwendet wie jemand, der "bloß" Schuhe putzt, und auch daß ein geringes soziales Gefälle die vielleicht beste Basis für einen dauerhaften sozialen Frieden bildet. Er käme wahrscheinlich nicht einmal auf die Idee, zu denken, das was in der liberalen Perspektive "
er erarbeitet" hätte, würde ihn dazu privilegieren, bedeutend mehr für sich einzufordern.
DreamingNB
| Zitat: |
Original von ewig
Ich bin sicher, man kann eine Gesellschaft austüfteln, die strukturell einen Gini-Koeffizienten von 0,2 anpeilt, ohne daß sich darin eine bedeutsame Zahl an Personen finden ließe, die sich der Früchte "ihrer" Arbeit illegitim beraubt vorkämen. |
Ich halte überhaupt nichts davon die Verteilung von Kapital irgendwie auszutüfteln. Diese kann nur historisch begründet sein, sonst ist es ungerecht. Ein Gini-Koeffizient ist von sich aus nicht gerechter als ein anderer.
| Zitat: |
Original von ewig
Meine Vorstellung des "Neoliberalismus" müßte z.B. freiheitliche Absichten gar nicht vortäuschen, sondern würde genau die Art von Umverteilung durch eine tatsächlich zunehmende Markt-Liberalisierung konsequent nach sich ziehen.
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Eine Umverteilung (so wie ich den Begriff verwende) kann niemals durch Markt-Liberalisierung entstehen. Es ist ihr immanent durch staatliche Eingriffe zu entstehen.
Es gibt auch keine Hinweise darauf, dass ein freier Markt den Unterschied zwischen armen und reichen Menschen in ungerechter Weise vergrößert (wie sollte das auch gehen?), wie es zB. zur Zeit die US-amerikanische Rüstungs-/kriegspolitik tut.
ewig
| Zitat: |
Original von DreamingNB
Ich halte überhaupt nichts davon die Verteilung von Kapital irgendwie auszutüfteln. Diese kann nur historisch begründet sein, sonst ist es ungerecht. |
Wie Du meinst. Meiner Ansicht nach kann man auch sehr leicht mit Begründungen wie dieser arbeiten: "Diese oder jene Zustände wollen wir nicht mehr, also setzen wir Regel X in Kraft oder richten Organisationsweise Y ein, um sie so gut es uns möglich ist zu verhindern." Die Vereinten Nationen etwa sind ein Monumentalwerk, das auf diesem Gedankengang beruht und vermutlich den einen oder anderen Krieg durch ein feingleidrigeres Kommunikationsangebot wirklich verhindert hat. Weshalb man die Verteilung von Kapital von diesen Prinzipien ausschließen sollte, erschließt sich mir nicht.
| Zitat: |
| Eine Umverteilung (so wie ich den Begriff verwende) kann niemals durch Markt-Liberalisierung entstehen. Es ist ihr immanent durch staatliche Eingriffe zu entstehen. |
Ja, das scheint irgendwie zwischen uns zu liegen, daß wir Begriffe unterschiedlich verwenden. Aber mal so gefragt: Wie nennst Du es denn, wenn die oberen Zehntausend in einem gegebenen Jahr aus ihren Kapitalanlagen sagen wir jeweils 5% herausholen, während die unterste Million diese 5% an Abstrichen auf ihre Löhne hinnehmen müßte?
| Zitat: |
| Ein Gini-Koeffizient ist von sich aus nicht gerechter als ein anderer. |
Hier scheinst Du den Begriff "gerecht" anders zu verwenden. So wie ich das Konzept des Gini-Koeffizienten verstehe, spricht ein niedrigerer GK zumindest für eine gerechtere Kapitalverteilungsgerechtigkeit als ein höherer, aber vielleicht denke ich mir das auch zu einfach.
| Zitat: |
| Es gibt auch keine Hinweise darauf, dass ein freier Markt den Unterschied zwischen armen und reichen Menschen in ungerechter Weise vergrößert (wie sollte das auch gehen?), wie es zB. zur Zeit die US-amerikanische Rüstungs-/kriegspolitik tut. |
Indem die Produktivität steigt, Arbeitsplätze am unteren Skalenende überflüssig macht, und sich immer mehr Interessenten um die erstrag-ärmsten Stellungen balgen. Dadurch erhöhen sich sowohl die Erträge derer, die von der Innovation profitieren wie die Armut zunimmt unter denen, auf deren "Arbeitswert" bereits vorher ein großer Arbeitsüberangebot-Druck lastete.
DreamingNB
Gerechtigkeit ist nicht Gleichheit.
Es ist doch natürlich, wenn eine technologisch bedingte Produktivitätserhöhung zu geringerer Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt führt. Der Staat könnte genausogut die Maschinen verbieten, anstatt durch Keynesianische Aktionen die Nachfrage künstlich zu erhöhen, was nur zu einer riesigen Blase führt die früher oder später platzt.
Das eine entwickelte Gesellschaft nicht zur Vollbeschäftigung tendiert ist im Prinzip nicht so negativ wie es sich anhört. Natürlich würden in erster Instanz die Besitzer der Maschinen etc. vom technologischen Fortschritt finanziell profitieren.
Um die dadurch entstehenden Differenzen zu verringern halte ich eine gerechte Besteuerung evtl für angemessen. Ich stelle mir vor allem eine Land-/Grund- sowie eine Rohstoffsteuer vor. Lohn- und Konsumsteuern halte ich für kontraproduktiv. Im Gegensatz zu seiner eigenen Arbeitsleistung, halte ich den Besitz von Rohstoffen und Land für einen unfairen Vorteil eines Menschen gegenüber eines anderen.
Das ist vielleicht nicht sofort zu verstehen und die weiteren Folgen dieser Sichtweise sind mir noch nicht vollständig klar; es basiert jedoch auf der Doktrin, dass jeder einen Anspruch auf die Früchte seiner Arbeit hat, nicht jedoch einen Anspruch auf die alleinige Nutzung der Erde, da diese allen Menschen gegeben ist.
ete
Effektiver wäre doch eine Börsenumsatzsteuer, die ist überfällig.
DreamingNB
| Zitat: |
Original von ete
Effektiver wäre doch eine Börsenumsatzsteuer, die ist überfällig. |
Sollte sich deine Aussage auf meine Bemerkungen zur Steuer beziehen:
Meine Überlegungen sind allgemeiner und nicht vollständig auf die aktuelle pol. Situation anwendbar. Ob sich ein Spekulationsproblem an Börsen in einem von mir angestrebten libertätren System überhaupt ergibt ist allerdings unwahrscheinlich. Dies scheinen doch eher spezifische Symptome des jetztigen Systems zu sein.
Dante
Senf habe ich gelesen und musste feststellen, dass Senf nicht das eigentliche Problem erkannt hat. Ob Kapitalismus oder Kommunismus, beides ist Totalitär. Das bedeutenste Problem am eigentlichen Kapitalismus liegt am "freien" Markt. Wie ich schon in manchen Beiträgen hier lesen musste, dass wir es einmal mit "freien" Markt versuchen sollten. Ich finde um über diese Dinge eine klar definierte Meinung zu haben, sollte erstmal der Begriff "frei" definiert werden. Gegen jede Annahme, dass das Geldmonopol die einzigste freiheitsbeschränkung sei, möchte ich einmal die Begriffe "künstliche Monopole" und "natürliche Monopole" in den Raum werfen. Künstliche Monopole sind unter anderen jegliche Art von Patenten wie im gegensatz die natürlichen Monopole im Kapitalismus das Bodenmonopol ist. Durch besitzeseigentümer kann der Markt so weit beeinflusst werden, dass jegliche Art von Ausbeutung guten Boden findet.
Das Zins im entferntesten eine Todsünde sein soll, ist mir Fremd. Eher die Tatsache, die sich aus dem Zinseseffekt ergeben, halte ich für destruktiv jeglicher Art von Zusammenleben.
Ein weiteres, das zu den künstlichen Monopolen gehört ist das Geldstreikmonopol. Die äquivalenz zwischen Ware und Tauschmittel ist durch die Einführung des Geldes völlig verschwunden. Geld besitzt einen höheren Charakter wie die Ware. Im Gegensatz zu Geld verliert die Ware seinen Wert. Dieses destruktive Verhalten unseres Tauschmittels macht es zu einem künstlich geschaffenen Monopol dem die freundlichkeit der liqidität zugrunde liegt. Selbst Marx hat dieses Problem nicht erkannt und meinte durch eine verstaatlichung würde das Problem beseitigt. Marx hat diesen Problem selbst ein ganzes Werk gewidmet und hat versucht, das wesen des Kapitals zu definieren. Nach meiner Erkenntnis kann Kapital nur so definiert werden, "Kapital ist zinstragendes gut". Etwas das rendite erwirtschaften kann, ist Kapital. Gegen den trugschluss, dass jegliche Art von Besitz Kapital sei, verstehe ich unter Kapital lediglich das, was sich "künstlich" vermehren lässt.
Dante
DreamingNB
| Zitat: |
Original von Dante
Ob Kapitalismus oder Kommunismus, beides ist Totalitär |
Das ist nach den üblichen Definitionen dieser Begriffe einfach falsch. Kommunismus erfüllt die Kriterien des Totalitarismus offensichtlich.
Kapitalismus jedoch nicht im Geringsten.
Dante
| Zitat: |
Original von DreamingNB
| Zitat: |
Original von Dante
Ob Kapitalismus oder Kommunismus, beides ist Totalitär |
Das ist nach den üblichen Definitionen dieser Begriffe einfach falsch. Kommunismus erfüllt die Kriterien des Totalitarismus offensichtlich.
Kapitalismus jedoch nicht im Geringsten. |
Nach der Definition der Monopole kann man Kapitalismus auch als Monopolismus bezeichnen. Die meisten Berufsökonomen haben dieses Problem leider nicht erkannt. Wenn per Definition Kapital zinstragendes gut ist, kann zinstragendes gut auch nur gegen zinstragendes gut eingetauscht werden. Dieses Problem hat zur Folge, dass die Wirtschaft nicht frei ist, sondern der beschränkte Kreis der Monopolinhaber als "frei" bezeichnet werden kann. Diese kluft zwischen Monopoleigentümer und der Person, die kein Monopol besitzt, driften stetig weiter auseinander und hat eine totalitäre Wirtschaftsordnung zur Folge.
Dante
Tarvoc
| Zitat: |
Original von DreamingNB
Das ist nach den üblichen Definitionen dieser Begriffe einfach falsch. Kommunismus erfüllt die Kriterien des Totalitarismus offensichtlich. Kapitalismus jedoch nicht im Geringsten. |
Es gibt überhaupt keine "übliche" Definition des Totalitarismusbegriffs, und über die Kriterien für Totalitarismus besteht in der Soziologie und der Politikwissenschaft alles andere als allgemeine Einigkeit. Hannah Arendts Totalitarismustheorie unterscheidet sich zum Beispiel von der Totalitarismustheorie Friedrichs und Brzezinskis in wesentlichen Punkten. Für Hannah Arendt besitzt auch der Kapitalismus totalitäre Tendenzen, und die liberalen Demokratien des Westens waren lediglich bis jetzt in der Lage, diese einigermaßen im Zaum zu halten. Für Friedrich und Brzezinski ist Totalitarismus quasi per Definionem das Gegenteil von Kapitalismus, weswegen sie auch mit rechtsradikalen Diktaturen wie z.B. dem Pinochet-Regime deutlich weniger Probleme haben als mit kommunistischen Diktaturen, auch bei vergleichbarem Grad an Menschenrechtsverletzungen. Und das sind nur die beiden wichtigsten Totalitarismustheorien. Bei Giorgio Agamben wird's z.B. nochmal drei Grade komplizierter.
Gil Gamesh
Ob da Totalitarismus vorliegt oder nicht ist eine ziemliche (überflüssige), moralische Fragestellung und etwas ganz anderes als die Sachfragen: Was ist Kommunismus, was ist Kapitalismus, was ist Faschismus... für den, den es betrifft ist das ziemlich total.
Tarvoc
Dass der Totalitarismusbegriff oft als reine Moralkeule verwendet wird, ist richtig, aber z.B. Hannah Arendts Totalitarismustheorie würde ich sehr wohl auch einen analytischen Wert zuschreiben.
Gil Gamesh
| Zitat: |
Original von Tarvoc
Dass der Totalitarismusbegriff oft als reine Moralkeule verwendet wird, ist richtig, aber z.B. Hannah Arendts Totalitarismustheorie würde ich sehr wohl auch einen analytischen Wert zuschreiben. |
Ist das ein Geschmacksurteil oder anders gefragt, was macht sie denn so wertvoll? Bekommen wir da eventuell einen Bezug zum Zinssystem hin, sonst gibt es diese elendigen Vorwürfe?
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