Hans Blumenberg - Erkenntnis

Marumi
Hej Ihr,

Vermutlich hab ich mich mit meinem Hausarbeitsthema in die Pfanne gehauen und ersuche nun eure Hilfe.

Schaue mir "Erkenntnis" bei Niklas Luhmann und bei Hans Blumenberg an.
Mit Luhmann komme ich noch einigermaßen klar. Allerdings ist es bei Blumenberg so, dass es noch relativ wenig Forschungsliteratur gibt und ich diese Hilfestellung jetzt vermisse smile Meine Reise ins Lande Blumenberg hat noch nicht richtig angefangen. Ich vermute ich werde mit dem Thema "Erkenntnis" irgendwo in Rchtung Metaphern landen...


Könnt ihr mir Hinweise geben, wo ich etwas zu Erkenntnis bei Blumenberg finde? Oder ob ich evtl völlig falsch liege in Richtung Metaphern?

Ich hoffe, dass ihr mir helfen könnt. Vielen Dank
Gruß Marumi
eliskases
Zitat:
Original von Marumi

Könnt ihr mir Hinweise geben, wo ich etwas zu Erkenntnis bei Blumenberg finde? Oder ob ich evtl völlig falsch liege in Richtung Metaphern?

Blumenberg ist durchaus ein sehr interessanter Denker und vermutlich der belesenste und gebildedste des 20. Jahrhunderts. Seine Darstellungsweise in seinen Büchern ist freilich alles andere als eingängig und wenig systematisch. Aus einem mir nicht ganz klaren Grunde ist er fast unleserlich, - zumindest geht es mir so. Ich habe mich durch seine Seiten gequält wie ein Pinguin in der Antarktis bei Schneesturm auf dem Weg vom Brutplatz zum Meer.
Mit den "Metaphern" liegst du goldrichtig und seine Philosophie läuft auf eine "Metaphorologie" hinaus.
Ich empfehle dir die Junius Einführung zu Blumenberg zu lesen. Die ist verständlich geschrieben, interessant, sehr erhellend und führt in alles ein, was für Blumenbergs Philosophie wichtig ist. Dann kannst du es immer noch mit einem spezielleren Werk versuchen. Lies auch im "Historischen Wörterbuch der Philosophie" zu den Stichworten "Blumenberg", "Metapher und "Metaphorologie" nach.
Nauplios
Über Blumenberg hat etwa Felix Heidenreich gearbeitet: "Mensch und Moderne bei Hans Blumenberg" oder auch Philipp Stoellger: "Metapher und Lebenswelt". - Die Einführung von Franz Josef Wetz (im Junius-Verlag) hat Eliskases schon erwähnt; von Wetz gibt es auch einen Materialienband bei stw: "Die Kunst des Überlebens. Nachdenken über Hans Blumenberg". - Erwähnt sei auch noch die Dissertation von Oliver Müller: "Sorge um die Vernunft. Hans Blumenbergs phänomenologische Anthropologie".

Von Blumenberg selbst gibt es nur sehr wenige programmatische Schriften oder Aufsätze, etwa die "Paradigmen zur Metaphorologie" oder auch seine "Theorie der Unbegrifflichkeit" und einige seiner frühen Aufsätze aus den 50er Jahren, welche sich in dem Band "Ästhetische und metaphorologische Schriften" befinden (ebenfalls stw).

Hans Blumenberg ist vor allem ein erzählender Philosoph. Seine Geschichten vom Menschen und dessen Selbstbehauptung in einer um sein Geschick unbekümmerten Welt sind einerseits von einer immensen Kenntnis der europäischen Geistesgeschichte geprägt, andererseits mit einer solch heiteren Melancholie erzählt, daß der Leser für seine Geduld mit einer philosophischen Prosa belohnt wird, die ihresgleichen so schnell nicht findet. -

Die Rezeption des Werkes von Hans Blumenberg hat (auch auf internationaler Ebene) gerade erst begonnen; ich denke von Blumenberg wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch zu sprechen sein.

Allerdings ist Blumenberg kein Erkenntnistheoretiker. Insofern wundere ich mich ein wenig über die Fragestellung (Erkenntnis bei Blumenberg). An Blumenberg fällt vor allem ins Auge, daß sein Werk eine Vielzahl literarischer Darstellungsformen beinhaltet - von der Abhandlung über den Essay bis hin zum Aphorismus und zur Glosse und Anekdote. -

In seinen Vorlesungen war Blumenberg ein beeindruckender Redner, der in seinen legendären Freitagsvorlesungen im Münsteraner Schloß mit kräftiger Stimme und rhetorischem Gestus seine Zuhörer für die Sache der Philosophie einzunehmen wußte. Ich hatte während meines Studiums in Münster die Gelegenheit, ihn dort über Jahre zu hören und muß sagen, daß mich kein anderer Philosoph so nachhaltig beeindruckt hat wie Hans Blumenberg.

(Wie es der Zufall will, habe ich auch den von Dir ebenfalls angesprochenen Niklas Luhmann in Bielefeld gehört ... aber das wäre eine andere Geschichte.) smile
Marumi
Zitat:
Original von Nauplios
Allerdings ist Blumenberg kein Erkenntnistheoretiker. Insofern wundere ich mich ein wenig über die Fragestellung (Erkenntnis bei Blumenberg).


Vielleicht sollte ich etwas präzisieren: Ich versuche herauszufinden, wie Erkenntnis bei Luhmann funktioniert (hauptsächlich über "Erkenntnis als Konstruktion") im Rahmen meines Hauptseminars "Luhmann und die Rhetorik". Mein Dozent hat mir den Text "Anthropologische Annäherung an die Aktualität der Rhetorik" von Blumenberg dazu empfohlen und auch gemeint, dass in diesem Bereich noch sehr wenig erforscht wurde. Ich sollte die beiden auch nicht vergleichen, sondern einen eventuellen Weg vom einen zum anderen finden. Dieser Weg wird, wenn es ihn geben sollte, das schwierigste sein....

Ich studiere leider nicht Philosophie, sondern Rhetorik und habe erstens mit Luhmann zu kämpfen (also die Art und Weise wie er schreibt und strukturiert, bin froh, dass es zu Erkenntnis zumindest einen Ausgangstext gibt), empfinde dagegen Blumenberg als reinste "Leseerholung" und versuche noch Ansatzpunkte zu finden, die beiden in einer Hausarbeit unterzubekommen...

Vielleicht ist der Ansatz "Erkenntnis bei Luhmann und bei Blumenberg" einfach nicht richtig (oder zum verzweifeln)...

Über eure Literaturhinweise hab ich mich schonmal sehr gefreut...einiges davon habe ich auch schon ausgeliehen, anderes werde ich mir noch beschaffen (bzw. hilft es mir immer, wenn es jemanden gibt, der etwas "einfacher" denken kann, wie z.B. der Vorschlag im Hist. WB der Philosophie nachzusehen *klonk*)
Nauplios
Zitat:
Original von Marumi

Vielleicht ist der Ansatz "Erkenntnis bei Luhmann und bei Blumenberg" einfach nicht richtig (oder zum verzweifeln)...


Ähnlichkeiten zwischen Luhmann und Blumenberg im Hinblick auf Erkenntnisbegriff und erkenntnistheoretische Fragestellungen sind natürlich so gut wie nicht vorhanden; denn Blumenberg operiert aus der Perspektive der philosophischen bzw. historischen Anthropologie, Luhmann dagegen geht es um ein soziologisches Konzept von Erkenntnis. Während Blumenberg nach der erkenntnisbegleitenden und erkenntnisleitenden Funktion der Metapher fragt und in der Rhetorik ja ein Arsenal der Selbstbehauptung des Menschen sieht, hat Luhmann seine Theorie der Gesellschaft so justiert, daß der Mensch in ihr erst gar nicht vorkommt. Insofern geht es bei Luhmann auch folgerichtig nicht mehr um spezifisch menschliche Erkenntnis, sondern um Erkenntnis in ihrer Form als "Beobachtung". -

Vielleicht wäre es also "einfacher", die Unterschiede zwischen Blumenberg und Luhmann herauszuarbeiten als nicht vorhandene Gemeinsamkeiten. Denn Blumenbergs Ausgangs- und Endpunkt ist der Mensch im Sinne der philosophischen Anthropologie, Luhmann hingegen läßt diese Größe gerade außen vor. Ihn interessieren nur Systeme und der Mensch ist nach seinen Theorieoptionen kein System. Das wiederum befreit den Menschen von einer Überfrachtung mit Humanismen aller Art. - Paradox formuliert könnte man vielleicht sagen: Luhmann und Blumenberg liegen im Grunde so weit auseinander, daß sie sich gar nicht widersprechen können. smile

Nun hast Du ja zwei Aufsätze angegeben ("Annäherung an die Aktualität der Rhetorik" und "Erkenntnis als Konstruktion"), die jeweils in einem kleinen reclam-Bändchen abgedruckt sind: Wie wäre es, wenn wir dazu im Forum (oder auch in diesem Thread) eine Art "Lektürekurs" machen (zum Beispiel im Bereich "Quellenstudium")? - Denn erst ein genaueres Studium der Texte wird womöglich Fragestellungen eröffnen, welche Dir für Deine Arbeit weiterhelfen. Natürlich kann das auch in diesem Thread gemacht werden.

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