Bewusstseinsethik

Exebeche
Thomas Metzinger sieht gegenüber der klassischen "Handlungsethik" eine "Bewusstseinsethik" im Entstehen begriffen, die mir spontan eine der zeitgemäßesten und vernünftigsten Antworten auf unsere nüchtern biologistisch ausgerichtete, von traditionellen Werten befreite westliche Orientierung zu sein scheint.
Ein Ausschnitt aus dem Artikel http://www.wissenschaft-online.de/artikel/848295:

"Die Neuro- und Informationstechnologien der Zukunft werden oft auch »Bewusstseinstechnologien« sein. Unser subjektives Erleben kann wirkungsvoller kontrolliert
und gesteuert werden, es wird zunehmend technisch verfügbar – und manipulierbar.
Wir brauchen deshalb nicht nur eine angewandte Forschungsethik für die Neuro- und Kognitionswissenschaften, sondern auch das, was ich »Bewusstseinsethik « nenne: Wenn wir unser eigenes Bewusstsein immer genauer beeinflussen können, dann müssen wir uns auch Gedanken darüber machen, welche Bewusstseinszustände überhaupt wünschenswert sind.
Als ersten Ausgangspunkt für die notwendige Diskussion schlage ich einen neuen Zweig der angewandten Ethik vor, in dem man die vielen neuen Herausforderungen unter einer einzigen Frage bündeln könnte. In der klassischen Ethik formuliert man sie so: Was ist eine gute Handlung? In der Bewusstseinsethik dagegen lautet sie nun: Was ist ein guter Bewusstseinszustand?
Konkrete Fragestellungen wären dann:
Welche Bewusstseinszustände dürfen wir nichtmenschlichen Wesen zufügen? Welche Bewusstseinszustände sollen unsere Kinder kennen lernen? In welchen Bewusstseinszuständen sollten Menschen
in unserer Gesellschaft sterben? Welche Bewusstseinszustände wollen wir auf künstlichem Wege realisieren (4/2006, S. 68 )? Sollen durch psychoaktive Substanzen ausgelöste, spirituelle Erfahrungen
in unserer Kultur verboten sein, oder wollen wir sie in unsere Art zu leben integrieren? Und überhaupt: Welche Bewusstseinszustände sollen legal, welche illegal sein (1-2/2006, S. 32)? Wäre es
gut, so etwas wie einen »Datenschutz für Bewusstseinsinhalte« zu haben, eine Art Bewusstseinsfriede für die mentale Intimsphäre? Oder darf alles, was die Hirnforschung öff entlich machen kann,
auch öff entlich gemacht werden (3/2006, S. 37)?
Bei der Bewusstseinsethik ginge es also um eine normative Bewertung nicht von Handlungsformen, sondern von Erlebnisformen. Die Bewusstseinsethik könnte man demnach als jenen Teil der
angewandten Neuroethik defi nieren, der sich mit Handlungen auseinander setzt, deren primäres Ziel es ist, den »phänomenalen Inhalt« der geistigen Zustände empfindungsfähiger Wesen in eine bestimmte Richtung zu verändern.
Was wir dafür allerdings bräuchten, wäre eine überzeugende »normative Neurophänomenologie«, also eine Vorstellung davon, was überhaupt gute und erstrebenswerte Bewusstseinszustände
sind. Und natürlich würden sich alle bekannten philosophischen Probleme auch hier wieder stellen: Gibt es in der Wirklichkeit so etwas wie moralische Tatsachen oder Eigenschaften? Kann man
überhaupt erkennen, was gut ist, und Wertvorstellungen für alle Menschen verallgemeinern oder sogar durch eine Letztbegründung absichern?"
Gedankenfalter
Also mich überzeugt diese "Bewusstseinsethik" nicht wirklich. Eine Handlungsethik ist sinnvoll, weil die Handlungen eines Menschen, andere Menschen beeinflussen können. Aufgabe der Ethik ist es nun, für diese Handlungen Richtlinien vorzugeben, die letztendlich dazu führen, dass alle Menschen ein möglichst fruchtbares Auskommen miteinander haben.

Handlungen, die jedoch nur das Individuum allein berühren, werden von einer brauchbaren Ethik meiner Meinung nach jedoch nicht berührt. Sie liegen innerhalb der persönlichen Freiheit und können deshalb weder "moralisch" noch "unmoralisch" sein.

Die "Bewusstseinsethik" will jedoch nun diesen Bereich, der dem Individuum ganz allein gehört, kontrollieren. Sie will entscheiden, welche Bewusstseinszustände "gut und welche "böse" sind, jedoch nicht aus dem genannten Aufgabenbereich einer Ethik heruas, sondern einzig und allein auf der Grundlage obskurer Dogmen.

Auf die Frage, welcher Bewusstseinszustand erstrebenswert ist, hat Epikur bereits vor unzähligen Jahren eine Antwort gefunden, die für mich legitim ist, weil sie von der Natur vorgegeben wird und nicht in unserer Freiheit liegt: Das Glück.

Aufgabe der Ethik ist es nun, einen Weg zu finden, wie dieses Glück erreicht werden kann, ohne dabei das Glück anderer auf illegitime Art und und Weise zu verletzen. Wenn Metzinger nun versucht, dem Menschen diesen Wunsch nach Glück selbst zu nehmen, führt er uns daher in eine Sackgasse, glaube ich.

Im Gedenken an Epikur, Gedankenfalter^^
Exebeche
Zitat:
Original von Gedankenfalter
Die "Bewusstseinsethik" will jedoch nun diesen Bereich, der dem Individuum ganz allein gehört, kontrollieren. Sie will entscheiden, welche Bewusstseinszustände "gut und welche "böse" sind, jedoch nicht aus dem genannten Aufgabenbereich einer Ethik heruas, sondern einzig und allein auf der Grundlage obskurer Dogmen.


Ich würde sagen, hier wurde etwas grundlegend falsch verstanden.
Wo sich die obskuren Dogmen finden, die du hier erwähnst würde mich brennend interessieren.
Grundsätzlich wäre ich ganz auf deiner Seite, wenn das so wäre wie du sagst, dass die Bewusstseinsethik hier "kontrollieren" will.
Nur, ich sehe das schlicht nicht.
Metzinger macht hier weder Vorschriften, noch gibt er Richtlinien.
Er weist lediglich darauf hin, dass wir uns diesen Fragen stellen müssen.
Dabei ist klar, dass es primär um die Auseinandersetzung mit den Fragen gehen muss, während es keine allgemeinverbindlichen Antworten geben kann.
Denn schließlich führt die Bewusstseinsethik ja nur fort, was die Handlungsethik angefangen hat.
Die Bewusstseinsethik setzt sich mit exakt den gleichen Themen auseinander wie die klassische (Handlungs-) Ethik, nur stellt sie sämtliche Überlegungen auf das Gedankenfundament, dass jedes Handeln unsere Mitmenschen in bestimmte Zustände versetzt, die sie entweder positiv oder negativ bewerten.
Es handelt sich also um eine Art funktionalistische Philosophie der Ethik.
Exebeche
Ein nettes Forumsmitglied hat mir nochmal einen Link geschickt, in dem man den Text in voller Länge findet:

http://www.ifzn.uni-mainz.de/Dateien/FM07_-_Metzinger.pdf

Es ist sicher wert gelesen zu werden und macht nochmal verständlich, wieso das Problem kein von Metzinger ersonnenes Thema ist, sondern eine sich immer drängender stellende Aufgabe:

Die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse lassen momentan die geisteswissenschaftlichen weit hinter sich zurück.
Wir erfahren zunehmend radikale Einschnitte in unser Weltbild und Selbstverständnis durch die Neurowissenschaften und die klassischen Antworten halten diesem Erkenntnisdruck nicht stand.
Das ist aber keine positive Entwicklung, Metzinger weist unter anderem darauf hin, dass es Gefahren birgt, das entstehende Vakuum den Naturwissenschaften grundsätzlich zu überlassen.
Die Philosophie und Geisteswissenschaften geben sich aber lieber vergrämt als auf die Herausforderungen zu antworten.
Libertad
Also ich hab den ersten Artikel erst überflogen, sicher gibts da Klärungsbedarf.

Der Artikel von Metzinger in Gehirn&Geist bedient sich teilweise auch der Polemik, wenn da Fragen entstehen, welche Zustände sinnvoll bzw. gewünscht sind und durch welche Methoden sie erreicht werden. Da kommt der Autor angesichts der Lage der Dinge aber kaum dran vorbei.

Die Hirnchemie wird radikal erforscht, im Zuge der Aufdeckung von bisher unbekannten Zusammenhängen ergeben sich diese Fragen. Da werden wir immer mehr zum Automaten unserer eigenen reinen naturwissenschaftlichen Erkenntnis und ihren hochentwickelten Früchten auf dem Markt.

A lá Matrix: Ich bin das, was mir in den Kopf gefüllt wird. Der Artikel von Metzinger bringt die Kontrolle dieser Steuerung ins Rampenlicht, das ist sicherlich wesentlich - denn wer bestimmt, welcher Einfluss für wen maßgeblich wird?

Berühren denn die klassischen Themen dieses Feld überhaupt?
Exebeche
Zitat:
Original von Libertad
Der Artikel von Metzinger in Gehirn&Geist bedient sich teilweise auch der Polemik,

Ich warte immer noch sehr gespannt, auf denjenigen, der solche Behauptungen endlich am Text belegt.
So etwas kommt doch nur vom überfliegen dieses Textes.

Zitat:
Original von Libertad
Berühren denn die klassischen Themen dieses Feld überhaupt?

Metzingers Fragen SIND die klassischen Fragen - nur in einen neuen Kontext eingebettet.
Klassischerweise ist es bspw. eine Frage der Ethik, ob ich jemanden verletzen darf.
Hier wird man zum Beispiel sagen, auch ein Arzt verletzt seinen Patienten wenn er ihm den Bauch öffnet, aber er tut es um weiteren Schaden abzuwenden, und so weiter blablabla, die Diskussion ist hinlänglich bekannt.
Nun bringt uns aber die Wissenschaft an neue Grenzen, die diese Fragen neu aufwerfen.
Zum Beispiel kann ich einen Menschen mittels Drogen in einen anhaltenden Angstzustand versetzen.
Damit füge ich ihm weder eine Verletzung noch Schmerz zu.
Aber ist das ethisch vertretbar? Ein Politiker für den bspw. Waterboarding keine richtige Folter darstellt fände das sicher ok.
Und der Betroffene ist nach 2 Tagen weich wie Butter.
Ist ein leidbehafteter Zustand schlechter als jeder andere?
Sollte man einem Menschen die vorderen Stirnlappen entfernen, wenn man ihm dadurch Leid erspart?
Was ist ein guter Bewusstseinszustand?
Da gibt es keine Polemik von Metzinger, diese Fragen sind existentiell.
Libertad
Zu Gehirn&Geist:
Die Überschrift des Artikels gibt der Frage, ob wir mit unserem Bewusstsein überhaupt richtig umgehen, eine Heimat.

Weshalb also Polemik? Weil der Autor im mundgerechten Fachzeitschriftenformat ein altes oder neues Thema aufbereitet, den Leser mit allerlei Fragen konfrontiert (S.69, Spalte 1) und damit in die Bresche der aktuellen Tagespolitik schlägt, wo es mittlerweile schon Aussagen hält, wie: wenn sie es nicht als Foto sehen wollen, sollten sie es vielleicht gar nicht erst tun.

Ganz sinnvoll erscheint zumindest die Erwähnung der sogenannten "Aufmerksamkeitsräuber"; auch da kommt der Autor nicht umhin den medial umgarnten Lesern das Brett vorm Kopf einmal sauber zu putzen.

Entspannt fährt er weiter, ob man nun besser den Sportunterreicht (im weiteren Sinne Yoga) oder Religionsunterricht verpflichtet, jungen Menschen Techniken zur besseren Konzentration zu vermitteln. Das sind alles sehr westliche und öffentliche markierte Zusammenhänge.

Wir leben seit Ewigkeiten in einer Datenwolke, nur haben wir es verstanden, einen Teilaspekt dieser elektronisch zu verwalten.

Entweder kritisiert man den Artikel und macht sich lächerlich, da ein ungewöhnlich großes Feld von Themen abgedeckt wird (wie das doch allzu typisch für solche Start-Zielartikel ist) oder man erkennt tatsächlich die Not des Autors angesichts der Begehrlichkeiten verschiedenster Herkunft.

Vielleicht sollte man den Leuten einfach mal ein bisschen Lehre von Jiddu Krishnamurti nahelegen, bevor sie den neuesten iDope haben wollen müssen. Aber das wäre ja ungemütlich.