Hamlet und Epikur

Rhetorix
Dieser Gedankengang würde meinen Shakespeare-Thread sprengen. Er hat nämlich nichts (oder wenig) mit der Frage zu tun, wer Shakespeares Werke verfasst hat.
Außerdem hoffe ich auf Meinungsäußerungen von Usern, die sich zwar ein bisschen mit Hamlet befasst haben, an der Frage der Urheberschaft aber nicht interessiert sind.

Was ich schreibe, stelle ich ausdrücklich zur Diskussion - allerdings mit dem Bemerken, dass ich es nicht in einer Augenblickslaune ausgebrütet habe, sondern eigentlich jahrelang damit schwanger gegangen bin.


Die Zusammenstellung von Hamlet und Epikur wirkt sicher schrill.
Prüft aber, was es damit auf sich hat!

*


Am Schluss des Geschehens sind alle daran Beteiligten tot: der Erste Staatsdiener Polonius, seine Tochter Ophelia, sein Sohn Laertes, Hamlets Jugendfreunde Rosencrantz und Guildenstern, die Königin, der König und schließlich auch Hamlet selbst.
Eine einzige nicht nebensächliche Figur überlebt, nämlich Horatio, der den sterbenden Hamlet in seinen Armen hält und zu dem er seine letzten Worte sagt.

Hamlet bittet Horatio, seinen Freund, seine Geschichte zu erzählen.
Es ist daher nicht verkehrt, das, was man liest, als Horatios Erzählung aufzufassen.
Denn wie sollte Horatio den letzten Wunsch seines Freundes nicht erfüllt haben, und woher sollte man sonst von der Geschichte wissen?


Horatio steht am Ende, aber auch am Anfang der Geschichte.
Er erfährt früher als Hamlet davon, dass der Geist des verstorbenen Königs um Mitternacht umgeht, und hält das für 'fantasy'. Die beiden Wachen haben es ihm erzählt, weil er ein Gelehrter (scholar) ist und den Fall untersuchen soll.
Horatio tut, was Epikureer tun sollten: er prüft mit den eigenen Augen.
Dann sieht er, dass da 'etwas' ist, was er nicht für möglich gehalten hätte. Aber er sieht es doch (und dem Sinneseindruck soll man vertrauen)!
Er spricht den Geist an, aber der Geist reagiert nicht auf Epikureer, bleibt stumm und verschwindet.

Horatio erzählt die Geschichte seinem Freund Hamlet.
Stets spricht er von einem Phänomen, einer Figur oder einem 'it'. Nur Hamlet spricht von einem Geist, zumal von seinem Vater, von 'he'. Horatio hingegen hütet sich durchgehend, den Schluss auf einen wandelnden Toten zu ziehen.

Horatio und Hamlet waren Studienkollegen in Wittenberg.
Dass sie beide in Wittenberg waren, wird viermal kurz hintereinander wiederholt, ist also wichtig.
Warum Wittenberg und nicht - was sich doch viel mehr aufdrängen würde - Oxford, Cambridge, Padua, Bologna, die Sorbonne etc?
Was könnten sie ausgerechnet in Wittenberg gelernt haben?

Sie könnten bei Giordano Bruno studiert und bei ihm vom atomistisch-naturphilosophischen Weltbild, von Epikur und von seiner Ethik gehört haben.
Wie kommt Shakespeare, der Londoner, auf den Wittenberger Professor Giordano Bruno?
Ganz einfach: weil Bruno 1583- 85 in London seine wichtigsten Werke geschrieben und veröffentlicht hat (mit vorsorglicher falscher Angabe von Paris als Erscheinungsort).
Soweit ich sehe, war er die einzige Wittenberger Besonderheit, an die ein Londoner Ende des 16.Jahrhunderts denken konnte - es sei denn natürlich, es ginge um Luther, aber um den geht es im Hamlet definitiv nicht.

"Warum bist du von Wittenberg zurückgekommen?" fragt Hamlet seinen Freund.
"Ich habe so einen Hang zur Trägheit", sagt Horatio.
Das ist ein typisch stoisches Vorurteil gegen Epikureer (statt ihre Pflicht zu tun und sich für das Gemeinwesen aufzureiben, lassen sie es sich gut gehen), mit dem Horatio kokettiert. Dass er nur kokettiert, stellt Hamlet sofort richtig und sagt, dass das mit der Trägheit nicht stimme.

Ach so, ja - Horatios Name!
Bei Wikipedia las ich, dass er auf 'oratio' (Rede) zurückzuführen sei.
Was für ein Unsinn!
Horatio ist das ganze Gegenteil eines Redners. Er sagt wenig, beobachtet aber umso mehr.
Am Schluss sagt er zu Hamlet, er sei eigentlich mehr Römer als Däne. Also ist er eine Anspielung auf Horatius. Worauf denn wohl sonst?
Und Horaz ist als 'Epicuri de grege porcus' (Schwein aus der Herde Epikurs) bekannt.
So viel zum Namen.

Er hat bei Bruno gelernt, was den Epikureer ausmacht.
Oder vielmehr: Shakespeare hat das in einem Expemplar der in London kursierenden 'Eroici furori' von Bruno gelesen.

"Was ist weise?" lässt Bruno sich in diesem Werk fragen. "Ist es weise, tot zu sein, gefühllos zu sein, zu träumen?"
Diese Fragen stellt auch Hamlet sich in seinem großen Sein-oder-Nichtsein-Dialog.

Nein, sagt Bruno, sondern weise ist, zu leben, zu sehen, zu hören und zu verstehen, dass alles Glück (Fortuna) und Unglück vorüber gehen, und sich weder an das eine noch das andere zu krallen. Weise ist es, das Unglück als etwas Beiläufiges zu ertragen und nicht darüber zu verzweifeln.

"Will Epikur denn, dass man leidet?" (Wieder eine extrem rhetorische Frage!)

Nein, sagt Bruno, sondern man muss das Unglück 'fortemente comportare', d.h. in einem solchen Maß tolerieren, dass man Unglück und Schmerz nicht einmal mehr empfindet. So habe Epikur es gemeint.

Horatio hat das gelernt.
Warum aber ist er ein Epikureer und nicht ein Stoiker, wie viele meinen (die sich mit dem Unterschied nicht auskennen)?

Nun, das ist eigentlich ganz deutlich.
Zunächst einmal ist er von typisch naturphilosophischer Skepsis durchdrungen, traut zwar seinen Augen, die ein 'Phänomen' beobachten, glaubt aber dennoch nicht an Hokuspokus - anders als Hamlet, der weniger erfolgreich studiert hat und sich tief beeindrucken lässt.
Die deutsche Übersetzung von Hamlets Bemerkung in Richtung von Horatio ist ein geflügeltes Wort geworden: "Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich eure Schulweisheit träumen lässt."
Im Original heißt es aber nicht sinngemäß 'Schulweisheit', sondern "your philosophy". Die Suche nach der damit gemeinten (Natur-)Philosophie ist seither von der 'Schulweisheit' erstickt worden.
Horatio 'träumt' hingegen nichts von den Dingen zwischen Himmel und Erde. Er hat auch keine Albträume. Er wird keiner Leidenschaft Sklave. Höchstwahrscheinlich fürchtet er sich auch nicht, wie Hamlet, davor, als Verstorbener böse Träume zu haben.
Beide haben gelernt, dass es nicht die Alternative zwischen Leben und Totsein gibt, sondern nur zwischen Sein und Nichtsein , denn ein Toter ist weder tot noch sonstwas, sondern er ist überhaupt nicht mehr, spaziert nicht mehr herum, landet nicht im Fegefeuer, sondern ist weg - so wie Bruno seit seinem spektakulären Tod vor ganz kurzer Zeit, vor dem er sich angeblich nicht fürchtete, im Nichtsein ist. Aber Hamlet hat es schwer, daran zu glauben.

Ferner kümmert sich Horatio auch nicht im Geringsten um das Durcheinander im Staate Dänemark (wo bekanntlich was faul ist). Weder seine eigene virtus noch das Gemeinwohl veranlassen ihn dazu, zum Schwert oder wozu auch immer zu greifen und sich einzumischen, anders als Hamlet, der unter der moralischen Pflicht zur Rache für den Tod seines Vaters leidet.
Horatio hält auf vorbildlich epikureische Weise Abstand und bleibt dabei arm und machtlos, was ihm aber nichts ausmacht.
"Ich schmeichle dir nicht", sagt Hamlet, "denn es gibt ja nichts, was ich von dir dafür bekommen könnte." Was er allerdings bekommt, ist Horatios Freundschaft, das epikureische Geschenk.

Hamlet sieht alles schwarz in schwarz und richtet dabei ein Blutbad nach dem anderen an.
Und Horatio?
Er ist trotz allem glücklich. Never mind.

"Mach vorübergehend mal Pause mit deiner Hedone", bittet Hamlet ihn zu Schluss, "und erzähle meine Geschichte." - Absent thee from felicity awhile... to tell my story.


Das Bild, dass Hamlet von Horatio entwirft - und das als wahr gemeint ist - entspricht genau dem, das Bruno von Epikur gemalt hat:



Nay, do not think I flatter;
For what advancement may I hope from thee
That no revenue hast but thy good spirits,
To feed and clothe thee? Why should the poor be flatter'd?
...Dost thou hear?
Since my dear soul was mistress of her choice
And could of men distinguish, her election
Hath seal'd thee for herself; for thou hast been
As one, in suffering all, that suffers nothing,
A man that Fortune's buffets and rewards
Hast ta'en with equal thanks: and blest are those
Whose blood and judgment are so well commeddled,
That they are not a pipe for Fortune's finger
To sound what stop she please. Give me that man
That is not passion's slave, and I will wear him
In my heart's core, ay, in my heart of heart,
As I do thee.-


*

Nein, glaub nicht, daß ich schmeichle.
Denn welchen Vorteil hofft ich wohl von dir,
Der kein Vermögen hat als seinen muntern Geist,
Um sich zu nähren und zu kleiden?
Weswegen doch dem Armen schmeicheln?
...Hör mich an:
Seit meine teure Seele Herrin war
Von ihrer Wahl und Menschen unterschied,
Hat sie dich auserkoren. Denn du warst so,
Als littst du nichts, indem du alles littest,
Ein Mann, der Stöß und Gaben des Geschicks
Mit gleichem Dank genommen; und gesegnet,
Wes Blut und Urteil sich so gut vermischt,
Daß er zur Pfeife nicht Fortuna dient,
Den Ton zu spielen, den ihr Finger greift.
Zeigt mir den Mann, den seine Leidenschaft
Nicht macht zum Sklaven, und ich will ihn hegen
Im Herzensgrund, ja in des Herzens Herzen,
Wie ich dich hege.



P.S. Zeitangaben:
Brunos Aufenthalt in London: 1583-85, ab 1584 in Wittenberg, 1600 hingerichtet,
Entstehungszeit und Verfasser des 'Ur-Hamlet' spätestens in den 1590er Jahren (Verfasser umstritten),
Edfassung Ende der 1590er Jahre, spätestens 1602.
ewig
Weißt Du, daß viele Deiner Beiträge dieser Art einem wissenschaftlichen Essay zur Ehre gereichen würden?

zum Kernthema: das scheint mir sinnvoll herausgearbeitet und in dieser Form bereits ähnlich haltbar wie etwa der macchiavellische Hintergrund von Richard III. Shakespeare wob vor allem diese Kerngedanken-Zitate der real-historischen Figuren stark in seine Stücke ein, die eben für den gebildeteren Teil seines Publikums durchscheinen sollten, nicht anders als im heutigen Kabarett jeder wüßte, in welcher Weise "spätrömische Dekadenz" auf wen abzielt. Je mehr Du davon findest, umso stichhaltiger wird das Konstrukt.

Meine eigene Auffassung zur Bedeutung von Wittenberg im Hamlet ist allerdings weniger Einzelpersonen-geprägt. Ich sehe dahinter weder konkret nur Luther, noch konkret Bruno als vielmehr die humanistische Hochburg, die Süd- und Nordeuropa miteinander verband, aber eben auch in Luther die Keimzelle zu gewaltigem Mord und Totschlag auf der Basis von Überzeugungen enthielt. (Daß Luther gar nicht gemeint ist, wie Du oben schreibst, sieht man übrigens sonst flächendeckend anders, dazu steht auch etwas im Wikipedia-Hamlet-Artikel.)
Rhetorix
Hallo ewig!

Zitat:
Original von ewig
...Meine eigene Auffassung zur Bedeutung von Wittenberg im Hamlet ist allerdings weniger Einzelpersonen-geprägt. Ich sehe dahinter weder konkret nur Luther, noch konkret Bruno als vielmehr die humanistische Hochburg, die Süd- und Nordeuropa miteinander verband, aber eben auch in Luther die Keimzelle zu gewaltigem Mord und Totschlag auf der Basis von Überzeugungen enthielt. (Daß Luther gar nicht gemeint ist, wie Du oben schreibst, sieht man übrigens sonst flächendeckend anders, dazu steht auch etwas im Wikipedia-Hamlet-Artikel.)


Das Stichwort Luther hatte ich vor ein paar Tagen bei Querlesen des Wiki-Artikels schon entdeckt. Sonst wäre ich vielleicht nicht einmal darauf gekommen, ihn überhaupt zu erwähnen.

Ich hab den Artikel noch einmal aufgerufen und folgenden Satz darin gefunden: Die Moral aller Werke Shakespeares hat den Hintergrund der Reformation und Gegenreformation. So trägt Hamlets Hereinschlagen mit der Erbschuld (3.1.109-148 ) reformatorische Züge. Aber Hamlet ist nicht Lehre Luthers, sondern umgekehrt...

Ich empfinde Hamlet nicht als von Luther geprägt.
Luther war schließlich nicht derjenige, der das Gewissen erfunden hat.
Ich halte die Pflicht zur Rache, mit der sich Hamlet herumschlägt, auch eher für 'heidnisch' als für christlich. Eher habe ich den Eindruck, dass Hamlet unter den Forderungen der virtus leidet. Und unter der Schlechtigkeit der Welt natürlich, die wahrscheinlich schon von den Neandertalern beklagt wurde.

Der Hof von Helsingör scheint eher katholisch gemeint zu sein (was historisch korrekt wäre, wenn man die Geschichte auf die Zeit datiert, als England eine dänische Provinz war). Jedenfalls erzählt der Geist von Hamlets Vater davon, dass er tags im Fegefeuer schmort und um Mitternacht seinen Spaziergang macht. Das Fegefeuer hatten die Evangelen aber doch wohl schon abgeschafft, oder?
Erstaunlicherweise scheint Hamlet das aber nicht einmal zu glauben, obwohl sein eigener Vater es ihm aus dem Jenseits 'berichtet' hat! Denn im to-be-etc.-Monolog sagt er ja, dass man sich nicht umbringt, weil man ungewiss ist, ob es nach dem Tod nicht doch böse Träume gibt. Auch das wirkt auf mich eher heidnisch (ich dachte an den Hades und Sokrates Abschiedsrede dabei). Andererseits äußert sich Hamlet an anderen Stellen aber auch diffus christlich.

Die Universität von Wittenberg war damals ganz explizit anti-katholisch. Ich finde, dass Hamlet da ganz schlecht hin hinein gepasst hätte.
Und warum dieses eine, einzige Mal ein Verweis auf Deutschland?
Shakespeare war doch sonst so versessen auf die romanischen Länder! Wenn man sich das Personal seiner Stücke mal auf die Konfession hin ansieht, muss man wohl feststellen, dass es überhaupt keine Evangelen darunter geben kann (außer den Lustigen Weibern von Windsor vielleicht)!

Warum zum Deubel ließ Shakespeare Hamlet und Horatio dann aber nicht in Paris studieren oder in Padua? Das waren doch wohl erst recht humanistische Hochburgen.


Mit der Reformation und Gegenreformation als Hintergrund von Shakespeares Werken muss man auch ein bisschen vorsichtig sein, finde ich.
Die Situation in England war eine spezielle.
Erstens erinnerte die evangelische Kirche Englands noch sehr deutlich an eine katholische Kirche ohne Papst.
Zweitens begannen die Puritaner, sehr rührig zu werden, was für alle 'Kulturschaffenden' eine ernste, aber noch nicht akute Gefahr war.
Drittens konnte es sogar lebensgefährlich sein, katholisch zu sein; denn der Protestantismus war ein Politikum, und wer katholisch war, der war unter Umständen ein Hochverräter und verlor die Freiheit oder gar den Kopf.

Bei Shakespeare wird seit langem eine Affinität zum Katholizismus vermutet oder geargwöhnt, je nachdem.
Ich habe bisher in seinen Werken noch keinen Anhaltspunkt für eine ernstliche konfessionelle Auseinandersetzung gefunden, umso mehr aber ethische Probleme, die seit der Antike gewälzt werden. Bei Horatio fiel mir jedenfalls auf, dass er sich 'eher als Römer' definiert, also nicht als Italiener, sondern als antiker Römer (er bietet Hamlet freundschaftlich an, ihn in den Tod zu begleiten, was ebenso freundschaftlich abgelehnt wird und damit auch gleich vom Tisch ist). Damit definiert er sich heidnisch in einem christlichen Umfeld, spricht auch von seinem Gott, was merkwürdig und rätselhaft ist. In Wittenberg jedenfalls konnte er heidnische Töne zweifelsfrei nur bei Bruno gehört haben.


Vielleicht habe ich die christlich-konfessionellen Bezüge bisher übersehen?
Als sicher kann aber immerhin gelten, dass Shakespeare die Vorstellung eines puritanischen Englands (wozu es - mit Schließung der Theater - dann Mitte des 17. Jahrh. auch kam) ein Gräuel gewesen war.
Siehe auch -->

Falls du zu diesem Thema, vor allem auch zu Wittenberg, noch etwas beitragen kannst und möchtest, würde ich mich freuen.
Rhetorix
Vorsorglich weise ich darauf hin, dass Shakespeare seinen Stoff für den Hamlet aus einer Sage bei Saxo Grammaticus geholt hat.
Das ganz andere Ende könnte er allerdings aus dem Beowulf übernommen haben: Beowulf erschlägt den Drachen, wird aber von dessen giftigen Horn getroffen und stirbt. Bevor er stirbt, prophezeiht er noch die Eroberung Gätlands durch die Schweden.

Das sind natürlich heidnische Geschichten - was keineswegs bedeutet, dass sie nicht christlich oder philosophisch umgedeutet werden konnten.