Exebeche
Wohin geht die Reise mit dem deutschen Arbeitsmarkt?
So wie in den 70er und 80er Jahren wird der Arbeitsmarkt in Zukunft nicht mehr aussehen, das steht fest.
Damals war die Rente ein Synonym für Sicherheit, und dabei sprechen wir hier stellenweise von Rente ab Mitte fünfzig.
Da gab es Gewerkschaften, die Stück um Stück Rechte für die Arbeitnehmer erkämpften.
Rechte die die Wirtschaft Deutschlands heute in ihrer Beweglichkeit beschneiden und ihre Konkurrenzfähigkeit auf dem globalen Markt minimieren, so heißt es.
Aber so leicht gibt die Wirtschaft sich nicht geschlagen. Sie holt sich nämlich Stück für Stück ihren Einflussbereich zurück.
In Deutschland entwickelt sich seit etwas mehr als zehn Jahren die Arbeitnehmerschaft in zwei unterschiedliche Richtungen:
Es gibt die Arbeitnehmer in Festanstellung von Firmen und reine Dienstleister.
Während die erste Gattung noch in vollem Umfang in den Genuss des Arbeitsrechts kommt, bewegen sich die Arbeitnehmer aus Dienstleistungsfirmen in einem rechtlichen Vakuum.
Ich persönlich habe in weit über zehn Jahren als Dienstleister im IT-Gewerbe für zahlreiche Konzerne gearbeitet und kann ein Lied davon singen.
Es gibt zahllose Dinge, die sich ein Konzern einem seiner Arbeitnehmer gegenüber nicht herausnehmen würde, weil der Betriebsrat ihm die Hölle heiß machen würde.
Ich als externer Dienstleister weiß aber, dass kein Arbeitsgericht der Welt mich schützen kann, wenn ein Auftraggeber Schindluder mit meinen Rechten treibt.
Wenn ein Externer den Mund aufmacht, muss er damit leben können, wenn er entfernt wird, das ist ein nüchternes Gesetz wie bei der Evolution.
Insofern entwickeln sich hier zwei Welten:
Die Arbeitnehmer, die in einen normalen Beförderungskreislauf aufgenommen werden (die alte Welt) und die externen Dienstleister (die neue Welt) , die von einem Konzern zum nächsten weitergereicht werden und einem ständig zunehmenden Leistungsdruck ausgesetzt sind, weil bei jedem Wechsel an der Preisschraube gedreht wird.
Dabei bin ich gerade vor kurzer Zeit Zeuge geworden wie man versucht hat mehrere hochspezialisierte Fachkräfte in die Hotline auszulagern, die nicht einmal ein Viertel des vorigen Gehalts gezahlt hätte. Infolge des Misslingens dieses Unterfangens wurden sie eben "freigesetzt".
Aber ich schreibe diesen Beitrag nicht um die Konzerne zu kritisieren.
Zumindest nicht in erster Linie.
In erster Linie bin ich ein Beobachter, der die Prozesse analysiert und weiterdenkt.
Als Verursacher der Entwicklung sehen wir die Globalisierung.
Der Druck, dem sich die Wirtschaft ausgesetzt sieht, kommt aus Billiglohnländern, in denen zum Teil Sklavenhaltung betrieben wird.
Ich will die Lage nicht unnötig dramatisieren, aber man durchaus sagen, dass unsere Reaktion darauf, also die Unterminierung der Rechte von Arbeitnehmern im eigenen Land einem schleichenden Import der Rechtlosigkeit gleichkommt.
In gewissem Sinne muss man sagen, dass da eine ausgleichende Gerechtigkeit stattfindet, denn schließlich kann etwas nicht stimmen wenn man glaubt von der Sklavenarbeit in anderen Ländern ewiger Profiteur bleiben zu können.
Womöglich hat hier eine Spirale eingesetzt deren Existenz wir noch nicht wahrhaben wollen.
So wie wir uns lange Zeit geweigert haben zu erkennen, dass unsere Rente nicht mehr als eine Sozialhilfe sein wird.
Wenn ich die Entwicklung der letzten 15 Jahre betrachte sehe ich einen klaren langfristigen Trend:
Auf der einen Seite:
Verlagerung auf externe Dienstleister, Zunahme von Outsourcing (nicht nur als Anzahl Köpfe pro Firma sondern auch in immer mehr Branchen hinein expandierend), gezielter Abbau von qualifizierten Arbeitsplätzen, Förderung der Austauschbarkeit menschlicher Ressourcen. (Von den massenhaften Entlassungen bei Daimler im vergangenen Jahr deren Zeuge ich bin, weiß kein Mensch, weil offiziell kein einziger "Arbeitnehmer" entlassen wurde.)
Auf der anderen Seite:
Hochqualifizierte Fachkräfte werden umworben und in den Schoß der Firmen aufgenommen.
Die Zukunft könnte verstärkt in Richtung des Modells gehen, dass die Firma von Freizeit-(Sport-)Facilities über Wohnungen und Kindergartenplätzen (alles schon Realität) bis zu Privatschulen für den Nachwuchs wie eine Familie für ihre Spezialisten sorgt.
Bei dem zu erwartenden weiteren Öffnen der sozialen Schere dürfte auch in Deutschland mit dem Erscheinen von "Gated Communities" zu rechnen sein.
(Die Rolle von Elite-Schulen muss ich hier nicht weiter erläutern.)
Augenblicklich beobachte ich in meinem Umfeld eine starke Tendenz Arbeitskraft über Sub-Sub-Unternehmen einzukaufen.
Damit schaffen sich die Einkäufer eine doppelte Schutzhülle gegen Rechtsansprüche.
Wie so etwas aussehen kann zeigt das Beispiel von Mehmet Basak, ein Bericht aus D-Radio:
http://www.dradio.de/download/116494/
"Ein kleines Behandlungszimmer im Istanbuler Universitätsklinikum.
Mehmet Basak sitzt auf einer Liege, sein Hemd hat über den Kopf
gezogen. Die Haut spannt sich über seinen Rippen. Der Lungenfacharzt
Zeki Kilicaslan horcht mit dem Stetoskop in den kranken Körper hinein.
Gäbe es in Istanbul nicht Ärzte wie Kilicaslan, der die bislang
registrierten 700 lungenkranken Textilarbeiter unentgeltlich behandelt –
Mehmet Basak könnte sich von seinen 100 Euro Berufsunfähigkeitsrente
keinen Arzt leisten. 15 Kilo hat er in den vergangenen Monaten verloren,
seine Lungenkapazität betrage nur noch 50 Prozent, konstatiert der
untersetzte Lungen-Professor nüchtern und zeigt auf ein Röntgenbild im
Lichtkasten vor ihm:
Hier im Bereich der Lunge lagern sich Minerale ab. Sie bilden ein
Gewebe, das zur Vernarbung der Lunge führt. Solch schwere Silikose
haben wir bislang nur bei Bergarbeitern gesehen. Die Türkei ist das
einzige Land, in dem es auch bei Textilarbeitern auftritt.
Nur mit Mühe kann sich Basak hinterher wieder das Hemd zuknöpfen.
Die Fahrt hierher zum Arzt hat ihm die letzten Kräfte gekostet:
Ich huste oft Blut und bekomme immer weniger Luft. Treppensteigen
schaffe ich kaum noch.
[...]
Mehmet Basak geht noch einmal den Weg an einer Ausfallstrasse im
Stadtteil Bayrampasa entlang zu jener Fabrik, die ihn todkrank gemacht
hat. Inzwischen trägt der Betrieb einen anderen Namen. Und statt Jeans
werden hier nun angeblich Hemden genäht. Misstrauisch beobachten
vom Betriebshof aus zwei Aufseher den kranken Mann, der von der
anderen Straßenseite wütend zu ihnen hinüber schaut:
Eine Lastwagenladung voller Sand wurde hier jeden Tag weggefahren.
Und nun, nachdem wir an die Öffentlichkeit gegangen sind, ändern sie
ständig ihre Firmennamen. Wir haben auch für Markenjeans gearbeitet.
Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, ich habe sie doch mit dem
Sandstrahler bearbeitet! Und die stellen sich hin und sagen immer noch:
Stimmt nicht!"
Also: Wohin geht die Reise?
So wie in den 70er und 80er Jahren wird der Arbeitsmarkt in Zukunft nicht mehr aussehen, das steht fest.
Damals war die Rente ein Synonym für Sicherheit, und dabei sprechen wir hier stellenweise von Rente ab Mitte fünfzig.
Da gab es Gewerkschaften, die Stück um Stück Rechte für die Arbeitnehmer erkämpften.
Rechte die die Wirtschaft Deutschlands heute in ihrer Beweglichkeit beschneiden und ihre Konkurrenzfähigkeit auf dem globalen Markt minimieren, so heißt es.
Aber so leicht gibt die Wirtschaft sich nicht geschlagen. Sie holt sich nämlich Stück für Stück ihren Einflussbereich zurück.
In Deutschland entwickelt sich seit etwas mehr als zehn Jahren die Arbeitnehmerschaft in zwei unterschiedliche Richtungen:
Es gibt die Arbeitnehmer in Festanstellung von Firmen und reine Dienstleister.
Während die erste Gattung noch in vollem Umfang in den Genuss des Arbeitsrechts kommt, bewegen sich die Arbeitnehmer aus Dienstleistungsfirmen in einem rechtlichen Vakuum.
Ich persönlich habe in weit über zehn Jahren als Dienstleister im IT-Gewerbe für zahlreiche Konzerne gearbeitet und kann ein Lied davon singen.
Es gibt zahllose Dinge, die sich ein Konzern einem seiner Arbeitnehmer gegenüber nicht herausnehmen würde, weil der Betriebsrat ihm die Hölle heiß machen würde.
Ich als externer Dienstleister weiß aber, dass kein Arbeitsgericht der Welt mich schützen kann, wenn ein Auftraggeber Schindluder mit meinen Rechten treibt.
Wenn ein Externer den Mund aufmacht, muss er damit leben können, wenn er entfernt wird, das ist ein nüchternes Gesetz wie bei der Evolution.
Insofern entwickeln sich hier zwei Welten:
Die Arbeitnehmer, die in einen normalen Beförderungskreislauf aufgenommen werden (die alte Welt) und die externen Dienstleister (die neue Welt) , die von einem Konzern zum nächsten weitergereicht werden und einem ständig zunehmenden Leistungsdruck ausgesetzt sind, weil bei jedem Wechsel an der Preisschraube gedreht wird.
Dabei bin ich gerade vor kurzer Zeit Zeuge geworden wie man versucht hat mehrere hochspezialisierte Fachkräfte in die Hotline auszulagern, die nicht einmal ein Viertel des vorigen Gehalts gezahlt hätte. Infolge des Misslingens dieses Unterfangens wurden sie eben "freigesetzt".
Aber ich schreibe diesen Beitrag nicht um die Konzerne zu kritisieren.
Zumindest nicht in erster Linie.
In erster Linie bin ich ein Beobachter, der die Prozesse analysiert und weiterdenkt.
Als Verursacher der Entwicklung sehen wir die Globalisierung.
Der Druck, dem sich die Wirtschaft ausgesetzt sieht, kommt aus Billiglohnländern, in denen zum Teil Sklavenhaltung betrieben wird.
Ich will die Lage nicht unnötig dramatisieren, aber man durchaus sagen, dass unsere Reaktion darauf, also die Unterminierung der Rechte von Arbeitnehmern im eigenen Land einem schleichenden Import der Rechtlosigkeit gleichkommt.
In gewissem Sinne muss man sagen, dass da eine ausgleichende Gerechtigkeit stattfindet, denn schließlich kann etwas nicht stimmen wenn man glaubt von der Sklavenarbeit in anderen Ländern ewiger Profiteur bleiben zu können.
Womöglich hat hier eine Spirale eingesetzt deren Existenz wir noch nicht wahrhaben wollen.
So wie wir uns lange Zeit geweigert haben zu erkennen, dass unsere Rente nicht mehr als eine Sozialhilfe sein wird.
Wenn ich die Entwicklung der letzten 15 Jahre betrachte sehe ich einen klaren langfristigen Trend:
Auf der einen Seite:
Verlagerung auf externe Dienstleister, Zunahme von Outsourcing (nicht nur als Anzahl Köpfe pro Firma sondern auch in immer mehr Branchen hinein expandierend), gezielter Abbau von qualifizierten Arbeitsplätzen, Förderung der Austauschbarkeit menschlicher Ressourcen. (Von den massenhaften Entlassungen bei Daimler im vergangenen Jahr deren Zeuge ich bin, weiß kein Mensch, weil offiziell kein einziger "Arbeitnehmer" entlassen wurde.)
Auf der anderen Seite:
Hochqualifizierte Fachkräfte werden umworben und in den Schoß der Firmen aufgenommen.
Die Zukunft könnte verstärkt in Richtung des Modells gehen, dass die Firma von Freizeit-(Sport-)Facilities über Wohnungen und Kindergartenplätzen (alles schon Realität) bis zu Privatschulen für den Nachwuchs wie eine Familie für ihre Spezialisten sorgt.
Bei dem zu erwartenden weiteren Öffnen der sozialen Schere dürfte auch in Deutschland mit dem Erscheinen von "Gated Communities" zu rechnen sein.
(Die Rolle von Elite-Schulen muss ich hier nicht weiter erläutern.)
Augenblicklich beobachte ich in meinem Umfeld eine starke Tendenz Arbeitskraft über Sub-Sub-Unternehmen einzukaufen.
Damit schaffen sich die Einkäufer eine doppelte Schutzhülle gegen Rechtsansprüche.
Wie so etwas aussehen kann zeigt das Beispiel von Mehmet Basak, ein Bericht aus D-Radio:
http://www.dradio.de/download/116494/
"Ein kleines Behandlungszimmer im Istanbuler Universitätsklinikum.
Mehmet Basak sitzt auf einer Liege, sein Hemd hat über den Kopf
gezogen. Die Haut spannt sich über seinen Rippen. Der Lungenfacharzt
Zeki Kilicaslan horcht mit dem Stetoskop in den kranken Körper hinein.
Gäbe es in Istanbul nicht Ärzte wie Kilicaslan, der die bislang
registrierten 700 lungenkranken Textilarbeiter unentgeltlich behandelt –
Mehmet Basak könnte sich von seinen 100 Euro Berufsunfähigkeitsrente
keinen Arzt leisten. 15 Kilo hat er in den vergangenen Monaten verloren,
seine Lungenkapazität betrage nur noch 50 Prozent, konstatiert der
untersetzte Lungen-Professor nüchtern und zeigt auf ein Röntgenbild im
Lichtkasten vor ihm:
Hier im Bereich der Lunge lagern sich Minerale ab. Sie bilden ein
Gewebe, das zur Vernarbung der Lunge führt. Solch schwere Silikose
haben wir bislang nur bei Bergarbeitern gesehen. Die Türkei ist das
einzige Land, in dem es auch bei Textilarbeitern auftritt.
Nur mit Mühe kann sich Basak hinterher wieder das Hemd zuknöpfen.
Die Fahrt hierher zum Arzt hat ihm die letzten Kräfte gekostet:
Ich huste oft Blut und bekomme immer weniger Luft. Treppensteigen
schaffe ich kaum noch.
[...]
Mehmet Basak geht noch einmal den Weg an einer Ausfallstrasse im
Stadtteil Bayrampasa entlang zu jener Fabrik, die ihn todkrank gemacht
hat. Inzwischen trägt der Betrieb einen anderen Namen. Und statt Jeans
werden hier nun angeblich Hemden genäht. Misstrauisch beobachten
vom Betriebshof aus zwei Aufseher den kranken Mann, der von der
anderen Straßenseite wütend zu ihnen hinüber schaut:
Eine Lastwagenladung voller Sand wurde hier jeden Tag weggefahren.
Und nun, nachdem wir an die Öffentlichkeit gegangen sind, ändern sie
ständig ihre Firmennamen. Wir haben auch für Markenjeans gearbeitet.
Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, ich habe sie doch mit dem
Sandstrahler bearbeitet! Und die stellen sich hin und sagen immer noch:
Stimmt nicht!"
Also: Wohin geht die Reise?