Der Arbeitsmarkt - Versuch eines Blicks in die Zukunft

carsten aus bochum
Zitat:
„Dein eigenes Leben hat für dich also Vorrang vor allem anderen?“


Nein, das geht doch gar nicht daraus hervor.
Aber davon ab, habe ich keine ausgeprägten Märtyrertendenzen.
Dante
Das eigentliche Problem liegt in der Tauschwirtschaft bzw. Geldwirtschaft. Früher wurde Ware gegen Ware getauscht und diesbezüglich war das Angebot stets gleich der Nachfrage. Diese tatsache änderte sich schlagartig mit der Einführung des Geldes. Die Aufspaltung des Tausches durch das Geld ermöglicht es nun, dass Angebot und Nachfrage sich nicht mehr immer decken müssen. Mit der Einführung des Geldes ist plötzlich das Angebot nicht mehr zugleich Nachfrage. Es ist vielmehr jetzt möglich, dass beide Teilnehmer am Tauschverkehr wohl ihr eigenes Erzeugnis verkaufen, ohne indes für den erzielten gelderlös in angemessener Frist ein fremdes Erzeugnis einzukaufen. Durch ein solches Verhalten der Tauschteilnehmer wird der "vollkommene Tausch" verhinert, es entsteht eine Tauschstörung und damit ungewollte Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrise. Der "vollkommene Tausch" bedingt eben, dass nicht nur das eigene Erzeugnis verkauft, sondern auch das fremde Erzeugnis gekauft wird.

Dante
Tarvoc
@ Dante: Kennst du die Arbeiten von Fernand Braudel und Immanuel Wallerstein?
Dante
Zitat:
Original von Tarvoc
@ Dante: Kennst du die Arbeiten von Fernand Braudel und Immanuel Wallerstein?


Wenn ich ehrlich bin, nein.

Dante
Tarvoc
Ach so, schade. Ich hatte das Gefühl, dass dein Beitrag in eine ähnliche Richtung zielt wie u.A. Braudels Arbeit über die Dynamik des Kapitalismus.
Dante
Zitat:
Original von Tarvoc
Ach so, schade. Ich hatte das Gefühl, dass dein Beitrag in eine ähnliche Richtung zielt wie u.A. Braudels Arbeit über die Dynamik des Kapitalismus.


Was versteht Braudel denn unter der Dynamik des Kapitalismus?
Tarvoc
Es ist schon eine Weile her, dass ich es gelesen habe, aber ich werde mal versuchen, es zu rekonstruieren. Braudel interessiert sich dafür, wie Händler im Frühkapitalismus gezielt Transparenz abbauten bzw. Intransparenz schafften, um gezielt Preise in ihrem Sinne zu beeinflussen. Braudels Argument ist, dass im Feudalismus und auch noch im Frühkapitalismus freie Bauern ihre Produkte oft selbst auf die Märkte trugen und dort tauschten oder verkauften, und dadurch einen direkten Überblick über die Preisbildung an den Märkten hatten. Im Frühkapitalismus begannen dann Händler, gewissermaßen als Mittelsmänner zu wirken: Sie gingen zu den Bauernhöfen, kauften dort die Produkte, und verkauften sie dann für sich selbst gewinnbringend am Markt (und damit einher ging natürlich die Zunahme der Wichtigkeit allgemeiner Tauschäquivalente, also Geld, gegenüber direktem Warentausch). Für die Bauern hatte das zunächst augenscheinlich Vorteile: Sie mussten sich nicht mehr selbst auf den Weg zum Markt machen und konnten die Zeit aufwenden, um mehr zu produzieren oder etwas anderes zu tun. Aber natürlich verloren sie mehr und mehr die Übersicht über die Preisbildung am Markt, wodurch die Händler immer mehr Gewinne erzielten. Irgendwann begannen diese dann, Manufakturen zu errichten und vom Land Söhne, die nicht in der Erbfolge standen, als Arbeiter abzuwerben. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Braudels Punkt ist also, dass die "unsichtbare Hand des Marktes", von der die Liberalen sprechen, nicht an sich selbst unsichtbar ist, sondern vielmehr gezielt für einen Teil der Bevölkerung unsichtbar gemacht wurde und immer noch wird, wovon ein anderer Teil der Bevölkerung profitiert.
ewig
Das scheint für mich in dem Punkt der absichtlich-manipulativen Herbeiführung der Intransparenz konstruiert zu sein. Aber natürlich sind in einer Wirtschaft diejenigen, welche den größtmöglichen Überblick über Tauschwerte und die liquidesten Mittel haben, auch diejenigen, die anteilig den meisten Mehrwert abschöpfen. Intransparenz und Abhängigkeit schleichen sich dabei mehr oder weniger ein, wenn der Erzeuger sich strukturell einem Abnehmermonopolisten ausliefert. Ein vergleichbares Problem liegt heute etwa bei den großen Discounter-Monopolen vor, die ihren Zulieferen einen Unterbietungswettbewerb aufdrängen können und dies auch tun. (Ich glaube, es war WalMart, zu dem es als Fallbeispiel einmal eine entsprechende Dokumentation gab.)
Dante
Zitat:
Original von Tarvoc
Es ist schon eine Weile her, dass ich es gelesen habe, aber ich werde mal versuchen, es zu rekonstruieren. Braudel interessiert sich dafür, wie Händler im Frühkapitalismus gezielt Transparenz abbauten bzw. Intransparenz schafften, um gezielt Preise in ihrem Sinne zu beeinflussen. Braudels Argument ist, dass im Feudalismus und auch noch im Frühkapitalismus freie Bauern ihre Produkte oft selbst auf die Märkte trugen und dort tauschten oder verkauften, und dadurch einen direkten Überblick über die Preisbildung an den Märkten hatten. Im Frühkapitalismus begannen dann Händler, gewissermaßen als Mittelsmänner zu wirken: Sie gingen zu den Bauernhöfen, kauften dort die Produkte, und verkauften sie dann für sich selbst gewinnbringend am Markt (und damit einher ging natürlich die Zunahme der Wichtigkeit allgemeiner Tauschäquivalente, also Geld, gegenüber direktem Warentausch). Für die Bauern hatte das zunächst augenscheinlich Vorteile: Sie mussten sich nicht mehr selbst auf den Weg zum Markt machen und konnten die Zeit aufwenden, um mehr zu produzieren oder etwas anderes zu tun. Aber natürlich verloren sie mehr und mehr die Übersicht über die Preisbildung am Markt, wodurch die Händler immer mehr Gewinne erzielten. Irgendwann begannen diese dann, Manufakturen zu errichten und vom Land Söhne, die nicht in der Erbfolge standen, als Arbeiter abzuwerben. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Braudels Punkt ist also, dass die "unsichtbare Hand des Marktes", von der die Liberalen sprechen, nicht an sich selbst unsichtbar ist, sondern vielmehr gezielt für einen Teil der Bevölkerung unsichtbar gemacht wurde und immer noch wird, wovon ein anderer Teil der Bevölkerung profitiert.


Kingt für mich absolut richtig. Ein weiteres Problem ist sicher der hohe Nettoverkaufspreis. Händler arbeiten teilweise mit 30-60% Gewinnzuschlag. Die Frage die sich doch dabei stellt, womit ist dieser Gewinnzuschlag gerechtfertigt?! Würde mehr Ware zum Selbstkostenpreis verkauft werden, würden mehr Leute angesprochen.Die meisten Leute kaufen nur Waren, die sie auch benötigen. Dieses Phänomen liegt unter anderem an dem doppelcharakter des Geldes. Wieso soll auch jemand etwas eintauschen, was durch Zins seinen Wert vermehrt, dem gegenüber Waren linear seinen Wert verliert. Dieses paradoxon sollte man sich mal klar machen.
Der Händler könnte auch in den Selbstkostenpreis seine eigene Arbeitsleistung mit einberechnen. Momentan sieht es so aus, dass der dumme Arbeiter "ausgenutzt" wird. Der Händler fährt unter anderem den Zins von der Bank und den Gewinnzuschlag für nicht erbrachte Arbeitsleistung ein. Teils wäre es richtig, wenn der Arbeiter mindestens den Zins erhalten würde. Dem ist leider meist nicht so.

Dante
Exebeche
Zitat:
Original von Tarvoc
Es ist schon eine Weile her, dass ich es gelesen habe, aber ich werde mal versuchen, es zu rekonstruieren. Braudel interessiert sich dafür, wie Händler im Frühkapitalismus gezielt Transparenz abbauten bzw. Intransparenz schafften, um gezielt Preise in ihrem Sinne zu beeinflussen. Braudels Argument ist, dass im Feudalismus und auch noch im Frühkapitalismus freie Bauern ihre Produkte oft selbst auf die Märkte trugen und dort tauschten oder verkauften, und dadurch einen direkten Überblick über die Preisbildung an den Märkten hatten. Im Frühkapitalismus begannen dann Händler, gewissermaßen als Mittelsmänner zu wirken: Sie gingen zu den Bauernhöfen, kauften dort die Produkte, und verkauften sie dann für sich selbst gewinnbringend am Markt (und damit einher ging natürlich die Zunahme der Wichtigkeit allgemeiner Tauschäquivalente, also Geld, gegenüber direktem Warentausch). Für die Bauern hatte das zunächst augenscheinlich Vorteile: Sie mussten sich nicht mehr selbst auf den Weg zum Markt machen und konnten die Zeit aufwenden, um mehr zu produzieren oder etwas anderes zu tun. Aber natürlich verloren sie mehr und mehr die Übersicht über die Preisbildung am Markt, wodurch die Händler immer mehr Gewinne erzielten. Irgendwann begannen diese dann, Manufakturen zu errichten und vom Land Söhne, die nicht in der Erbfolge standen, als Arbeiter abzuwerben. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Braudels Punkt ist also, dass die "unsichtbare Hand des Marktes", von der die Liberalen sprechen, nicht an sich selbst unsichtbar ist, sondern vielmehr gezielt für einen Teil der Bevölkerung unsichtbar gemacht wurde und immer noch wird, wovon ein anderer Teil der Bevölkerung profitiert.


Sehr interessanter Beitrag, danke.
Archibald
@ Ahorn:

Wer legt die Höhe dieses Einkommens fest, und, wer garantiert, dass ein am Bedarf bemessenes Grundeinkommen bei sinkender Produktion (und, somit steigenden Preisen) auch noch gewährleistet werden kann?
Ahorn
Es funktioniert wie ein Perpetuum mobile. Deswegen ist die Höhe des Grundeinkommen, welches wieder in die Realwirtschaft fließt und so seine Kreise zieht, erstmal sekundär; sollte aber an den deutschen Lebensumständen angepasst werden.
Mein Einwurf war aber in dem Zusammenhang wie ich ihn genannt hatte, nicht wirklich ernst gemeint, sondern beruhte eher auf einen Relex. Ich habe also wie der Hund von Pawlow auf ein Signal oder Gefühl reagiert, dabei ist mir dann Sabber aus dem Mund gelaufen und das führte dann dazu das ich den Beitrag geschrieben habe.
Archibald
Zitat:
Original von Ahorn
Es funktioniert wie ein Perpetuum mobile...................


Also GAR NICHT!!!!!!!!!

Ein funktionierendes Perpetuum molbile GIBT ES NÄMLICH GAR NICHT !!!!!
Exebeche
Zitat:
Original von Exebeche
Gibt es eigentlich etwas, was uns vor einer neuerlichen Industrialisierung schützt?


Mir kam in diesem Zusammenhang ein anderer Gedanke:
Wir könnten vor einer Art Industrialisierung des Geistes stehen.
Zunächst mal sei erwähnt, dass die Bezeichnung "Computer" vom 17. bis Mitte 20. Jhdt. auf Menschen verwendet wurde, die Rechenaufgaben lösten.
Die Verdinglichung des Begriffs fand erst mit der Entwicklung und zunehmenden Verbreitung der künstlichen Rechenmaschinen statt.
Inzwischen haben diese Maschinen angefangen Aufgaben zu lösen, die vorher als ungelöste Probleme der Mathematik gegolten haben.
Es ist also längst nicht mehr nur der Mann vom Fahrkartenschalter, dessen intellektuelle Leistung von Computern übernommen wird.
Zugegeben, mit Geräten wie Zigarettenautomaten fing es an.
Aber die zunehmende Rechenleistung erschließt den Maschinen immer neue Territorien. Auch das Gespräch mit dem Bankangestellten gehört nicht mehr zum Alltag.
Grundsätzlich würde das menschliche Ressourcen für schwierigere intellektuelle Aufgaben freisetzen.
Dem gegenüber steht aber ein Trend bei den Konzernen, Vorgänge prozessual zunehmend zu vereinfachen.
An welchem Punkt sind wir heute?
Inzwischen kann man sich viele Arztbesuche sparen. 3 Symptome in eine Suchmaschine meiner Wahl eingegeben bringt eine gut über 90%ige Wahrscheinlichkeit, dass mein Problem auf den ersten drei Trefferseiten irgendwo benannt wird.
In armen Ländern mit schlechter ärztlicher Versorgung kann das lebensrettend sein. Es spart aber auch Ärzte ein.
Im Buchladen frage ich schon lange keinen Angestellten mehr nach einem Buch im Stil von x oder y, weil ein bekannter Onlinebuchhandel mir die naheliegendsten Titel mit hundertfach höherer Treffsicherheit angibt.
Das gleiche kann man auch auf den Musikbereich übertragen.
Der Computer verlässt zunehmend die Spezialgebiete und erobert immer mehr Bereiche unseres auch alltäglichen Lebens.
Und dazu muss man sagen:
Dabei ist hierfür noch nicht mal künstliche Intelligenz erforderlich, sondern lediglich ausgefeilte Algorithmen.
Was passiert, wenn die KI nun wirklich einige Generationen Fortschritt macht und Computer nicht nur direkte Befehle annehmen, sondern komplexe Aufgabenstellungen verstehen und besser lösen als der Mensch?
Wenn der Computer nicht nur Diktate schreibt, sondern auch zuverlässig die besten Hotels findet und dergleichen mehr, ist die Sekretärin bald buchstäblich nur noch da um die Blumen zu gießen und ein Röckchen zu tragen.
Es stellt sich die Frage, ob das dem Menschen mehr Zeit und Muse für die Philosophie bringt, oder ihn nicht umgekehrt als Handlanger zurücklässt.
Dabei darf sich niemand einbilden, der Mensch werde der Entscheidungsträger bleiben.
Global verteilte Glaubensrichtlinien, wie sie in der IT-Branche bspw. unter der Bezeichnung ITIL zu finden sind, sorgen dafür, dass gewaltige Energien in die Übergabe der Verantwortung an Prozesse und Systeme gesteckt werden.
Der Mensch wird sich in den Entscheidungprozessen noch so beteiligt finden wie der Arbeiter am Band.
ewig
Zitat:
Original von Exebeche
Es stellt sich die Frage, ob das dem Menschen mehr Zeit und Muse für die Philosophie bringt, oder ihn nicht umgekehrt als Handlanger zurücklässt.
Dabei darf sich niemand einbilden, der Mensch werde der Entscheidungsträger bleiben.
Global verteilte Glaubensrichtlinien, wie sie in der IT-Branche bspw. unter der Bezeichnung ITIL zu finden sind, sorgen dafür, dass gewaltige Energien in die Übergabe der Verantwortung an Prozesse und Systeme gesteckt werden.
Der Mensch wird sich in den Entscheidungprozessen noch so beteiligt finden wie der Arbeiter am Band.

Das erinnert mich an diese unbeantwortete Frage. Bestimmt bist Du dieser ominöse Albert Norz.
Neo
Tarvoc
Wer erzieht die Erzieher? - Die Ironie daran ist ja, dass Disziplin an und für sich nichts schlechtes, sondern im Gegenteil äußerst nützlich ist.
Schneemann
-
Exebeche
Zitat:
Original von ewig
Das erinnert mich an diese unbeantwortete Frage. Bestimmt bist Du dieser ominöse Albert Norz.


Zwinker
Naja, die Aussage "Die Menschheit ist bereits nicht mehr als Sensor und Eingabeterminal des weltweiten Computernetzwerks", ist mindestens plakativ, aber u.U. eine Überlegung wert.
Vielleicht komme ich in überindividuelle Entitäten darauf zurück.
Exebeche
Mit 17% Kostenanteil, Tendenz steigend bereiten Erkrankungen psychischer Art den Krankenkassen zunehmend Sorge.
Die Allianz bezeichnet Depression als neue Volkskrankheit und die AOK kommt in einer Studie zu dem Ergebnis, dass es sich nicht um eine Modeerscheinung handelt.
Burn out

In unserem Teil der Welt gibt es offensichtlich Instanzen, die diese Probleme thematisieren.
In anderen Teilen der Welt wie China herrscht eine völlig andere Mentalität, großenteils gibt es gar keine Krankenkassen, die ein wirtschaftliches Interesse haben solche Probleme zahlenmäßig zu erfassen und belegbar zu machen.
Es ist nicht schwer nachzuvollziehen wie der wirtschaftliche Druck aus China sich auf die Wirtschaftsakteure hierzulande überträgt.
Daher ist abzusehen, dass die Zahl der psychischen Erkrankungen weiter zunehmen wird.
Allerdings kann man nicht behaupten, dass das unvermeidlich sei.
Nicht wenige der Probleme entstehen nicht nur durch die Arbeitsverdichtung, sondern durch fehlende psychosoziale Strukturen, wie man obigem Beitrag entnehmen kann:
Der zunehmende Druck wird bspw. durch immer weniger Rückhalt von Vorgesetzten verstärkt.
Im Grunde ließe sich durch eine bewusste Pflege der Arbeitskultur einiges Auffangen.
Theoretisch.
Überflüssig zu erwähnen wie kontraproduktiv hier ein Ruf nach mehr Disziplin und Härte ist.