Individualismus vs. Kollektivismus

nikoweird
Was sind die Vor-Nachteile der beiden genannten Gesellschaftstheorien?
Aus Wikipedia
Der Begründer der deutschen Soziologie Ferdinand Tönnies belegte in seinem letzten Buch Geist der Neuzeit 1935 seine soziologische These, dass der Individualismus immer nur eine Zwischenepoche bestimmen könne, weil er nur auf ein maßgeblich „gemeinschaftlich“ eingestelltes Zeitalter folgen könne (nicht: müsse) und notwendig sein eigenes Ende dadurch herauf führe, dass er in ein Zeitalter maßgeblich „gesellschaftlichen“ Charakters münde.

Es gibt interessante Untersuchungen im Bereich der kulturvergleichenden Psychologie, welche sich auf indivualistische bzw. kollektivistische Kulturen bezieht. In der Regel werden Versuchspersonen aus eher individualistischen Ländern (z. B. den USA) mit Personen aus eher kollektivistischen Kulturen (z. B. vielen asiatischen Ländern) verglichen. Wichtige Forschungsbeiträge stammen u. a. von Nisbett, Kitayama und Markus (Myers, 2005). Einige ihrer Untersuchungen als Beispiel:

1. Man zeigt Probanden ein Bild, auf dem eine Unterwasserszene mit mehreren Fischen dargestellt ist. Auf die Bitte, die Szene zu beschreiben, konzentrieren sich Asiaten vor allem auf die Umgebung bzw. auf die Gesamtdarstellung. Personen aus westlichen Kulturen konzentrieren sich hingegen stärker auf einen der großen, das Bild dominierenden Fische. Sie scheinen somit eher „individualistisch“ vorzugehen.
2. Versuchspersonen werden mehrere Stifte vorgelegt. Alle Stifte bis auf einen gleichen sich exakt in ihrem Aussehen, ein Stift hat jedoch eine auffällig andere Farbe. Asiaten wählen zu ca. 65 % einen der gleichfarbigen Stifte. Amerikaner wählen zu einem deutlich höheren Anteil den einzelnen andersfarbigen Stift.
3. Versuchspersonen wird ein kleines Quadrat mit einer eingezeichneten Linie gezeigt. Sie werden gebeten, eine weitere Linie in ein zweites Quadrat einzuzeichnen. Asiaten zeigen bessere Leistungen, wenn sie eine Linie, die in ihren Proportionen zum umgebenden Quadrat gleich der ersten Linie sein soll, einzeichnen. Amerikaner zeigen hingegen bessere Leistungen, wenn sie eine Linie, die gleich lang wie die andere sein soll, einzeichnen. Amerikaner können sich somit anscheinend besser an „individuellen“ Objekten und Asiaten besser an „kollektiven“ – also im Bezug zur Umgebung stehenden – Objekten orientieren

Vorteile:

-freie Entfaltung
-Unversehrtheit

Nachteile:

-fehlender Gemeinschaftssinn (Egoismus)
-Verschwendungssucht



Was haltet ihr von Ferdinand Tönnies These ,dass der Individualismus nie kontinuierlich ist?
Sonntagssoziologe
Der Soziologe Karl Otto Hondrich hatte die Individualisierungsthese unserer westlichen Gesellschaft für mich überzeugend in Frage gestellt. Als ein Beispiel gibt er die bürgerliche Liebesheirat. Es sähe nur so aus, alb ob das eine indivuduelle Liebe sei, frei von Kollektivzwängen. Tatsächlich sind aber alle romantischen Gepflogenheiten Rückgriffe auf kollektive Muster. Werden diese Muster nicht erfüllt, klappts auch mit der Liebe nicht. Das beginnt beim Blumenstrauß, beim romantische Kerzendinner und geht bis hin zur Monogamie weiter. Wirklich individuell wäre eine Liebe, wenn sie sich durch ganz eigene Formen ausdrückte, die außenstehende nicht mehr verstünden. Aber wenn ich meiner Braut individuell Frösche zur Hochzeit schenke, wird sie mich nicht mehr heiraten wollen. Denn sie hat kollektive Bilder im Kopf, wie man sich richtig verhält.
Tarvoc
Zitat:
Original von Sonntagssoziologe
Wirklich individuell wäre eine Liebe, wenn sie sich durch ganz eigene Formen ausdrückte, die außenstehende nicht mehr verstünden.

Nur unmögliche Privatsprachen sind individuell? gruebel
Agathon
Hallo,

die Vorteile vom Kollektivismus sind meiner Meinung nach eine bessere 'Arbeitsteilung' und dadurch ein niedrigerer Arbeitsaufwand, während beim Individualismus vieles mehrfach und mancher Aufwand auch umsonst betrieben wird ( wegen fehlender Absprachen oder weil mehrere Individuen um eine Sache konkurrieren ).

Allerdings kann Kollektivismus auch weniger Freiheit bedeuten, falls man gegen seinen Willen gezwungen wird, in einem Kollektiv zu arbeiten.


Viele Grüße
Agathon
Shamatic
Hm. Schwieriges Thema. Zunächst fällt mir ein, dass ich es für vereinfachend halte, von einem einfachen Gegensatz zwischen "Individualismus" und "Kollektivismus" auszugehen, so als sei eine Gesellschaftsformation stets durch das eine oder andere geprägt. Irgendwann mal habe ich in diesem Forum zu zeigen versucht, dass dir Form der Individualisierung, die wir in liberal-kapitalistischen Nationen haben, in gewisser Hinsicht ein "verdeckter Kollektivismus" ist. Was meine ich damit ? Es stimmt zwar, dass "hier" die Lebensstile sehr unterschiedlich sind, aber in welcher Weise sind sie es ? Sie sind es (oft) nur dem Inhalt, aber nicht der Form nach. Zum Beispiel gibt es einen sozial erzeugten Imperativ, welcher besagt, dass man "einzigartig" zu sein habe ! Vorallem in Marketing-Strategien trifft dieser Appell oft auf. Damit ist letztlich gemeint, dass man "Individualität" quasi als Ware erwerben kann, nämlich durch den Kauf bestimmter "einzigartiger" Waren (da fallen auch "Lifestyles" darunter). Wenn aber "Individualität" nur Audruck einer bestimmten Warenkombination ist, so wird "Individualität" selbst zur Ware d.h. zu einer durch Geld vermittelten Sache. Damit hängt zusammen, dass "Individualität" stets eher als bestimmte Anordnung der Oberfläche eines Menschen gesehen wird d.h. wie, wo wohn ich, was ziehe ich mir für kleider an, was für ein auto fahre ich, letztlich: Wie mache ich aus mir selbst ein Kunstwerk, ein Kunstwerk bestehend aus bestimmten Waren ! Nur ist dies selbst eine gemeinsamer Imperativ, es wird sozusagen derselbe soziale Code befolgt.

Der Anfang von Individualität besteht im zurückweisen dieses Codes, in der Entsagung dieser Form des Zwangs ! (mal so als anregung)
Tarvoc
Zitat:
Original von Shamatic
Der Anfang von Individualität besteht im zurückweisen dieses Codes, in der Entsagung dieser Form des Zwangs!

Das Zurückweisen ist eine Operation, die innerhalb des Codes durchgeführt wird.
Shamatic
Hm, ja es ist auch erstmal die Frage, was es heißt, diesen "Code" der "Waren-Individualität" zurückzuweisen, weil letztlich kann ich mich nur schwierig den Waren entziehen, haben doch die meisten lebensweltlichen Gegenstände die Warenform. Alle zahlreichen Gegenstände hier in meinem Zimmer beispielsweise, auch der Laptop mit dem ich gerade schreibe, sind Waren. Und es ist schwierig zu bestreiten, dass all diese Waren einen großen Teil meines bewussten Seins ausmachen, und in gewisser Hinsicht diese "Individualität" überhaupt erst ermöglichen. Aber es gibt Unterschiede in der Art und Weise der Identifikation mit den Waren d.h. obwohl ich von Waren umgeben bin, muss ich mich nicht zwangsläufig mit diesen gleichsetzen bzw identifizieren, so wie das viele Menschen heutzutage machen.

Du sagst, dass das Zurückweisen ein Vorgang "innerhalb" des "Codes" ist. Naja, ich würde sagen, jein. Da kommt es darauf an, was man genau mit diesem "code" meint. Steckt nicht in dem Verweigern einer vorgegeben Sache, beispielsweise in der Verweigerung einer Identität durch die Warenkombinationen, ein "subversives" Potential ? Ist das nicht ein Akt der Befreiung bzw. der Anfang zu einer "Befreiung" ? Schließlich ist dieser Imperativ zur Identifikation mit den Waren der dominante Diskurs in kapitalistischen Gesellschaften. Ich weiß schon, was du meinst, nämlich dass die Verweigerung selbst, das Nein-Sagen schon derart "vermarktet" wurde, dass es schwierig wird zu glauben, dass daraus etwas erwachsen kann, was "anders" ist. Aber ist es nicht ein Unterschied, wenn ich einfach "Nein" zu einem bestimmten warenförmigen Lebensstil sage um mir dann einfach im nächsten Schritt einen anderen warenförmigen Lebensstil zulege, wo ich mir einbilde jetzt irgendwie "subversiv" zu sein, oder wenn ich diese ganze Struktur der warenförmigen Lebensstile überhaupt zurückweise bzw. mich nicht mehr diesen identifiziere.

muss grad leider abbrechen muss los
Tarvoc
Zitat:
Original von Shamatic
Steckt nicht in dem Verweigern einer vorgegeben Sache, beispielsweise in der Verweigerung einer Identität durch die Warenkombinationen, ein "subversives" Potential? Ist das nicht ein Akt der Befreiung bzw. der Anfang zu einer "Befreiung"?

Nein, das ist der Anfang eines neuen vermarktbaren Trends.

Zitat:
Original von Shamatic
Aber ist es nicht ein Unterschied, wenn ich einfach "Nein" zu einem bestimmten warenförmigen Lebensstil sage um mir dann einfach im nächsten Schritt einen anderen warenförmigen Lebensstil zulege, wo ich mir einbilde jetzt irgendwie "subversiv" zu sein, oder wenn ich diese ganze Struktur der warenförmigen Lebensstile überhaupt zurückweise bzw. mich nicht mehr diesen identifiziere.

fröhlich Das ist doch sowas von egal, ob du dich damit "identifizierst". Du handelst danach. Zwinker
Versuch' doch mal, nicht warenförmig zu handeln. Ich besuch' dich dann demnächst im Gefängnis oder in der Psychiatrie. winken
Jörn
Zitat:
Original von Shamatic
[...] Vorallem in Marketing-Strategien trifft dieser Appell oft auf. Damit ist letztlich gemeint, dass man "Individualität" quasi als Ware erwerben kann, nämlich durch den Kauf bestimmter "einzigartiger" Waren [...]

In gewisser Hinsicht stimme ich dir zu. Allerdings habe ich dennoch das Gefühl, dass du unter der Hand eine Steigerung im Sinne hast, statt Waren-Identität bist du auf wahre Identität aus.
Tarvoc
Zitat:
Original von Heinrich
statt Waren-Identität bist du auf wahre Identität aus.

Was ich irgendwie noch gruseliger finden würde... fröhlich roll
Agent Orange
Zitat:
Original von Tarvoc
Zitat:
Original von Heinrich
statt Waren-Identität bist du auf wahre Identität aus.

Was ich irgendwie noch gruseliger finden würde... fröhlich roll


Welche Implikationen (evtl. bezüglich der Natur des Menschen?) verbergen sich hinter dieser Reaktion?
Tarvoc
Zitat:
Original von Agent Orange
Welche Implikationen verbergen sich hinter dieser Reaktion?

Puh... "wahre Identität" klingt einfach selbst schon wieder extrem nach Ideologie. fröhlich
Agent Orange
Gibt es überhaupt ein Abseits der Ideologie?
Tarvoc
Zitat:
Original von Agent Orange
Gibt es überhaupt ein Abseits der Ideologie?

Ja. Allerdings nicht irgendwo außerhalb des ideologischen Raums, sondern in seinem Kern, als die Bedingung seiner eigenen Möglichkeit. Damit eine Ideologie Menschen ansprechen kann, muss sie etwas in ihnen berühren, das nicht selbst wieder als Ideologie symbolisierbar ist. Nimm einmal die Marlboro-Werbung: Ein Cowboy reitet durch weite Prärien, während irgendjemand was über Freiheit erzählt. Im letzten Zug wird dann die Reihe dieser Bilder und Ideale durch den Signifikanten der Marlboro-Zigarette hegemonial belegt. Erst diese letzte Bewegung ist ideologischer Art. Andererseits lassen sich die vorherigen Bilder gar nicht lesen ohne irgendeine Art der hegemonialen (ideologischen) Besetzung: Würde die Werbung sie nicht vorgeben, ginge sie bei diesen Bildern eben vom Zuschauer aus. (Ich verbinde mit dem Freiheitsbegriff etwas anderes als jemand anders, und diese Verbindung übersteigt die Bilder und Worte des Werbespots, etc.) Das nichtideologische (sondern im Wortsinn u-topische) Moment ist also die Lesbarkeit von Ideologie. Es gibt nichtideologische Momente, aber diese erscheinen nicht außerhalb der Ideologie, sondern in ihr und durch sie hindurch, weil sie die Möglichkeit ihres Funktionierens sicherstellen (und gleichzeitig immer wieder untergraben). Und Ideologiekritik wird dadurch möglich, dass ideologische Anrufung niemals einfach völlig reibungslos funktioniert.
Agent Orange
Zitat:
Original von Tarvoc
Zitat:
Original von Agent Orange
Gibt es überhaupt ein Abseits der Ideologie?

Damit eine Ideologie Menschen ansprechen kann, muss sie etwas in ihnen berühren, das nicht selbst wieder als Ideologie symbolisierbar ist.


Besteht dieser Nährboden aus basalen Empfindungen und Trieben (Empathie, Freude, Sexualität etc.)?

Zitat:
Das nichtideologische (sondern im Wortsinn u-topische) Moment ist also die Lesbarkeit von Ideologie.


Ist dieses Moment utopisch, weil es ein reines Erkennen einer Ideologie ist und noch keine evaluierende Selbstpositionierung zur Ideologie beinhaltet?

Zitat:
Und Ideologiekritik wird dadurch möglich, dass ideologische Anrufung niemals einfach völlig reibungslos funktioniert.


Weil z.B. das Bezeichnete (das, was unsere Wünsche ansprechen soll) nicht unseren Wünschen entspricht bzw. der Signifikant (das, was als Mittel der Realisierung oder Verhinderung des Bezeichneten auftritt) nicht als solches Mittel angenommen wird?
Tarvoc
Zitat:
Original von Agent Orange
Besteht dieser Nährboden aus basalen Empfindungen und Trieben (Empathie, Freude, Sexualität etc.)?

Möglich. Vielleicht in dem Sinne, wie Wittgenstein sagt, dass unsere Fähigkeit zum Verstehen von Sprache letztlich auf einige "sehr allgemeine Tatsachen des menschlichen Lebens" zurückzuführen sei, ohne diese benennen zu können. Stört es dich, wenn ich auf den Rest deines Beitrags später eingehe?
Agent Orange
Zitat:
Original von Tarvoc
Stört es dich, wenn ich auf den Rest deines Beitrags später eingehe?


Überhaupt kein Problem.
Tarvoc
Zitat:
Original von Agent Orange
Ist dieses Moment utopisch, weil es ein reines Erkennen einer Ideologie ist und noch keine evaluierende Selbstpositionierung zur Ideologie beinhaltet?

Ich meinte u-topisch im Wortsinn. Also ein Nicht-Ort. Was ich schrieb, hörte sich so an, als gäbe es da etwas Identifizierbares, das sich der ideologischen Vereinnahmung entzöge. Dieses Etwas ist aber nichts anderes als die Lücke in der Ideologie selbst, ihre eigene (historische?) Bedingtheit, Unvollständigkeit. Die Ideologie ist sich selbst nicht völlig transparent. Es gibt eine Lücke zwischen der Reihe der Signifikanten und dem Signifikanten, der hegemoniell die Reihe totalisiert (z.B. Marlboro). Diese Lücke lässt sich weder schließen noch vollständig symbolisieren oder repräsentieren, suggeriert jedoch das Vorhandensein eines Objekts, das sie besetzt. Diese Suggestion ist aber letztlich nichts Anderes als die Lücke selbst. Lacan nennt das Objekt a.
nikoweird
ich glaube, wir sind etwas vom Thema abgekommen. Könnt ihr wieder zurückkommen bitte?
Macht ein neues Thema auf, zum Beispiel Ideologiekritik oder Individuelle Vermarktung....

Grüße
niko
Agent Orange
Zitat:
Original von nikoweird
Könnt ihr wieder zurückkommen bitte?


Gleich. Zwinker


Zitat:
Original von Tarvoc
Diese Lücke lässt sich weder schließen noch vollständig symbolisieren oder repräsentieren, suggeriert jedoch das Vorhandensein eines Objekts, das sie besetzt. Diese Suggestion ist aber letztlich nichts Anderes als die Lücke selbst. Lacan nennt das Objekt a.


Dieses sich zeitlebens fortschreibende Mangelempfinden, d.h. die Lücke der Ideologie ist also ihr Ursprung und der Versuch, sie zu besetzen, ihr notwendiges Scheitern?