Kritik des Bio- und Kulturalismus - Michael Schmidt Salomon

Sezuan
Da ich ein großer Verehrer dieses Philosophen bin und ich gerade einen interessanten Text von ihm lese, wollte ich euch die Leseprobe nicht vorenthalten. Der Inhalt erscheint mir als zu bedeutend. Außerdem möchte ich die Giordano-Bruno Stiftung - mit der ich mich hier öffentlich solidarisiere - unterstützen.

"Unter der Perspektive des „vernetzten Wissen“ wird deutlich, dass Biologismus und Kulturismus einander verstärkende Wahrnehmungsverzerrungen sind. Beide leiden unter dem gleichen Defizit, nämlich einer weitgehenden Ignoranz gegenüber der unaufhebbaren Verwobenheit von Natur und Kultur." Schmidt-Salomon skizziert in seinem Essay die Geschichte der Evolutionstheorie vom frühen Lamarckismus hin zur modernen Soziobiologie und zeigt auf, dass diese Entwicklung prinzipiell den Weg zu einer „Einheit des Wissens“ geebnet hat. Allerdings: Damit der angestrebte „transdisziplinäre Brückenbau“ gelingen kann, müssen „biologistische und kulturistische Sackgassen“ gemieden werden. Wichtig ist dabei vor allem die Überwindung „naturalistischer“ sowie „kulturistischer Fehlschlüsse“, deren verheerende theoretische wie praktische Konsequenzen (Sozialdarwinismus, Rassismus, „DNA-Fundamentalismus“, Kollektivismus, Dogmatismus etc.) nicht unterschätzt werden sollten.

Auszug aus dem 3. Kapitel "Jenseits von Biologismus und Kulturismus" In der Tat scheint die Zeit gekommen zu sein, in der es möglich sein sollte, den tiefen Graben zu überwinden, der zwischen den Naturwissenschaften einerseits und den Geistes- und Sozialwissenschaften andererseits entstanden ist. Durch die in den letzten Jahren vorangetriebene wissenschaftliche Entzauberung des Körper-Geist-Dualismus ist die entscheidende Barriere, die die Vereinheitlichung des Wissens traditionell behinderte, bereits aus dem Weg geräumt. Was nun ansteht (und was beispielsweise auf dem Gebiet der Hirn- und Bewusstseinsforschung schon heute vorbildlich praktiziert wird), ist der Versuch eines gemeinsamen Brückenbaus über den Graben hinweg, an dem sich nicht nur Naturwissenschaftler, sondern auch Sozial- und Geisteswissenschaftler mit ihrem jeweils spezifischen Know-how beteiligen sollten.


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Reinhard
Hallo Sezuan, Deine Verehrung in Ehren, nur, was will dieser Mann? Kommt mir alles so vor wie ein neuer Weltverbesserer, der sich über die Vorgänger beklagt. Das menschliche Geschlecht ist doch gerade wegen der selbst geschaffenen Entwicklungsbedingungen die erfolgreichste Spezies auf dieser Erde, man schaue sich nur mal die Entwicklung der Anzahl der Menschen auf diesem Globus an. Bald werden es 10 Milliarden sein und das trotz der Geburtenbeschränkungen im bevölkerungsreichsten Land der Erde. Bei uns werden die einzelnen Menschen im Durchschnitt immer älter, wir überwinden Entfernungen immer schneller, wir informieren uns immer besser, wir kommunizieren immer umfassender, wo soll da was verkehrt gelaufen sein? So was wie den hat es doch schon immer auch gegeben, nennt man glaube ich Hedonisten. Einen Namen machen und Bücher verkaufen, sonst nichts.

Mit freundlichen Grüßen
Reinhard
Sezuan
Hallo Reinhard.

Deine Vorbehalte gegenüber M. S. Salomon kann ich nicht nachvollziehen. Er ist freiberuflicher Schriftsteller und Philosoph. Seine Aufgabe ist es Fragen aufzuwerfen, zu kritisieren und 'Alternativen' zu formulieren, gesellschaftliche Impulse zu setzen.

Als Religionskritiker, Atheist und Befürworter der humanistischen Ethik verdient er weder das große Geld, noch macht er sich bei wirklich vielen Menschen beliebt. Eigentlich ist das sogar oft ein sehr 'schwieriges' und unangenehmes Leben. Ich habe große Achtung vor ihm.

Auch denke ich, dass es heute genügend Probleme auf der Welt gibt, die zu verbessern notwendig sind. Kriege um Rohstoffe, Umweltzerstörung, Ausbeutung, Massenarbeitslosigkeit, regelmäßige Wirtschaftskrisen, Menschenrechte die nur auf dem Blatt existieren

und noch keine ethisch-gesellschaftliche Ausprägung, in die Praxis umgesetzt, erfahren haben. Soetwas zu thematisieren halte ich für wichtig. Gäbe es mehr Leute wie Salomon, dann hätten wir viele Probleme sicher schon gar nicht mehr. Gut !

Mit diesem Kurztext wollte ich nur auf die - meiner Ansicht nach - wichtige Thematik des Biologismus und Kulturalismus hinweisen. ( Da fällt mir sogleich auf, dass ich den Titel falsch geschrieben habe )

Servus Sezuan
flores
Ich habe mal in Schmidts Seite gestöbert und viele interessante und
anregende Ideen entdeckt.

Er philosophiert ohne Gott, ohne fixierte leitende Vorstellungen über Gut und
Böse, über Wissen und Wissenschaften überhaupt und hält Freundschaft für
wichtiger als Weltanschauungen. Ein Philosoph nach meinem Geschmack.

flores smile
carsten aus bochum
Ich habe auch auf der Website gestöbert und gedacht:
Oh nein, nicht schon wieder! Wieder einer dieser Kettenhunde, diesmal in der Variante, locker und entspannt und nur halb so viele Kalorien.

„Der Abschied von der Willensfreiheit führt zu einer höheren Fähigkeit, sich selbst und anderen zu vergeben.“
http://www.schmidt-salomon.de/jvgub/faq_jvgub.pdf

AARRGH!!
Da kann ich inzwischen nur noch kotzen!
Ich fühle mich übrigens auch immer ganz leicht und entspannt, wenn ich alle anderen für Volltrottel halte, aber ich verzeihe ihnen, weil ich weiß, dass ihre Synapsen ungünstig verdrahtet sind.

Gruß,

Carsten (intolerant, aber er kann nichts dazu, sein Gehirn hat es so gewollt)
Reinhard
Zitat:

Auch denke ich, dass es heute genügend Probleme auf der Welt gibt, die zu verbessern notwendig sind. Kriege um Rohstoffe, Umweltzerstörung, Ausbeutung, Massenarbeitslosigkeit, regelmäßige Wirtschaftskrisen, Menschenrechte die nur auf dem Blatt existieren...


Hallo, diese Probleme hat es schon immer gegeben und wird es immer geben, was neu ist, ist die Bevölkerungsdichte und der Raubbau an einmaligen Ressourcen und die Fähigkeit, die Erde auf einen Schlag zu zerstören durch Menschenhand. Und dem sollen wir durch Freundschaft, die man nicht erzeugen kann, begegnen? Humanismus ist ja nun auch nichts Neues und immer noch soweit entfernt von der Humanität wie ehedem. Ist ja schön, wenn man sich vorstellt, wie zwei sich den letzten Schluck Wasser teilen, der nur für einen vorübergehend gerreicht hätte.

Die Bedrohung, falls man das überhaupt so sieht, kann nicht durch Aufzählung aller Misslichkeiten erschöpft sein. Sie peinigt den Einzelnen in hoch bedenklicher Zahl schon immer und jetzt vielleicht sogar besonders. Wir müssen die nationalen Schranken überwinden, wir müssen zu einheitlichen Lösungen gelangen, usw, usw. Nur, zu wessen Nutzen und Frommen, wer selektiert, nach welchen Kriterien? Nettigkeiten wirds da nicht geben können. Für mich ist und bleibt das Ausdruck einer wohlstandsgeformten Denkweise, humanistisch, hedonistischer Art.

Mit freundlichen Grüßen
Reinhard
Sonntagssoziologe
Zitat:

Ich fühle mich übrigens auch immer ganz leicht und entspannt, wenn ich alle anderen für Volltrottel halte, aber ich verzeihe ihnen, weil ich weiß, dass ihre Synapsen ungünstig verdrahtet sind.

Gruß,

Carsten (intolerant, aber er kann nichts dazu, sein Gehirn hat es so gewollt)


Ohne Willensfreiheit brauche ich erst Recht nicht zu vergeben. Ich könnte auf meine eigenen Synapsen verweisen und argumentieren, dass diese mich zum Zorn zwängen.
tolwin
Michael Schmidt Salomon ist heute übrigens im SWR Nachtcafe zu Gast. Es geht um Sinnsucher und Heilsversprecher smile

Weil es nicht angegeben wurde: der oben zitierte Text stammt aus Auf dem Weg zur Einheit des Wissens und ist ein Text, der fast wortgleich bereits in seiner Dissertation stand. Da gehts noch gar nicht um die duchgenudelte Freiheitsdebatte. In seiner Dissertation Erkenntnis aus Engagement geht er m. M. n. sehr genau und treffend auf das Problem des Kulturalismus in der Erziehungswissenschaft ein.
Ansonsten kann man Salomon und der GBS für einige PR-Aktionen dankbar sein, welche die verkrusteten humanistischen Strömungen etwas stärker in die Öffentlichkeit führten, aber das Problem ist leider: er ist als akademischer Philosoph ein Leichtgewicht.