Treue

Steffen Herrmann
Es gibt in der Sexualmoral zwei Imperative, die sich auszuschliessen scheinen, Werte die uns tragen und auf uns lasten.
1. Die traditionelle Beziehungstreue. Dieses 'saubere' Ideal der Selbstbeschränkung ist nach wie vor kräftig. Er prägt oft unausgesprochen unsere Moralvorstellungen mit, unsere Ideen von Verantwortung, Charakter und Sympathie.
2. eine alternative Moral erblickt in der Treuepflicht einen Besitzanspruch und propagiert eine 'freie' Beziehungskultur. Diese liberal-libertinäre Haltung scheint gleichzeitig vor und nach der Treue-Moral angesiedelt zu sein. Sie erweckt den Eindruck von Einfachheit, bringt aber ihre eigenen Imperative mit sich, indem sie die Menschen etwa auf Virilität, Genussfähigkeit und Erlebnisdichte verpflichtet - also auf eine Performance.

Die Sache ist also nicht einfach.
Es wäre schade, wenn die Interessierten hier einfach ihre Meinungen kundtun würden, ihre persönliche Moral. Die meisten Positionen sind zur Genüge bekannt.
Lasst uns versuchen, hier in eine philosophische Reflexion zu treten, in eine post-foucaltsche gewissermassen.
Ist es wie etwa R.Messner (den ich hier leichtfertig ins Spiel bringe) so, dass Die Treue zu sehr über die Sexualität definiert wird oder ist es so, wie B.Hellinger (Ein ebenso leichtsinnig Herbeizitierter) sagte, dass (erst) durch den sexuellen Akt eine Bindung erzeugt wird?
Third
An dieser Stelle möchte ich den Cuntschen Pimperativ einführen der besagt:

„Verspreche dich nur derjenigen Maxime, von der du zugleich wollen kannst, dass sie eine Mutter deiner Kinder sein könnte"

Aber Spass beiseite: Dieses Thema hast du wie ich finde treffend charakterisiert. Ich möchte an dieser Stelle noch nicht meine MEinugn dazu sagen sondern nur auf ein mögliches Problem hinweisen was durch dieses Spannungsfeld entstehen kann: Es kann z.b. passieren, dass ein Partner von seinem Partner Treue will und ihm treu ist, sein Partner ihm aber untreu ist und auch auf Treue keinen so hohen Wert legt. Daran geht die Beziehung auseinander und zu einem späteren Zeitpunkt will der ehemals promiskuitive (habe ich das richtig geschrieben?) Partner nun genau das, was ehemals sein Partner von ihm wollte. Dieser aber hat aus der VErgangenheit "gelernt" und ist selbst zu jemandem geworden, der auf deinen zweiteren Ansatz der freien Beziehungskultur umgestiegen ist...Oder aber "böse" geworden ist. In dem Sinne, dass er nur noch sich selbst treu ist unabhängig von seinen Äusserungen.

Grüße,
third.
Reinhard
Hallo Steffen, Du stellst hier mal ganz einfach fest, es gäbe zwei Imperative in der Sexualität und verlangst dann noch eine philosophische Reflexion nach quasi bestimmtem Muster, obwohl es ein persönlicheres Thema kaum geben kann. Das Thema Sinnlichkeit als Sexualität in Sündhaftigkeit ist doch unendlich schon durch die Erbsünde vorgeprägt, neben den anderen Vorstellungen von Boden und Tod. Nur, sind diese Elemente so sehr miteinander verzahnt, dass ich gespannt bin wie dieser gordische Knoten denn gelöst werden kann. Oder wird er einfach zerschlagen durch die Setzung von Imperativen, die gar keine sind?

Für mich ist der Begriff der Treue zunächst mal ein rein negativer Begriff, der nur aus dem Begriff der Untreue überhaupt erst eine Bedeutung erhalten kann. Deshalb wird sie ja eben so oft versprochen, wegen ihrer Unbestimmtheit und nachher, im Falle von Untreue immer nur so weit relativiert, um den vermeintlicherweise positiven Gehalt nicht zu gefährden. Man sollte halt nichts versprechen und sich auch nichts versprechen lassen, von dem man keine klare Vorstellung entwickeln kann. Jede Art von Verlässlichkeit trägt nur bis zur nächsten Unzuverlässigkeit und das gilt nun wirklich nicht nur für die Sexualität.

Wie bist Du eigentlich auf die Idee gekommen anzunehmen, Treue und Untreue könnten zwei Imperative in Bezug auf die Sexualität sein? Wer gibt das Sollen für diese Gebote vor? Vielleicht die praktische Vernunft? Da würde sich dann schnell wieder der Kreis zur Erbsünde schliessen.

Mit freundlichen Grüßen
Reinhard
Libertad
Es ist ja konsequent, das Problem der sexuellen Entfaltung durch zwei scheinbar diametral verschiedene Ansichten zu trennen. Der zweite Punkt propagiert eine liberale Einfachheit; geradezu eine Treue zur Promiskuität. Ich finde die Darstellung hier ganz interessant - wieso wird mit dem zweiten Punkt ein Aufruf zur Perfomance verbunden? Durch welchen Einfluss entsteht diese scheinbar notwendige Darstellung?

Die Medien stellen ab und an die althergebrachte Treue gerne auch als einen überkommenen Rest archaischer Notwendigkeit dar; an einem anderen Tag wird die Promiskuität verflucht. Vielleicht soll dadurch ja auch eine reaktionäre Haltung mancher Glaubensschule kritisch provoziert werden. Konventionen werden dann sinnlos, wenn sie einen Teilnehmer von Anbeginn an Regeln binden, die vielleicht erst Sinn ergeben, wenn ein Lebensabschnitt ohne diese Regeln erlebt wurde. Die ganz eigenen Vorzüge der Treue lernen einige erst durch erlebte Vielfalt kennen.

@third
Wer von jemandem betrogen wird, ist einmal Opfer. Beim zweiten Mal ist man selbst schuld.
theophanu
@ steffen

Zitat:
Es wäre schade, wenn die Interessierten hier einfach ihre Meinungen kundtun würden, ihre persönliche Moral. Die meisten Positionen sind zur Genüge bekannt.


Du stellst nicht uninteressante Fragen,
aber da ich dazu meine Meinung nicht kundtun soll (und ich dachte immer, das wäre der Sinn von Philosophieren, bin ich doof!) - und da Du zudem meine Position zur Genüge kennst gruebel , kann ich hier nicht mitmachen. Schade.
Selbstverständlich lasse ich damit sofort den toten Denkern, die gebogen und gedreht werden können, wie's den Lebenden paßt, den Vortritt.
niefre44
hallo steffen.Sind wir mal ehrlich,die Treue und deren Moral ist doch nur von ganz wenigen Moralisch zustande gebracht woren,viele verwechseln treue mit liebes verlust oder angst davor.schauen wir doch nach afrika,da ist die not der Treuefaktor,in moslemischen staaten der zwang,bei den eingeborenen war es die totemangst,nur unsere heutige gesellschaft,die von allen beispielen die meiste freiheit hat,hat gleichzeitig die höchste scheidungsrate,es ist mitsicherheit nicht die liebe die dauerhaft bindet,sondern eher die angst.Ich halte dann schon mehr von dem sprichwort.schauen ja,gegessen wird daheim.das wäre dann Lust holen und als sublimierung am partner auslassen
Steffen Herrmann
"Jenseits von gut und Böse", sagte Nietzsche in dem gleichnamigen Buch "heisst nicht: Jenseits
von Gut und Schlecht!" Das ist einer der wenigen philosophischen Sprüche, die mich regelmässig
beschäftigen. Hier werden zwei Skalen seltsam miteinander verquickt. An einem Ende kommt es
anscheinend beinahe zu einer Berührung (wortgleiches "Gut"), wohingegen auf der anderen Seite
gar keine Beziehung zu erkennen ist (schlecht/böse). Interessanterweise verhält sich sowohl das
technisch Gute wie auch das ethisch Gute in ähnlichem Sinne als Wert, verursacht also ein Streben.

Was hat das nun mit dem Thema zu tun?
Der "Treue" ist sicher in einer simplen Weise moralisch "gut", zumindest in dem negativen Sinne,
dass er nichts "Böses" tut. Das heisst wiederum nicht, dass die Untreue notwendigerweise als
"Böse" erscheint, die Tat kann aber in eine Region der moralischen Aufladung geraten, wo sie
peinlich oder sogar verächtlich wird. Ich weiss nicht, ob man noch "wegen Untreue schuldig" geschieden
werden kann, doch auch in den liberalen Gesetzbüchern des Westens hat es einen solchen
Passus noch lange gegeben.
Die Treue. Ist jemand treu
- Aus Mangel an Bedürfnis/Begehren
- aus Mangel an Gelegenheit
- aus Furcht vor den Konsequenzen
- aus moralischer Selbstverpflichtung, als erfolgreicher Widerstand gegen die Versuchungen
Das sieht mir nach sehr verschiedenen "Treuen" aus. Vielleicht muss man erst wissen, was die
"Verführung" ist, bevor wir etwas Genaueres über die Treue sagen können.

Der Untreue ist (oft zumindest) gut im Sinne von "nicht schlecht". Ihm bieten sich die Gelegenheiten,
in seinem Leben passiert etwas, er tut etwas. Der Casanova ist jemand, der die Frauen "haben" kann,
die virilen Männer beweisen ihre Attraktivität, ihre Potenz, alles in allem also positive Fähigkeiten.
Bei den Frauen liegen die Nuancen etwas anders, im Kern der Sache findet sich aber dasselbe.

Die Verquickung der beiden Aspekte begleitet uns durch unser ganzes Leben. Der Boulevard ist voll davon.
Die Schweizer unter uns erinnern sich an den Fall Carl Hirschmann, für weltweite Schlagzeilen sorgte
Tiger Woods. Auf der letzten Seite eines Wurstblattes waren ein Dutzend sparsam bekleidete Damen
abgebildet, die Schlagzeile hiess: "Er hatte sie alle. Und noch viel mehr." Der Text bestand aus einem
langen, reuevollen Interview eines zerknirschten Tigers.

Noch ein paar Anmerkungen zu den vorangegangenen Beiträgen:
- Third:die Entwicklung der Einstellung zur Treue im Verlauf einer Beziehung oder auch innerhalb des
Lebens, gerade auch in seiner Dualität, das ist ein sehr interessantes Thema, dem man sich
eingehender widmen sollte.
- Reinhard: Sünde/Erbsünde spielt nur in einem bestimmten religiös-moralischen Kontext eine Rolle.
Müssen wir den voraussetzen oder können wir dahinter gehen. Vielleicht habe ich mich unklar ausgedrückt.
Untreue kann kein Imperativ sein, aber "Freiheit" schon.
- Libertad: Ja, es gibt ein grosses Schillern in der Öffentlichkeit. Wie kommt hier weiter? Vielleicht mit
folgenden Komplexen: Treue=sexuelle Treue? Treue=Bindung?
- theopahnu: Auch Deine Meinung interessiert. Ich wollte nur eine moralische Aufladung des ohnehin heiklen
Themas umgehen und ein Gegeneinanderschlagen der Meinungen vermeiden. Seine Ansichten ändert ohnehin
niemand.
- niefre44: Die Verschiedenheit der Treue. Das ist hier ausführlich behandelt.
Libertad
Zitat:
Der Boulevard ist voll davon.

Der Boulevard brennt IMMER. Das tut der nun schon, seit es moderne Kommunikationsmittel gibt und das wird sich auch nicht ändern. Vielleicht finden leichte Variationen in der Form der Übermittlung statt, aber der Boulevard wird immer brennen. Und das ist nur für Menschen wichtig, die von Springers Jauchegrube leben. Das sind meistens nur die Schönen, weniger die Reichen und die graue Masse sowieso gar nicht. Was ist das wichtig, ob ein Holztiger mit Golfschläger zu weit gegangen ist und seinen Ruhm bei Frauen in Schäferstündchen ummünzt? 'Only small minds talk about people.'

Mein persönliches soziales Leben sollte doch dergestalt sein, dass ich meine Bedürfnisse befriedigt bekomme ohne dabei andere Menschen unnütz über die emotionale Planke laufen zu lassen.

Zitat:
Der Untreue ist (oft zumindest) gut im Sinne von "nicht schlecht".

Das find ich irgendwie nur unreif und gewagt, das hängt von der Position auf dem Schlachtfeld der Liebe ab. Der Untreue bleibt sich selbst treu und nimmt mitunter keine Rücksicht, schon gar nicht auf mögliche persönliche Verpflichtungen anderer. Privatspähre ist kein Verbrechen und wer auch mal in fremden Betten nächtigt, sollte wissen, dass dieses Bett oftmals freier ist als das Bettchen daheim.

Untreue Menschen sind in Beziehungen bei mangelnder Diskretion und schlechtem Geschick der reinste Horror! Wenn Liebe nicht erwidert wird und einseitig gerät, muss man ohnehin mit der eigenen Emotion acht geben.

Zitat:
Vielleicht muss man erst wissen, was die "Verführung" ist, bevor wir etwas Genaueres über die Treue sagen können.

Naja, immerhin. Und vielleicht muss mancher auch ersteinmal so richtig in der Pfanne beidseitig gebraten werden...

Zitat:
Die Treue. Ist jemand treu
- Aus Mangel an Bedürfnis/Begehren
- aus Mangel an Gelegenheit
- aus Furcht vor den Konsequenzen
- aus moralischer Selbstverpflichtung, als erfolgreicher Widerstand[...]

Schon aufgefallen? Der traurige Höhepunkt der Liste besteht darin, dass kein rein positiver Aspekt für gesunde gegenseitige Treue vorhanden ist. Manche Menschen sind auch einfach treu, weil eine warme Mahlzeit am Tag den Kopf für andere Dinge frei hält.
Lithrian
Zitat:
Original von Libertad
Zitat:

Vielleicht muss man erst wissen, was die "Verführung" ist, bevor wir etwas Genaueres über die Treue sagen können.


Naja, immerhin. Und vielleicht muss mancher auch ersteinmal so richtig in der Pfanne beidseitig gebraten werden...


/sign

Zitat:
Original von Libertad
Zitat:

Die Treue. Ist jemand treu
- Aus Mangel an Bedürfnis/Begehren
- aus Mangel an Gelegenheit
- aus Furcht vor den Konsequenzen
- aus moralischer Selbstverpflichtung, als erfolgreicher Widerstand[...]

Schon aufgefallen? Der traurige Höhepunkt der Liste besteht darin, dass kein rein positiver Aspekt für gesunde gegenseitige Treue vorhanden ist. Manche Menschen sind auch einfach treu, weil eine warme Mahlzeit am Tag den Kopf für andere Dinge frei hält.


/sign
Third
Servus und guten Morgen.

Treue in Beziehungen sehe ich als heikles Thema. Bei der Wahl meiner Musikanlage greife ich ohne zögern zu "High Fidelity". Aber bei einer Beziehung ist nicht das Maß an Treue das A und O meines Erachtens nach. Auch wenn ich das wohl einmal glaubte. Vielleicht auch weil man diese Tugend leicht zu naiv verstehen kann. Sie kann aus dem Wunsch entspringen "angekommen sein" zu wollen. Sprich: Nicht mehr an sich selbst arbeiten und immer mit einem geliebten Menschen zusammen bleiben zu wollen. Aber das ist doch quatsch! Erstens will dieser Mensch einen auch weiter lieben, also will dass man weiter lebt. Weiter seine eigenen Interessen verfolgt, die einen zu dem machen was man bisher geworden ist und was ihm gegenwärtig noch liebenswert ist. Wir leben in einer ewigen Gegenwart. Ich persönlich würde am liebsten auf das Wort Treue und Untreue verzichten und lieber von Vertrauenswürdigkeit sprechen. Aber hier entsteht die Frage woher kommt Vertrauen. Fängt diese Fähigkeit bei mir an oder bei dem, dem ich vertraue? Muss man das VErtrauen zuerst aus sich selbst holen, oder wird es dir "gegeben" Ich denke am besten ist es die bewusste Entscheidung zu treffen "zu vertrauen" oder "nicht zu vertrauen". Wenn ich aber vertraue muss ich wissen dass es ein Geschenk von mir ist, welches mich aber auch verletzen kann wenn mein Vertrauen enttäuscht wird. Aber der Lohn der Enttäuschung ist die Enttäuschung selbst: Ich lebe lieber ohne Täuschung als mit einer Täuschung, so schön sie auch gewesen sein mag.
Treu kann man sich selbst sein, und vertrauen kann man sich selbst dann auch. Hmmm ist noch früh am morgen, der ganze Kram mit Beziehung wird immer so kompliziert. Die Logik versagt. Manchmal muss man den Schritt ins Leere einfach wagen weil man sonst nur auf der Stelle oder zurück geht. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann / der schwarzen Frau? Zwinker

grüße,
third.
Libertad
Die Vertrauenswürdigkeit ist sicherlich der wesentliche Aspekt in der Werdung einer Partnerschaft - das schließt eine Partnerschaft unter vielen natürlich ein. Und das kommt nur durch Aufmerksamkeit und wohlwollende Unterstützung. Das beruht dann auf Gegenseitigkeit, welche die Partnerschaft stärkt. Das moderne Leben in vollen Zügen eben. So ein Konzept hat bestimmt auch einen Namen, weiß den jemand?

Grundsätzlich ist Respekt schon angebracht, wenn Partner sich gegenseitige Treue zugestehen. Dann fallen auch die Begehrlichkeiten der polyplastischen körperlichen urbanen Vielfalt schlicht weg und andere Aspekte des Lebens können anders betrachtet werden.

Die sozialen Möglichkeiten verändern sich, die freien und unabhängigen Singles hecheln ständig hinter der unsicheren Bedürfnisbefriedigung her. Stimmt das eigentlich wirklich oder liegt dahinter nur eine verzerrte Auffassung eines Einzelnen versteckt?

Zitat:
Original von Third
Treue in Beziehungen sehe ich als heikles Thema.

Was ist letztlich damit gemeint, Treue oder Besitzansprüche?
Rebecca
"Treue" ist im Begriffsverständnis normalerweise als positiv zu vermerken.
Dies kann aber nur dann gelten, wenn es unabdingbar mit dem Wort "Freiheit der Entscheidung zu..." verbunden ist. Womit diese "Freiheit" dann eine aus vollem Herzen und voller Überzeugung zu sein hat. Und nicht einer, wenn auch vielleicht unausgesprochenen Forderung unterliegt. Denn wo "Zwang" im Spiel ist, relativiert sich das Positivum zu einem aufoktroyierten Erfordernis. Eines "Muss".

Ich empfehle Nietzsches "Genealogie der Moral". Interessan, wie sich gut und böse etablierten bzw. welcher "Einführungsgrund" immer vorlag.
Bestes Beispiel der zu lebenden Moral durch Etablierung von strikt zu befolgenden Tugenden ist die Indoktrination der Kirche schon bei der Taufe.

Laotse sagte:
<<Die Moral aber ist nur der äußere Schein von Treue und Glauben und der Verwirrung Beginn <<

Aus der intensität des eigenen Fühlens ergibt sich die Bereitschaft zur Treue. Und selbstverständlich aus der Einstellung zu Liebe und Sex und der Frage, ob dies trennbar ist. Ob nicht vielleicht jede Unterdrückung des Triebes wider die Natur ist. Da nun kommt Ethos ins Spiel. Und der freie Wille und die Wahlmöglichkeiten. Die Aufstellung einer persönlichen Werteordnung unter Berücksichtigung eines anderen.
Denn der Begriff "Liebe" in seiner höchsten Form ist allumfassend. Mit einem Ausschließlichkeitsanspruch - von Leib und Seele des anderen.
"Ich dulde keine fremden Götter neben mir". Zwinker

<<Enthaltsamkeit ist das Vergnügen an Sachen, welche wir nicht kriegen.<<
sagte Wilhelm Busch

Das gibt es natürlich auch und dann ist "Treue" sehr leicht. Wenn man(n) nicht an die Früchte kommt, die zu hoch hängen. großes Grinsen

Freundliche Grüße
Rebecca winken
Reinhard
Zitat:
Ich persönlich würde am liebsten auf das Wort Treue und Untreue verzichten und lieber von Vertrauenswürdigkeit sprechen. Aber hier entsteht die Frage woher kommt Vertrauen.


Hallo, dem kann ich nur zustimmen, würde aber anstatt Vertrauenswürdigkeit Verlässlichkeit setzen, denn mit der Würde habe ich so meine Probleme. Ich möchte nur kurz auf den Unterschied von Treue erwarten und Treue üben hinweisen, nur meine ich eben, dass hier der wirkliche Unterschied liegt, der die Probleme entstehen lässt. Die Ebene, auf der diese quasi Wertbegriffe sich zu beweisen haben, liegt über der des Gebens und Nehmens und unter der der absoluten Hingabe. Wer sich hier auf das Spiel von Erwartung und Gegenerwartung einlässt, der zieht diese Werte herab und wer sich hier auf die totale Hingabe einlässt, der wird sich selbst aufopfern. Dieses Hinundhergerissensein, vor dem Hintergrund der Gefahr eines ständigen Selbstbetrugs, lässt die Geschlechtliebe als wichtigste Voraussetzung für den Arterhaltungstrieb oder besser Gattungswillen, erscheinen und dieser hohe Bedeutungsgehalt stellt jede Generation wieder vor unlösbar erscheinende Probleme.

Macht man sich das klar, verliert alles an Reiz, gibt man sich gänzlich hin, läuft man eben Gefahr, sich selbst zu verlieren, da eine totale Hingabe nur auf der Ebene der inneren Glaubensgewissheit seinen Platz haben darf. Deshalb ist der Traum von einer " ewigen " Liebe oft eben gerade die Voraussetzung für ein ständiges Wechselspiel. Ich glaube, wenn man sich nicht selber treu sein kann, dann auch nicht anderen gegenüber und auf der Ebene der Verlässlichkeit, wenn man sich nicht selbst vertraut, wie sollen es dann andere?

Die schlechteste Grundhaltung in Bezug auf die Treue scheint mir aber zu sein, wenn ich mir sage, ich gehe lieber selbst zuerst fremd, bevor ich betrogen werde. Eine Beziehung einer ständigen gegenseitigen Bespitzelung müßte noch unter dem neunten Kreis der Hölle gelegen sein.

Mit freundlichen Grüßen
Reinhard fauch !
gemeineeine
Und was ist wenn der Mann den wir lieben und der uns liebt auch noch eine andere liebt? Wer hat eigentlich diese Anzahl festgelegt? Die Mor.... en können es nicht gewesen sein.

Mir geistern oft Gedanken durch den Kopf, die damit zu tun haben sich aufzulehnen gegen jede Art von Einschränkung. Solange ich mir und anderen nichts Böses tue bin ich immer öfter gewillt und setze es auch um, mich gegen die "üblichen" Wertevorstellungen zur Wehr zu setzen.

Hier beginnt die Freiheit auf deren Suche ich mich befinde. Es ist schon schlimm genug, "dass der Mensch tun kann was er will, aber er kann nicht wollen was er will". unglücklich unglücklich
Libertad
Zitat:
Ich möchte nur kurz auf den Unterschied von Treue erwarten und Treue üben hinweisen, nur meine ich eben, dass hier der wirkliche Unterschied liegt, der die Probleme entstehen lässt. Die Ebene, auf der diese quasi Wertbegriffe sich zu beweisen haben, liegt über der des Gebens und Nehmens und unter der der absoluten Hingabe.


Ohne Kommunikation findet kein Werteaustausch statt. Es ist sinnvoll den Begriff der Treue und seine mögliche Gestalt ohne geschlechtliche Hintergründe auf Beziehungen zweier Menschen zu beziehen. Aber durch welche Aktion, ausser Treue geben und nehmen, sollen sich diese Wertebegriffe denn beweisen? Durch diesen Austausch nur findet die Bildung einer Ebene der Verlässlichkeit erst statt - vorher gibts auch keine absolute Hingabe. Worauf lässt man sich sonst ein, außer auf ein 'Spiel' von Erwartung und Gegenerwartung? Bei erfreulichem Verlauf werden die Regeln natürlich strenger genommen und die Aussicht auf Verlässlichkeit bildet die Grundlage für Treue.
Reinhard
Zitat:
Hier beginnt die Freiheit auf deren Suche ich mich befinde. Es ist schon schlimm genug, "dass der Mensch tun kann was er will, aber er kann nicht wollen was er will".


Hallo gem...., erst einmal sollte man vielleicht doch wissen, was man will, denn haben kann man nicht alles auf einmal, was hätte man auch davon? Zu wissen, was man will, ist doch schon mit einer gewissen Selbsterkenntnis verbunden, man macht sich Gedanken über seine Motive. Entscheidend ist doch nur, dass man nicht so unterschiedliche Dinge anstrebt, die sich nicht oder schlecht miteinander vereinbaren lassen. Dazu kommt dann noch, dass man zu den Konsequenzen seines Handelns stehen sollte. Freie Liebe, Beruf und Familie sind Dinge, die man zur selben Zeit oft schlecht miteinander vereinbaren kann. Aber, alles zu seiner Zeit, gibt es ja auch noch. Nur, verzetteln wäre nicht so gut.

Mit freundlichen Grüßen
Reinhard
theophanu
@ steffen

Zitat:
- theopahnu: Auch Deine Meinung interessiert. Ich wollte nur eine moralische Aufladung des ohnehin heiklen Themas umgehen und ein Gegeneinanderschlagen der Meinungen vermeiden.


Schön, nun wirst Du es gleich bereuen :-)

Treue ist ein archaischer Wert, einst wie heute unersetzbar und wertvoll, der Familien, Sippen und Gruppen zusammengehalten hat und zusammenhält. Es gibt Treue zu Lebewesen, zu Werten und sogar reflexiv: Treue zur Treue selbst. Von allen diesen interessiert Dich nur Treue in Verbindung mit Sexualität, aber gut.

Du postulierst Imperative.
Ob Treue ein Imperativ sein kann, hängt davon ab, ob uns dieser Wert a priori gegeben ist. Das wäre die einzige philsophische Reflexion, die mir hierzu einfallen würde. Haben wir Ethik, haben wir moralische Werte in uns, weil "ex nihilo" nichts entsteht?

So aber ist Dein Thread eher eine soziokulturelle Betrachtung.
Du stellst eine gesellschaftliche Norm vor, nämlich monogam, und sakral verstärkt, monogam und treu zu sein und zu leben. Und Du stellst keineswegs ihre Antipode dar, die eine philos. Betrachtung zulassen würde (die in völliger Unkenntnis einer Norm bestehen würde), sondern nur ihre Mißachtung.
Und damit öffnest Du, obwohl Du es nicht willst, subjektiven Meinungen oder Überzeugungen die Tür. Und damit auch meiner :-)

Treue ist ein wichtiger gesellschaftlicher und individueller Wert. Keine Gesellschaft in allen ihren Prozessen, keine Familie und keine Partnerschaft kann ohne sie verläßlich und human (obschon der Begriff irrig ist, sind doch auch Teile der Tierwelt treu) funktionieren.
In der allgemeinen Bedeutung dieses Wertes darf es innerhalb einer Gemeinschaft keine große Interpretationsmöglichkeit geben. Es muß sie aber geben zwischen zwei Individuen. Jedes Paar ist individuell und es darf und kann keine Universallösung für ein Zusammenleben geben. Wenn sich ein Paar und die beiden Menschen darin einig sind, wie sie ihr Leben leben wollen, dann geht das nur dieses Paar und sonst niemanden etwas an.
So ist eine offene Ehe für die einen unvorstellbar, für die anderen problemlos praktikabel.

In einer liebevollen, langjährigen Partnerschaft verändert sich die Sexualität. Sie kann lebendig gehalten werden, aber sie allein reicht bei weitem nicht aus, zwei Menschen freiwillig, und nicht aus Pflichtgefühl oder Besitzanspruch (was für ein gruseliger Begriff hier!) zusammenzuhalten.
Und wenn sie stark ist, dann wird sie Untreue aushalten, wovor niemand gefeit ist, weil der gemeine Mensch eben - Gott-sei-Dank - kein Heiliger ist.

Und wie sammelst Du nun die vielen Meinungen wieder ein? Bin gespannt.....


@ libertad

Ich teile Deine Darstellungen völlig bis auf:
"wer von jemand betrogen wird, ist einmal Opfer...."

Für Untreue oder andere Differenzen in einer Partnerschaft gibt es soviele unterschiedliche Gründe, wie es unterschiedliche Menschen gibt. Aber es gibt niemals Opfer und Täter. Beide haben ihren Anteil an gemeinsamer Freude und gemeinsamen Leid.

Und zu den "hinterherhechelnden Singles":
Ich habe ein paar alleinstehende Männer und Frauen in meinem Freundeskreis. Sie alle giert es nicht nach sexuellen Abenteuern, sondern danach, ihr Leben mit jemandem zu teilen. Sie alle sind schon lange keine Träumer mehr. Sie sind nur traurig, weil allein.


@ third

Du analysierst kritisch, das ist gut.
Und wenn Du Dein Selbstmitleid überwunden hast, wirst Du hoffentlich wieder jemandem Dein volles Vertrauen schenken können.
Kein Mensch ist ohne Fehler. Auch wir selbst nicht. Und wenn wir uns trotzdem immer wieder vertrauen, warum nicht auch einem anderen wieder?
Ich wünsche Dir alles Liebe und viel Zuversicht.

Gruß, Theo
niefre44
theophanu.Was wäre aber wenn Treue selber eine Homoerotische verbindung wäre?Es gibt griechen ,die disziplinierten ihre soldaten zu dieser homoerotischen treue -verbindung.
theophanu
@ niefre44

Ich weiß nicht, ob ich Deine Frage richtig verstanden habe:
Natürlich gibt es Treue/Untreue in hetero- wie in homoerotischen Verbindungen.
Und historisch: Meinst Du die Spartakiaten? Würde mich wundern. Wen meinst Du und welche Belege hast Du dafür?
Aber: Bei den alten Griechen galt ohnehin ein anderes Verständnis der homosexuellen Beziehungen. Es war rühmlich, wenn sich ein älterer Mann einem Jungen zuwendete, um ihn "zur Reife" zu führen. Darunter verstand man allerdings primär, ihn geistig und moralisch zu schulen. Dann kam bei erst der Rest. Und sicher auch nur dort, wo homoerotische Neigungen überhaupt vorhanden waren.

Ansonsten: Daß eine Armee auf Treue eingeschworen wird, gilt bis heute. Und ich denke, es gibt keine "ehrlichere" Treue, als den Kameraden auch im Angesicht des Todes nicht zu verlassen.
Reinhard
Hallo Theo.., für mich hast Du mal wieder einen sehr wichtigen Punkt angesprochen. Das scheint mir auch der zentrale Punkt dieses Themas zu sein. Was erträgt ein Mensch um nicht alleine sein zu müssen? Dagegen sind die Eifersüchteleien sexuellen Anspruchsdenkens doch ein Klacks. Da geht es denn wirklich darum, die Treue der Treue wegen zu schätzen. Auch in der Ethik ist es ja so, dass, wenn eine Sache mit einer anderen erklärt wird, nichts gewonnen werden kann. Da blieben wir dann im Sokratischen hängen und würden vermeinen, wenn jemand falsch handelt, hat er nur nicht das Richtige gewußt. Wie hat sich aber Sokrates selber darausgeholt? Er philosophierte aus Treue zu seiner Xanthippe. Wenn jemand aber wirklich glaubt, und das kann man nicht wissen noch erzeugen, dann glaubt er des Glaubens wegen, sonst gar nicht. Verspricht er sich davon ein besseres Leben, so befindet er sich in Sünde, in der Sünde des Unglaubens.

Da bin ich, selbst bei eingeschränkter Sicht, oft geradezu verblüfft, was Menschen, bis hin zum Kadavergehorsam, bereit sind, zu ertragen. Misshandlungen werden erduldet bis fast zur Selbstaufgabe und nur, weil das Schutzbedürfnis obsiegt. Dabei ist das Leben doch Ungewissheit und Unsicherheit und echtes Wagnis wird nach meinen Erfahrungen oft belohnt.

Und, wer ist denn nun eigentlich der wahrhaft Betrogene? Doch der Treulose. Und meistens hat er sich auch noch neu festgelegt und ich hoffe, in die Fesseln, die er vorher nicht angelegt haben wollte.

Mit freundlichen Grüßen
Reinhard