@ reinhard
Sokrates und seine Xanthippe: Vielleicht war seine konsequente Einwilligung in den Tod reiner Eskapismus? Feiger Hund!
Durch Ererbtes und Erlerntes ist jedem Menschen nur ein gewisser Spielraum eigen. Wenn die, die ein Martyrium in der Partnerschaft aushalten, dem nicht entfliehen, dann gibt es darin irgend etwas, was sie mehr befriedigt, als ihre "Freiheit".
Ob sich ein Treuloser selbst schadet, hängt davon ab, ob er unter seinem Verhalten (wider besseres Wissen und Gewissen) leidet oder ob er sich selbst gerade darin findet. Und alle Varianten dazwischen.
Ebenso kann es sein, daß ein Treuloser dem bisherigen Partner siganilieren wollte: Du bist nicht der, mit dem ich mein Leben auf Dauer teilen will, was irgendwann durch eine neue Partnerwahl bestätigt wird, in der "Fesseln" gerne getragen werden und Treue selbstverständlich ist.
Wenn ich auf die vielen Gespräche zurückblicke, die ich zumeist mit Frauen über Partnerschaftsprobleme geführt habe, war eines immer: Männer nehmen Warnzeichen der Frauen nicht ernst. Manchmal so lange nicht, bis die Frau schließlich schweigt und dann handelt. Wird der Mann schließlich wach, weil er die handfesten Konsequenzen nicht mehr ignorieren kann, ist es zu spät, weil die Frau keine Liebe mehr spürt.
Weil der Mensch aber gerade an Leid wachsen kann, besteht kein Grund, sich bis ans Ende seines Lebens zu grämen, sondern vielmehr daran das Positive der Erfahrung, der Reifung anzunehmen und in einer neuen Partnerschaft das eigene Phlegma gut im Auge zu behalten. Das so sehen zu können, erfordert Durchleiden und Abschließen der auch mal schön gewesenen Zeit mit unendlich viel Geduld zu sich selbst.
@ steffen
Ursprünglich hat es in unserer Entstehungsgeschichte keine Verquickung von Sex und Treue gegeben. Jede Höhlenfrau war für jeden Höhlenmann verfügbar.
Erst viel später, als man sich darüber bewußt geworden war, daß die Zeugung eines Kindes kein gruppendynamischer Vorgang, sondern die singuläre Zeugung zur Ursache hatte, wird es zu monogamen Verbindungen gekommen sein, die evolutionär von Vorteil gewesen sind. Ab da an (vielleicht mit Beginn der Sesshaftigkeit) wird es zu einer sehr engen Verbindung zur Brut (weil eigene) und der Brutmutter gekommen sein mit der Folge: Diese Frau und ihre Brut gehören mir.
Ent-sexualisierter Treuebegriff im Mittelalter:
Rittertum: Die Lehnspyramide war ein ausgefeiltes Schutz- und Trutzbündnis mit klaren Treuevorstellungen, die bei Verstößen hart sanktioniert wurden.
Minne: Um jetzt nicht Seiten zu schreiben, nur kurz: Eleonore von Aquitanien, durchdrungen von der im Orient beheimateten Minneidee, hat tatsächlich eine unglaubliche Kultivierung der rauhen Gesellen angestoßen, darunter eben auch das Verfassen von Minne-Lyrik mit dem Ideal der Hohen Minne: Eine hohe, verheiratete, also insgesamt unerreichbare Dame anzubeten und ihr bedingungslos und keusch zu Diensten zu sein. *schmacht*
Dazu "Moritz von Craûn", meine Lieblingsgeschichte:
Ein wackerer Ritter nimmt alle Mühen und Kosten für seine Herrin auf sich. Sie verspricht, ihm "angemessen" dafür zu danken. Als er nun den versprochenen Lohn einfordert, versucht sie, sich seiner Lästigkeit zu entziehen. Das versucht sie solange, bis ihm der Kamm und noch ein Teil schwillt und er sie in Anwesenheit ihres ohnmächtigen Gatten flachlegt. Es kommt wie in 30-Cent-Heftchen: Sie verliebt sich in ihn, er aber ordnet nur seinen Harnisch und reitet von dannen. In Tränen aufgelöst blickt sie ihm von den Zinnen aus nach. Welche Schmach! Nicht, weil er sie genommen hat, sondern weil er sie links liegen läßt....
Du wirst die vielen "Tagelieder" kennen, in denen die hohen Damen einen Vogelkäfig zwecks "der nächste bitte" ins Fenster stellten, und auch die Sinnenfreudigkeit in den Badehäusern, die "carmina burana" und vieles mehr. Und alles das trotz kirchlichem Dogma!
Also MA und besondere Treue? Naja!
Was nun? Hat Treue etwas mit "Wahrhaftigkeit zu tun?
Zumindest ist sie etwas, was uns alle mal durch Liebe, mal durch Mitleid, mal durch Freundschaft miteinander verbindet.
Und schließt Treue in der Partnerschaft Sex mit ein? JA! Siehe auch Darstellung von Rebecca. "Ich will dich mit Haut und Haaren und allem, was darunter ist"
Ein Seitensprung bietet immer auch die Möglichkeit, sich neu zu verlieben. Und das passiert am einfachsten über ein wunderschönes, sexuelles Erleben, das ein gemeinsames Leben auf Wolke rosa vorgaukelt, was oft genug ein fataler Irrtum ist -
nur: Der Natur ist es Wurscht. Sie versucht immer und auf allen Wegen einzig die Art zu erhalten.
Und hierzu:
@ libertad:
Genau das ist die Frage: Wäre uns Treue implantiert, gäbe es keine "illegalen" Wege der Sexualität. Auf den ersten Blick erscheint der einzige Sinn unseres Daseins darin zu liegen, uns zu vermehren. Und auf den zweiten und dritten? Wenn wir im Sinne eines dynamischen Prozesses diese Welt nun mitgestalten - auch mit unserer Ethik?
@ niefre44
Höchst interessant, was Du schreibst. Und es scheint zu stimmen, was Du über die Griechen sagtest: Motivation war wohl, daß sich der Geliebte vor dem Geliebten während einer Schlacht nicht als feige entblößte. Wenn Du hierzu Details hättest, wäre ich Dir dankbar.
Und so scheint es gar nicht abwegig, daß tatsächlich homoerotische Energien sublimiert werden, wenn Männer bedingungslos treu einem charismatischen Führer folgen.
Und: Was schlußfolgerst Du daraus über Treue/Sex? Daß sie unzertrennlich sind?
Bis dann - und bleibt vor allem Euch selbst treu

Theo