Gesellschaftsordnung ohne strukturelle Gewalt

Archibald
In den 70-er (und, Anfang der 80-er) gab es im Rahmen (allgemein linksgreichteter) Proteste den Begriff der "strukturellen Gewalt".

Nun sage ich, dass jeder, der das Ideal einer von ihm angestrebten Gesellschaftsordnung nicht nur "meint", sondern, diese auch durchsetzen will, nicht um das Mittel der "strukturellen Gewalt" umhinkommt; wer also z.B. die Geldwirtschaft abschaffen will, oder aber, wer z.B. "Anarchie" will, der braucht nur die Infrastruktur einer Gesellschaft zu zerstören; ohne Druckmaschinen kann man nämlich kein Geld drucken, und, ohne Strom keine Druckmaschine betreiben, und, ohne Geld kann man keine Polizisten oder aber Militär bezahlen.

Bloss: Dies wäre dann doch auch eine Form von "struktureller Gewalt", oder?
Stanley Alvarez
Zitat:
“Strukturelle Gewalt ist die vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse oder, allgemeiner ausgedrückt, des Lebens, die den realen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was potentiell möglich ist.“

Johan Galtung, Strukturelle Gewalt. Beiträge zur Friedens- und Konfliktforschung, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 12.

In wiefern fiele das, was du angeführt hast, unter "strukturelle Gewalt"?
Archibald
@ Stanley:

Wer nichts mehr drucken kann, kann seine Bedürfnisse nicht mehr auf einem gedruckten Stück Papier veröffentlichen; seine Bedürfnisbefriedigung ist herabgesetzt.

Wer kein Geld mehr hat (weil es keines mehr gibt) kann seine Bedürfnisse nicht mehr befriedigendie, also, der "reale Grad der Bedürfnisbefriedigung ist herabsetzt“.

Wer keinen Strom mehr hat, kann kein Licht mehr machen, und, nicht mehr lesen.
Stanley Alvarez
Hm... einige Anmerkungen:

Erstens halte ich dein Verständnis von 'struktureller Gewalt' immernoch für zu simpel. Sie funktioniert doch wesentlich subtiler, als es deine Beispiele sind.

Zweitens ist deine "Argumentationskette" mehr als fragwürdig. Deine Einfangsbehauptung ist, dass man zur Verwirklichung von gesellschaftlichen Idealen "nicht um das Mittel der 'strukturellen Gewalt' umhinkommt". Daraufhin bringst du vermeintliche Beispiele an: "wer z.B. 'Anarchie' will, der braucht nur die Infrastruktur einer Gesellschaft zu zerstören". Nun ganz zu schweigen davon, dass ich bezweifle, dass dadurch eine 'Anarchie' erreicht würde. Das vermeintliche Scheitern dieser vermeintlichen Möglichkeit, ein solches Ziel wie 'Anarchie' zu erreichen, bedeutet nicht im geringsten, dass man allgemein " um das Mittel der 'strukturellen Gewalt' [nicht] umhinkommt".

Zitat:
Wer kein Geld mehr hat (weil es keines mehr gibt) kann seine Bedürfnisse nicht mehr befriedigen

Erkennst du den Fehler?


... ach, keine Lust, mehr zu schreiben...
Shamatic
"Strukturelle Gewalt" bezieht sich stets auf eine gewordene Gesellschaftsformation, die eben durch eine bestimmte politisch-ökonomische Struktur "Gewalt" ausübt. (Ich benutze die Begriffe "Gewalt", "Herrschaft" jetzt mal synonym, obwohl hier sicherlich Unterscheidungen sinnvoll wören). Die Form von Gewalt, die historisch stattgefunden haben muss, damit es irgendwann und irgendwie mal zu einer "strukturellen Gewalt" kommt, ist jedoch logischerweise eine andere, wieso würde man sonst von einer "Struktur" sprechen ? Letztlich geht es hier also um die Frage von gesellschaftlichen Revolutionen, welche ja stets Übergänge von einer Form von "struktureller Gewalt" zu einer anderen waren. Natürlich darf man sich das nicht so homogen und bruchlos vorstellen, sind die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Kämpfe doch alles andere als linear. Aber vielleicht überstrapaziere ich hier auch den Begriff der "strukturellen Gewalt" setzte ich ihn ja gerade mit einer "politisch-ökonomischen Herrschaftsstruktur" gleich...

Achja und eigtl solltest du Archibald den Unsinn den du schreibst selbst bemerken großes Grinsen

(Wenn man ggn Kapital/Geld "kämpft", dann ist das ein Kampf gegen eine "Strukturelle Gewalt", somit ist der Kampf selbst defintionsgemäß keine Form von "struktureller Gewalt")
Archibald
@ Stanley:

Zitat:
Wer kein Geld mehr hat (weil es keines mehr gibt) kann seine Bedürfnisse nicht mehr befriedigen

Erkennst du den Fehler?

NEIN. Eine Gesellschaft, die das Geld abschafft, ÜBT strukturelle Gewalt aus.
Auch die Abwesenheit "Gewalt ausübender Dinge" kann selber Gewalt sein.
Archibald
@ Shamatic:

Zitat von dir:

(Wenn man ggn Kapital/Geld "kämpft", dann ist das ein Kampf gegen eine "Strukturelle Gewalt", somit ist der Kampf selbst defintionsgemäß keine Form von "struktureller Gewalt")


Das ist Unsinn, denn auch eine Sache, welche sich auf einew andere Bezieht, kann sowohl im Sinne ihrer Beziehung als auch im Sinne der Sache selber mit demselben Begriff "x" gekennzeichnet werden.
Tarvoc
Nein, Shamatic hat in diesem Punkt schon Recht. Klar kann sich eine Sache auch auf sich selbst beziehen. Nur kannst du mir nicht sagen, wie das bei struktureller Gewalt aussehen soll.
Archibald
@ Tarvoc:

Ja, das kann ich!

Der "Kampf" nämlich ist dann eine Form von struktureller Gewalt, insofern, als, dass eine "Kampfstruktur" zu dessen (zumindest potenzieller) Erzeugung notwendig ist!

Eine solche "Kampfstruktur" ist z.B. ein Militär!
Tarvoc
Das Militär ist ein partikulärer Akteur innerhalb der Struktur. Aber vielleicht meinst du ja sowas wie revolutionäre Milizen. Wobei es natürlich Sinn haben kann, z.B. eine revolutionäre Partei auch als so etwas wie eine Struktur zu bezeichnen. So gesehen kann es in einem gewissen Sinne "strukturelle" Gewalt geben, die sich gegen andere "strukturelle" Gewalt richtet. Normalerweise meint man aber mit struktureller Gewalt eine Gewalt, die von der Universalität der gesellschaftlichen Verhältnisse selbst ausgeht und nicht von einer Partikularität innerhalb dieser Verhältnisse. Dementsprechend würde auch das Beispiel einer revolutionären Partei nicht wirklich unter den Begriff fallen. Okay, vielleicht im revolutionären Moment, in dem eine Partikularität die Position des singulären (realen) Universellen beanspruchen kann. Aber eigentlich auch nicht, weil "das Universelle" etwas anderes ist als "die Universalität der Verhältnisse".
Archibald
@ Tarvoc:

Normalerweise meint man aber mit struktureller Gewalt eine Gewalt, die von der Universalität der gesellschaftlichen Verhältnisse selbst ausgeht und nicht von einer Partikularität innerhalb dieser Verhältnisse.


Das sehe ich etwas anders; wenn ich z.B. in Deutschland nicht mehr richtig leben kann, ohne ein Bankkonto zu haben, dann ist diese Struktur, die von der Bank ausgeht, sehr wohl eine Form struktureller Gewalt.

Natürlich kann jedes "strukturell ausübende Element" Bestandteil einer übergeordneten Struktur sein.
Tarvoc
Zitat:
Original von Archibald
Das sehe ich etwas anders; wenn ich z.B. in Deutschland nicht mehr richtig leben kann, ohne ein Bankkonto zu haben, dann ist diese Struktur, die von der Bank ausgeht, sehr wohl eine Form struktureller Gewalt.

Die Struktur geht nicht unmittelbar von der Bank selbst aus, sondern davon, dass man oft sein Gehalt direkt überwiesen bekommt, an manchen Orten ohne Bankkonto nicht mehr zahlen kann, und so weiter. Es handelt sich also tatsächlich nicht um das Handeln eines einzelnen partikulären Akteurs, sondern um eine universelle Sache, und damit tatsächlich um "strukturelle Gewalt". Dass ein partikulärer Akteur dabei eine besondere Rolle spielt und sogar primärer Profiteur ist, ist damit durchaus nicht ausgeschlossen. Er ist aber nicht der einzige relevante Akteur in dieser Struktur, auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht.
Archibald
@ Tarvoc:

Schwierig, denn, einerseits hast du insofern Recht, als es der Staat ist, welcher die Geldwirtschaft aufrechterhällt.

Doch andererseits sind es die Banken, welche diese Aufrechterhaltung ausüben.

Der Staat bietet also nur die "Idee", die Banken hingegen die "materielle Umsetzung".

Stellt sich die Frage, was die eigentliche (strukturelle) Gewalt ist: Idee oder Umsetzung..............
Shamatic
So einfach ist da der Zusammenhang nicht... Der Staat bietet nicht einfach nur eine "Idee", sondern dieser besteht doch selbst aus Institutionen und Praxisformen, welche regulierend eingreifen. Aber in gewissem Sinne hast du Recht: Dass der Staat -in der Form einer spezifischen "Nation"- die allgemeine ideologische Repräsentation der Verhältnisse in ihrer Gesamtheit darstellt. Ich glaube, dass Friedrich Engels irgendwo den Staat auch als primäre "ideologische Macht" konzipiert, noch vor Religion, Kunst, Kultur, Philosophie etc.

"Der Staat" ist also gewisser Weise einmal als reale Praxisformation zu begreifen, welche reale Macht ausübt und andererseits als symbolisch-ideologische Repräsentation im Bewusstsein der Menschen. Allein schon, dass man von einem homogenen Gegenstand names "Staat" spricht, zeigt dies ja schon deutlich. In nationalistischen Tendenzen tritt dies noch deutlicher hervor: Hier spricht man nicht nur von einem Staat, sondern man setzt sich selbst mit der Nation gleich, man identifiziert sich mit dieser. Hier ist also die Identifikation aufs höchste entfremdet, sieht man sich selbst als etwas abstraktes, als "deutscher" oder was auch immer.
Tarvoc
Zitat:
Original von Shamatic
Ich glaube, dass Friedrich Engels irgendwo den Staat auch als primäre "ideologische Macht" konzipiert, noch vor Religion, Kunst, Kultur, Philosophie etc.

Wenn man Staat so versteht, wie es üblicherweise verstanden wird, kann das aber nur für die bürgerliche Gesellschaft gelten...