Monty Pythons Sandalenfilm à la Shakespeare

Rhetorix
Es gibt ein Theaterstück, von dem die meisten Shakespeare-Verehrer wünschen, er hätte es nie geschrieben. Man hat daher auch nachzuweisen versucht, dass ein anderer es verbrochen hat - leider vergeblich. Peinlicherweise handelt es sich sogar um ein Stück, das damals besonders beliebt war und gleich mehrfach kopiert wurde.

Ich kannte es noch nicht, aber weil ich auch mal was unglaublich Schlechtes von Shakespeare lesen wollte, habe ich es mir gestern mal reingezogen.
Selbstverständlich zunächst sehr kritisch (ich kannte die Beurteilung ja), dann kopfschüttelnd über den Unsinn, den ich las. Und dann plötzlich *peng* habe ich den Putz von der Decke gelacht.
Im Geiste sah ich das Stück von Monty Python verfilmt, wahlweise bei der Aufführung einer schwarzen englischen Kömödie, in der alles Heroisch-Tragische durch den Kakao gezogen wird, die Grundpfeiler der klassischen Bildung gleich mit; das Publikum lacht, bis der Arzt kommt, und nicht-englische Zuschauer machen ein irritiertes Gesicht und hüsteln in die Hand.

Hinterher habe ich mal nachgelesen, was 'mein' Shakespeare-Kommentator Harold Bloom dazu schreibt. Und siehe da, er ist derselben Meinung und begreift nicht, wie man den Ulk überlesen kann.
Es liegt wohl an der vorgefassten Meinung, dass alles, was von Shakespeare kommt, gaaaaaanz besonders seriös sein müsste.

Um euch einmal den ganz anderen Shakespeare zu zeigen, dem ihr woanders wahrscheinlich nie begegnen werdet, mache ich mir - passend zu Karneval - die angenehme Arbeit, euch das Stück vorzustellen.
Also nehmt euch einfach mal eine Viertelstunde Zeit, denn ich will mich kurz fassen.
Rhetorix
Die 'most lamentable roman tragedy' spielt in der Spätzeit des alten Roms, mit lauter frei erfundenen Figuren.


Trommeln und Trompeten!
Die beiden Brüder Saturninus und Bassianus, Söhne des verstorbenen Kaisers, rücken gegeneinander vor und machen einander das Recht auf die Thronfolge streitig.
Bevor es kritisch wird, kommt zum Glück der siegreiche Feldherr Titus mit seinen Söhnen als Triumphator von der Schlacht zurück. Er hat die Goten besiegt und führt daher die böse gotische Königin Tamora in seinem Gefolge mit, samt ihren 3 Söhnen und ihrem Diener Aaron, der zwar ein Neger, aber trotzdem gleichfalls ein Gote ist.

Titus ist ein alter Mann und stolz darauf, dass bereits 21 [!] seiner Söhne im Kampf gefallen sind.
Dass jetzt aber auch der 22. Sohn sein Leben lassen musste, verzeiht er den Goten nicht!
Also wird Tamoras ältester Sohn stante pede zerstückelt und verbrannt, denn das ist römischer Brauch.

Danach entscheidet Titus, dass der ältere der beiden Prinzen, nämlich Saturninus, den Thron haben soll, und beide Brüder sind mit dem Spruch zufrieden.

Ärger gibt es nur, weil der zeugungskräftige Titus unvorsichtigerweise nebst (mindestens) 25 Söhnen auch eine Tochter, Lavinia, in die Welt gesetzt hat, ein Wunder an Schönheit und Keuschheit.
Saturninus, der nunmehrige Kaiser, begehrt sie daher zum Weibe, doch sie 'gehört' dem Bassianus, mit dem sie verlobt ist.
Weil der überlebende älteste Sohn des Titus dem Ansinnen des Kaisers widerspricht, was sich nicht gehört, ersticht Titus ihn kurzerhand.
Als Sohn Lucius ihn dafür kritisiert, verbannt er ihn.
Die Aufregung ist aber eigentlich überflüssig, denn Saturninus sagt, ihm mache es nichts aus. Dann heiratet er eben die Gotenkönigin, und Bassianus darf Lavinia behalten.
So ist - ca. 1/2 Stunde nach der Rückkehr des Feldherrn - alles aufs Schönste geregelt, es wird geheiratet, und für den nächsten Tag ist eine Jagd im Walde angesagt.
Die bösen Söhne der Gotenkönigin verabreden sich mit dem Segen ihrer bösen Mutter, Bassianus morgen im Wald zu töten, Lavinia zu vergewaltigen und den beiden verbliebenen Söhnen von Titus einen bösen Streich zu spielen.


Am folgenden Tag, während der Jagd im Wald, sieht man die neue Kaiserin von Rom im Gebüsch mit ihrem Diener, dem Neger, kosen. Das heißt: sie versucht es, aber der Diener hat Wichtigeres zu tun. Er schreibt einen Brief an Titus' (überlebende, nicht verbannte) Söhne, auf dem steht, dass sie für die Ermordung von Bassianus einen Beutel Geld bekommen, der unter einem Holunderstrauch liegt, wirft ihn in die Gegend und versteckt einen Beutel Geld unter dem besagten Holunderstrauch.

Es kommt, wie es kommen muss. Zufällig treffen die bösen Gotensöhne den Prinzen Bassianus ohne Bewachung und bringen ihn um.

Dann kommt ebenso zufällig Lavinia im Wald ihres Weges, wird vergewaltigt - mit Bassianus' Leiche als Matraze untergelegt - und kriegt die Zunge und die Hände abgeschnitten, damit sie nichts verrät.

Bassianus' Leiche wird in eine Fallgrube geworfen, die sich zufällig in der Nähe befindet. Anschließend wird die Fallgrube wieder sorgsam mit Zweigen verdeckt.

Zufällig kommen die Söhne des Titus denselben Weg, sehen die Fallgrube nicht, und einer von ihnen fällt hinein. Der andere versucht, den Bruder herauszuziehen und fällt gleichfalls hinein.

Lavinia irrt nach ihrer Vergewaltigung und Verstümmelung wie ein verschrecktes Reh durch den Wald.
Zufällig kommt aber Onkel des Wegs und liest sie auf. Als er sie fragt, was denn passiert sei, errötet sie, woraus man auf eine Vergewaltigung schließen darf.

Zufällig entdeckt der Kaiser mit seinem Gefolge dann auch die Fallgrube mit den Titus-Söhnen. Der verräterische Zettel und der Geldbeutel unter dem Holunderstrauch werden ihm in die Hand gespielt.
Es fällt ein schwerer Verdacht auf die Titus-Söhne, und sie werden festgenommen.

Der Onkel bringt die arme Lavinia dann zu ihrem Vater, der heiße Tränen in den Staub weint und seiner Tochter empfiehlt, ein Messer zwischen die Zähne zu nehmen und es sich in den Leib zu rammen. Der Onkel rügt, dass er der Tochter doch nicht empfehlen dürfe, sich von eigener Hand zu töten, und Titus hält ihm einen langen Vortrag darüber, dass 'von eigener Hand' wohl eine sehr unpassende Formulierung ist. Anschließend verlassen Vater und Tochter die Szene sozusagen Hand in Hand, wobei der Vater, situationsbedingt, der Tochter empfiehlt, seine Hand zwischen ihre Zähne zu nehmen.

Titus erfährt von dem Verdacht, der auf seinen Söhnen liegt. Selbstverständlich steht er auf dem Standpunkt, dass sie sterben müssen!
Doch als einer seiner Enkel in einem lateinischen Klassiker liest, gerät die Tante in Unruhe und macht auf sich aufmerksam. Sie nimmt den Stift in den Mund und blättert so lange in Ovids Metamorphosen, bis sie die Geschichte der vergewaltigten Philomena gefunden hat. Aha! Und für den Fall, dass das immer noch nicht genügt, kniet sie sich auf den Boden und schreibt mit dem Stift in den Dreck, dass sie von den beiden Goten-Söhnen vergewaltigt wurde -natürlich auf Latein, denn Englisch kann sie ja nicht.
Nun ist alles heraus!

Dann kommt der listige Neger zu Besuch und schlägt einen Deal vor: Titus kann seine beiden zum Tode verurteilten Söhne freibekommen, wenn sich irgendwer aus seiner Familie bereit findet, sich mit dem gleich von ihm mitgebrachten Schwert eine Hand abzuhacken.
Titus, der Onkel und ein Sohn streiten sich. Ich! nein ich! ich! ich!
Schließlich verlieren der Onkel und der Sohn über der Streiterei die Geduld und laufen weg, um sich selbst eine Axt zu holen.
Der leichtgläubige Titus nutzt den ungestörten Augenblick, hackt sich seine linke Hand ab, gibt sie den Aaron mit, und als der Onkel und der Sohn mit der Axt zurückkommen, ist alles schon passiert. Wie zu erwarten, kriegt er als Gegenleistung nur die Köpfe seiner Söhne zugeschickt.


Traritrara!
Die Trompeten verkünden, dass die Kaiserin einen Thronfolger entbunden hat.
Auch Tamoras Neger-Diener und die beiden erwachsenen Söhne des Kaisers, die zufällig irgendwo in der Gegend aufeinander getroffen sind, hören das Signal.
Kurz darauf kommt die Kammerzofe der Kaiserin eilig herangelaufen, mit dem Neugeborenen im Arm.
Es ist natürlich ein Neger-Baby.

Die Kaiser-Söhne wollen das Baby sofort erstechen, aber der junge Vater redet es ihnen aus - euren eigenen Bruder wollte ihr erstechen? - und macht klar, dass er größten Wert auf seinen Erstgeborenen legt.
Daraufhin schleppt man eine Leiter herbei (dergleichen Utensilien sind für den betreffenden Zweck überall griffbereit) und zwingt ihn hinauf, um ihn aufzuhängen.
Listig wie er ist, sagt er aber, dass er ein Geheimnis weiß und sie es nie erfahren werden, wenn sie ihn jetzt aufhängen. Sie sollen ihm schwören, dass sie dem Baby nichts tun, und dann sagt er alles.
Das schwören sie dann auch, Aaron verrät das dunkle Geheimnis von Bassianos Ermordung und Lavinias Schändung, und das Baby wird zu einer weißhäutigen gotischen Familie gebracht, mit der Aaron befreundet ist, wo es ganz unauffällig aufwachsen wird.

Titus verliert unterdessen den Verstand.
Als sein Bruder, der Onkel, mit dem Messer auf den Teller haut, um eine Fliege zu zerquetschen, macht er ein großes Bohei darum.
Schließlich ist alles wieder gut, und er fordert die Tischgesellschaft auf, herzhaft zuzugreifen. Aber Lavinia sagt, sie ernährt sich lieber nur von ihren Tränen.

Danach denken sich die böse gotische Königin bzw. römische Kaiserin und ihre Söhne einen Mummenschanz aus.
Sie kleiden sich in dunkle Gewänder und statten Titus einen Besuch ab. Tamora behauptet, sie sei 'die Rache' und ihre beiden Söhne seien 'der Mord' und 'die Schändung'.
Warum sie das tun, bleibt zwar ihr Geheimnis. Sicher ist aber, dass sie glauben, in ihren dunklen Gewändern nicht erkannt zu werden, doch Titus, so verrückt er auch ist, durchschaut die Sache gleich, behält die beiden Söhne zurück (sie werden gleich anschließend umgebracht) und entlässt die böse Kaiserin mit der Einladung zu einem Bankett, zu dem sie sich ja offenbar erst noch umziehen muss.

Dann pürriert er die Leichen der Goten-Söhne eigenhändig zu einem Pastetenteig, mit dem er die Gotensöhne-Köpfe umhüllt und zu einer knusprigen Pastete backt.
Auf dem anschließenden Bankett serviert er sie selbst - laut Regie-Anweisung als Koch gekleidet - , ersticht erst die Gotenkönigin, nachdem sie sich an der Pastete gelabt hat, und dann kurzerhand auch seine Tochter und wird anschließend selbst erstochen.
Irgendwie kommt nebenbei wohl auch der Kaiser ums Leben.
Der Neger wird bis zum Hals in der Erde eingegraben, wo er verdarben soll. Das Einzige, was er bedauert, ist, dass er nicht noch sehr, sehr viel böser gewesen ist.

Als Deus ex machina erscheint endlich sein verbannter Sohn Lucius auf der Bildfläche, der sich inzwischen mit den Goten zusammengetan und Rom erobert hat und nun als neuer Kaiser ausrufen lässt.


Anschließend dürfte das Publikum ähnlich erschöpft von Lachen und Grausen gewesen sein wie ich.
Erhob es sich danach und sang mit würdevoll-gefasster Miene sowas Ähnliches wie "God save the Queen"?

Tja, liebe Leute, auch das war Shakespeare.
Er ging mit diesem Stück bis an die äußerste Grenze der 'schwarzen' Klamotte (Harold Bloom hebt mit Recht vor allem das 'Hand in Hand' der Tochter mit der Hand des Vaters zwischen ihren Zähnen hervor), aber keinen Schritt weiter.
Das Neger-Baby zu erstechen, hätte diese Grenze überschritten.
Babys und Kleinkinder können in wirklichen Tragödien ermordet werden (Macbeth), doch in diesem Stück musste es 'ganz unauffällig' unter Goten aufwachsen können.


Helau!
Rhetorix
Das Stück ist heutzutage wohl unspielbar.
Nicht nur wegen seiner teilweise ermüdenden Längen (die könnte man für den Bedarf des zeitgenössischen Publikums kürzen),
nicht einmal wegen der groben Enttäuschung der 'seriösen' Erwartungen an ein Drama von Shakespeare,
sondern vor allem wegen der gegen die 'political correctness' verstoßende Rolle des Mohren.
Dabei ist der Mohr allerdings der einzig Pfiffige in diesem Stück, der einzige obendrein, der ein Leben rettet, und einer der wenigen, die niemanden umbringen. Erstaunlich. Eine typische Commedia dell'arte-Figur, der verschlagene Diener, nur in diesem Fall schwarz und als schwarzer Gote besonders absurd.
Das war seinerzeit zweifellos die Paraderolle.