Leib

Spirit
Hallo,

ich kann meinen Körper wie einen "Körper"/Gegenstand im Raum betrachten. Er liegt einfach da und man kann meinen Arm einfach anfassen und anheben: er erscheint gegenständlich.
Aus der Perspektive des "reflektierenden", zweifelnden Bewusstseins, welches den Körper einfach nur anblickt, kann der "Leib" als "Körper" erscheinen/gedacht werden, kann der Leib als mein Leib, in dem ich aufgehe, hinterfragt, angezweifelt werden: es könnte sein, dass ich mir das nur einbilde.

Mein Eindruck ist, dass viele (philosophische) (Denk)Probleme dadurch entstehen, dass der Leib in dieser Weise auf einen Körper reduziert wird. Aus dieser Sicht kann man dann lediglich einen physikalischen oder organischen Körper und eine geistige Psyche unterscheiden. Den Körper sollte man demnach naturwissenschaftlich beschreiben, den Geist könne man (teilnehmend) verstehen oder dieser sei gerade in seiner erlebnishaften, subjektiven Ichqualität zu berücksichtigen.

Beobachte ich mich jedoch im alltäglichen Leben, dann fällt mE auf, dass der eigene Leib nicht nur ein Körper wie ein Gegenstand in einem Raum ist. Beobachtet man genau, wie sich das Verhalten vollzieht, dann kann man meines Erachtens feststellen, dass wir unseren Körper je nach Betätigung entweder eher als Körper sehen, zugleich jedoch latent auch als Leib spüren, oder dass wir ganz in unserem Leib aufgehen und ihn eventuell lediglich aufgrund von Verkörperungen führen. In beiden Fällen gibt es eine Gegenstandsorientierung und eine Selbstorientierung, die miteinander koordiniert werden.

Beispiel: wenn ich nach einer Tasse greifen, dann führen ich den Arm wie eine Art Stock zur Tasse, fühlen aber dabei schon laten eine Selbststellung und fühlen auch, wenn ich die Tasse ergreife. Auf diese Weise greifen stets Leib und Körper ineinander, formiert sich Verhalten und Handeln immer als Verschränkung von Leib und Körper.

Inwiefern ist der "Leib" wesentlich, hilfreich, konstruktiv, produktiv für die Philosophie?

Beste Grüße,
Silver
Jay Ray
Moin !

Analog zu Schopenhauers Ausspruch:
"die Motivation ist die Kausalität von innen gesehn."

würde ich sagen:
Leib ist ein Körper aus der Subjekt- bzw 1.Person- bzw. Innenperspektive.


Interessant wäre hierbei zu erforschen, inwieweit eine Cyber-Prothese als Teil des eigenen Leibes angenommen werden kann - und ob sie leib-haftiger werden kann als zB gelähmte+gefühllose "echte" Gliedmaßen.

Meine Vermutung wäre: Ja, nicht das Material, sondern die Möglichkeit zur und Qualität der Interaktion macht den (gefühlten) Hauptunterschied zwischen "lebendigem" Subjekt und "totem" Objekt aus.

Das geht natürlich nicht bei denen, die sich vor "Künstlichem" ekeln und daher schon aus Prinzip ablehnen.

Gruß Jay
Spirit
Hallo Jay,

Zitat:
Original von Jay Ray
Interessant wäre hierbei zu erforschen, inwieweit eine Cyber-Prothese als Teil des eigenen Leibes angenommen werden kann - und ob sie leib-haftiger werden kann als zB gelähmte+gefühllose "echte" Gliedmaßen.

Meine Vermutung wäre: Ja, nicht das Material, sondern die Möglichkeit zur und Qualität der Interaktion macht den (gefühlten) Hauptunterschied zwischen "lebendigem" Subjekt und "totem" Objekt aus.


ja, interessant - auch der Link.

Ich stimme hier zu: entscheidend ist das sinnliche Gefühl (Aisthesis), nicht das Material. Nach einiger Zeit dürfte die Cyber-Prothese integriert werden, also einerseits gegenständlich als Körper und andererseits in Selbststellung zuständlich als Leib erfahren werden.

Beste Grüße,
S.
Jörn
Zitat:
Original von Jay Ray
Leib ist ein Körper aus der Subjekt- bzw 1.Person- bzw. Innenperspektive.

Hier hängt viel an dem Wörtchen "ist". Wenn damit Identität gemeint ist, dann fällt der Unterschied, um den es geht, unter den Tisch. Vieles am Körper kommt ja nie in den Blick der 1. Person-Perspektive und so ist der Körper mehr und anderes als der Leib. Und umgekehrt gilt es wohl ebenso. Vieles, was in der 1. Person-Perspektive erlebt wird, kann der Blick von der Seite nicht erfassen. So scheint das Leib-Körper-Problem eine Variante des Leib(ja doch eigentlich Körper)-Seele-Problems mit anderen Begriffen.

Man könnte auch noch zwischen Körper und Körper unterscheiden :-) Wenn man einmal den geometrischen Körper meint und ein anderes mal an Biologie denkt.

Ein Gedanke, den ich hilfreich fand, ist dabei dieser: Wenn man einen geometrischen Körper zerteilt, dann hat man zwei Körper. Wie stehts hier mit dem Leib? Und wie mit dem biologischen Körper? Wenn man von Regenwürmern absieht, dann ist Bio-Körper/2 nicht 2 Biokörper. Und Leib durch 2? Was würde das denn überhaupt heißen?
Jay Ray
Zitat:
Original von Silver
Mein Eindruck ist, dass viele (philosophische) (Denk)Probleme dadurch entstehen, dass der Leib in dieser Weise auf einen Körper reduziert wird.

Zitat:
Original von Heinrich
Hier hängt viel an dem Wörtchen "ist". Wenn damit Identität gemeint ist, dann fällt der Unterschied, um den es geht, unter den Tisch.


Nun - das Problem ist mE das gleiche wie bei der Geschichte von den Blinden und dem Elephanten
http://www.thur.de/philo/hegel/elefant.htm

Das, was man aus der 1.PP wahrnimmt, ist gewiß nicht das Gleiche wie das aus der 3.PP Wahrgenommene, sondern nur das Selbe - verschiedene Facetten (bei denen jede einen eigenen Namen hat) desselben Systems (das keinen eigenen Namen hat).

Ein Problem kommt mE dann auf, wenn der (durchaus sinnvolle) methodologische Reduktionismus zu einem ontologischen Reduktionismus bzw borniertem "nichts-als"-Denken entartet. D.h. wenn man die Komplexität der Phänomene und Systeme nicht nur an einem vereinfachten Modell nachzuvollziehen versucht und sich dessen bewußt bleibt, daß man an einem Modell forscht, sondern glaubt, die Wirklichkeit wäre genau so wie das selbstgeschaffene Modell oder würde sich gar danach zu richten haben.

Menschlich ists natürlich nachzuvollziehen, daß man sich gerne der Vorstellung hingibt, man wisse was Sache sei - denn dann wäre man ja der King, die Koryphäe, das Alphatierchen mit allen sozialen Annehmlichkeiten - vom Push fürs Selbstwertgefühl ganz zu schweigen. Aber philosophisch-redlichen Standards würde sowas natürlich nicht entsprechen.

Zitat:
Inwiefern ist der "Leib" wesentlich, hilfreich, konstruktiv, produktiv für die Philosophie?

Eine Welt, die nur aus Objekten/Körpern besteht, kann man berechnen, aber nicht verstehen oder begreifen - dh viele Erkenntnismodule unseres Gehirns bleiben dabei passiv und unberücksichtigt. *Quack ! Willkommen in der totalen Froschperspektive*
Eine Welt, in der nur Leiber, Geister und ggf Seelen berücksichtigt werden, kann man irgendwie begreifen, aber nicht berechnen oder gar prüfen - da bleiben andere kognitiven Funktionen passiv und die Gedankenwelt entschwebt in mystische Sphären. *Pling ! Möchten Sie einen Fallschirm oder vertrauen Sie lieber darauf, daß Mutter Erde sie ganz sanft auffangen wird ?*

Gruß Jay