Androklus
Zu einer Leistungsgesellschaft gehört Erfolg. Manche Menschen sind erfolgreicher als andere was sich u.a. durch Anerkennung, Status, BErühmtheit, GEld bemerkbar macht.
Nur irgendwie kotzt mich das Wort "erfolgreich" an. Ich kann es nicht mehr hören.
Irgendwie kotzt mich auch diese Gesellschaft/das System an. Es macht mich krank. Ich bin es ja irgendwie auch.
Auf der andere Seite bin ich froh das ich hier geboren bin und nicht in Afrika.
Hier gibt es soziale Absicherungen für Kranke und Arme welche von der Gesellschaft eigentlich kaum wahrgenommen, teilweise isoliert werden. Man muß nicht verhungern.
Das ist aber irgendwie auch so ziemlich das einzigste. Ok, es gibt verhältnismäßige Wohlstand. Fließendes warmes Wasser, Nahrungsmittelvielfalt, Unterhaltungselektronik. Da möchte man auch ungerne drauf verzichten wenn man sich dran gewöhnt hat.
Wir sind irgendwie an materielle existenzielle Dinge gebunden. Ohne Geld geht heute nichts.
Durch was findet man sein Glück? Gibt es mehr als diesen Druck immer zu funktionieren? Egal wo?
Ich habe mich schon durch Selbstverwirklichung irgendwie versucht. Hobbys was auch immer. Malen, Musik machen aber irgendwie entdeckt das a) das nötige Talent b) die Herangehensweise fehlt, und es mir eigentlich schadet weil ich mich dabei selber unter Druck setze.
Arbeiten tue ich in einer Behindertenwerkstatt für Behinderte und psychisch KRanke. Dort als Schlosser/Maschinenführer. Die Arbeit macht mir im Ganzen schon Spaß. Ich arbeite gerne mit MEtall. Eine Familie habe ich auch. Meine Frau einen fast 6jährigen gesunden und lebensfrohen Sohn. Meine Eltern. Ihre Eltern.
Eigentlich ist die Familie auch am wichtigsten.
Es gibt Dinge auf die man auch ohne großen Erfolg stolz sein kann(zumindest sagen das immer wieder Psychologen/Sozialarbeiter), aber ich finde mein Glück/Seelenfrieden nicht.
Manchmal sehe und bezeichne ich mich dann als Verlierer.
Manchmal habe ich das Bedürfnis mich von allen Menschen abzuwenden irgendwo zu sein wo kein MEnsch mehr ist. Weil sie mich nicht verstehen, nicht beachten oder ignorieren. Manchmal nerven, trizen, sticheln, abwerten, unterschätzen oder gar nicht schätzen. Aber irgendwie auch Angst vor Einsamkeit. Angst einsam alt zu werden und zu sterben. Wie nicht wenige MEnschen.
Aber ich sehe nicht nur das negative im Menschen. Will auch niemanden für meine Probleme verantwortlich machen. Und wenn es mir wieder besser geht komme ich auch wieder aus meinem Haus heraus und gehe auf die MEnschen zu!
Lithrian
Ich finde, durch Dein Post sieht man schon, dass Du vieles verstanden hast, Du bist vielen Menschen weit voraus, weil Du ihr Spiel nicht immer mitspielst, weil Du über solche Dinge nachdenkst.
Dein subjektives Gefühl, dass es in der Gesellschaft immer mehr um "Erfolg" geht, dass ein Druck auf jedem Menschen liegt, dass man immer funktionieren muss und dass sich die Gesellschaft immer schneller entwickelt, deckt sich mit soziologischen Untersuchungen.
Ich denke, dass es immer schwerer wird, in so einer Gesellschaft sein Glück zu finden. Diese Beschleunigung führt dazu, dass vor allem auf Jugendliche schon ein enormer Erfolgsdruck projiziert wird. Folgen davon sind unter Anderem die hohe Zahl von Komabesäufnissen, aber auch andere soziologische Phänomene lassen sich erklären: den Wiederanstieg von Kirchenmitgliedern, vor Allem bei 'Importreligionen', alternative Therapiemethoden, Meditation und Yoga gegen Burn-Out.
Außerdem bin ich der Meinung, dass es immer mehrere Sachen gibt, die einen glücklich machen, die Gewichtung ist aber bei jedem Menschen anders. Ich finde man kann das gut dreiteilen: Arbeit, Hobby, Familie.
Es gibt Leute, denen ist Erfolg eben wichtig, nicht nur wegen der finanziellen Entlohnung, sondern wegen der Anerkennung und weil sie etwas gefunden haben, was sie besonders gut können.
Dann gibt es Menschen, die verdienen Geld, aber sind in ihrem Beruf nicht sehr glücklich. Sie haben aber genug Geld, um ihre Hobbies zu verwirklichen: Sie können sich teure Musikinstrumente kaufen, können Kite-Surfen gehn, können verreisen, sich fremde Länder und Kulturen ansehen, können mit ihren Kumpels einen draufmachen.
Und wieder andere Menschen leben nur für Familie und enge Freunde. Daher nehmen sie ihre Kraft und ihr Glück.
Was für ein Mensch man ist, das kann man meiner Meinung nach erstmal gar nicht beeinflussen. Es ist auch oft eine Kombination.
Ich zum Beispiel könnte nichts studieren, bei dem ich mich jahrelang durch ein hartes Studium quälen muss, ohne daran Spaß zu haben, nur um danach Anwalt oder Arzt zu werden, damit ich dann die ganze Welt bereisen kann. Mir ist Erfolg in der Arbeit nicht so wichtig. Klar, ich glaube, jeder wäre gerne Reich, aber mir reicht es eben, meine Interessen zu studieren und eventuell andere Leute auch dafür zu begeistern.
Natürlich findest Du Deinen Seelenfrieden nicht, wenn Du auf Dinge ohne Erfolg stolz zu sein versuchst. Du suchst für Dich an der falschen Stelle. Du hast Erfolg, wie Du selbst sagtest: Arbeit, Familie... Ich wette Du arbeitest härter als die meisten Leute, die viel mehr Geld für ihren Job bekommen. Dass andere Leute deinen Erfolg nicht schätzen, das liegt einfach an ihrer verblendeten Wertehierarchie. In Afrika sind Kinder das wichtigste Gut und wenn du als Geschäftsmann dahin kommst und du hast keine Kinder, dann fragen sie dich, wann du endlich zu leben beginnen willst.
Und glaub mir: Wieviel einem Dinge bedeuten, die man hat, die man als ganz selbstverständlich ansieht, merkt man nur, wenn man sich auf sie besinnt oder wenn sie einem entrissen werden.
Besinn Dich mal auf einen Abend, bring deinen Jungen ins Bett, mach das Licht aus und sag mir, dass Du nicht glücklich bist.
Liebe Grüße,
Lithrian
glorin
@Androklus:
Erfolglos ein schönes Wort. Auf jeden Fall für die, die sich als erfolgreich sehen und ihre misserfolge vergessen können.
Wenn ein Mensch, der nie gehen konnte mit 20Jahren anfängt mit Krücken zulaufen ist dies ein erfolg. Wenn jemand der 20Jahre durch die gegend läuft nach 20Jahren immer noch laufen kann ist das kein Erfolg. Sein Erfolg liegt in der Kindheit zurück, in der er zulaufen lernte.
| Zitat: |
| Es macht mich krank. Ich bin es ja irgendwie auch. |
| Zitat: |
| Arbeiten tue ich in einer Behindertenwerkstatt für Behinderte und psychisch KRanke. Dort als Schlosser/Maschinenführer. |
Ziehe ich hieraus die richtigen Schlüsse? Wenn ja kannst du Stolz auf das sein, was du erreicht hast mit deiner Behinderung. Auch wenn andere sich mit dieser Arbeit nicht abgeben würden. Erfolg ist immer an den persöhnlichen Bestleistung zumessen. Wenn ein 200Kilomensch es schaft 5Kilometer zulaufen ist dies mehr als ein Erfolg. Wenn ich nicht mehr als die 5Kilometer schaffen würde, wäre dies mehr als ein Misserfolg.
Du musst Erfolge an jedem einzelnden Individium bemessen und nicht an der Gesammtheit. Doch eine Sache zeigt deine Post. Du stehst wirklich unter Druck, unter dem Durck einen "größeren" Erfolg zuerziehlen.
| Zitat: |
| Durch was findet man sein Glück? Gibt es mehr als diesen Druck immer zu funktionieren? Egal wo? |
Was ist denn schon Glück? Nur ein Wort, ohne Inhalt. Evtl. lastet dieser Druck auch nur auf dir, weil du das Glück suchst. Das jetzige aber nicht in der Lage bist wahrzunehmen.
Wenn man es schaft mit einer Behinderung(?) eine vernünftige Arbeit zufinden, die ein Spaß macht und dazu auch noch eine Familie mit einem gesunden Kind zugründen, was will man dann mehr? Möchtest du Manager einer Fabrik werden? Miss dich nicht an andere, sondern an dir selbst.
carsten aus bochum
Hi Androklus.
Man braucht sich nicht von außen diktieren zu lassen, was einen glücklich/unglücklich macht, weil man das schon ganz gut selbst merkt.
So bieder es klingt, in aller Regel ist es das kleine Glück, was den großen und überambitionierten Entwürfen dann hilfreich zur Seite springt, wenn man mit den Idealen gescheitert ist.
Soziologisch betrachtet ist übrigens die gesellschaftliche Zuschreibung der Gewinner/Verlierer keinesfalls so eindeutig, wie man es manchmal hört.
Es gibt das interessante Phänomen der „winning loser“ das sind Menschen, die den normalen Einflüsterungen was glücklich zu machen hat, nicht mehr folgen konnten und in diesem Sinne gescheitert sind, aber zugleich feststellten, dass es ihnen in all ihrem Scheitern viel besser geht als zuvor, was mit dem oben Beschriebenen zusammenhängen könnte.
Gruß,
Carsten
Androklus
Danke für die sehr hilfreichen Antworten.
Ja ich sollte mich nicht zu sehr mit anderen Vergleichen. Hat aber wohl etwas mit Unsicherheiten/Orientierungsversuchen zu tun.
Und ja, persönliches Glück ist individuell unterschiedlich.
Es kommt immer auch auf die persönlichen Ansprüche/Wertungen hat.
Ich bewundere z.B. die MEnschen die mit wenig materiellen glücklich sind. Z.B. budhistische Mönche.
Sie machen sich frei von gesellschaftlichen und inneren Zwängen(Bedürfnissen, Trieben, Süchten) und Leben in Harmonie mit sich und ihrer Umwelt.
Ich habe oft festgestellt das auch kleine Dinge glücklich machen können. Genauso oft wie ich nach Größeren gegriffen habe. Und daran gescheitert bin.
Und ich habe auch festgestellt das Selbstbewußtsein und umgangssprachliches Selbstbewußtsein(eher Selbstwertgefühl) verschiedene Dinge sind. Leider hängt das Selbstwertgefühl oft eben mit sogenannten Leistungen zusammen.
Man kann sich bewußter sein als andere Menschen es sich sind, aber trotzdem unglücklicher. Ich kenne soviele Menschen welche sich nicht richtig wahrnehmen und reflektieren, aber trotzdem mit sich zufrieden und glücklich sind.
Man sagt ja auch "Nur Idioten sind immer glücklich". Wobei ich nicht sagen will das die alle dumm sind.
Ich denke ich mache auf oft den Fehler mich persönlich in Frage zu stellen, mich zu verunsichern, anstatt konkretes zu hinterfragen.
Eine Art Fehlersuche bei sich selbst, um nur auf diese Fehler hinzuweisen, anstatt mit diesen umzugehen und sich auf Stärken zu bauen. Und zu sagen "du bist wie du bist und mit dir zufrieden!" wie "ich bin bereit zu lernen und mich zu bessern!". Sich zu entwickeln.
Jetzt werde ich mich mit meiner Familie weiter beschäftigen. Einen schönen Sonntag noch!
PS: Und ja ich arbeite in einer Behindertenwerkstatt weil ich beruflich auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht mehr voll belastbar bin. Aufgrund meiner Schizophrenie. Und ich gehe da hin weil ich Struktur, Beschäftigung und Reallife soziale Kontakte haben will.
Finanziell liege ich ungefähr auf dem Niveau eines ungelerneten Leiharbeiters. Bekomme Grundsicherung und das was ich dazuverdienen(was angerechnet wird) darf. Werde auch noch einen Behindertenausweis beantragen.
Meine Frau bekommt Harz IV ist aber arbeitssuchend. Sucht ne Halbtagsstelle als Sekretärin.
Dort auf der Arbeit gibt es unterschiedlich kranke Menschen mit verschiedenen Behinderungen/Erkrankungen. Und wir haben auch oft viel Spaß. Das Klima ist gut. Und man lernt was über Menschlichkeit. Ich kann auch Pausen machen, so wie ich es für nötig halte.
Außerdem ist mein Arbeitsplatz ein sicherer Arbeitsplatz und ich kann meinen Sohn ruhigen Gewissens sagen das ich morgens zur Arbeit gehen. Man will ja auch nen Vorbild sein.
So tschüß!